Выбрать главу

Und so wichen sie, ohne das kleinste Geräusch zu machen, langsam zurück, dann zog ihn Demetrios im Laufschritt hinter sich her in Richtung Hafen. Ambrosinus wartete bereits dort auf sie und hielt sich, das Gesicht vor Angst ganz verzerrt, an der Reling fest, während die Gefährten hilflos um ihn herumstanden.

»Was hast du nur angestellt!« rief er aus, sobald er ihn sah, und hob die Hand, um ihm eine Ohrfeige zu geben. Doch Romulus blickt ihm fest und ohne mit der Wimper zu zucken in die Augen. Als Ambrosinus den würdevollen Blick und die Erhabenheit seines Herrschers wahrnahm, hielt er sogleich inne und beugte sein Haupt. »Du hast unser aller Leben in Gefahr gebracht. Livia, Vatrenus und Aurelius suchen noch immer nach dir, und jeder Augenblick erhöht die Gefahr, in der sie sich befinden.«

»Das ist wahr«, bestätigte Demetrios. »Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre mit Wulfilas Männern zusammengestoßen. Sie sind in der Stadt unterwegs, offensichtlich suchen sie uns.«

Romulus brach in Tränen aus und rannte unter Deck, um sich irgendwo zu verstecken.

»Sei nicht zu streng mit ihm«, sagte Demetrios. »Er ist doch noch ein Junge und fühlt sich sicher ganz schrecklich. Dabei muß er sich mit Entscheidungen herumschlagen, die weit größer sind als er.«

Ambrosinus seufzte und ging wieder zur Reling, um nach den anderen zu schauen, als die Stimme des Bootsführers an sein Ohr drang. »Ich habe einen Wagen gefunden«, sagte er, während er über den Steg auf das Schiff stieg. »Ihr habt Glück. Aber ihr solltet euch beeilen, der Verleiher will seinen Laden schließen und zu Bett gehen.«

»Es gab leider einige Schwierigkeiten«, antwortete Demetrios. »Ein paar von uns sind unterwegs in der Stadt.«

»Schwierigkeiten? Was denn für Schwierigkeiten?«

»Ich werde mit dir gehen«, sagte Ambrosinus. »Ihr anderen wartet hier, aber daß sich um Himmels willen niemand wegrührt, bis ich wieder da bin.«

Demetrios nickte und blieb als Wachtposten zurück, um zusammen mit Orosius und Batiatus auf die Freunde zu warten. Als erster traf Vatrenus ein und dann, einige Zeit später, Livia, gefolgt von Aurelius. Sie fühlten sich erschöpft und niedergeschlagen.

»Beruhigt euch«, sagte Demetrios. »Ich habe ihn wie durch ein Wunder gefunden. Er wollte in eine Taverne hineingehen, glaube ich. Es hätte nicht viel gefehlt, und wir wären Wulfilas Halsabschneidern in die Hände gefallen.«

»In eine Taverne?« fragte Aurelius. »Und wo ist er jetzt?«

»Unter Deck. Ambrosinus hat ihn gescholten.«

»Ich gehe zu ihm«, meinte Livia und verschwand unter Deck.

Romulus saß zusammengekauert in einer Ecke und hatte den Kopf auf die Knie gestützt; er weinte leise vor sich hin. Livia trat zu ihm und berührte ihn leicht. »Vor lauter Angst um dich sind wir fast gestorben«, sagte sie. »Tu das nie wieder, ich bitte dich. Nicht du brauchst uns. Wir brauchen dich, verstehst du denn nicht?«

Romulus hob das Gesicht und trocknete sich mit dem Saum seiner Tunika die Tränen ab. Dann stand er auf, und ohne ein Wort zu sagen umarmte er sie, während von draußen der Klang von Wagenrädern hereindrang, die über das Kopfsteinpflaster ratterten.

»Komm jetzt«, sagte Livia, »und nimm deine Sachen. Es ist Zeit, das Weite zu suchen.«

XXX

Der Karren stand bereits auf der Hafenmole, als Ambrosinus dem Fuhrmann den Mietpreis abzüglich der Kosten für das Zugtier bezahlte. »Wie du siehst«, sagte er, »besitzen wir selber ein Pferd.« Und tatsächlich führte in diesem Augenblick Aurelius Juba am Halfter vorsichtig den Steg herab, um ihn gegen den mageren Klepper zwischen der Deichsel auszutauschen.

»Bei allen Heiligen«, sagte der Fuhrmann, »dieses Tier ist als Zugpferd die reinste Verschwendung. Wenn du es mir überläßt, gebe ich dir zwei meiner eigenen Gäule dafür. Was hältst du davon?«

Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, begann Aurelius, das Zaumzeug am Hals seines Pferdes zu befestigen.

»Das Tier ist wie ein Bruder für ihn«, sagte Demetrios zum Fuhrmann. »Würdest du etwa deinen Bruder gegen zwei Klepper tauschen ?«

Der Fuhrmann kratzte sich am Kopf. »Da müßtest du einmal meinen Bruder sehen, den könntest du höchstens gegen einen Esel eintauschen.«

»Beeilen wir uns«, mahnte Ambrosinus. »Je früher wir losfahren, desto besser.« Nachdem sich die anderen vom Bootsführer verabschiedet und bei ihm bedankt hatten, bestiegen sie den Karren, ließen sich auf den Bodenbrettern nieder und lehnten sich gegen die Seitenwände. Ein Wachstuch, das über das Gestänge aus Weidenholz gespannt war, verbarg nicht nur die Insassen, sondern bot ihnen auch ein wenig Schutz. Livia kauerte sich neben Romulus unter der Decke zusammen. Aurelius schaute von hinten herein. »Ich gehe zu Fuß«, sagte er. »Da Juba es nicht gewohnt ist, einen Wagen zu ziehen, fürchte ich, er könnte scheuen. Versucht ihr inzwischen, euch ein wenig auszuruhen.«

Ambrosinus gab dem Bootsführer die Hand. »Wir sind dir sehr dankbar«, sagte er zu ihm. »Wir verdanken dir unser Leben und das, obwohl wir nicht einmal deinen Namen kennen.«

»Um so besser, dann braucht ihr euch eine Sache weniger zu merken. Es war eine schöne Überfahrt, und es gefiel mir, Gesellschaft zu haben. Normalerweise mache ich diese Reise immer mutterseelenallein. Wenn ich recht hörte, willst du über das Eis gehen.«

»Ich glaube, wir haben keine andere Wahl«, gab Ambrosinus zu.

»Das meine ich auch. Aber seid vorsichtig. Am dicksten ist das Eis immer an der Stelle, wo der Fluß am langsamsten fließt. Also liegt auf den geraden Abschnitten die größte Gefahr in der Mitte, in den Biegungen dagegen an den Außenseiten. Geht einer nach dem anderen hinüber und laßt als letztes das Pferd mit dem leeren Karren gehen. Wenn ihr erst auf der anderen Seite seid, schlagt den Weg nach Nordwesten ein. Innerhalb einer Woche könnt ihr die Seine erreichen, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht ist. Danach wird alles leichter werden, so hoffe ich zumindest. Gott stehe euch bei.«

»Dir auch, mein Freund. Eines Tages wirst du vielleicht von diesem Knaben hören, den du erlebtest, als er umherirrte und verfolgt wurde, und dann wirst du stolz sein, ihn kennengelernt und ihm geholfen zu haben. Gute Reise.«

Sie verabschiedeten sich mit einem letzten Händedruck, dann bestieg Ambrosinus mit Hilfe von Orosius den Wagen, der dessen hintere Wand hochklappte und an beiden Seiten befestigte. Dann sagte Demetrios zu Aurelius: »Nun sind wir alle bereit.« Quietschend und ratternd setzte sich das Gefährt auf dem Kopfsteinpflaster der Mole in Bewegung und verschwand in der Dunkelheit.

Sie fuhren die ganze Nacht hindurch und legten etwa fünfzehn Meilen zurück, während sie sich dabei abwechselten, Juba am Zügel zu führen. Doch später, als sich das Pferd an den Wagen gewöhnt hatte, setzte sich Aurelius auf den Kutschbock, von wo aus er es nur noch mit seiner Stimme und dem Zaumzeug lenkte. Zu ihrer Linken formte sich der Fluß immer mehr zu einer weißen Kruste, die schließlich zu einer gleichmäßig dicken Eisplatte wurde und von einem Ufer zum anderen reichte. Die Kälte war schneidend. Während der Nacht hatte sich der Nebel in Rauhreif verwandelt, der über Sträucher und Schilf, Ufergras und Büsche ein Netz aus bizarrer Spitze warf. Der Himmel hatte einen Schleier aus hohen, spärlichen Wolken um sich gelegt, durch die von Zeit zu Zeit die ersten Strahlen der Sonne blitzten und nicht weit über dem Horizont eine verschwommene, weißliche Aureole bildeten.

Alle fühlten sich unbehaglich. Das Fahrzeug, das ihnen zur Verfügung stand, verbarg sie zwar vor den Blicken der Menschen, war aber sehr langsam und nicht besonders stabil. Außerdem wartete noch immer das größte Risiko auf sie: die Überquerung des Flusses. Der vermeintliche Vorteil, daß ihnen das Morgenlicht eine bessere Sicht gewährte, erwies sich in Wirklichkeit als hinfällig, denn das vom Himmel ausgesandte Licht wurde von dem Schnee und dem Eis so diffus widergespiegelt, daß die Umrisse aller Gegenstände ineinander verschwammen und die gesamte Landschaft in milchig helles Weiß getaucht war. Nur Menschen und Tiere traten deutlich erkennbar daraus hervor. Doch nur selten begegneten sie einigen Bauern und ihren Lasttieren, die mit Reisig und Brennholz beladen waren, oder ein paar einsamen Wanderern, die sich zumeist als zerlumpte Bettler herausstellten. Das Krähen der Hähne aus den in der Landschaft verstreuten Bauernhöfen kündigte den neuen Tag an, und ab und zu hörte man Hundegebell, das in dem unendlich leeren, kalten Raum wie ein unheimliches Klagelied widerhallte.