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»Wie hat es ausgesehen, das Kind, das er geholt hat? War es ein Mädchen? War es sein Arm …«

Nodon räusperte sich leicht. »Ich habe es nicht gesehen. Ich habe dich festgehalten.«

Er war ein schlechter Lügner. »Hat es gelebt?«

»Ich sagte doch, ich hab es nicht gesehen!«

»Aber du hast es doch vielleicht gehört«, beharrte Nandalee. »Hast du es gehört?«

Der Schwertmeister nickte. »Ja. Es … es hat geweint.«

Wieder hatte sie das Gefühl, dass er sie anlog. »Also lebte es. Was ist mit ihm geschehen?«

»Er hat es weggetragen. Ich weiß nicht, was er mit deinem … Kind getan hat.«

Was fiel ihm so schwer zu sagen? Was für ein Geheimnis verbarg er vor ihr? »Es ist jetzt also irgendwo und lebt.«

Nodon seufzte. »Es wurde viel zu früh geboren, Nandalee. Es wurde mit Gewalt aus deinem Leib gerissen, auch wenn keine sichtbare Wunde oder Narbe geblieben ist. Es kann nicht leben. Es war noch nicht so weit … Es … Du willst dieses Kind nicht sehen. Es ist tot und begraben.«

Sie sah ein, dass weitere Fragen zwecklos waren, so vehement, wie Nodon, der sonst eher ein großer Schweiger war, sich widersetzte. Doch wollte sie nicht aufgeben. Sie würde herausfinden, was mit dem Kind geschehen war. Um das erreichen zu können, musste sie sich aber anders verhalten. Nodon und vor allem der Dunkle mussten überzeugt sein, dass ihr Widerstand gebrochen war, dass sie sich endlich fügte.

»Wahrscheinlich ist es besser, dass ich es nicht gesehen habe«, sagte Nandalee leise. »Wo bin ich hier?«

»Dort, wo du hingehörst«, entgegnete der Schwertmeister feierlich. »In der Felsenburg der Drachenelfen, hoch über dem Jadegarten, bei deinen Brüdern und Schwestern. Es ist der beste Ort, um deine Kinder zur Welt zu bringen. Hier sind sie in Sicherheit. Und wenn sie würdig sind, werden sie dereinst in unsere Reihen aufgenommen werden.«

Das war das Letzte, was Nandalee wollte. Ihre Kinder sollten keine Mörder in Diensten der Himmelsschlangen werden! In einem aber hatte Nodon recht. Hier waren sie in Sicherheit. Überall anders in Albenmark würde der Goldene ihr nachstellen, um den Verrat, den Gonvalon an ihm begangen hatte, auch an dessen Kindern zu rächen. Sie konnte gar nicht fort von hier.

Ohne Zweifel

Er hatte sie so lange nicht zu sich rufen lassen … Lyvianne war sich zum ersten Mal ihrer Gefühle gegenüber dem Goldenen nicht sicher. In der Vergangenheit hatte sie sich oft für lange Zeit zurückgezogen. Jedes Mal, wenn sie ein Kind geboren hatte und es prüfte. Manchmal war sie für Jahre nicht vor ihn getreten, aber das war anders gewesen. Er hatte sie ziehen lassen, und es hatte niemanden gegeben, der ihren Platz stahl. Doch dann hatte er zugelassen, dass Bidayn vor die Himmelsschlangen trat und über die Ereignisse auf Nangog berichtete. Ihre Schülerin!

Lyvianne schritt zwischen den kahlen, schwarzen Bäumen der Lichtung entgegen. Sie konnte spüren, dass er dort wartete. Kalter Nebel umspielte ihre bloßen Füße. Sie trug ein schneeweißes Kleid von so zartem Stoff, als wäre es selbst aus Nebel gewoben. Sie war schön, Lyvianne hatte das hundertfach in den Blicken von Männern gelesen. Sie war machtvoll. Sie lebte nicht in der Haut einer Fremden, um sich vor ihren Narben zu verstecken. Was hatte Bidayn ihm bieten können? Worin vermochte sie diese undankbare kleine Schlampe nicht zu übertreffen?

Sie trat auf die weite Lichtung hinaus. Der Goldene erwartete sie in Elfengestalt. Er hob lächelnd die Hand zum Gruß, und Lyvianne ging das Herz auf. So sehr hatte sie vermisst, sich in seinem Lächeln zu sonnen. Sie war ihm ergeben, ganz und gar. Nicht mehr seine Favoritin zu sein verzehrte sie!

Sanftes Licht umspielte die Gestalt des verwandelten Drachen. Sein langes, blondes Haar bewegte sich sacht im Wind, der auch mit dem weißen Seidenumhang spielte. Er trug einen weißen, taillierten Leinenpanzer, der auf der Brust eine goldene Sonne zeigte. Ein Langschwert und ein prächtiger Dolch hingen von seinem Waffengurt. Rubinknäufe, in denen ein unstetes Licht glühte, schmückten die Schwerter. Sein Lächeln verbannte den Groll aus Lyviannes Herz. Jetzt, in diesem Augenblick, war er ganz bei ihr, das las sie in seinen Augen. Nichts anderes auf der Welt war mehr von Bedeutung für ihn.

Euer Ärger umfängt Euch wie eine hässliche, rostende Rüstung, meine zauberhafte Lyvianne. Sie steht Euch schlecht zu Gesicht, diese Wehr. Was muss ich tun, um Euch dazu zu bringen, sie abzulegen?

Seine Worte waren in ihr, tief in ihrem Kopf. Sie waren wie Seide, der Sand anhaftete. Weich, aber nicht zart. Nicht tief verletzend, aber keinesfalls schmeichelnd.

Lyvianne stand nun nur noch drei Schritt vom Goldenen entfernt. So oft war sie ihm begegnet, doch nie war es gewesen wie heute. Sie spürte durch die Freundlichkeit hindurch, dass sie seinen Groll erweckt hatte. Aber womit? Er war es doch, der sich von ihr abgewandt hatte! Er hatte geduldet, dass Bidayn vor dem Rat der Drachen von den Ereignissen auf Nangog berichtet hatte. Wäre es wenigstens noch Nandalee gewesen … Sie war die Anführerin der Mission gewesen. Aber warum war Bidayn, die von allen am wenigsten zum Gelingen beigetragen hatte, die höchste Ehre zuteilgeworden?

Es ist Eifersucht, die Euch quält? Horcht in Euch hinein! Findet Ihr wirklich nicht die Antwort, warum nicht Ihr vor den Himmelsschlangen willkommen wart?

Lyvianne war verzweifelt. Sie wollte seine Gunst zurückgewinnen. Sie hatte unter seiner Missachtung mehr gelitten, als sie sich je hätte vorstellen können. Und nein, sie wusste nicht, warum sie bestraft wurde.

Die Dame Bidayn hat mich und meine Brüder in ihren Gedanken lesen lassen. Wir alle sahen, dass Ihr einen Feind geheilt habt, Lyvianne. Den Unsterblichen Aaron! Er war verletzt. Vielleicht hätte er ohne Euch auf immer sein Augenlicht verloren.

»Ganz gewiss hätte er das nicht!«, brach es aus Lyvianne heraus. »Wie konntet Ihr nur denken, ich sei eine Verräterin! Er steht unter dem Schutz des Löwenhäuptigen. Der Devanthar hätte ihn ohnehin geheilt. Aber so hatte ich Gelegenheit, in seinen Gedanken und Erinnerungen zu lesen, und ich habe erstaunliche Dinge erfahren. Dieses Wissen könnte den Verlauf des Krieges verändern. Es wäre wichtig gewesen, dass ich vor dem Rat berichte.«

Der Goldene lächelte sie an, doch seine Augen blieben hart, und überdeutlich spürte sie seine Missbilligung. Ihr meint das falsche Spiel, das die Devanthar mit ihren Herrschern treiben? Ich bitte Euch, meine Dame. Glaubtet Ihr wirklich, das sei uns über all die Jahrhunderte, die es nun schon währt, verborgen geblieben? Wir wissen, was für ein Gaukelspiel die Devanthar mit ihren Völkern treiben. Wissen, dass sie die Erinnerungen aller Unsterblichen hin und wieder auf einen jüngeren Mann übertragen, um dann den vorherigen Herrscher spurlos verschwinden zu lassen.

Lyvianne war überrascht. Sie versuchte gar nicht erst, es sich nicht anmerken zu lassen. Der Goldene konnte in ihren Gefühlen wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen. »Es gibt noch etwas, das ich in den Erinnerungen Aarons gefunden habe. Und das ist womöglich noch wichtiger. Es geht um ein Erlebnis, das er hatte und das ihn noch heute manchmal in seinen Alpträumen quält.«

Nun war es der Goldene, der überrascht war, als er in den gestohlenen Erinnerungen las und sah, was Aaron hinter einer hohen Mauer verborgen hatte. So überrascht, dass er nicht weiter in Gedanken zu ihr sprach. »Habt Ihr irgendjemandem davon berichtet, meine Dame?«

»Selbstverständlich nicht. Ich diene allein Euch, mein Gebieter. Mir war sofort klar, dass dieses Wissen zu bedeutend war, um es mit anderen zu teilen.« Ganz besonders mit dieser falschen Schlange Bidayn, dachte Lyvianne.

Als der Goldene sie an seinen Gefühlen teilhaben ließ, waren diese so intensiv, dass es ihr den Atem abschnürte und ihr die Brust eng wurde. Die Bitternis der verstrichenen Monde wurde hinweggebrannt. Es tat ihm leid, sie jetzt erst zu sich gerufen zu haben, ja, er empfand Respekt vor ihr. Es war überaus klug, sich auf diesem Wege Zugang zu seinen Erinnerungen zu verschaffen, meine Schöne. Ich hätte es wissen müssen, dass Ihr niemals unbedacht oder aufgrund sentimentaler Regungen handelt, verehrte Lyvianne. Ihr seid die Meisterin unter all meinen Dienerinnen. Verzeiht, dass ich mich von Bidayn habe blenden lassen.