»Gut gesprochen!«, kam es von den Zwergen.
»Kein Zwerg ist Anführer von Trollen!« Am Ende der Halle erhob sich eine riesenhafte Gestalt. Hornbori schluckte hart beim Anblick des Kriegers, der die Feuergrube entlang auf ihn zukam. Selbst unter den anderen Trollen musste er ein Hüne sein. Sein Wanst und seine Arme waren mit wulstigen Narben bedeckt. Ein Teil seiner Oberlippe war abgetrennt, sodass deutlich seine gelben Fangzähne zu sehen waren.
»Wie heißt du, Krieger?«
»Brass nennt mich meine Mutter.« Er schritt unbeirrt weiter. »Alle anderen nennen mich Mammutwürger.«
»Hebt mich auf eines der Fässer«, raunte Hornbori den beiden Lastenträgern zu, die ihm am nächsten standen.
Augenblicklich wurde er bei Armen und Hüften gepackt und emporgehoben. Der Zwerg reichte Brass, der nun direkt vor ihm stand, selbst jetzt nicht einmal bis zum Bauchnabel. Aber wenigstens befand er sich nun oberhalb des schmuddeligen Lendenschurzes, den der Krieger um seine Hüften gewickelt trug.
Hornbori stieß mit der roten Stange auf den Deckel des Fasses und stützte sich dann darauf. Es war gut, sich an der Stange festzuhalten. So sah niemand, wie ihm die Hände zitterten.
»Mammutwürger!«, sagte er dann mit wohlklingender, dunkler Stimme. »Wie kommt man denn zu so einem Namen?«
Der Troll ließ die Muskeln seiner Arme spielen. »Rate!«
»Dann wisse, Mammutwürger, ich würde mich niemals zum Anführer der Trolle aufschwingen. Ich bin der Anführer von uns allen.«
Der Hüne sah ihn aus kleinen, blauen Äuglein an. »Anführer ist der beste Kämpfer. Du hast den ersten Schlag.«
Aus der Ecke der Trolle kam dröhnendes Gelächter.
»Schlag ihm ’ne Axt in die Fresse!«, rief einer der Kobolde vorlaut. »Ich leih dir meine.«
Hornbori schwieg und wickelte mit zitternden Händen das Tuch vom Kopf der Stange. Darunter kam ein goldenes Drachenhaupt zum Vorschein, von dem ein Schlauch aus feiner, roter Seide hing.
»Bei uns Zwergen ernennen die Alten aus der Tiefe die Anführer. Mich jedoch hat er hier zum Anführer dieser Schar berufen.« Er hielt die Standarte hoch, sodass jeder das goldene Drachenhaupt sehen konnte.
»Das lebt nicht!«, sagte Mammutwürger, wich aber doch ein Stück zurück. »Das Ding spricht nicht. Das macht dich nicht zum Anführer.«
»Täusche dich nicht«, rief Hornbori mit Donnerstimme. »Die Augen des Goldenen sehen uns durch diese Standarte. Stellst du dich gegen mich, dann stellst du dich auch gegen ihn! Und nun höre seinen Groll!« Hornbori schwenkte die Standarte. Der Seidenschweif bauschte sich auf, sodass es aussah, als wäre ein langer roter Schlangenleib mit dem goldenen Kopf verbunden. Plötzlich erklang ein dunkler, unheimlicher Ton, der tief in die Eingeweide fuhr. Gobhayn hatte sich selbst übertroffen! Das war noch besser, als Hornbori es sich vorgestellt hatte. Ein System von Röhren, verborgen im Drachenhaupt, fing den Wind und erzeugte diesen Ton.
Mammutwürger wich noch ein Stück zurück. Sein Maul klaffte weit offen. Voller ungläubigem Staunen begaffte er die Standarte, die Hornbori schwenkte und die nun ganz so aussah, als glitte eine fliegende Schlange durch die Luft. Dabei schwoll der dunkle Ton, der aus dem Maul des Drachen kam, immer weiter an.
Hornbori stieß den Fuß der Standarte auf den Deckel des Fasses, der Ton verklang. »Du bist der Anführer der Trolle, Brass! Und gerne werde ich deinen Rat hören, wenn wir kämpfen, denn du bist ein weiser Krieger. Ich aber führe euch alle, weil es sein Wille ist.« Noch einmal hob er die Standarte hoch empor. »Wir sind seine Auserwählten. Dorthin, wo die Gefahr am größten ist, schickt man nur seine Besten. Und darauf trinken wir jetzt! Wir sind die Drachenkrieger!«
Brass fand es gut. Oder er hatte auch einfach nur begriffen, dass er auf diese Weise sein Gesicht wahren konnte. Jedenfalls brüllte er aus Leibeskräften: »Auf die Drachenkrieger!«
Hornbori war sich nicht ganz sicher, ob die Zwerge und Kobolde einstimmten, weil sie die Trolle nicht alleine schreien lassen wollten oder weil sie wirklich überzeugt waren. Jedenfalls dröhnte die Festhalle von Hurrarufen auf die Drachenkrieger.
Hornbori sprang von seinem Fass, ließ anstechen und Trinkhörner verteilen. Jeder schöpfte so viel er wollte. Hornbori bediente sich beim Pilz und verteilte an die kleine Schar von Zwergen, die sich nach und nach um ihn versammelte, wohlgefüllte Hörner. Sie nahmen ihn gut auf. Sie wussten nur, dass er der Bewahrer der Goldenen Axt war, der höchstrangige Krieger der Ehernen Hallen, und es war ihnen eine Ehre, mit ihm anzustoßen.
Gerade sah alles so aus, als würden die Dinge doch einen guten Lauf nehmen, als ein Kobold an seinem Ärmel zupfte. »Auf ein Wort, Herr Zwerg.«
»Lass ihn in Ruhe«, wurde der Kleine sofort von einem blondbärtigen, etwas fülligen Zecher angefahren. »Störe Zwerge niemals, wenn sie gemeinsam trinken. Vor allem nicht, wenn du eine Scheißkoboldhackfresse bist.«
Der Kobold nahm seine rote Mütze ab. »Besoffene Zwerge sind wahrlich unangenehme Gesellschaft. Dabei könnt ihr so freundlich sein … Wenn nun unser ehrenwerter Anführer einen Augenblick seiner Zeit für mich erübrigen könnte?«
Der blonde Zwerg deutete mit seinem Trinkhorn auf die rote Mütze. »Das da … Stimmt es? Diese Geschichten über eure roten Mützen.«
»Ich weiß leider nicht, welche Geschichten du gehört hast«, entgegnete der Kobold höflich, doch in seinen Augen funkelte ein tückisches Leuchten.
Er würde dem Ärger nicht aus dem Weg gehen, dachte Hornbori. Der Kleine hatte ein hartes, von Wind und Wetter gezeichnetes Gesicht. Seine Mundwinkel hatten sich tief in sein Antlitz gegraben, sein schwarzes Haar war durchzogen von grauen Strähnen.
»Du weißt genau, welche Geschichten ich meine!«, polterte der Zwerg nun los. »Ihr färbt eure Mützen im Blut von toten Zwergen! Wir sollten euch kleine Drecksäcke alle an die Wand dieser scheiß Halle nageln. Alle miteinander.«
»Das sind doch nur alberne Geschichten«, versuchte Hornbori den Streit abzuwiegeln. »Blödes Gerede, um alte Fehden neu anzuheizen. Wir werden doch nicht …«
»Nein, nein«, unterbrach ihn der Kobold. »Er wollte es wissen. Um des lieben Friedens willen werde ich nicht zum Lügner.«
Als Hornbori sein verschlagenes Lächeln sah, wurde ihm klar, dass der kleine Bastard diesen Streit von Anfang an geplant hatte. Bevor er einschreiten konnte, sprach der Kobold weiter: »Aufrichtigkeit gilt doch sogar unter Zwergen als eine Tugend. Also, ihr Zwerge könnt wirklich nett sein, vor allem …« Er drehte die Mütze in seinen Händen und betrachtete sie, als stünden ihm bei ihrem Anblick alte Erinnerungen wieder ganz klar vor Augen. »… wenn es ans Sterben geht. Der, in dessen Blut ich diese Mütze gefärbt habe – es war ein Blonder wie du. So lange hat er mich angefleht, ihm die Kehle durchzuschneiden. Zuletzt hat er immerzu nach seiner Mutter gerufen … Ich weiß nicht, wie das bei euch so aussieht, aber ich finde es immer peinlich, wenn Männer nicht mit Würde abtreten können.«
»Du …« Der blonde Zwerg griff nach seiner Axt.
»Nicht!« Hornbori schob ihn zurück. »Trink weiter, und ich rücke dem hier mal den Kopf zurecht. Eine Axt brauche ich dafür nicht!« Er packte den Kobold und wollte ihn vor sich herschieben, als der ihn in die Hand biss. In jene Hand, deren Innenseite seit dem denkwürdigen Tag in Galars Höhle unverwundbar geworden war. Leider galt das nicht für den Handrücken. Hornbori spürte, wie sich die spitzen Zähne in sein Fleisch gruben. Zugleich merkte jedoch auch der Kobold, dass etwas nicht stimmte.
Bevor der kleine Bastard sehen könnte, dass sein Handrücken blutete, drehte Hornbori die Hand, zog sein Messer und stieß es sich mit sichtlicher Kraft in die offene Hand. Ohne Wirkung!
Der Kobold blinzelte verblüfft. »Was ist das denn für ein Trick?«
Hornbori hielt ihm das Messer hin. »Versuch es selbst. Du hast einen Dolchstoß frei. Sollte ich auch dann nicht bluten, habe ich einen Dolchstoß frei!«