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Unter dem Eindruck dieser hervorragend vorgetragenen Rede verstummten sie alle, doch erschien der Kommandant, ein Veteran so zäh wie Leder, dadurch nicht sonderlich berührt zu sein.

So antwortete er bloß: »Mein Name ist Sergius Volusianus, comes regis et magister militum. Wir kommen von einer Mission, die der Unterstützung unserer Verbündeten in Zentralgallien diente, und sind auf dem Rückweg nach Parisii, wo ich unserem Herrn, Syagri-us, dem König der Römer, Bericht erstatten werde. Und im Zuge dessen werde ich auch von der Begegnung mit euch berichten. Von jetzt an steht ihr unter meinem Kommando, und schon zu eurer eigenen Sicherheit erlaube ich euch unter keinen Umständen, diese Abteilung zu verlassen. Das Gebiet, das wir als nächstes durchqueren, ist äußerst gefährlich und häufig plötzlichen Überfällen durch die Franken ausgesetzt. Ich werde euch alle wie Römer behandeln. Und jetzt erlaubt mir, daß ich mich empfehle, unser Abmarsch steht unmittelbar bevor.« Rasch schüttete er noch einen Becher Wein hinunter, dann griff er nach Schwert und Helm und eilte hinaus. Sein Adjutant und seine Diener folgten ihm.

»Was haltet ihr davon?« fragte Ambrosinus.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Aurelius. »Mir scheint, er glaubt die Geschichte, die du ihm erzählt hast, nicht ganz.«

»Die allerdings beinahe der Wahrheit entspricht.«

»Dieses >beinahe< ist auch ein Problem. Hoffen wir das Beste. Doch wie immer dem auch sei, wir sind jetzt in einer weit besseren Lage und können uns, zumindest vorläufig, in Sicherheit wiegen. Dieser Kommandant ist bestimmt ein hervorragender Soldat und wahrscheinlich auch ein Ehrenmann.«

»Und Wulfila?« fragte Orosius. »Glaubt ihr, daß er jemals aufgeben wird? Zwar stehen seine Aussichten zum jetzigen Zeitpunkt recht schlecht, da uns eine kampferprobte und zahlenmäßig überlegene Truppe schützt. Und auf dieser Seite des Rheins ist er es, der sich in Gefahr befindet.«

»Ich würde mir darüber keine allzu großen Illusionen machen«, antwortete Aurelius. »Vielleicht bekommt er die Franken dazu, ihm zu helfen. Seine Entschlossenheit kennt keine Grenzen, das haben wir ja schon gesehen, als er uns zwang, bis an die äußersten Grenzen des Reiches zu fliehen. Jeder andere an seiner Stelle hätte längst aufgegeben, aber nicht er. Und jedesmal, wenn wir ihm wieder be-gegneten, gebärdete er sich noch wilder und aggressiver als zuvor -ganz so, als sei er direkt der Unterwelt entstiegen. Außerdem hat er Cäsars Schwert in seiner Gewalt.«

»Manchmal denke ich wirklich, daß er ein Dämon ist«, sagte Orosius, wobei der Ausdruck seiner Augen mehr als seine Worte sagte.

»Es war Aurelius, der ihm das Gesicht zerfetzte, du kannst also sicher sein, daß er, wie wir alle, aus Fleisch und Blut besteht«, erwiderte Demetrios. »Doch wie dem auch sei, ich kann es mir einfach nicht erklären, warum er sich gar so unversöhnlich zeigt und uns mit dieser besessenen Unerbittlichkeit verfolgt.«

»Ich schon«, wand Ambrosinus ein. »Aurelius hat ihn mit dieser Wunde verunstaltet, kaum einer hat ihn anschließend mehr wiedererkannt. Mit dieser Entstellung bleibt ihm für immer die Hoffnung auf das Paradies eines Kriegers versagt, was eine unerträgliche Strafe für einen Mann seines Geschlechts bedeutet. Wulfila entstammt einem ostgotischen Volk, das fanatisch an militärische Tapferkeit und das Schicksal eines Kämpfers im Jenseits glaubt. Um sich zu rehabilitieren, Aurelius, muß Wulfila dir genau das antun, was du ihm angetan hast. Er muß auch dir das Gesicht bis auf die Knochen zerschneiden und dann seinem Kriegsgott in deinem zum Becher umgewandelten Schädel ein Trankopfer darbieten. Wir müssen damit rechnen, daß wir ihn erst nach dem Tag seines Todes nicht mehr wiedersehen werden.«

»Eine Aussicht, um die ich dich nicht beneide«, kommentierte Vatrenus. Doch Aurelius schien diese Worte nicht sonderlich ernst zu nehmen. »Dann ist er also hinter mir her. Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?«

»Weil du wahrscheinlich irgendeine Dummheit begangen hättest, wie etwa, ihn zum Zweikampf herauszufordern.«

»Ja, das wäre eine Möglichkeit«, entgegnete Aurelius.

»Keineswegs. Mit Cäsars Schwert in seinen Händen besteht nicht die geringste Hoffnung für dich. Im übrigen will er ohne Zweifel auch Romulus haben, sonst hätten wir ihn nicht in der mansio in Fano am Hals gehabt. Wir müssen auf jeden Fall zusammenbleiben, das ist unsere einzige Möglichkeit zu überleben. Vor allem dürfen wir eines nicht aus den Augen verlieren: Romulus muß unbedingt Britannien erreichen. Um jeden Preis. Dort wird sich alles erfüllen, wofür wir gekämpft haben, dann brauchen wir nichts mehr zu befürchten. Gar nichts mehr, versteht ihr das?«

Alle blickten einander an, denn eigentlich verstanden sie gar nichts. Noch nicht. Doch spürten sie auf irgendeine Weise, daß dieser Mann recht hatte und der beseelte Ausdruck in seinen Augen nicht trog. Jedesmal, wenn er ihr zukünftiges Schicksal andeutete, das ihm so klar schien, während es für sie nur schemenhaft blieb, sprach er wie ein Mann, der bei Tagesanbruch auf einem Turm Wache hält und als erster die Sonne aufgehen sieht.

XXXI

Später am Tag setzte sich die Kolonne von Sergius Volusianus in Richtung Nordwesten in Bewegung und marschierte sechs volle Tage, bis sie im Reich des Syagrius eintraf, wobei sie pro Tag fast zwanzig Meilen zurücklegte. Markiert wurde das Staatsgebiet des rex Romanorum von einer Verteidigungslinie, die aus einem Wall mit Gräben und Palisaden bestand, aus dem sich im Abstand von etwa einer Meile Wachtürme erhoben. Die Garnisonssoldaten trugen schwere Kettenhemden und konisch zulaufende Helme aus Eisen mit Schutzvorrichtungen an Wangen und Nasen wie sie auch die Franken verwendeten, und an ihrer Seite hingen lange Schwerter mit doppelter Klinge.

Sie betraten die Garnison durch ein befestigtes Tor, begrüßt von den langgezogenen Tönen einiger Trompeten, und zogen von dort aus weiter bis zum nächsten Flußhafen an der Seine. Dort schifften sie sich ein und fuhren den Fluß hinab bis zur Hauptstadt, der alten Kolonie Lutetia Parisiorum, die inzwischen fast alle nach ihren Einwohnern nur noch »Parisii« nannten. Sie legten die weite Strecke völlig unbehelligt zurück, wodurch sich allen der Eindruck vermittelte, die sie so lange Zeit belastende Bedrohung sei nun vorbei oder hege zumindest so weit hinter ihnen, daß sie sich darüber keine Sorgen mehr zu machen brauchten. Jede Tagesreise brachte sie näher an ihr Ziel heran, und mehr und mehr wurde Aurelius von einer sonderbaren Aufregung erfaßt, deren tatsächliche Ursache er sich nicht erklären konnte. Das einzige, was ihn beunruhigte, war die höchst mangelhafte Beziehung zu Kommandant Volusianus, mit dem sie nur selten und kurz in Berührung kamen. Er hielt sich gewöhnlich in seiner Unterkunft am Heck auf. Wenn er einmal heraustrat, war er immer von seinem Stab umringt, so daß sich niemand an ihn wenden konnte. Nur Aurelius hatte eines Abends die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Als er ihn aufrecht am Bug stehen und in die über der Flußebene untergehende Sonne blicken sah, trat er auf ihn zu.

»Salve, Kommandant«, sagte er zu ihm.

»Salve, Soldat«, antwortete Volusianus.

»Unsere Reise verläuft ruhig.«

»Scheint so.«

»Darf ich dir eine Frage stellen?«

»Das kannst du sicher, aber du wirst nicht zwangsläufig eine Antwort erhalten.«

»Jahrelang habe ich unter dem Befehl von Manilius Claudianus gekämpft und seine persönliche Garde befehligt. Vielleicht sagt dir sein Name etwas und bewirkt, daß ich deiner Achtung würdig bin?«