Die Elfe legte all ihre Macht in den Spruch. Sie spürte, wie das Metall unter ihren Fingern warm wurde. Und dann zog es sich zusammen. Erschrocken ließ sie los. Ihre Hände waren rot vom Rost, der sich gebildet hatte. Doch er hatte sich nicht tief in das Metall gefressen, sondern war nur an der Oberfläche aufgeblüht.
Der Dunkle musste einen Zauber auf den Eisenring gelegt haben, der ihn jedes Mal, wenn sie versuchte, sich zu befreien, ein wenig schrumpfen ließ.
In jenen Stunden in seiner Grotte hatte er eine animalische Saite in ihr zum Schwingen gebracht. Nandalee hatte nicht einen Augenblick lang an Gonvalon gedacht, während sie sich dem Dunklen hingegeben hatte. Erst später war die Reue gekommen.
Ein Krampf tief in ihren Eingeweiden ließ sie zusammenzucken. Es fühlte sich an, als würde etwas an ihrem Innersten kratzen. Hunger! Viel zu oft hatte sie die einfachsten Bedürfnisse ihres Körpers missachtet. Sie blickte auf die Schüssel mit dem rohen Fleisch, dann sah sie wieder auf und lächelte. Er sollte mit ansehen, was er aus ihr gemacht hatte. Sollte mit ihr leiden.
Sie verscheuchte die Fliegen vom Fleisch und nahm sich einen Klumpen. Ohne den Blick von der gegenüberliegenden Wand zu wenden, begann sie zu essen. Nein … essen konnte man das nicht nennen. Gierig schlug sie ihre Zähne in das blutige Fleisch und schlang es fast ohne zu kauen hinunter.
Der Schmerz in ihren Eingeweiden ließ nach.
»Sieh, was du aus mir gemacht hast«, flüsterte sie. Er konnte von ihren Lippen lesen. Sie musste nicht laut werden. »Ich wäre für immer auch die Deine gewesen, wenn du mir Gonvalon nicht genommen hättest. Was ohne ihn von mir geblieben ist, willst du nicht haben.«
Der Dritte
Vorsichtig schob Nodon die kleine Blende vor dem Gitterfenster in der schweren Holztür zur Seite. Er sollte nicht hier sein. Außer einigen Gazala und dem Dunklen hatte niemand Zutritt zum Kerker Nandalees.
Die Jägerin musste ihn bemerkt haben. Mit hasserfüllten Augen sah sie zur Tür. Dann nahm sie einen der rohen Fleischklumpen und begann, wie ein Tier zu fressen. Das hatte sie jedes Mal getan, wenn er gekommen war. Was ging nur in ihr vor? Was hatte ihren Verstand zerstört? Hatte sie zu sehr geliebt?
Der Dunkle hatte sie angekettet wie ein Tier, aber sie hätte das Bett benutzen können, die Waschschüssel … War das ihre Art, den Erstgeschlüpften zu bestrafen? Und wie lange würde dieses unsinnige Duell andauern?
Der Schwertmeister konnte es nicht ertragen, Nandalee auf diese Art zu sehen. Er öffnete sein Verborgenes Auge, und der Blick auf die magische Welt tilgte, was ihm seine Augen zeigten. Nandalees Aura glühte rot. Ungebändigter Zorn regierte sie. Und er durchdrang auch die kleinen Auren. Sie trug Drillinge in ihrem Leib! Drillinge!
Sie waren unschuldig. Ihre Aura hätte golden sein sollen, doch der Zorn ihrer Mutter hatte schon auf sie übergegriffen. Statt Gold sah er einen dunklen Kupferton. Die Auren der Kinder waren von ungewöhnlicher Stärke. Sie hatten jetzt schon Macht. Sie würden bedeutende Zauberweber werden. Doch da war noch etwas, das er nicht zu deuten vermochte. Es haftete ihnen ein Makel an. Gewiss, er hatte in seinem Leben nicht viele Schwangerschaften beobachtet. Aber hier schien die Harmonie gestört. Es sah aus, als würden die Kinder gegen ihre Mutter ankämpfen. Und als würden sie das wissen … Aber sie konnten doch noch keinen Verstand haben, oder?
Spürten sie vielleicht, wie ihnen Nandalees Zorn ihre Unschuld nahm? Oder trugen sie auf rätselhafte Weise zu diesem Zorn bei? Er hatte eine Koboldschamanin einmal über Schwangerschaftswahn reden hören. Manche Frauen waren nicht dazu geschaffen, Kinder auszutragen. Galt das auch für Nandalee?
Nodon sah zu Firaz, der blinden Gazala, die heute als Wache bei Nandalees Kerker eingeteilt war. »Hast du sie dir angesehen?«
Die Seherin blickte mit ihren blinden Augen zu ihm auf. Sie kauerte an der Außenwand des Kerkers und genoss die Sonne. Lange, in Spiralen gedrehte Hörner krümmten sich über ihren Kopf hinweg zum Rücken hin. Ihr Oberkörper und ihr Gesicht waren elfenähnlich. Die Beine aber waren die von Gazellen. Wenn sie sich aufrichtete, überragte sie ihn. Der Blick der blinden Augen war Nodon unangenehm. Wie hatte er sie fragen können, ob sie Nandalee angesehen habe?
»Ich meine …«, begann er.
»Du musst dich nicht entschuldigen. Im Gegenteil. Schön, dass du einen Moment lang vergessen konntest, dass ich ein blinder Krüppel bin. Ich habe sie durch mein Verborgenes Auge gesehen. Ihr Zorn wird sie und die Kinder zerstören.«
»Aber …« Nodon war schockiert, wie unbeteiligt Firaz klang. »Ist dir das egal? Hast du ihr das gesagt? Weiß der Dunkle darum?«
»Ich bin eine Seherin, Nodon. Ich nenne die Dinge ungeschönt beim Namen. Das allein genügt schon, um sich viele Feinde zu machen. Ich greife niemals ein. Der Erstgeschlüpfte hat selbst gesehen, was dort geschieht. Ich kann dir nicht sagen, warum er nichts unternimmt. Es scheint, als wäre es eine Art Zweikampf zwischen den beiden. Ich habe ihn nie so aufgewühlt und unbeherrscht erlebt wie in der Nähe dieser Elfe. Sie tut ihm nicht gut. Es ist besser, wenn sie und ihre Kinder sterben.«
Nodon war sprachlos. Das war mehr Offenheit, als er gewollt hatte.
Firaz lächelte. Sie musste seiner Aura angesehen haben, welche Wirkung ihre Worte auf ihn gehabt hatten. »Entschuldige, ich habe längst alles Gefühl für die Gegenwart verloren. Das ist der Preis dafür, wenn man die Zukunft sieht. Nandalee ist gefährlich, Nodon. Sieh dir ihre Aura an! Sie ist ein loderndes Feuer. Wer ihr nahe ist, der verbrennt. Selbst ihre eigenen Kinder. Sie kann sich niemandem unterwerfen. Sie begehrt gegen jede Ordnung auf! Wenn sie überlebt, dann wird sie die Ordnung der Welt, wie wir sie kennen, zerstören. Der Dunkle hat mir verboten, zu anderen über die Zukünfte, die ich sehe, zu sprechen. Aber glaube mir, unsere Welt wird Asche sein, wenn Nandalee lebt. Sie wird die Herrschaft der Himmelsschlangen zerbrechen, und die Menschenkinder werden nach Albenmark kommen, um das Banner eines toten Baumes zu hissen, den sie anbeten, als wäre er ein Gott.«
»Die Menschen kommen nach Albenmark?« Das konnte Nodon sich nicht vorstellen. Diese unvollkommenen, schwächlichen Kreaturen. »Wie sollten sie die Albenkinder je besiegen?«
»Erst müssen wir uns selbst besiegen. Sie werden kommen, wenn es keine Himmelsschlangen mehr gibt, die Albenmark schützen. Und auch keine Drachenelfen mehr.«
Sie hatte zu viele Zukünfte gesehen, dachte Nodon ärgerlich. Firaz war verrückt! Er wandte sich ab und sah erneut durch das kleine, vergitterte Fenster. Nandalee krümmte sich, als hätte sie Schmerzen. Da war Blut im Stroh. Bei den Alben! Er griff nach dem Riegel. Und wenn es ihn den Kopf kostete, er würde nicht einfach nur zusehen. »Ruf den Dunklen! Es geht ihr schlecht! Schnell!«
»Er wird es wissen«, entgegnete die Gazala ruhig. »Sie ist eine Drachenelfe. Er weiß um euch alle. Auch, dass du gerade seine Befehle missachtest.«
Nodon schob den Riegel zurück. Ihm waren die Befehle egal. Er war mit Nandalee auf Nangog gewesen und hatte gegen die goldköpfige Schlange gekämpft, gegen Jaguarmänner und Adlerritter. Er hatte an ihrer Seite das schreckliche Beben überlebt, das die Goldene Stadt in ein riesiges Feld aus zerbrochenem Gestein verwandelt hatte. Er würde jetzt nicht drei Schritt von ihr entfernt vor einer verschlossenen Tür stehen bleiben und zusehen, wie sie blutete.
»Und wenn sie mit deinem Mitleid rechnet, Nodon? Wenn es nur ein Trick ist, um sich zu befreien?«
Er riss die Tür auf.
Nandalee presste sich jetzt beide Hände auf den Unterleib. Dabei krümmte sie sich vor Schmerzen. Nodon wusste, wie man Verwundete auf dem Schlachtfeld versorgte. Aber das hier … Plötzlich verlor das Licht, das durch die Tür fiel, seine Strahlkraft. Nur ein Wimpernschlag, und der Dunkle kniete neben ihr. Er zog ihre Hände zur Seite. Die Luft in der Kammer begann zu vibrieren, als er ein Wort der Macht rief.