Eines Abends ging sie zu Aurelius, während er auf Wache an der Bootsreling stand und dabei zusah, wie das Schiff das graue Wasser des Rheins durchpflügte.
»Machst du dir Sorgen?« fragte sie.
»Ständig. Wir befinden uns auf dem Weg in ein völlig unbekanntes Land.«
»Laß doch diese Gedanken. Wir sind alle beisammen und stellen uns gemeinsam dem, was uns erwartet. Ist das etwa kein Trost für dich? Als du damals mit Romulus in den Bergen warst, da war ich beunruhigt und versuchte im Geist, jeden eurer Schritte nachzuvollziehen. Ich stellte mir vor, wie ihr in den Wäldern unterwegs wart, von euren Feinden gehetzt und den Unbilden des Wetters ausgesetzt.«
»Auch ich dachte viel an euch ... vor allem an dich.«
»An mich?« fragte Livia und suchte seinen Blick.
»Wie ich immer an dich gedacht habe und wie ich dich immer begehrte, seit damals, als ich dich zum ersten Mal sah. Wie eine Waldgöttin hast du in dieser Quelle auf dem Apennin gebadet, und jeden Augenblick litt ich, den ich von dir getrennt war.«
Livia spürte, wie ihr ein Schauer über die Haut lief, der nicht vom Nordwind hervorgerufen wurde. Plötzlich und unerwartet hatte Aurelius sein Herz einen Spaltbreit aufgetan und offenbarte ihr seine Gefühle.
»Warum hast du dich nie vorher geöffnet?« fragte sie ihn. »Warum mir nicht erlaubt, deine Empfindungen zu erkennen? Immer, wenn ich es versuchte, hast du mich abgewiesen und mir damit jeden Zugang zu deinem Herzen verwehrt. Mein Leben hat keinen Sinn, wenn ich fern von dir bin. Ich weiß, auch ich habe einen Fehler begangen, als ich mir nicht eingestand, wie sehr ich dich schon vom ersten Augenblick an geliebt habe. Ich habe mich auch gegen dieses Gefühl gewehrt, es sogar vor mir selbst geheimgehalten. Ich befürchtete, es könnte mich schwach und verletzlich machen, während ich doch in meinem Leben lernen mußte, niemals irgendwelche Schwächen zu zeigen.«
»Ich wollte dich nicht zurückweisen«, antwortete Aurelius. »Ich hatte auch keine Angst, dir mein Herz zu öffnen. Ich fürchtete lediglich das, was du darin siehst. Du weißt nicht, was sich alles in meinem Inneren abspielt, wieviel Leid ich empfinde und wie sehr ich gegen meine eigenen Gespenster ankämpfen muß. Wie kann ich mich an einen anderen Menschen binden, da doch mein Inneres so gespalten ist? Ich lebe ständig in der Furcht, daß mich die Erinnerungen überfallen und mein Wesen verändern, mich zu einem Fremden werden lassen, vielleicht einem verabscheuenswerten, nichtswürdigen Subjekt. Verstehst du, was ich sage?«
Livia lehnte den Kopf an seine Schulter, während sie nach seiner Hand suchte. »Ganz so ist es nicht. Du wirst für mich immer so sein, wie ich dich sehe und kenne. Wenn ich in deine Augen sehe, so sehe ich einen guten, großmütigen Menschen. Dann brauche ich keinen Beweis mehr dafür, daß du tatsächlich der bist, für den ich dich halte. Oder ob es dein Antlitz war, das sich in mein Gedächtnis eingeprägt hat, als ich ein kleines Mädchen war. Was deine Vergangenheit auch immer verbirgt, es interessiert mich nicht, gleichgültig, was immer es auch sei.«
Aurelius erhob sich und schaute ihr in die Augen, sein Blick war gramerfüllt. »Was immer es auch sei? Weißt du überhaupt, was du da redest?«
»Es bedeutet, daß ich dich liebe, Soldat, und dich immer lieben werde, ganz gleich, welches Los uns das Schicksal auferlegt. Liebe ist furchtlos und gibt uns die Kraft, den Widrigkeiten des Lebens die Stirn zu bieten, jeden Schmerz und jede Enttäuschung zu überwinden. Hör auf, dich zu quälen! Alles, was ich von dir wissen will, ist, ob du für mich auch so empfindest wie ich für dich.«
Aurelius schloß sie in seine Arme und küßte sie. Mit verdurstenden Lippen suchte sein Mund den ihren, und er preßte sie an sich, als wollte er mit seinem Körper zum Ausdruck bringen, was er mit Worten nicht zu sagen vermochte. »Ich liebe dich, Livia«, sagte er, »mehr als du dir vorstellen kannst. Und die Leidenschaft, die ich in diesem Moment in meinem Herzen verspüre, ist so groß, daß sie allen Schnee und alles Eis, das uns umgibt, zum Schmelzen bringt. Selbst wenn sich alles gegen uns richten sollte, selbst wenn die Zukunft ein ebenso beängstigendes Geheimnis birgt wie meine Vergangenheit, so liebe ich dich. Ich liebe dich mehr, als je einer dich auf Erden oder im Reich der Unterwelt lieben wird.«
»Warum jetzt?« fragte ihn Livia. »Warum hast du diesen Moment gewählt?«
»Weil du bei mir bist und weil meine Einsamkeit auf diesem eiskalten Wasser und in diesem gestaltlosen Nebel unerträglich ist. Halt mich fest, Livia, gib mir die Kraft zu glauben, daß uns nie mehr etwas trennen kann.« Livia fiel ihm um den Hals, und lange hielten sie sich in dem schwachen, winterlichen Licht eng umschlungen, während ihnen der Wind die Haare verwehte und zu einer einzigen braunen Wolke verschmolz.
Nun war der vorletzte Tag ihrer Schiffsreise angebrochen, und besorgt blickte der Bootsführer auf die im Fluß schwimmenden Eisklumpen.
»Deine Bedenken waren nicht unbegründet«, sagte Ambrosinus, als er zu ihm trat. »Der Fluß friert tatsächlich zu.«
»Leider«, antwortete der Bootsführer. »Aber zum Glück haben wir unser Ziel fast erreicht. Morgen werden wir gegen Abend vor Anker gehen. Ich kenne einen Bootsverleiher in dem germanischen Hafen, der am Ostufer gelegen ist, der kann euch bis zur Mündung mitnehmen. Doch wenn die Dinge so liegen, wie es scheint, wird die Schiffahrt bestimmt zum Erliegen kommen, bis das Eis wieder geschmolzen ist.«
»Wann wird das sein? Im Frühling?«
»Nicht unbedingt. Auch im Winter schwanken gelegentlich die Temperaturen. Am besten, ihr sucht euch eine Bleibe und wartet ab. Die Kälte könnte vorübergehend sein, dann habt ihr die Möglichkeit, die Fahrt bis zum Ozean auf einem anderen Schiff fortzusetzen. Von dem Hafen dort jedenfalls könnt ihr leicht und ohne Schwierigkeiten an einem Tag, an dem die See ruhig ist, nach Britannien übersetzen.«
Am Abend gingen sie am rechten Ufer gegenüber der Stadt Argentoratum vor Anker. Gerade noch rechtzeitig, da der Wind aus Nordwesten wieder aufzufrischen begann und stetig stärker und kälter blies. Es bildeten sich immer mehr und kompaktere Eisklumpen, die mit dumpfem Geräusch gegen die Seitenwände des Bootes stießen. Mitleidig blickte der Bootsführer auf die versprengte Schar der Flüchtlinge. Welche Möglichkeiten blieben ihnen in einem Land, dessen Straßen und sichere Wege sie nicht kannten, mitten im Winter, der immer weiter voranschritt und Schnee und Eis, Stürme und Hunger mit sich brachte? Er trat zu Ambrosinus, der zu seiner Geldbörse griff, um ihn zu bezahlen, und sagte: »Laß nur. Ich hatte das Glück, meinen Transport gut zu Ende zu bringen. Der Nordwind brachte mich schneller wieder nach Hause, als ich mir erhofft habe. Behalte dein Geld, das euch nützlich sein kann. Diese Nacht könnt ihr noch auf meinem Boot verbringen, das wahrscheinlich sicherer und bequemer ist als jede Taverne in der Stadt. Außerdem fallt ihr so nicht weiter auf. Eure Feinde könnten bereits hier in der Gegend sein.«
»Ich danke dir«, antwortete Ambrosinus, »auch im Namen meiner Kameraden. In unserer Lage ist ein Freund das Kostbarste, was man sich wünschen kann.«
»Aber was werdet ihr morgen tun?«
»Meine Absicht war es, zum anderen Ufer überzusetzen, wo unsere Feinde keine Unterstützung erwarten können. Dort finden wir sicher die eine oder andere hilfreiche Hand. Wir machen uns also auf den Weg zur Seine, um dann auf ihr flußabwärts mit einem Schiff bis zum britannischen Kanal zu fahren.«
»Das scheint mir eine gute Lösung zu sein.«
»Könntest du uns vielleicht noch nach Argentoratum auf der anderen Flußseite übersetzen?«