Lyvianne ging auf einen der Bauern zu, der augenblicklich seinen Dreschflegel fallen ließ. »Tut mir nichts, ich bin nicht freiwillig hier!«
Sie griff nach dem dünnen Lederriemen, den er als Gürtel um die Taille trug, und öffnete ihn. Dann wandte sie sich an Behruz. »Euren Arm!«
Blut spritzte in pumpenden Stößen aus dem Stumpf. Sie schlang ihm den Riemen um den Unterarm und drehte ihn zu, bis die Blutung gestillt war. »Ich empfehle Euch, Daron zu behandeln, als wäre er Euer Erstgeborener. Das Auge des Unsterblichen liegt auf dem Jungen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was geschehen wird, wenn er erfährt, dass Daron schlecht behandelt wurde. Und nun schert Euch davon. Ein Sandkorn im Auge ist angenehmer als Euer Anblick.«
Behruz starrte sie voller Hass an. Er zog sich zurück, während einer seiner Männer die abgehackte Hand aufhob, als wäre sie noch zu irgendetwas zu gebrauchen.
»Geh zu deiner Mutter, Daron. In dieser einen Sache hatte er recht. Du solltest an ihrer Seite sein. Sie wird es spüren. Es wird ihr Kraft geben. Ein richtiger Mann zu sein heißt, für die Schwachen einzustehen. Du willst doch ein Mann sein, oder?«
»Sicher!« Daron war offensichtlich erleichtert, einen guten Grund zu haben davonzulaufen. Er nahm die Beine in die Hand und verschwand in eine der staubigen Gassen. Nur der hagere Hund war noch da. Als Lyvianne zum Brunnenhaus zurückging, kam er, um gierig das Blut aus dem Staub zu lecken.
Vielleicht hätte sie sich mäßigen sollen, dachte sie, aber so konnte sie sicher sein, dass Daron und seine Mutter überleben würden. Die beiden mochten eines Tages wichtig werden. Sie wären hervorragend geeignet, den Unsterblichen Aaron zu erpressen. Wenn die Zeit gekommen war, würde sie zurückkehren.
Lyvianne füllte ihren Wasserschlauch und schirrte die Pferde an. Dann verließ sie das Dorf, das sie in Angst versetzt hatte, um jenen Ort aufzusuchen, der ihr Angst machte.
Sie waren hier!
Eine mächtige Mauer versperrte den Zugang zum Verbotenen Tal. In den Erinnerungen, die sie Aaron gestohlen hatte, hatte es keine Mauer gegeben. Nur Angst … Und diese Angst empfand nun auch Lyvianne. In dem Tal lauerte Böses.
Sie war fast eine Meile von der Mauer entfernt, aber sie konnte die düstere Aura dieses Ortes dennoch spüren. Anderthalb Tage hatte sie von Belbek bis hierher gebraucht. Im letzten Abendrot, das unter blutroten Wolken über den Bergen verglühte, hatte sie den Streitwagen hinter einem Felsvorsprung verborgen und die Pferde an einer abgestorbenen Kiefer so angebunden, dass sie reichlich Raum hatten, sich zu bewegen und zu grasen. Auch die Tiere waren nervös. Sie stampften mit den Hufen und peitschten mit ihren Schweifen.
Lyvianne hielt sich im Schatten der Felsen und näherte sich vorsichtig der Mauer. Sie wirkte neu. Weiß verputzt, blieb sie selbst im Zwielicht der beginnenden Nacht deutlich zu sehen. Mehr als zehn Schritt erhob sie sich. Drei mächtige Wehrtürme verstärkten die Mauer. Auf der ihr zugewandten Seite gab es Stallungen und ein großes, befestigtes Haus. Bei jeder anderen Befestigung hätten diese Gebäude auf der anderen Seite der Mauer gelegen, wo sie durch die Felswände des Tals geschützt gewesen wären. Doch diese Festung war dazu errichtet worden, das, was sich hinter den Mauern verbarg, gefangen zu halten. Zudem sollte niemand, ob mit Absicht oder aus Versehen, das Verbotene Tal betreten.
Es brannte kein Feuer auf dem Wehrgang oder in den Türmen. Kein einziges Licht zeigte sich im Wohnhaus. War die Festung verlassen?
Lyvianne blieb weiterhin in Deckung und näherte sich vorsichtig. Süßlicher Verwesungsgeruch hing in der Luft. Im Sand sah sie eine Fuchsfährte, die zum Tor in der Mauer führte. Sie entschied, auf ihre Tarnung zu vertrauen. Sie war immer noch als Krieger gerüstet und könnte sich als Bote des Unsterblichen ausgeben. Aber sie hatte den Verdacht, dass das nicht nötig sein würde.
Lyvianne trat aus den Schatten. Hinter ihr schob sich der Mond über den Horizont. Sein silbernes Licht spiegelte sich auf den breiten Eisenbeschlägen des mächtigen Tors in der Mauer. Es stand einen Spalt offen.
Kein Wachposten rief sie an, als sie näher kam. Sie kreuzte immer mehr Fährten, je geringer der Abstand zur Festungsmauer wurde. Neben dem Fuchs waren auch Wildhunde hier gewesen. Vielleicht auch Wölfe. Die Spuren führten zum dunklen Haus, zu den Ställen und den Türen der Türme. Keine einzige zum Tor.
Der Geruch des Todes wurde stärker. Und mit ihm wuchs das beklemmende Gefühl, an einem Ort zu sein, der nicht für Sterbliche geschaffen war. Auch nicht für Albenkinder! Was für Männer mochten das gewesen sein, die inmitten der Einsamkeit auf dieser Mauer Wacht gehalten hatten? Was hatte sie hier gehalten?
Ein scharrendes Geräusch ließ Lyvianne innehalten. Sie zog ihr Sichelschwert. Vorsichtig drehte sie sich zu der langen Baracke um, in der die Ställe untergebracht waren. In der Tür bewegte sich etwas, umwoben von Schatten.
Die Elfe verharrte bewegungslos. Sie wagte nicht einmal zu atmen. Jetzt hörte sie ein ungeduldiges Knurren, das Schnappen von Kiefern und wieder das scharrende Geräusch. Langsam erkannte sie einen Umriss, fast verschlungen vom Dunkel der Türöffnung. Da war ein großer Hund.
Sie atmete aus, schalt sich stumm eine Närrin und ging auf den Stall zu. Leise … Ihre Schritte waren nicht lauter als Daunenfedern, die zu Boden sanken. Der Hund bemerkte sie nicht. Erst als ein silberner Lichtstrahl zwischen den Wolken hindurchstach, blickte der Hund auf. Ein großes, hageres Biest mit struppigem, schwarzem Fell, der am Arm eines Toten zerrte. Ganz offensichtlich war die Leiche schon von anderen Aasfressern aufgesucht worden. Ein Speer war ihr durch die Brust gerammt worden.
Der Hund knurrte sie an. Lyvianne hob ihr Schwert. Die Geste genügte, um den Streuner in den Stall hineinzuscheuchen.
Die Elfe stieg über den Leichnam hinweg. Fast wäre sie auf einen schweren Hammer mit armlangem Stiel getreten. Sie wartete einige Herzschläge lang in der Tür zu den Stallungen, bis ihre Augen sich ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Sie war anders als draußen … Das klang verrückt, und sie hätte das niemals gegenüber einem anderen behauptet. Aber hier schien das Dunkel geronnen zu sein. Vielleicht lag es an dem bestialischen Verwesungsgestank, der aus dem Stall zog. Oder an dem Gefühl, dass sich hier etwas Bösartiges eingenistet hatte.
Sie hörte das leise Scharren der Hundekrallen auf dem Steinboden. Ob der Streuner es wagen würde, sie anzugreifen? Sie sollte gehen … Noch während sie das dachte, wurde ihr bewusst, was fehlte. Und was den Eindruck, dass hier etwas zutiefst Widernatürliches vorging, unbewusst verstärkt hatte: Sie hörte keine Fliegen. In den Wunden des Toten an der Tür wanden sich keine Maden. Dabei hätte die Luft erfüllt sein müssen vom Summen tausender Fliegen, die hier ihr Festmahl hielten, ihre Brut in die Leichen ablegten und den Stall zu ihrem Palast machten.
Lyvianne war versucht, ihr Verborgenes Auge zu öffnen. Der Blick in die magische Welt enthüllte oft, was den richtigen Augen verborgen blieb. Aber einen Zauber zu wirken wäre, wie ein Leuchtfeuer zu entzünden. Das Böse, das sie hier spürte, war nicht von fleischlicher Gestalt. Es würde sie augenblicklich bemerken, wenn sie einen Zauber wob.
Mit einem unguten Gefühl sah sie auf das Schwert in ihren Händen. Es war von Magie durchdrungen. Der Goldene hatte sich zwar bemüht, seine Aura zu verhüllen, sodass es in der magischen Welt nicht auffallen würde. Doch vollkommen war dies nicht geglückt. Es mochte sie verraten.
Alles in ihr schrie danach, diesen Ort wieder zu verlassen. Sie sollte aus dem Stall fliehen und dem Verbotenen Tal den Rücken kehren. Stattdessen setzte sie vorsichtig einen Schritt nach vorn. Dann noch einen. Sie sah nun die Umrisse der Pferdeboxen. Schwärze, die noch dichter war als die Finsternis im Stall. Sah die Tiere am Boden liegen.