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Er war ein Mann um die Fünfzig, von untersetzter, kräftiger Statur und schroffer, entschiedener Art. Er hatte einen dichten grauen Haarschopf und war mit einer Jacke aus Filz und einem Lederschurz bekleidet.

»Ich kann nicht mehr lange warten«, sagte er, kaum daß er sie sah. »Die Leute fangen mit dem Schweineschlachten an und brauchen das Salz, um ihre Würste zu konservieren. Aber es gibt noch einen anderen, viel wichtigeren Grund. Der Winter kommt ins Land, und je weiter wir in den Norden vordringen, desto mehr laufen wir Gefahr steckenzubleiben. Ich meine, der Fluß wird sicher zufrieren, und dann wird mein Schiff vom Eis umschlossen und zermalmt.«

»Aber wir haben doch abgemacht, bis heute abend zu warten. Diese paar Stunden werden die Lage kaum groß verändern«, wand Ambrosinus ein, dessen Stimme, wie Livia bemerkte, sehr schwach war und von Heiserkeit verschleiert klang. Seine Hautfarbe wirkte erdig, und sein Gesicht war von tiefen Falten gezeichnet, als hätte er in die ganze Nacht kein Auge zugetan.

»Es tut mir leid«, erwiderte der Bootsführer, »aber wie ihr seht, wird das Wetter umschlagen. Schon steigt Nebel auf, und damit wird das Navigieren sehr riskant. Ich kann nichts dafür, wenn das Wetter umschlägt.«

Ambrosinus ließ nicht locker. »Wir haben dir die Kähne überlassen, die unser Eigentum waren. Damit hast du bereits deinen Gewinn gemacht und wirst auch noch mehr Geld für die Überfahrt erhalten. Bitte, geh auf unser Anliegen ein. Wir warten noch auf ein paar Freunde, die bald eintreffen werden. Das versichere ich dir.«

Aber der Bootsführer ließ sich nicht überzeugen. »Ich muß ablegen«, antwortete er. »Anders geht es nicht.«

Vatrenus trat hinzu. »Ich weiß, wie es anders ginge. Höre gut zu: Entweder du tust im guten, was wir dir sagen, oder im bösen. Wir sind alle bewaffnet, deshalb wirst du erst auslaufen, wenn wir es dir sagen.«

Wütend zog sich der Bootsführer ins Hinterschiff zurück und begann mit seiner Mannschaft zu tuscheln.

»Das hättest du nicht tun sollen«, sagte Ambrosinus. »Es ist immer besser zu verhandeln und zu überzeugen, als Druck auszuüben.«

»Da magst du recht haben«, antwortete Vatrenus, »aber fürs erste liegen wir ja deshalb noch vor Anker, weil meine Argumente überzeugender waren als deine.«

Er hatte den Satz noch nicht beendet, da rief Livia: »Da sind sie!«

Und tatsächlich: In vollem Tempo stoben Aurelius und Romulus den Abhang herab, dicht gefolgt von Wulfilas Schwadron, die sie unter gellendem Geschrei mit gezückten Schwertern angriff. Entsetzt verfolgte der Bootsführer die Szene, da er sein kostbares Gefährt bereits in ein Schlachtfeld verwandelt oder, noch schlimmer, von diesen brüllenden Dämonen in Brand gesteckt sah, aus Rache, weil er diesen Verfolgten Unterschlupf gewährt hatte, die vielleicht wegen irgendwelcher Verbrechen gesucht wurden. Und so schrie er aus vollem Halse: »Legt ab, sofort!« Blitzartig lösten zwei Männer seiner Besatzung die Haltetaue, während ein anderer mit dem Ruder gegen die Kaimauer stieß, um den Bug auf die Strömung auszurichten.

Vatrenus schrie: »Nein! Ihr verdammten Hurensöhne!«

Doch es war zu spät. Das Boot hatte sich bereits gelöst und entfernte sich langsam von dem hölzernen Landungssteg, an dem es vertäut gewesen war. Livia sah, wie Aurelius einen Augenblick unsicher wurde, dann lenkte er seinen Blick auf die Kähne, mußte jedoch erkennen, daß sie leer waren. So laut sie konnte rief sie: »Hier sind wir! Hier! Lauf, Aurelius, lauf schnell!« Dabei schwenkte sie ihren Umhang. Und auch die anderen begannen auf jede erdenkliche Art zu gestikulieren und dabei zu rufen: »Hierher! Wir sind hier! Lauft schnell!«

Nun endlich hatte Aurelius sie entdeckt. Mit seinen Knien preßte er Jubas Flanken zusammen und riß dabei heftig an der Kandare, um das Pferd in eine andere Richtung zu lenken. Er gab ihm die Sporen, so daß es wieder nach vorne schnellte. Während er die Zügel auf die Kandare niederschlug, rief er laut: »Los, Juba, los, spring!« Das Schiff, das sich in Parallellinie zum Ufer befand, fuhr gerade an der äußersten Spitze des Landungsstegs vorbei. In vollem Tempo bog Aurelius auf den Steg ein und raste bis ganz nach vorne. Dann setzte er zu einem halsbrecherischen Sprung an, der das Pferd auf dem Haufen Steinsalz landen ließ, in dem es fast bis zu den Knien versank und dadurch gestoppt wurde. Rasch ließen sich Aurelius und Romulus zur Seite fallen, so daß sie ebenfalls auf der weißen Salzschicht landeten, die ihren Fall abfederte. Angesichts dieser völlig veränderten Situation löste Batiatus die beiden Steuerruder am Heck und befestigte sie an den Auslegern, so konnte er sie als Ruder verwenden, was dem Schiff noch mehr Schnelligkeit verlieh. Nun preschte auch Wulfila in vollem Galopp und von der heißen Verfolgungsjagd mitgerissen, über den Landungssteg. Doch im letzten Moment mußte er seinen Hengst abbremsen, um nicht kopfüber ins Wasser zu stürzen. Als ihn seine Männer einholten, blieb ihm wieder einmal nichts anderes übrig, als wutschäumend und ohnmächtig mit anzusehen, wie ihm seine Beute entkam.

Vatrenus machte eine unflätige Geste und rief ihm dabei ein Wort aus der Soldatensprache zu, das Romulus nicht kannte. Er trat auf ihn zu, während er sich das Salz abschüttelte, mit dem er über und über bedeckt war. »Was bedeutet das Wort temetfutue?« fragte er naiv.

»Cäsar!« wies ihn Ambrosinus zurecht. »Solche Dinge wiederholt man nicht.«

»Das bedeutet >Leck mich!<« antwortete Vatrenus ruhig. Und dann hob er den Knaben in seinen Armen hoch über die Köpfe aller und rief: »Willkommen, Cäsar!« Sie brachen in ein unbändiges Freudengeschrei aus, das noch wenige Augenblicke zuvor von der Anspannung unterdrückt worden war. Alle umarmten sich, und auch Juba wurde die herzlichste Zuwendung zuteil, wie es für ein so heldenhaftes Roß nur recht und billig war, dessen unerschütterliche Tapferkeit Romulus und Aurelius gerettet hatte. Batiatus gab das Ruder wieder an die Besatzung zurück und stimmte in den Jubel seiner Gefährten mit ein.

Unterdessen dachte Wulfila gar nicht daran, die Verfolgung aufzugeben. Wie besessen ritt er am Ufer entlang und schwang wie eine ewige, rachsüchtige Bedrohung Cäsars Schwert in seiner Faust. Aurelius stand auf der Steuerbordseite an die Reling gepreßt, Aug in Aug mit seinem Widersacher, dessen Haß ihm wie ein eiskalter Wind auf der Haut brannte. Und dennoch konnte er nicht aufhören, auf das glänzende Schwert in der Hand des Barbaren zu starren. Derweil schossen die Reiter Schwärme von Pfeilen zu ihnen herüber, die mit leisen, dumpfen Schlägen ins Wasser fielen. Einer der Pfeile, der in einem weiten Bogen abgeschossen worden war, fiel auf das Deck, aber Demetrios riß seinen Schild noch rechtzeitig in die Höhe, so daß er ihn sicher abfangen konnte, ehe er Livia getroffen hätte. Unterdessen vergrößerte sich die Entfernung zum Festland immer mehr, bis sie bald darauf unüberwindlich wurde.

Da trat Romulus zu Aurelius und berührte seinen Arm. »Denk nicht mehr an dieses Schwert«, sagte er. »Es macht nichts, daß du es verloren hast. Es gibt Wichtigeres.« »Was denn?« fragte Aurelius in bitterem Ton. »Daß wir wieder alle vereint und beisammen sind. Und mir kommt es nur darauf an, daß mich alle gern haben. Ich hoffe, auch du.«

»Ich habe dich sehr gern, Cäsar«, antwortete Aurelius, ohne sich umzudrehen.

»Nenn mich nicht Cäsar.«

»Ich habe dich sehr gern, mein Junge«, antwortete Aurelius. Dann endlich drehte er sich zu ihm um und umarmte ihn, während sich seine Augen mit heißen Tränen füllten.

In diesem Moment öffneten sich die Wolken, und der Nebel, der über dem Wasser lag, lichtete sich. Die Sonne entflammte die Oberfläche des großen Flusses und ließ die Schneeflächen an beiden Ufern im Licht erstrahlen, die nun wie ein silberner Umhang glänzten. Alle waren von diesem Anblick bezaubert, den sie wie eine Vision der Hoffnung empfanden. Aus der kleinen Gruppe der Veteranen vorne am Bug ertönte die heisere Stimme von Elius Vatrenus, der langsam und feierlich die Hymne an die Sonne rezitierte, das alte Carmen saecularc des Horaz: