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Während die Pferde tranken, sah Lyvianne den Jungen durchdringend an. Daron redete immer noch. Von der Löwenstandarte und den Ungeheuern mit dem Schwanz im Gesicht. Er glaubte diese Geschichten tatsächlich! Plötzlich unterbrach er sich und sah sie an. »Hast du dort auch gekämpft?«

»Es war ein blutiger Tag«, sagte sie nur. Sie kannte die Bilder aus Aarons Gedanken. Die Elefanten, die durch das trockene Flussbett gestürmt waren, und das Gemetzel, das die wenigen Dickhäuter angerichtet hatten, die durchgekommen waren.

Eine Bewegung vor ihr auf der Straße ließ sie aufblicken. Ein hagerer, hellbrauner Hund war erschienen. Neugierig hob er den Kopf und sah zu ihnen her. Dann schien er etwas gehört zu haben. Er blickte zum Tor in einer nahen Mauer und machte sich eilends davon.

Lyvianne stellte sich etwas näher an die Tränke, sodass sie leicht nach dem Schwert greifen könnte.

Fünf Männer traten durch das Tor auf die Straße. Sie trugen Dreschflegel und sahen so aus, als könnten sie damit umgehen. Lyvianne konnte sie riechen, obwohl sie noch etwa zwanzig Schritt entfernt waren. Sie stanken nach Schweiß und zu lange getragenen Kleidern, was in Einklang mit den speckigen Tuniken stand, die sie trugen. Mit Ausnahme ihres Anführers waren es gedrungene, bullige Kerle mit kurzen, speckigen Hälsen. Jener hingegen war schlanker und trug einen halbwegs gestutzten, spitzen Bart, der sein Gesicht noch länger erscheinen ließ, als es ohnehin schon war. Erstes Grau umfing seine Schläfen. Er trug eine himmelblaue Tunika mit breitem, rot besticktem Saum, und im Gegensatz zu seinen Handlangern steckten seine Füße in Sandalen.

»Das ist Sinas Vater«, flüsterte Daron, als wäre damit alles gesagt. »Er glaubt, er kann hier allen sagen, wo es langgeht, nur weil er der reichste Bauer Belbeks ist.«

Die kleine Abordnung blieb etwa zehn Schritt vom Brunnenhaus entfernt stehen. »Wer bist du? Und was willst du hier?«, rief Sinas Vater ihr entgegen.

Lyvianne griff nach ihrem Schwert, legte es lässig über die Schulter und trat auf den sonnendurchglühten Platz. Der Geruch der Angst mischte sich unter den Gestank des Bauernpöbels. Die Dummköpfe standen so, dass sie die Sonne blenden würde, wenn es zu einem Streit käme.

Lyvianne löste mit der Linken den Kinnriemen ihres Helms. Dann packte sie ihn beim Rosshaarschweif und zog ihn sich vom Kopf. Der Goldene hatte ihr ein hartes, kantiges Gesicht für diesen Ausflug gegeben. Ein Gesicht, gezeichnet von Schlachten, der unbarmherzigen Sonne und der offensichtlichen Abwesenheit jeglicher Herzensgüte. »Wer bist du, mich auf offener Straße anzuschreien? Ist das die Gastfreundschaft von Belbek? Da bin ich auf manchem Schlachtfeld freundlicher empfangen worden. Oder ist das hier etwa ein Schlachtfeld?« Sie genoss es zu sehen, wie jegliche Farbe aus dem Antlitz des Anführers wich. Eigentlich sollten solche Spielchen unter ihrer Würde sein, aber es war zu heiß, sie hatte zu lange auf dem Streitwagen gestanden und sie verspürte Lust darauf, dieses unhandliche Schwert in Fleisch zu versenken.

»Ich heiße Behruz«, entgegnete der Anführer des Trupps und schaffte es, weder verärgert noch ängstlich zu klingen. »Die letzten Krieger, die in dieses Dorf kamen, brachten einen Toten. Männer in Rüstungen verheißen nichts Gutes. Was also führt dich hierher?«

»Mein Durst.«

»Deine Rüstung. Solche Rüstungen tragen die Krieger Luwiens.«

Lyvianne lächelte kühl. »Seit wir sie auf der Hochebene von Kush von ihren Streitwagen gezerrt haben, kann man sie auch häufig in Aram sehen.«

Einer der Bauern in Behruz’ Gefolge lachte.

»Wir haben hier keine Schenke und keine liederlichen Weiber. Ich fürchte, Belbek hat wenig Abwechslung zu bieten.«

»Willst du mich beleidigen, Bauer?«

»Ich möchte dich nur vor Enttäuschungen bewahren. All diese Dinge wirst du bei der Mine Um El-Amat finden. Du könntest sie noch vor Einbruch der Nacht erreichen. Deine Pferde sehen stark aus …«

Lyvianne war erneut versucht, Öl ins Feuer zu schütten. Warum war sie so auf Streit aus? Lag es wirklich an der Hitze oder daran, dass sie Angst vor dem hatte, was sie am nächsten Tag erwartete. »Bring mir Brot und Käse. Lasst mich im Schatten des Brunnenhauses ruhen. Ich bin keine Gefahr für euer Dorf. Ich bin nur ein durchreisender, müder Krieger, der an das Sterbebett seines Vaters gerufen wurde.«

Behruz strich sich nachdenklich über den Bart, dann straffte er seine Schultern. »Ihr seid selbstverständlich mein Gast. Bitte entschuldigt unser Misstrauen. Dieses Dorf liegt am Ende der Welt. Es kommen nur sehr selten Fremde hierher.« Bei diesen Worten wirkte er verlegen. »Wir haben wohl keine guten Umgangsformen …«

»Ich esse beim Brunnen«, entschied Lyvianne. Ein Festmahl bei dem Bauern würde alles nur verzögern. Sie wollte schnell fort von hier. Das Dorf zu besuchen war nur eine Ausflucht, um das Unausweichliche hinauszuschieben. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass der Goldene ihr das Kommando über eine ganze Gruppe von Drachenelfen geben würde. Sie allein zu schicken war der Bedeutung ihrer Entdeckung nicht angemessen. Es sei denn, er wollte, dass sie umkam.

»Wie Ihr wünscht, Herr. Ich werde Euch sogleich die besten Speisen bringen lassen, die unser Dorf zu bieten hat. Es gibt einen ausgezeichneten Ziegenkäse, und wir haben auch …«

»Macht Euch keine Umstände«, entgegnete sie knapp und wandte sich ab. Die Unterhaltung war ihr lästig. Sie wollte zurück in den Schatten.

»Komm her, Daron, und belästige unseren Gast nicht.« Behruz’ Stimme überschlug sich, als er den Jungen zu sich befahl. Lyvianne hatte ganz den Eindruck, dass Daron Ärger bekommen würde, weil sie mit ihm beim Brunnen zu stehen einem Festmahl mit diesem Dorfkönig vorgezogen hatte.

»Daron hat mir erzählt, dass sein Vater ein Freund des Unsterblichen Aaron war …«

»Der Kleine ist ein Aufschneider«, entgegnete Behruz abfällig. »Vergeudet nicht Eure Zeit mit ihm, Herr. Und du kommst jetzt her, Daron. Deiner Mutter wird es nicht gefallen, wenn du Fremde belästigst. Du solltest dich besser um sie kümmern, statt dich den ganzen Tag herumzutreiben!«

Daron kam aus dem Brunnenhaus. Er hielt den Kopf gesenkt. »Sie merkt nicht mal mehr, ob ich da bin oder nicht«, murmelte er mit halb erstickter Stimme.

»Was hat deine Mutter?«

»Das Sommerfieber«, antwortete Behruz an Stelle von Daron.

»Und wer pflegt sie?«

Der reiche Bauer zuckte mit den Schultern. »Da kann man nicht viel machen. Sie bekommt kalte Wickel. Die Hälfte der Weiber stirbt daran. Manche werden auch nur wahnsinnig, sodass man sie an die Kette legen muss. Sie war eine dumme Kuh, und die Götter strafen sie. Zweimal hat der Unsterbliche ihr Geschenke geschickt. Sie hätte die reichste Frau im Dorf werden können, aber sie hat alles abgelehnt und zurückgeschickt. Und nun liegt sie allein mit ihrem Fieber in einem dreckigen Bett. Das ist der Lohn für Hochmut. Sie ist …«

Lyviannes mächtige Klinge schwang herum und trennte die Hand ab, mit der Behruz seinen Dreschflegel gehalten hatte. »Ihr sprecht von der Frau eines Freundes des Unsterblichen.«

Behruz starrte fassungslos auf seinen blutenden Armstumpf. Keiner der anderen Männer bedrohte Lyvianne oder sagte auch nur ein Wort. Im Gegenteil, sie wichen vor ihr zurück, sodass ihr Anführer nun ganz allein stand.

»Merkt Euch meine Worte gut, Bauer. Die Hälfte der Männer, die meinen Zorn erregen, stirbt sofort. Ihr habt heute also Euren Glückstag, auch wenn es Euch im Augenblick nicht so erscheinen mag. Sobald ich meine Angelegenheiten erledigt habe, werde ich wiederkommen. Ist Darons Mutter dann tot, endet auch Euer Glück. Ihr mögt der reichste Bauer des Dorfes sein, doch Ihr werdet feststellen, dass das nicht genügt, um Euch vor meinem Zorn zu schützen. Und seid froh, dass weder Aaron noch Ashot hier sind. Sie sind weit weniger langmütig als ich.« Sie legte Daron die Hand auf die Schulter. Der Junge zuckte unter ihrer Berührung zusammen. Er starrte unverwandt auf den Armstumpf, den Behruz gegen seine Brust drückte. »Dies ist die Gerechtigkeit der Krieger, Daron. Sie bedarf nicht vieler Worte. Sie ist schnell und blutig. Überlege dir gut, ob du den Weg des Schwertes gehen willst. Er wird dich so machen, wie ich bin.«