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Ein paar Meilen fuhren sie noch weiter, dann hielten sie an einer Stelle an, an der sich der Fluß stark verengte und der Damm nicht allzu hoch über das Flußbett emporragte. Hier bot sich ihnen ein leichterer Zugang. Also faßten sie den Entschluß, daß zwei Männer, geschützt durch ein Sicherungsseil, zu Fuß die Festigkeit des Eises prüfen sollten, damit der eine der beiden, falls er im Wasser versank, von dem anderen wieder herausgezogen werden konnte. Aurelius und Batiatus, die mit ihrer kräftigen, hochgewachsenen Statur einander sicheren Halt bieten konnten, erklärten sich zu dem Unterfangen bereit. Unter dem besorgten Blick ihrer Kameraden wagten sich beide auf die Eisfläche vor und klopften mit ihren Speerstangen die Oberfläche ab, um vorn Klang her die Dicke des Eises festzustellen. Innerhalb kurzer Zeit waren sie fast bis zur Mitte des Flusses vorgedrungen und schienen aus dem Blickwinkel ihrer Kameraden immer kleiner zu werden. Dort war der kritische Punkt, der Teil, an dem sich das Eis zuletzt verfestigt hatte, und so beschloß Aurelius, zur besseren Prüfung sein Schwert dort hineinzustoßen. Fest hielt er es mit beiden Händen umfaßt, bevor er es mit aller Gewalt ins Eis hineinbohrte, so daß die wie Kristall glitzernden Stücke nach allen Seiten davonstoben.

Er kam etwa bis auf einen Fuß hinab in die Tiefe, und mit einem letzten Stoß versenkte er die Klinge im Wasser.

»Einen Fuß tief!« rief er zu dem hinter ihm stehenden Batiatus.

»Wird das reichen?« erwiderte der Äthiopier.

»Es muß reichen, da wir hier nicht allzu lange ohne Deckung verweilen sollten. Dort drüben hat man uns schon bemerkt, sieh nur!« Und er deutete auf ein paar Menschen, die am Ufer stehengeblieben waren, um sich das seltsame Gebaren der Fremdlinge anzusehen. Rasch kehrte er zurück, um sich mit seinen Kameraden zu beratschlagen, dann machten sich alle im Abstand von wenigen Schritten auf den Weg.

»Beeilen wir uns«, sagte Ambrosinus. »Wir stehen hier allzusehr in der Schußlinie, und ein jeder, der über uns Bescheid weiß, kann uns hier sehen.«

Der Bootsführer, der gehofft hatte, zu diesem Zeitpunkt bereits in Richtung Süden unterwegs zu sein, befand sich in einer völlig anderen Lage. Das Salz zu löschen, hatte sehr viel mehr Zeit in Anspruch genommen als vorgesehen, da die Kristalle lange der Feuchtigkeit ausgesetzt und nun zusammengeklumpt waren. So hatte er seine Arbeit noch nicht beendet, als Wulfilas Männer auf die Mole stürmten und die vor Anker liegenden Schiffe zu kontrollieren begannen. Sie brauchten nicht lange, um das mit der Salzladung auszumachen, obwohl nur noch wenig davon auf der Brücke lag. Mit gezogenen Schwertern stürzten sie an Bord.

»Halt, stehenbleiben! Wer seid ihr?« rief der Bootsführer. »Ihr habt nicht das Recht, auf mein Schiff einzufallen.«

In diesem Augenblick trat Wulfila auf den Plan und befahl seinen Männern, ihm das Maul zu stopfen und ihn unter Deck zu bringen.

»Tu nicht so, als ob du uns nicht wiedererkennst!« fing er an. »Wir haben uns vor etwa zehn Tagen das letzte Mal gesehen, und ich bin sicher, du hast mein Gesicht nicht vergessen, oder doch?« Er näherte sich ihm und verzog dabei sein maskenhaftes Narbengesicht zu einem Grinsen. »Wir haben damals einen Abtrünnigen und Mörder verfolgt, der mit seinem Pferd auf dein Schiff gesprungen ist. Er hatte einen Jungen dabei, nicht wahr?«

Der Bootsführer sah sich bereits verloren, da er keine dieser Behauptungen abstreiten konnte. »Seine Freunde hatten ihn hier erwartet«, antwortete er. »Sie haben mich für die Fahrt bezahlt und sich immer gut benommen. Ich konnte nicht ...«

»Schweig! Diese Männer werden wegen übelster Delikte gesucht, die sie im Staatsgebiet des Imperiums begangen haben. Sie haben den Jungen geraubt, den wir jetzt zu befreien suchen, um ihn seinen Eltern zurückzubringen. Hast du verstanden?«

Einen Augenblick lang war sich der Bootsführer im Zweifel, ob dieser Narbengesichtige die Wahrheit sagte, vor allem, wenn er an Romulus plötzliche Flucht und die hektische Suche nach ihm in der vorangegangenen Nacht dachte. Doch dann erinnerte er sich, wie freundlich und liebevoll sich seine Reisegefährten ihm gegenüber verhalten hatten und der Knabe diese Zuneigung auch erwiderte. Also quetschte er nur zwischen den Zähnen hervor: »Warum sollte ich mich um den Lebenslauf all der Leute kümmern, die mein Schiff betreten? Mir reicht es, wenn sie mich bezahlen und mir keinen Ärger machen. Und genau das haben die getan. Alles andere geht mich nichts an, und ich will es auch nicht wissen. Ich muß jetzt heimfahren, und darum ...«

»Du gehst erst, wenn ich es dir erlaube!« schrie Wulfila und versetzte ihm mit dem Handrücken einen Schlag. »Erst wirst du mir sagen, wohin sie gegangen sind, oder du wirst es bereuen, daß du je geboren wurdest!«

Zu Tode erschrocken und mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchte der Mann, seine Schinder davon zu überzeugen, nichts zu wissen, aber er war auch nicht bereit, sich ihrer Folter auszusetzen. Zunächst tat er alles, um den Faustschlägen und Fußtritten zu widerstehen, und er biß, als sie ihm die Arme auf den Rücken drehten, bis sie beinahe brachen, fest die Zähne aufeinander, um jeden Schmerzensschrei zu ersticken. Das tat er auch noch, als ihm das Blut aus seinen geplatzten Lippen strömte und von der gequetschten Nase herunterrann, doch als er erkannte, daß Wulfila nach seinem Dolch griff, gab er in panischer Angst schlagartig jeden Widerstand auf. Er sagte: »Heute nacht sind sie mit einem Karren nach Norden gefahren ...«

Mit einem Fußtritt streckte ihn Wulfila zu Boden, dann steckte er seinen Dolch wieder weg. »Bitte deinen Gott, daß wir sie finden, andernfalls werde ich wiederkommen und dich bei lebendigem Leib mitsamt deinem Kahn verbrennen.«

Er beauftragte zwei Männer, ihn zu bewachen, dann sprang er auf die Mole hinab, bestieg sein Pferd und galoppierte nach Norden. Seine Männer folgten ihm.

»Da sind Spuren von Wagen und Pferd zu erkennen«, rief einer der Krieger, nachdem sie die Stadt verlassen hatten. »Gleich wird sich herausstellen, ob es ihre sind.« Er ließ sich zu Boden gleiten und untersuchte, wie tief sich die Spuren von Jubas Hufen im Schnee abgedrückt hatten. Sofort erkannte er sie wieder. Mit einem zufriedenen Grinsen drehte er sich zu seinem Anführer um. »Sie sind es, das Schwein hat die Wahrheit gesagt.«

»Endlich!« rief Wulfila aus. Er zog sein Schwert aus der Scheide und ließ es, die Faust hoch emporgereckt, unter den Jubelrufen seiner Männer in der Luft erglänzen. Dann gab er seinem Pferd die Sporen und sprengte im Galopp auf der verschneiten Straße davon.

Unterdessen war es Aurelius gelungen, seine Kameraden sicher ans andere Ufer zu bringen, nur er blieb zurück, um Juba mitsamt dem Wagen hinüberzugeleiten. Zu Fuß ging er vor Juba her, wobei er ihn am Zügel hielt und ständig beruhigend auf ihn einredete, um ihm bei dem sonderbaren Marsch über diesen gläsernen Boden, der seinen Hufen keinen Halt bot, Mut zuzusprechen. »Langsam, Juba, langsam, siehst du? Alles in Ordnung, jetzt gehen wir zu Romulus, der wartet da drüben schon auf uns, da, siehst du ihn? Siehst du, wie er uns Zeichen gibt?«