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Die Männer riefen aufgeregt durcheinander und kletterten auf das Floß.

Der Wolkensammler hatte sie bald erreicht. In weiten Kehren flog er über der primitiven Plattform, die sie gezimmert hatten, ganz so, als wollte er ihnen zeigen, was für Kapriolen er nun am Himmel schlagen konnte.

Kolja stieg als Letzter auf das Floß. Kaum war er an Bord, ließ Wind vor regenschwerem Horizont seine Fangarme herabsinken. Sie schlangen sich um jene kräftigen Balkenenden, die weit über den Rand der Plattform hinausragten. Leicht schwankend wurden sie emporgehoben.

Koljas Finger gruben sich in den Handlauf der Reling, als ihn etwas Feuchtes im Nacken berührte.

Wo ist Nabor, drang die vertraute Stimme des Wolkensammlers in seine Gedanken.

»Von uns gegangen«, sagte der Drusnier beklommen. »Lies in meinen Gedanken, was geschehen ist. Du weißt, ich habe keine Geheimnisse vor dir.«

Die Männer beobachteten ihn. Etwa die Hälfte hatte sich in die Landungskörbe zurückgezogen. Die Übrigen aber wollten erleben, wie sie in den Himmel hinaufstiegen. Die fleischigen Schwingen des Wolkensammlers bewegten sich in sanftem Schlag. Gemächlicher als Vogelflügel. Er hatte wieder auf einen südlichen Kurs gedreht, und eisiger Fahrtwind strich über das offene Deck.

Ich verstehe euch Menschenkinder nicht. Du hast ihn töten lassen, weil ich davongeflogen bin? Was hatte das mit ihm zu tun?

Du hast uns allen Angst gemacht, als du uns verlassen hast. Menschen, die Angst haben, tun unvernünftige Dinge. So ist das mit uns. Ich habe große Hoffnungen auf dich gesetzt und konnte mir nicht erklären, warum du davongeflogen bist. Hätte ich den Zorn der anderen nicht auf Nabor gelenkt, hätte er sich gegen mich gerichtet. Kolja schickte dem Wolkensammler seine Gedanken, damit die Wolkenschiffer nicht Zeugen der Wahrheit wurden.

Willst du mir sagen, ich sei schuld an seinem Tod?

Der Drusnier spürte die Betroffenheit von Wind vor regenschwerem Horizont. Warum bist du davongeflogen?

Ich musste meine Schwingen erproben. Musste mich mit meinem neuen Leib vertraut machen. Ich konnte euer kleines Schiff nicht sofort emporheben. Ich hatte Sorge, euch in Gefahr zu bringen.

Dann war es deine Vorsicht, die Nabor umgebracht hat, dachte Kolja. Er spürte, wie der Tentakel in seinem Nacken zuckte.

Ich werde euch Menschenkinder niemals verstehen. Ihr seid so voller dunkler Gefühle. Angst, Zorn, Gier. Mein Volk kennt die meisten dieser Regungen nicht. Ich weiß nicht, ob es ein Mangel oder Segen ist. Heute hat meine Unwissenheit einen guten Mann getötet.

Der Wolkensammler verbarg seine Gefühle vor Kolja. Lange glitten sie schweigend über das Land. Wind vor regenschwerem Horizont flog kaum mehr als hundert Schritt hoch. Sie bewegten sich wesentlich schneller als auf dem Hinweg, als sie allein ein Spielball des Windes gewesen waren.

Deute ich deine Gedanken richtig, Kolja? Du willst in die Goldene Stadt. Warum nicht zu Tarkon Eisenzunge. Dienst du nicht länger der Großen Göttin?

»Ich habe eine alte Schuld zu begleichen«, flüsterte Kolja. Er war in die äußerste Ecke des Floßes zurückgewichen, während seine Männer inzwischen in der Hütte aus den Landungskörben Zuflucht vor dem eisigen Wind gesucht hatten.

Du willst mich verschenken! Der Wolkensammler klang amüsiert.

»Für dich bin ich wohl kaum mehr als eine Ameise. Könnte eine Ameise einen Menschen verschenken?«

Sie könnte zumindest davon träumen.

»Wird mein Traum in Erfüllung gehen?«

Wirst du erneut jemanden der Großen Göttin opfern, wenn es nicht so ist.

Kolja spürte, dass Wind vor regenschwerem Horizont in seltsamer Stimmung war. Verärgert, aber noch nicht wütend. Verwundert auch und aufgewühlt. Und ratlos. Der Drusnier entschied frech zu sein, statt zu kuschen. Der Wolkensammler war ihm zu fremd, als dass er hätte voraussehen können, wie Wind vor regenschwerem Horizont reagieren würde.

»Würde es helfen, noch ein Opfer zu bringen?«

Finde es heraus. Wir haben noch eine lange Reise vor uns.

Der Fangarm löste sich aus Koljas Nacken und zog sich zurück. Der Drusnier atmete schwer aus. Da war ein Gedanke gewesen, den Wind vor regenschwerem Horizont nicht in Worte gekleidet hatte. Kurz hatte der Wolkensammler erwogen, ihn zu packen und hinab auf die weite Eisebene zu schleudern.

Die Rückkehr der Eiskrieger

»Ich habe nie geglaubt, dass es Zufall war, dass wir mitten in der Nacht in die Goldene Stadt zurückkehrten. Die Straßen waren wie leer gefegt. Kaum einer hat die abgerissene Schar gesehen, die zurückkehrte. Es waren auch nicht viele. Weniger als dreihundert, und etliche von ihnen brauchten andere Männer, die sie stützten, denn die tausend Treppen der Stadt aus Gold konnten wir nicht mehr gehen.

Ich weiß nicht, was mit den anderen geschah, aber wir Luwier wurden im Palast des Unsterblichen Labarna versteckt. Bei den Göttern, was haben sie uns angetan. Wir bekamen gute Quartiere, gutes Essen und gute Huren. Ich weiß nicht, ob es das Essen oder die Huren waren. Ich war zu erschöpft, um beides in vollen Zügen zu genießen. Aber ich werde nie vergessen, wie ich die Helden, die alles Ungemach überstanden hatten, am Boden sah. Sie wanden sich in Krämpfen, nachdem sie getafelt hatten, als gäbe es kein Morgen mehr. Lagen am Boden, kotzten und verreckten.

Jetzt noch stehen mir die Tränen in den Augen, wenn ich an diese Nacht denke. Wo bleibt die Gerechtigkeit? Sie hatten so vieles erduldet, mehr ertragen, als ein Mensch zu ertragen geschaffen ist, und dann starben sie, als sie sich in Sicherheit wähnten und ein erstes gutes Essen vor ihnen stand. Köstlicher Hammelbraten, von dem nur so das Fett troff, Eier ohne Zahl, frische Äpfel, gut gewürzte Bohnen und dazu Wein und Bier.

Und das war noch nicht das Ende. Viele waren krank zurückgekehrt oder so erschöpft, dass alles Öl, das unser Lebenslicht befeuert, aufgebraucht war. Sie starben an Auszehrung, unbehandelten Wunden, an den Krankheiten, die mit den Läusen kommen, oder an dem, was sie im Eis gesehen hatten und was ihnen für immer den Seelenfrieden raubte. Ich lag in einem Quartier mit ihnen. Ich habe ihre Schreie in der Nacht gehört, habe ihre Hände gehalten, wenn das kalte Fieber sie überfiel und sie mit glasigen Augen immer wieder von den Geistern erzählten, die das Lebenslicht tranken, oder davon, wie sie einem Kameraden die Decke gestohlen hatten, ihn sterben ließen, um selbst zu überleben. Es waren diese dunklen Taten, die sie auch in vermeintlicher Sicherheit nicht losließen und zurück in die Dunkelheit zogen. (…)

Ist heute aber die Rede von den letzten Eiskriegern, dann packt mich der Zorn, denn die meisten, die diesen stolzen Ehrentitel tragen, haben ihn sich gestohlen. Es sind jene Männer, die mit Ansur zurückkehrten. Gewiss sind viele von ihnen tapfere Krieger, aber sie haben nicht einmal einen einzigen Tag im Eis gefochten, nur das letzte Gefecht um die Schlitten geliefert.

Von jenen, die mit dem Heer der sieben Königreiche gekommen waren, kehrten nur sieben von hundert zurück, um auch in den Kämpfen, die da noch kommen sollten, ihre Waffen zu erheben.

Was dort geschah, hätte uns Warnung sein sollen. Die Daimonen zeigten uns all ihre Heimtücke. Und das sollten sie auch fortan tun. Sie hatten sich entschieden, die Welt Nangog lieber in Strömen von Blut zu ertränken, als sie uns zu überlassen. Und wir waren so dumm zu glauben, wir könnten ihnen trotzen.«

Zitiert nach: Das Buch der Schrecken.
Verfasser: Verschiedene, eine Sammlung von Berichten überlebender Eiskrieger. Niedergeschrieben nach dem Rückzug der Menschenkinder von Wanu. Verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Saal der Versunkenen Königreiche, Regal X, Brett III, Truhe IV, Tafeln CCIX – CCXII.