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Alme Sol curru nitido diem qui Promis et celas...

Bald gesellte sich seiner Stimme eine zweite zu, dann eine dritte und vierte, bis schließlich auch die von Livia und Aurelius einfielen:

Aliusque et idem Nascens, possis nihil Roma Visere maius...

Romulus zögerte und sah Ambrosinus an. »Das ist doch ein heidnisches Lied ...«, sagte er.

»Das ist der Gesang von der Größe Roms, mein Sohn, das niemals soviel Glanz erlangt hätte, wäre es nicht nach Gottes Willen erfolgt. Und jetzt, da Rom seinem Untergang zugeht, ist es nur richtig, noch einmal seinen Lobgesang ertönen zu lassen.« Und dann fiel er selbst in den Chor ein.

Nun sang auch Romulus. Seine klare Knabenstimme erhob sich wie noch nie zuvor, übertönte die kraftvollen, tiefen Stimmen seiner Gefährten und vereinte sie mit Livias aufgewühltem, bebendem Timbre. Selbst der Bootsführer, den die anfeuernde Stimmung stark berührte, sang nun mit ihnen und folgte der Melodie, obwohl er die Worte nicht kannte.

Schließlich verklang der Gesang, während die Sonne, die nun die Wolken besiegt und den Nebel endgültig aufgelöst hatte, strahlend am Winterhimmel triumphierte.

Romulus trat zum Bootsführer, der jetzt still war und ein seltsames Licht der Rührung in seinen Augen hatte. »Bist du auch ein Römer?« fragte er ihn.

»Nein«, antwortete dieser. »Aber ich wäre es gern.«

XXIX

Der See von Brigantium tat sich wie ein glänzender riesiger Spiegel vor ihren Augen auf, dessen Ufer Wälder und Weiden säumten, in denen Dörfer und hie und da ein verstreutes Bauernhaus angesiedelt waren. Eine ganze Tagesreise per Schiff war nötig, um von einem Ende des Sees bis zum anderen zu gelangen, dann erreichte man das Kap, das zwei lange schmale Buchten gabelförmig voneinander trennte. Das Schiff steuerte die linke an, und sie gingen für die Nacht nahe einer kleinen Stadt namens Tasgaetium vor Anker. Tags darauf setzten sie ihre Reise von der Stelle aus fort, an welcher der Fluß seinen Lauf nach Norden weiterführte.

»Nun befinden wir uns wieder auf dem Rhein«, verkündete der Bootsführer, als das Schiff in den Nebenarm einbog. »Wir werden ihn ungefähr eine Woche lang flußabwärts befahren, bis wir Argentoratum erreichen. Doch zunächst erwartet uns ein Schauspiel, wie ihr es vorher noch niemals saht und auch für den Rest eures Lebens nie wiedersehen werdet: die großen Stromschnellen.«

»Stromschnellen?« fragte Orosius, von seinem letzten Abenteuer auf dem Fluß noch immer zu Tode erschrocken. »Dann besteht ja allergrößte Gefahr.«

»Und ob«, antwortete der Bootsführer, »die Stromschnellen sind auf einer Breite von fünfhundert Fuß mehr als fünfzig Fuß hoch, bevor sie sich unter Donnergrollen wild schäumend in die Tiefe stürzen. Wenn ihr ganz still seid und die Ohren spitzt, könnt ihr sie, da wir günstigen Wind haben, schon von hier aus hören.«

Alle schwiegen und blickten einander voll Sorge an, da sie nicht begriffen, wohin diese Vorankündigung führte. Tatsächlich war in der Ferne, so schien es ihnen zumindest, ein gedämpftes Grollen zu vernehmen, das sich mit anderen Geräuschen mischte, die vielleicht ebenfalls von den Stromschnellen herrührten.

Ambrosinus trat zum Bootsführer: »Ich nehme an, du kennst noch einen anderen Reiseweg. Ein Fall über fünfzig Fuß erscheint mir doch selbst bei einem soliden Schiff wie dem deinen ziemlich gewagt.«

»Deine Annahme ist richtig«, antwortete der Bootsführer, während er das Steuer herumriß. »Wir legen an und führen das Schiff auf dem Landweg weiter. Dafür gibt es einen besonderen Dienst auf Schlitten, die von Ochsen gezogen werden. Sie bringen uns auf dem Landweg bis hinunter ins Tal, in dem die Wasserfälle auftreffen.«

»Bei allen Göttern!« rief Ambrosinus aus. »Ein diolkos! Wer hätte geglaubt, daß sogar diese Barbarenländer über so etwas verfügen?«

»Was hast du gesagt?« fragte Vatrenus.

»Ein diolkos oder eine Schiffspassage über Land, mit der ein natürliches Hindernis überwunden werden kann. So etwas gab es in der Antike am Isthmus von Korinth. Das war nun wirklich sehr spektakulär.«

Unterdessen hatte das Schiff festgemacht. Einige Männer zogen es heran und vertäuten es auf einem Schlitten mit Rollen, während der Bootsführer den Preis für die Überfahrt absprach. Dann riefen die Treiber den Ochsen einen Befehl zu, und der stattliche Zug setzte sich in Bewegung. Juba hieb man, vom Schiff herunterzusteigen, so daß er sich auf einem langen, ruhigen Spaziergang die Beine vertreten konnte. Es dauerte fast zwei Tagesmärsche, wobei die Zugtiere häufiger ausgewechselt wurden, dann hatte das Boot wieder flaches Gelände erreicht. Als es unter den Stromschnellen vorbeigezogen wurde, blieben alle stehen und betrachteten staunend die riesige Mauer aus schäumendem Wasser und den Regenbogen, der sich gleich einer Brücke von einem Ufer zum anderen spannte, die Strudel, die Wirbel und die aufwallende Gischt, die das Wasser an der Stelle bildete, an welcher der Fluß wieder nach Westen strömte.

»Wie herrlich!« rief Romulus aus. »Das erinnert mich an den Wasserfall der Nera in Umbrien, nur ist der hier tausendmal größer!«

»Bedank dich bei Wulfila!« lachte Demetrios. »Wäre er nicht gewesen, hättest du diese Pracht niemals zu Gesicht bekommen.«

Auch die anderen fingen an zu lachen, während das Boot wieder ins Flußwasser gelassen wurde. Ihr Gelächter ließ sie gleichsam als Teilnehmer in einem Spiel erscheinen, in dem alle mitspielten, mit Ausnahme von Ambrosinus.

»Was ist denn, Ambrosinus?« fragte Livia.

Der alte Mann runzelte die Stirn: »Wulfila. Diese Reise über Land kostete uns fast den gesamten Vorsprung. Er könnte sich jetzt dort überall auf den Hügeln verbergen.« Da verklang das Gelächter und verwandelte sich in ein gedämpftes Stimmengewirr. Die einen ließen ihren Blick über die Anhöhen schweifen, während die anderen an der Reling lehnten und das friedliche Strömen des Wassers betrachteten.

»Der Fluß ist langsamer geworden«, fuhr Ambrosinus fort, »und sobald wir nach Norden abbiegen, haben wir es mit Gegenwind zu tun. Außerdem ist dieses Schiff mit all dem Salz und dem Pferd an Bord sehr leicht wiederzuerkennen.« Nun verging auch dem letzten die Lust zu lachen, selbst plaudern wollte keiner mehr.

»Was werden wir tun, wenn wir in Argentoratum sind?« fragte Livia, um das Gespräch von Wulfila abzulenken.

»Ich denke, wir sollten auf jeden Fall sofort weiter nach Gallien reisen, dort fallen wir weniger auf«, antwortete Ambrosinus. Er nahm die Karte zur Hand, die er in der mansio von Fano gezeichnet hatte und die ihm Livia nach ihrem Treffen auf dem Paß wiedergegeben hatte. Er breitete sie auf einer Bank aus und bat seine Gefährten mit einem Zeichen, zu ihm herüberzukommen. »Schaut«, sagte er. »Das ist in etwa die Lage. Hier, im mittleren Süden des Landes, sind die Westgoten ansässig, die seit vielen Jahren Freunde und Verbündete des römischen Volkes sind. Sie kämpften auf den Kata-launischen Feldern unter Aetius, mit dem der westgotische König befreundet war, gegen den Hunnenkönig Attila. Für diese treue Freundschaft bezahlte Aetius sogar mit seinem Leben. Er fiel auf dem Schlachtfeld, während er tapfer versuchte, den rechten Flügel, in dem die Verbündeten Aufstellung genommen hatten, zu halten.«

»Also sind nicht alle Barbaren grausam und wild«, kommentierte Romulus.

»Das habe ich niemals behauptet«, antwortete Ambrosinus. »Ganz im Gegenteil. Viele von ihnen verfügen über so außerordentliche Gaben wie Tapferkeit, Loyalität und Aufrichtigkeit - Gaben, die wir für unsere Sitten und Gebräuche, die wir stets als zivilisiert betrachteten, leider nicht mehr in Anspruch nehmen können.«

»Nichtsdestotrotz haben sie unser Reich und unsere Welt zerstört.«