Sie befanden sich in der Mitte des Flusses. Aurelius war wegen Jubas kräftiger Statur und dem Gewicht des Wagens, das hauptsächlich auf den schmalen Eisenbändern um die Räder lastete, stark beunruhigt. Mit gespitzten Ohren versuchte er noch das leiseste Knirschen im Eis wahrzunehmen, das ihm ankündigte, wann sich ein Spalt auftat, der ihn und sein Pferd verschlingen und sie dem eiskalten Wasser überantworten würde. Ein Tod, der ihm panischen Schrecken einjagte. Ab und zu warf er einen Blick auf seine Kameraden auf der anderen Flußseite. Er konnte die Anspannung spüren, die sie peinigte, während sie auf ihn warteten.
»Jetzt, komm!« rief plötzlich Batiatus. »Du bist über den schwächsten Punkt hinweg. Nun mach schon, beeil dich!«
Aurelius beschleunigte seinen Schritt, doch wunderte es ihn, daß seine Kameraden nicht aufhörten, ihm mit immer schrillerer Stimme aufgeregt zuzurufen. Da erfaßte ihn ein furchtbarer Gedanke, also drehte er sich um und entdeckte in einer Entfernung von kaum einer Meile eine geschlossene Gruppe von Reitern, die den Flußdamm entlang galoppierten. Wulfila! Schon wieder er! Wie konnte das sein? Wie nur gelang es diesen Bestien, wie die Gespenster der Hölle ständig aus dem Nichts wieder aufzutauchen? Im Laufschritt zerrte er sein Pferd dem gegenüberliegenden Ufer entgegen, das bereits ganz nahe vor ihnen lag, dann zog er das Schwert und bereitete sich auf den tödlichen Zusammenstoß vor.
Auch die Gefährten stellten sich mit ihren Waffen in der Faust darauf ein, Romulus Flucht zu beschützen.
»Aurelius«, schrie Vatrenus, »mach das Pferd los und flieh mit dem Jungen. Wir werden versuchen, so lange wie möglich Widerstand zu leisten. Geh, geh, bei allen Teufeln!«
Doch Romulus hielt sich an den Speichen der Wagenräder fest und rief: »Nein, ich gehe nicht. Ich will nicht ohne euch gehen! Ich will nicht mehr fliehen!«
»Nimm ihn und geh! Weg! Weg!« rief Vatrenus unaufhörlich und fluchte auf alle Dämonen und Götter, die er nur kannte. Mittlerweile hatten die feindlichen Reiter das gegenüberliegende Ufer erreicht und machten sich bereit, den vereisten Fluß zu überqueren. Wulfila versuchte, sie zurückzuhalten, da er die drohende Gefahr vorhersah, doch drängte der brennende Wunsch, der aufreibenden Verfolgungsjagd ein für allemal ein Ende zu setzen, die Männer dazu, sich wie besessen auf die Eisfläche des Flusses zu stürzen. In diesem Augenblick wandte sich Demetrios an seine Gefährten: »Seht nur, wie sie in geschlossener Gruppe vorrücken. Das Eis wird niemals halten. Wenn wir sofort losmarschieren, sind wir gerettet. Also, hinauf auf den Karren!« Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als sich auch schon unter dem Gewicht der Reiter ein Spalt auftat, der sich durch die hämmernden Hufe der heranpreschenden zweiten Welle von Angreifern in schlängelnden Linien verbreiterte, bis das Eis brach und das Wasser daraus hervorquoll. Immer mehr Reiter rutschten auf dem brüchigen Eis aus und stürzten schwer hernieder, wodurch eine große Platte abplatzte. Wulfila schrie: »Halt! Zurück! Das Eis trägt nicht, zurück!«
»Gehen wir!« rief Aurelius bei diesem Anblick. »Weg! Vielleicht schaffen wir es noch!« In höchster Eile sprangen alle auf den Wagen, während Ambrosinus mit den Zügeln auf Jubas Rücken eindrosch. Wie von Furien gehetzt, fuhren sie davon, doch war ihnen nur ein sehr kurzes Aufatmen vergönnt. Nachdem er seine Männer wieder zurückgetrommelt hatte, ließ Wulfila sie ein Stück weit entfernt nacheinander das Eis überqueren, so daß er die Verfolgung erneut aufnehmen konnte. Gegenüber dem vollbeladenen Karren gewann er schnell an Boden. Rasch verteilte Aurelius beim Erscheinen der Männer die Waffen an seine Kameraden, während Livia sofort einen Pfeil an ihrem Bogen ansetzte und zielte. Gerade, als die Barbaren in Schußweite waren, bemerkte sie, wie diese zusehends langsamer wurden und schließlich ganz stehenblieben. »Was ist denn da los?« sagte Vatrenus.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Aurelius, der erkannte, daß auch der Wagen an Geschwindigkeit verlor, »aber bleibt nicht stehen. Bleibt bloß nicht stehen!« »Ganz einfach ausgedrückt, wir sind gerettet!« rief Ambrosinus. »Seht nur!«
Vor ihnen erhob sich eine Gruppe von Bewaffneten zu Pferde und eine Vielzahl von Infanteristen, die urplötzlich aus dem Nebel aufgetaucht waren. Sie rückten, auf breiter Front verteilt, im Schrittem-po vor und hielten die Waffen in der Faust. Wie vom Donner gerührt, befahl Wulfila seinen Männern anzuhalten und blieb dann in respektvoller Entfernung stehen.
Auch die Truppen, die aus dem Nebel erschienen waren, blieben nun stehen. Ihre Ausrüstung und Feldzeichen ließen keine Zweifel -es waren römische Truppen!
Ein Offizier trat vor. »Wer seid ihr?« fragte er. »Und wer sind die, die euch verfolgt haben?«
»Gott segne euch!« rief Ambrosinus aus. »Wir verdanken euch unser Leben.«
Aurelius salutierte mit militärischem Gruß. »Aurelianus Ambrosius Ventidius«, stellte er sich vor. »Erste Kohorte, Legio Nova Invic-ta.«
»Rufius Elius Vatrenus«, vermeldete wie ein Echo der nächste. »Legio Nova Invicta.«
»Cornelius Batiatus ...«, setzte der äthiopische Riese an.
»Legion?« fragte der Offizier entgeistert. »Legionen gibt es seit einem halben Jahrhundert nicht mehr. Woher kommst du, Soldat?«
»Du kannst ihm glauben, Kommandant«, sagte Demetrios. »Und wenn du uns etwas warme Suppe und einen Becher Wein anbietest, werden wir dir ein paar Geschichten erzählen.«
»In Ordnung«, antwortete der Offizier. »Kommt mit uns.«
Nach ungefähr einer Meile rund um den Hügel standen sie vor einem Lager, das etwa tausend Männer beherbergte. Der Kommandant hieß sie vom Wagen absteigen und brachte sie in sein Zelt. Rasch eilten seine Diener herbei, um ihm das Koppel mit dem Schwert zu öffnen, seinen Helm abzunehmen und einen Feldstuhl hinzustellen. Ein weiterer Untergebener brachte ihnen die gleiche Ration, die auch an die Truppe verteilt wurde, und alle begannen zu essen. Romulus, der sich langsam von der Angst und der Kälte erholte, die seine Glieder hatten erstarren lassen, wollte sich zunächst voller Freude auf das Essen stürzen, paßte sich dann aber dem Verhalten seines Lehrers an und löffelte gleich ihm mit durchgedrücktem Rücken würdevoll seine Suppe.
»Eine buntgemischte Gesellschaft seid ihr da«, hub der Offizier an. »Drei Legionäre, wenn ich euren Worten Glauben schenken darf und, nach dem Barte zu schließen, ein Philosoph. Dazu ein paar Deserteure, so mich meine Ohren nicht trügen, und eine junge Frau mit allzu hochmütigem Benehmen und zu dünnen Beinen, als daß sie zur Bettgefährtin taugte. Zu guter Letzt noch ein Jüngelchen, das kaum einen Hauch von Haarwuchs unter der Nase hat, sich aber so dünkelhaft aufführt wie ein Staatsmann der alten Republik. Ganz zu schweigen von der Schar Halsabschneider, die sich euch an die Fersen hefteten. Was soll ich nur von euch halten?«
Ambrosinus, der diese Fragen bereits vorausgesehen hatte, hatte sofort eine Antwort parat. »Du hast eine scharfe Beobachtungsgabe, Kommandant. Es ist mir klar, daß unser Äußeres Argwohn in dir erweckt, doch wir haben nichts zu verbergen und können alles erklären. Dieser Junge ist das Opfer einer schrecklichen Verfolgung. Als letzter Erbe einer hohen Adelsfamilie wurde er durch die Unverschämtheit eines Barbaren in Diensten der kaiserlichen Armee der Güter seiner Ahnen beraubt. Nicht genug damit, daß dieser Unmensch ihm alles genommen hat - er hat auch auf jede erdenkliche Weise versucht, den Knaben zu töten, damit dieser auch in Zukunft niemals sein Recht auf das väterliche Erbe geltend machen kann. Und so schickte er uns eine Schar gedungener Mörder auf den Hals, die uns seit Wochen nicht in Ruhe lassen und heute sicher ihr Ziel erreicht hätten, wenn du nicht aufgetaucht wärest. Die junge Frau ist die ältere Schwester des Knaben, sie wuchs auf wie eine Amazone, die Camilla und Penthesilea nacheifert. Sie hat es im Umgang mit Bogen und Speer zu unvergleichlicher Meisterschaft gebracht und sich als wackere Verteidigerin ihres jüngeren Bruders erwiesen. Was mich betrifft, so bin ich sein Erzieher. Mit dem Geld, das ich versteckt hatte, habe ich diese tapferen Kämpfer rekrutiert, die ein Gemetzel der Barbaren überlebten, und unser aller Geschick miteinander vereint. Euch im Glanz eurer Waffen, dazu die römischen Feldzeichen im Wind flattern zu sehen und eure Lippen die lateinische Sprache sprechen zu hören, ist ein unsagbarer Trost für uns alle. Wir danken dir aus tiefstem Herzen für unsere Errettung.«