»Nein ...«, antwortete Livia. »Vielleicht am Anfang. Aber dann, als ich sah, wie er kämpfte, sich voll und ganz einsetzte und ständig sein Leben riskierte, um das der anderen zu retten, da hatte ich keine Zweifel mehr: Er ist der Held von Aquileia. Und selbst wenn dem nicht so wäre, ist es die Wahrheit für mich.«
»Eine Wahrheit, die er ableugnet. Das ist auch der Grund eures Zwistes, das Gespenst, das sich ständig zwischen euch stellt und euch einander entfremdet. Hör mir zu, kein Andenken und keine Erinnerung vermag es, in einem leeren Gedächtnis Wurzeln zu schlagen. Auch auf Wasser kann man nicht bauen.«
»Meinst du? Ich habe so etwas schon gesehen.«
»Richtig, deine Stadt in der Lagune. Aber das hier ist etwas anderes. Hier haben wir es mit der Seele eines Mannes zu tun, seinem verwundeten Geist und seinen Gefühlen. Und als ob das noch nicht reicht, ist noch eine andere Wahrheit aus seiner Vergangenheit aufgetaucht, die ihn zu zermalmen droht.«
»Von welcher Wahrheit sprichst du? Sag es, ich bitte dich.«
»Ich kann nicht. Ich habe kein Recht dazu.«
»Ich verstehe«, antwortete Livia resigniert. »Gibt es denn nichts, was wir für ihn tun könnten?«
Ambrosinus seufzte. »Es sollte möglich sein, die Wahrheit, die einzige Wahrheit, endlich aus den Tiefen seines Geistes emporsteigen zu lassen, in denen sie schon so viele Jahre begraben liegt. Vielleicht ist mir sogar bekannt, worum es dabei geht, aber es ist furchtbar, ganz furchtbar ... Und es ist durchaus möglich, daß er es nicht überlebt.«
»Und wo wird er jetzt sein, Ambrosinus?«
Sie sah, wie er bei dieser Frage erstarrte und sein Blick sich in Abwesenheit verlor; die ganze Person schien sich in einer ungeheuren Anstrengung zu konzentrieren.
»Vielleicht ... in Gefahr«, sagte er mit einer seltsam metallischen Stimme.
Livia trat mit einem verwunderten Blick näher an ihn heran. Ihr wurde plötzlich bewußt, daß er gar nicht mehr bei ihr war, sondern seine Gedanken und vielleicht auch seine Seele an einem ihr unbekannten Ort umherstreiften. Dort wanderte er auf geheimnisvollen Pfaden dahin und erforschte ferne Gegenden und eisige Schneeflächen. Getragen vom Wind, schweifte er über die Berge, durch Tannenwälder und zwischen schroffen Bergspitzen umher und flog, leise und unsichtbar wie ein nächtlicher Greifvogel, über die Oberflächen zu Eis erstarrter Seen hinweg.
Livia sagte nichts, sondern blieb lange in ihren Gedanken versunken, wobei sie auf das schwache Geräusch der Wellen lauschte, die gegen die Außenseite des Lastkahns klatschten. Ein kalter Nordwind zerriß die Wolken und enthüllte für wenige Augenblicke die Scheibe des Mondes. Beleuchtet von diesem durchscheinenden Licht, wirkte Ambrosinus' Gesicht wie eine wächserne Maske - mit reglosen Wimpern, die Augen so weiß und leer wie bei einer Statue. Nur sein Mund stand offen, als ob er schrie, doch drang weder der geringste Laut daraus hervor noch der zu weißem Dampf kondensierte Atem. Er schien überhaupt nicht zu atmen.
Der durchdringende Schrei eines Raubvogels hallte durch die tiefe Stille des Waldes, so daß Aurelius wie aus einem Dämmerschlaf hochschreckte. Aufmerksam blickte er um sich und spitzte die Ohren, um noch kleinste Erschütterungen in der Luft wahrzunehmen. Dann stieß er Romulus an, der zusammengekauert neben ihm schlief. »Schnell«, sagte er zu ihm, »wir müssen fort. Wulfila ist da.«
Zu Tode erschrocken schaute Romulus sich um, doch alles schien ganz still und ruhig, zwischen den Wolken und Tannenwipfeln blitzte an einigen Stellen der Mond hindurch.
»Rasch!« drängte Aurelius. »Wir haben keinen Augenblick zu verlieren.« Er legte dem Pferd die Kandare an und nahm es bei den Zügeln. Dann machte er sich, so schnell wie nur möglich, zu Fuß an den Abstieg, wobei er den Pfad nutzte, der durch den Wald führte. Romulus lief neben ihm her. »Was hast du denn gesehen?« fragte der Knabe atemlos. »Nichts. Doch hat mich ein Ruf geweckt, ein Alarmruf. Und mein Instinkt, der es gewohnt ist, nach so vielen Jahren Krieg jede Bedrohung zu spüren. Lauf, wir müssen schneller gehen. Schneller.«
Sie ließen den Wald hinter sich und befanden sich nun auf einer weiten Schneefläche im offenen Gelände. Der Mond verströmte sein diffuses Licht, das von dem Schnee strahlend reflektiert wurde, so daß Aurelius mühelos in geringer Entfernung die Spuren zweier Räder entdeckte, die aus dem Wald kamen und hinab ins Tal führten.
»Dort hinüber«, sagte er. »Wo ein Wagen fahren kann, ist das Gelände in Ordnung. Jetzt können wir endlich wieder auf dem Pferd reiten. Los, steig auf, beeil dich.«
»Aber ich verstehe nicht ... da ist niemand, der ...« Ohne ihm Antwort zu geben, packte Aurelius den Knaben am Arm und zog ihn zu sich auf den Rücken des Pferdes. Dann stieß er seine Sporen in Jubas Flanken, der im Galopp den Abhang hinabstürmte, immer den Wagenspuren über das weite, schneebedeckte Grasland folgend. In der Ferne war die dunkle Silhouette eines Dorfes zu erkennen, und Aurelius trieb das Pferd zu noch größerer Eile an. Kurz vor den ersten Häusern wurden sie von einem mehrstimmigen Gekläffe empfangen, was ihn dazu veranlaßte, in Richtung Talsohle abzubiegen, bis er ein leicht erhöhtes Plateau erreichte, von dem aus er weit über das Flußbett blicken konnte. Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ er Juba eine kurze Strecke in Schrittempo gehen, damit dieser wieder zu Atem kam. Das prächtige Tier, das vor Schweiß dampfte, stieß riesige Dampfwolken aus seinen Nüstern, schnaubte und biß auf die Kandare, als wartete es ungeduldig darauf, erneut wieder loszustürmen. Vielleicht spürte auch das Pferd die drohende Gefahr.
Wulfila und seine Männer traten am Rande des Tannenwaldes ins freie Gelände und bemerkten sofort die Spuren, die sich auf der Schneedecke abzeichneten - zunächst die eines Pferdes, die sich wenig später mit den Abdrücken eines Wagens vermischten, der den Abhang hinab gefahren war.
Einer seiner Männer ließ sich auf den Boden fallen und untersuchte die Spuren mit seinen Fingerspitzen. »Das linke hintere Eisen hat nur drei Nägel, außerdem sind die vorderen Spuren tiefer als die hinteren, was auf ein Gewicht zwischen dem Sattel und dem Hals des Pferdes schließen läßt. Sie sind es.«
»Endlich!« rief Wulfila aus. »Jetzt werden wir sie uns holen, sie entkommen uns nicht mehr.« Mit der Hand gab er seinen Männern das Zeichen, ihm im Galopp den Berg hinunterzufolgen. Sie waren ungefähr siebzig und wirbelten mit ihren Pferden weiße Wolken auf, einen Hauch silbrigen Pulverschnees, der im Mond wie ein zauberischer nächtlicher Regenbogen glitzerte. Vom immer lauteren Bellen der Hunde geweckt, erhoben sich einige Männer aus dem Dorf von ihrem Lager und beobachteten, wie der bizarre Reiterzug die große Lichtung oberhalb ihrer Häuser überquerte. Sie bekreuzigten sich und dachten dabei an die verfluchten Seelen, von denen man sagt, sie verließen des Nachts die Hölle, um nach Opfern zu suchen, die sie in die Qualen des Jenseits mitnähmen. Dann schlossen die Männer wieder die Fenster und horchten, zitternd vor Angst, mit dem Ohr an den Läden, bis der Lärm des Galopps sich in der Ferne verlor und das letzte Gekläffe der Wachhunde in einem gedämpften Winseln verklang.
Das kalte Morgenlicht drang langsam durch die dünne Wolkenschicht, die den Himmel bedeckte. Nach und nach erwachten die Männer, die unter ihren Umhängen eingeschlummert waren. Auch Livia stand auf und strich sich mit der Hand über Stirn und Wangen. Es kam ihr so vor, als hätte Ambrosinus niemals mit ihr gesprochen und alles sei nur ein Traum gewesen. Und richtig, auch er hatte sich, zusammen mit den anderen, auf den Schaffellen ausgestreckt. Demetrios hielt Wache und musterte prüfend die schneebedeckten Hügel. Nun machte Ambrosinus den Vorschlag, daß sie sich bereits auf das Schiff begeben sollten, das sie nach Norden brächte, um möglichst bald abreisen zu können. Er hatte dem Bootsführer die Kähne zum Tausch überlassen, der sie für seine Transporte auf dem Fluß als Frachtkähne nutzen wollte.