Выбрать главу

»Das kann ich nicht, aus mehreren guten Gründen. Einerseits erwarte ich eine Fuhre Tierhäute aus dem Landesinneren, zum anderen haben wir Gegenwind. Und das Eis, das auf dem Strom schwimmt, bringt uns in Gefahr zu kentern. Besser ist, ihr geht am Ufer entlang und überquert den Fluß weiter vorn, sofern ihr eine Furt findet. Oder wenn morgen die Temperaturen steigen, gibt es sicher ein Fährboot, das euch auf die andere Seite bringt.«

Ambrosinus nickte, dann scharte er seine Gefährten um sich und erklärte ihnen die Vorhaben für den nächsten Tag. Sie beschlossen, daß auf jeden Fall einer von ihnen Wache halten sollte. Vatrenus stellte sich für die erste Runde zur Verfügung und Demetrios für die zweite. »Ich habe so oft bei Schnee und Eis auf der Donau Wache geschoben«, sagte Demetrios. »Daran bin ich gewöhnt.«

Als sich die Dunkelheit herabsenkte, ging der Bootsführer von Bord, kehrte erst spät in der Nacht wieder zurück und meldete sich mit einem Rufzeichen bei Vatrenus, der sehr auf der Hut war. Juba, der auf dem Vorschiff an die Reling gebunden war und zudem Fußfesseln trug, schnaubte leise. In diesem Augenblick erschien Livia mit einer Schüssel dampfender Suppe für Vatrenus und fütterte auch das Pferd mit ein paar Handvoll Gerste aus einem Sack.

»Wo sind die anderen?« fragte der Bootsführer.

»Unter Deck. Gibt es etwas Neues?«

»Leider ja«, sagte er. »Komm rasch nach.« Dann stieg er mit der Laterne in der Hand in das Schiffsinnere.

Livia folgt ihm kurz darauf, und der Bootsführer begann: »Ich bringe keine erfreulichen Nachrichten. Es sind Fremde im Ort eingetroffen, die nach der Beschreibung und ihrem Verhalten eure Verfolger sein könnten. Sie fragen nach einer Gruppe von Fremdlingen, die sich angeblich heute abend ausgeschifft haben. Es besteht also kein Zweifel, daß nach euch gesucht wird. Wenn ihr an Land geht, wird man euch sicher bald ausmachen. Sie versprechen jedem Geld, der ihnen Informationen liefert, und an diesem Ort gibt es eine Menge Leute, die für eine Handvoll Münzen ihre eigene Mutter verkaufen würden, das könnt ihr mir glauben. Außerdem hörte ich, daß zwanzig Meilen weiter nach Norden der Fluß zugefroren ist. Selbst wenn ich wollte, könnte ich euch nicht dorthin bringen.«

»Ist das alles?« fragte Ambrosinus.

»Mir scheint, das reicht«, bemerkte Batiatus.

»Ja, das ist alles«, bestätigte der Bootsführer. »Dabei muß auch berücksichtigt werden, daß dieses Schiff leicht wiederzuerkennen ist, da sie es direkt aus der Nähe gesehen haben. Mit dieser Salzladung mitten auf Deck ist es unverwechselbar. Jetzt herrscht dunkle Nacht und keiner sieht etwas, aber morgen, wenn es hell ist, werden sie nicht lange brauchen, um uns zu finden. Deshalb werde ich noch vor Sonnenaufgang die Fracht löschen und neue aufnehmen. Gleich anschließend lege ich wieder ab, da ich nicht möchte, daß sie mein Schiff anzünden. Nie hätte ich gedacht, daß sie zur gleichen Zeit einträfen wie wir. Sie müssen fast ständig im Sattel gesessen haben, ganz ohne Schlaf. Vielleicht aber haben sie auch ein schnelleres Schiff als diesen Lastkahn hier, zu Hilfe genommen. Falls wir uns eines Tages in irgendeinem Teil der Welt wiedersehen sollten, würde ich mir gern von euch erklären lassen, wozu eure zähe Hartnäckigkeit diente, doch jetzt gibt es Wichtigeres zu entscheiden. Und zwar, wie ihr eure Haut retten könnt.«

»Kannst du uns ein paar Ratschläge geben?« fragte Aurelius. »Du kennst die Orte und Leute hier besser als wir.«

Der Bootsführer breitete die Arme aus.

»Vielleicht habe ich eine Idee«, sagte Ambrosinus. »Aber wir brauchen einen Karren. Sofort.«

»Einen Karren? Zu dieser nächtlichen Stunde ist das gar nicht so einfach, aber ich weiß, wo sie welche vermieten. Eigentlich müßtet ihr ihn zwanzig Meilen von hier wieder abgeben, aber das sind Verluste, die sie mit einbeziehen. Ihr Verdienst reicht hin, daß sie nach zwei oder drei Fahrten wieder auf ihre Kosten kommen, also macht euch darum keine allzu großen Sorgen. Ich werde nachsehen, und ihr haltet euch bereit ... Darf ich fragen, was ihr mit dem Karren vorhabt?«

Verlegen senkte Ambrosinus den Kopf. »Es ist besser, wenn du es nicht weißt. Du verstehst doch hoffentlich, wie ich das meine, nicht wahr?« Der Bootsführer nickte, dann ging er wieder hinauf auf das Deck. Kurz darauf war er schon im Labyrinth der Gassen verschwunden, die um den Hafen verliefen.

»Was hast du vor?« fragte Aurelius.

»Wir machen das, was die Franken vor dreißig Jahren taten. Wir fahren über das Eis auf die andere Seite.«

»In der Nacht und ohne zu wissen, ob uns das Eis auch trägt?« fragte Batiatus mit weit aufgerissenen Augen.

»Wenn einer eine bessere Idee hat, so gebe er sie kund«, antwortete Ambrosinus.

Alle schwiegen still.

»Dann ist es also abgemacht«, schloß Ambrosinus. »Bereitet eure Sachen vor, und dann muß einer nach oben gehen und Vatrenus benachrichtigen.« Demetrios meldete sich, um die Botschaft zu überbringen, doch plötzlich sprang Romulus auf und kam ihm zuvor. »Laßt mich gehen. Ich werde ihm noch etwas Suppe bringen.«

Romulus war erst kurze Zeit oben auf Deck verschwunden, als plötzlich wilder Tumult zu hören war und Vatrenus mit lauter Stimme rief: »Bleib stehen, bleib doch stehen! Wo willst du denn hin!«

Als Ambrosinus klar war, was da oben vor sich ging, rief er so laut er nur konnte: »Lauft, um Gottes willen, lauft alle!« Mit riesigen Schritten hastete Aurelius nach oben auf Deck, gefolgt von Livia und Demetrios. Inzwischen war Vatrenus bereits auf die Mole gesprungen und rief, während er eilends weiterrannte: »Bleib stehen! Bleib stehen, habe ich gesagt!«

Die anderen liefen hinter ihm her, bis sie schließlich an drei Straßen gelangten, die in drei verschiedene Richtungen führten.

»Vatrenus folgte der mittleren Straße«, sagte Demetrios. »Derweil gehe ich nach rechts, während du und Livia die linke Straße einschlagt. Und dann werden wir uns, so bald wie möglich, hier wieder treffen«. In einiger Entfernung war das Geräusch aufgeregter Schritte zu hören, dazu Vatrenus Stimme, der immer wieder nach Romulus rief. Alle nahmen an der Verfolgung teil. Schon bald fand sich Aurelius an einer Weggabelung wieder. »Dorthin«, sagte er zu Livia. »Ich gehe in diese Richtung.« Demetrios lief indessen eine leicht ansteigende Straße entlang, von der er annahm, daß sie parallel zu der Straße verlief, die Vatrenus entlang gerannt war. Er suchte überall, blickte in jeden Winkel, doch in den nachtdunklen Gefilden kam es ihm vor, als suche er nach einer Nadel im Heuhaufen. Livia und Aurelius hatten auch nicht mehr Glück. Keuchend blieben sie schließlich an einer Kreuzung stehen.

»Warum hat er das bloß getan?« fragte Livia.

»Verstehst du denn nicht? Er will nicht, daß wir für ihn noch weitere Mühen und Gefahren auf uns nehmen. Er glaubt, er sei für uns eine gefährliche Last, und will sich deswegen selbst aus dem Weg räumen.«

»Mein Gott, nein!« rief Livia, während sie nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte.

»Wir suchen weiter«, sagte Aurelius. »Weit kann er nicht gekommen sein.«

Romulus hatte unterdessen einen kleinen Platz erreicht, an dem sich eine Taverne befand, und blieb stehen. Für einen Augenblick überlegte er, ob er dort eintreten und sich gegen Kost und Logis als Bursche zum Saubermachen und als Tellerwäscher verdingen sollte. Er fühlte sich sehr allein, und die Entscheidung, die er über seine Zukunft getroffen hatte, machte ihn verzweifelt und ängstlich. Dennoch war er sicher, das Beste getan zu haben. Er stieß einen tiefen Seufzer aus und schickte sich an, durch die Tür zur Taverne zu treten, als diese sich weit öffnete und im Licht der Laterne den Blick auf einen von Wulfilas Barbaren freigab. Ihm folgten noch drei weitere, und es sah ganz so aus, als wollten sie auf seine Seite herüberkommen. Zu Tode erschrocken, machte Romulus kehrt, um davonzulaufen, stieß aber gegen jemanden, der ihm in den Weg getreten war. Er fühlte nur noch, wie ihn eine Hand an der Schulter packte und eine andere ihm den Mund verschloß. Noch verängstigter tat er alles, um sich diesem Griff zu entwinden, als eine vertraute Stimme zu ihm sagte: »Pscht! Ich bin's, Demetrios. Halt doch still. Wenn die uns sehen, ist alles aus.«