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»Wir trennen uns von ein paar Wurfspeeren!«, schrie Madyas, und im nächsten Augenblick purzelten zwei der schweren Lederköcher in den Schnee.

Ein dunkler Schrei ertönte über ihnen, so laut, dass es Artax wie ein Faustschlag in den Magen traf und das Gefieder ihres Löwen klirrend erzitterte. Jetzt sah er, wie sich der Riese, wild mit der Keule schwingend, herumdrehte. Weit ausholend traf er den vordersten Adler, der sich in ein Knäuel auseinanderstiebender Federn verwandelte, so wie ein Spatz, der vom Schleuderstein eines Lausbuben getroffen worden war. Die anderen Adler wichen dem Riesen in wilden Flugmanövern aus.

Artax’ Magen machte einen Satz. Sie waren in der Luft! Endlich!

Madyas brüllte vor Begeisterung wie ein brünstiger Stier. Ein Schatten zog über sie hinweg. Die Adler hatten sie eingeholt. Schnäbel, spitz wie Dornäxte, hackten auf sie nieder.

»Lass den Löwen wie ein Fass rollen!«, rief Artax durch das Rauschen der Flügel und die schrillen Schreie der Adler.

Die Schnäbel entrissen Artax die Lanze. Wieder wurden die Arme seiner Rüstung steif. Schnabelhiebe prasselten auf seinen Helm, Krallen packten seine Schulter, ohne dass er sich wehren konnte. Ein Adler mit goldfarbenen Augen versuchte, ihn von seinem Sitz auf der Löwenkruppe zu zerren.

In dem Moment kippte der Silberlöwe über den rechten Flügel ab und vollführte eine seitliche Rolle. Die Adler kreischten auf, unfähig, dieses Flugmanöver nachzumachen. Silberne Schwingen schnitten durch Fleisch und Federn. Der Schwarm, der sie eben noch umfangen hatte, lichtete sich.

»Und jetzt sind die Riesen dran!«, frohlockte Madyas.

Der Löwe stieg in steiler Kurve in den Himmel hinauf, während die Adler Mühe hatten, ihnen zu folgen.

Artax hatte einen atemberaubenden Blick auf das weite Schlachtfeld. Sieben Riesen standen unter ihnen. Sie alle hatten in ihrem Marsch innegehalten und reckten die Baumstämme, die sie als Keulen trugen, drohend zum Himmel hinauf. Ein Stück zurück marschierte das Heer der Daimonen. Banner in allen Regenbogenfarben flatterten über den endlosen Kolonnen.

Es würde ein langer Krieg werden, dachte der Unsterbliche beklommen. Selbst wenn sie alle Truppen Daias zusammenzögen, wäre ungewiss, ob sie dieses Heer aufhalten könnten. Wie sollten sie gegen Riesen ankämpfen? Oder gegen Drachen? Er griff hinter sich nach den Köchern mit den Wurfspeeren. Zumindest was die Adler anging, war nun die Stunde der Rache gekommen. Immer noch stieg der Löwe in steilem Winkel höher und höher. Die Adler folgten ihm, vermochten den Vorsprung des Löwen aber nicht schrumpfen zu lassen.

Es war genug Zeit verstrichen, sodass das Leder seiner Ärmel wieder weich und geschmeidig geworden war. Artax holte aus und schleuderte den ersten Speer hinab in den Schwarm der Raubvögel. Der Löwe stieg so steil in den Himmel, dass der Unsterbliche wie auf einem nach vorne gekippten Stuhl saß. Es war schwer, in dieser Position zu zielen. Der Gürtel, mit dem er an der Lehne festgeschnallt war, hielt sein ganzes Gewicht und schnitt ihm tief ins Fleisch.

Der erste Speer verfehlte sein Ziel und schoss fast senkrecht der Ebene entgegen. Sie stiegen höher und höher, und Artax fragte sich, wie weit Madyas noch in den Himmel hinaufwollte. Beunruhigt zog er den nächsten Wurfspeer. Diesmal ließ er sich ein wenig mehr Zeit. Er wog die Waffe in der Hand, schleuderte sie und verfehlte erneut. Fluchend zog er einen weiteren Speer. Das hatte er sich anders vorgestellt.

Der dritte Wurf traf. Der Speer bohrte sich tief in das Brustgefieder eines Adlers, der mit ausgebreiteten Flügeln nach hinten kippte und stürzte.

Madyas änderte nun die Flugrichtung. In einer weiten Kurve schwenkten sie auf den Riesen ein, der den Abschluss der kleinen Gruppe dieser Ungeheuer bildete. Als sie nahe genug waren, zog Artax einen weiteren Speer und schleuderte ihn. Das Geschoss traf den Riesen im Nacken, doch schien es nicht mehr Wirkung als ein Bienenstich zu haben. Er schlug ärgerlich nach hinten, blieb kurz stehen und drehte sich nach ihnen um.

Madyas nutzte dies, um in einen halsbrecherischen Sturzflug zu gehen. Sie flogen so dicht an seinem Gesicht vorbei, dass eine der Silberschwingen die Nase des Riesen streifte und einen blutigen Striemen darauf zurückließ. Große blaue Augen sahen ihnen ungläubig nach.

Artax schleuderte einen weiteren Speer ins Gesicht ihres verwunderten Gegners. Eigentlich hatte er auf das linke Auge gezielt, doch der Speer bohrte sich dicht neben der Nase ins Fleisch. Aus dem Flug heraus ein Ziel zu treffen war einfach etwas ganz anderes, als sicher auf festem Boden stehend einen Speer zu schleudern.

Die Adler, die ihnen folgten, stoben auseinander, um der Hand des Riesen auszuweichen, mit der er ungelenk vor seinem Gesicht wedelte, als wollte er ein paar lästige Fliegen verscheuchen.

»Lass uns den nächsten verdammten Riesen fertigmachen!«, jubelte Madyas und steuerte einen weiteren Gegner an.

Artax dachte, wie unterschiedlich ihrer beider Vorstellungen von jemanden fertigmachen doch waren. Die beiden Speertreffer hatten den Riesen ein wenig geärgert, aber aufhalten würden sie ihn ganz gewiss nicht.

Die letzten Krieger der Kushiten hatten den Aufgang zur Brücke erreicht. Immer noch hielten sie die Schilde zum Schutz gegen die Pfeile der Pferdemänner hoch. Überall auf dem Eis und dem blanken Felsgestein der Uferböschung lagen Tote. Aus der Höhe konnte Artax überdeutlich sehen, wie eine lange Linie von Leichen ihren Rückzugsweg aus Wanu markierte. Sie hatten sich in eine Falle locken lassen, und in dieser Stunde der größten Not waren die Devanthar nicht an ihrer Seite, um ihnen zu helfen. Selbst der Große Bär, der noch bis zur Nacht bei ihnen ausgeharrt hatte, war nun verschwunden.

Madyas stieß einen halb erstickten Schrei aus, und ein schwerer Schlag traf die hohe Sattellehne. Im selben Augenblick zog der schwarz-geflügelte Hengst an Artax vorbei. Sein Reiter, der blonde Daimon, ließ einen zersplitterten Lanzenschaft fallen, flog eine weite Kehre und zog sein Schwert.

»Madyas!«

Der Unsterbliche antwortete nicht. Artax drehte und wand sich in seinem Gurt, konnte aber nur sehen, wie im rasenden Flug eine Fahne von Blutperlen schräg an der Lehne vorbeispritzte. Schon senkte sich die Flugbahn des Löwen dem Boden entgegen. Seine Flügel waren starr, sie schlugen nicht länger. Nur der eisige Wind ließ sie noch leicht vibrieren.

»Befehle ihn zum Ufer! Unser Plan! Denk an den Plan!«, rief Artax verzweifelt. Doch Madyas gab kein Lebenszeichen von sich.

Sie zogen dicht über dem Kopf eines Riesen dahin, der mit einem wütenden Brüllen darauf reagierte, die Keule hob und mit schweren Schritten losstapfte, um sie noch zu erwischen. Doch sie waren zu schnell …

Links neben sich konnte Artax die Brücke sehen. Seine Kushiten waren im Nebel verschwunden, und es sah so aus, als würden die Pferdemänner zögern, ihnen nachzusetzen. Die vordersten drei der Riesen waren keine hundert Schritt mehr vom Fluss entfernt. Was hinter der Nebelwand vor sich ging, vermochte Artax nicht zu erkennen, dafür flogen sie längst zu tief … Nur noch dreißig Schritt bis zum Boden. Der Löwe fiel zwar nur in flacher Kurve, doch lange würde es nicht mehr dauern, bis er auf dem gefrorenen Grund zerschellte.

Verzweifelt griff Artax hinter die Lehne und bekam einen Arm des Steppenfürsten zu packen. »Lass ihn aufsteigen! Madyas! Wir sind am Ufer! Unser Plan … Madyas!«

Madyas’ Arm entglitt seiner Hand. Er konnte spüren, wie er kraftlos herunterhing.

Der Boden kam immer näher … Weniger als zwanzig Schritt.

Einige der Pferdemänner unter ihm stießen ein wildes Freudengeheul aus und preschten ihm hinterher. Sie waren darauf aus, sich eine Trophäe zu holen. Wild stießen sie ihre Speere in die Luft, als wollten sie ihm zeigen, was ihn erwartete, hätte er erst einmal Boden unter den Füßen.

Noch fünf Schritt. Plötzlich erwachte der Löwe aus seiner Starre. Seine Flügel bewegten sich wieder. Schwach, zögerlich nur, so als erwachte er aus einem tiefen Schlaf und streckte sich, um auch seine steifen Glieder aufzuwecken. Seine mächtigen Füße streiften klirrend den Boden. Ein Ruck lief durch den Löwenkörper, der Artax hart gegen die Rückenlehne schlagen ließ. Und dann stiegen sie wieder.