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Jedes einzelne Wort war Balsam für ihre Seele. Zugleich aber fühlte Lyvianne sich beschämt, ihn dazu gedrängt zu haben, sich bei ihr zu entschuldigen. Er war ein Himmlischer! Er stand über Entschuldigungen, und ihn in eine solche Lage zu bringen war respektlos. Bestürzt überlegte sie, wie sie diesen unverzeihlichen Fehler wiedergutmachen konnte. Sie vermochte ihm nicht länger in seine bernsteinfarbenen Augen zu sehen. Beschämt senkte sie den Blick.

»Es ist alles gut.« Seine warme, männliche Stimme ließ sie erschauern. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und hob mit der anderen ihr Kinn, sodass sie nicht anders konnte, als ihm ins Angesicht zu blicken. In dieses stolze, herrschaftliche Antlitz mit den edel geschwungenen Lippen. Jenen Lippen, die sie, während er sie tätowiert hatte, so leidenschaftlich liebkost hatten.

»Auch mir mag es geschehen, dass ich eine Lage falsch einschätze. Ich bitte darum, dass Ihr mich auch in Zukunft darauf hinweist, wenn ich Bedeutendes übersehe.« Er lächelte warmherzig. »Und wartet – falls es noch einmal geschieht – bitte nicht wieder viele Monde, bis Ihr vor mich tretet, um mich auf meinen Irrtum hinzuweisen. Wir kennen einander nun schon so lange, Dame Lyvianne. Ihr solltet wissen, wie sehr ich Euer Urteil schätze und dass sich niemals jemand zwischen uns drängen kann.«

Lyvianne wusste, dass sein ganzes Wesen von Magie durchdrungen war. Einer Magie, die selbst das Licht, das ihn umfing, dazu brachte, heller zu leuchten, und die die Luft mit Wohlgerüchen erfüllte, wo immer er weilte. Es war Zauberwerk, wenn allein ein freundlicher Blick von ihm genügte, einem das Herz aufgehen zu lassen. All das wusste die Elfe, aber sie wollte sein Lächeln und seine freundlichen Worte nicht hinterfragen. Es stimmte, sie war ganz und gar die Seine. Sie hatte sich entschieden, sich für ihn in Stücke schneiden zu lassen, wenn es darauf ankäme, als er sie als eine seiner Drachenelfen auswählte. Nie würde sie vergessen, welch unbändiger Stolz sie erfüllt hatte, als der Goldene sie in der Weißen Halle zur Seinen gemacht hatte. So wie damals, so fühlte sie noch jetzt. Und sie war ihm dankbar, dass sein Lächeln und seine Worte alle Zweifel aus ihrem Herzen gebrannt hatten.

»Ich werde Euch nun um etwas bitten müssen, meine Dame, was Euch in höchste Gefahr bringen wird. Eine Tat, deren Ruhm niemals auf Euch abstrahlen wird, denn niemals darf offenbar werden, dass wir es waren, die den kühnen Schritt wagten, sich gegen meine Brüder und die Devanthar zugleich zu stellen. Geht an den Ort, den Ihr in den Erinnerungen des Unsterblichen Aaron gesehen habt. Und wenn Ihr dort findet, was wir dort vermuten, dann bringt es mir. Ihr werdet das Schicksal dreier Welten in Eure Hände nehmen, meine Dame. Und es gibt niemanden, den ich mit mehr Zuversicht auf diese schier aussichtslose Mission schicken würde als Euch, meine unbeugsame Lyvianne. Ihr seid die Einzige, die es schaffen kann.«

Lyvianne war – gegen alle Vernunft – überwältigt. Es war ein Todeskommando. Und sie freute sich darauf, für ihre Himmelsschlange das Unmögliche zu wagen.

Ein heißer Tag

Die Hitze verwandelte den Horizont in Schlieren von flüssigem Glas. Zumindest sah es so aus. Die Luft tanzte in der unbarmherzigen Sonne. Lyviannes Streitwagen zog eine Staubfahne hinter sich her, die in der von flachen Hügeln durchsetzten Ebene auf viele Meilen zu sehen sein musste. Sie war vom Weg abgewichen, denn bevor sie sich der tödlichen Gefahr des Geheimnisses stellte, das sie aus Aarons Erinnerungen gestohlen hatte, wollte sie sich den Ort ansehen, der den Herrscher Arams verwundbar machte.

Sie hatte den Goldenen nicht um Erlaubnis gefragt. Jetzt, da sie seinem Zauberbann entwichen war, sah sie die Begegnung mit ihm in einem anderen Licht. War es wirklich Vertrauen gewesen, das ihn dazu bewogen hatte, sie hierherzuschicken, weil ihr das Unmögliche gelingen mochte? Oder hatte er sie ausgesandt, um zu sterben? Es wäre nicht das erste Mal, dass er seine Drachenelfen wie Pfeile einsetzte, die man abschoss und vergaß. Wenn sie ihr Ziel fanden und töteten, hatten sie ihre Aufgabe erfüllt. So war es Talinwyn ergangen, der Schülerin Gonvalons, die gleich auf ihrer ersten Mission umgekommen war, nachdem sie den Unsterblichen Aaron von seinem Wolkenschiff gestoßen und dafür gesorgt hatte, dass heimlich ein Bauer zum Herrscher über eines der sieben Großreiche wurde. Lyvianne hatte die Elfe in den Erinnerungen Aarons gesehen. Und in ihren Augen gelesen … Talinwyn hatte gewusst, dass sie sterben würde. Aber wenigstens hatte sie ihre eigene Rüstung getragen, als sie in ihren letzten Kampf gegangen war.

Lyvianne hasste die Rüstung, die sie tragen musste, noch mehr als die Männergestalt, die sie angenommen hatte. Es war eine plumpe Tonne, nur eine schmucklose Brustplatte zusammen mit einem Rückenpanzer, der über ihre Schulterblätter scheuerte. Daran waren drei breite Metallstreifen geheftet, die sich wie quergelegte Fassdauben um ihre Taille, den Schritt und die obere Hälfte der Oberschenkel schlossen. Um ihren Hals war eine Berge gelegt, die bis zu ihrer Nasenspitze reichte. Und auf ihrem Kopf saß ein Eberzahnhelm mit einem langen Pferdeschweif, der von dessen Spitze wippte. Eberzähne! Diese Barbaren schätzten sie als besonders hart. Man musste schon ein Menschenkind sein, um sich solcher Torheit zu verschreiben. Sie spalteten die Zähne, bohrten Löcher hinein und nähten sie dicht an dicht auf den Helm. Von innen war ihr Helm mit Filz gefüttert, der sich in der Hitze mit ihrem Schweiß vollgesogen hatte, sodass er auf ihrer Stirn scheuerte. Ebenso wie seine Lederriemen ihre stoppeligen Wangen wundrieben.

Das mit Abstand übelste Ungemach, das ihr ihre Verwandlung beschert hatte, war jedoch ihr juckender Bart. Wie hielten Männer es nur aus, dieses Gestrüpp im Gesicht zu tragen? Unbegreiflich!

Die Elfe strich sich Schweiß von der Stirn. In der Rüstung kochte sie in dieser Hitze. Staub haftete auf der Bronze, ihren Händen und in ihrem Haar. Staub war ihre Standarte, die weit hinter ihrem Streitwagen herwehte. Fünf Tage schon fuhr sie durch das karge Land. Sie gab sich als Krieger aus, der aus Nangog heimkehrte, um seinem sterbenden Vater die letzte Ehre zu erweisen. Eine gute Geschichte, denn so sah man ihr nach, wenn sie finster blickte und es vorzog zu schweigen.

Endlich erhoben sich die Wipfel von Dattelpalmen aus den Schlieren geschmolzenen Himmels, die über das glühende Land flossen. Es war schwer, in der tanzenden Luft Entfernungen zu schätzen. Eine Meile oder doch noch zwei? Lyvianne dachte sehnsüchtig an das schattige Brunnenhaus, das es dort geben musste. Ein einziges Wort der Macht würde genügen, um einen Kokon aus angenehm kühler Luft um sich zu weben. Auch diese Welt war durchdrungen vom magischen Netz. Doch wenn sie danach griff, würde sie sich verraten. Keine Stunde würde vergehen, bis die Devanthar sie aufspüren würden. Sie waren die Spinnen in diesem Netz, und nur einen einzigen Faden vibrieren zu lassen rief sie herbei. Also schwitzte sie und ertrug es, wie diese verfluchte Rüstung ihren Körper wundscheuerte.

Alles, was sie an sich trug, war tatsächlich von Menschenkindern geschaffen. Kriegsbeute aus Nangog. Und den Streitwagen hatte sie mit gehacktem Silber gekauft, wie es diese Barbaren gerne verwendeten. Allein das Gewicht des Silbers zählte. Es war in kleine Barren gegossen, von denen sie Stücke abhackten, wenn das Gewicht den angemessenen Preis übertraf. Lyvianne wusste, dass sie für den Streitwagen zu viel gezahlt hatte. Aber er war brauchbar nach den Maßstäben, die für Menschenkinder galten. Seine Achse und die Räder waren stark. Der Boden aus geflochtenem Leder federte bei jedem Schlagloch, durch das sie fuhr. Der Wagen war leicht und schnell. Er erlaubte ihr, zügig voranzukommen. Und die beiden Roten, die ihn zogen, waren kräftig und ausdauernd. Dutzende verdreckte Messingamulette klirrten an ihrem Geschirr. Zerzauste Schwanenfedern flatterten in ihren Mähnen. So reiste ein Kriegerfürst in dieser Welt.