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Lyvianne kniete nieder. Strich über den Kopf eines Pferdes und zuckte zurück. Der Schädel war unförmig … und weich! Vorsichtig tastend, erkundeten ihre Finger, was sich ihren Augen entzog. Der Schädel des Pferdes war mit etwas Stumpfem eingeschlagen worden. Dicht über den Augen war der Stirnknochen zerschmettert. Mindestens zwei Hiebe mussten es getroffen haben. Sie dachte an den schweren Hammer, den sie bei dem Toten am Eingang gesehen hatte. Warum? Die Taten der Menschenkinder waren oft nur schwer nachvollziehbar, aber das hier …

Ein leises, röchelndes Geräusch ließ sie aufhorchen. Es klang wie ein undichter Blasebalg in einer Schmiede, war kaum wahrnehmbar. Unregelmäßig und schwach. Lebte eines der Pferde noch? Was hatte den Irren am Eingang dazu gebracht, dieses Massaker zu veranstalten? So groß wie der Stall war, mussten hier mindestens vierzig Pferde gestanden haben.

Ein gieriger, grollender Laut übertönte das Röcheln. Der Streuner! Offenbar hatte er ein anderes Aas gefunden und erneut sein Mahl begonnen.

Lyvianne erhob sich. Sie hatte hier im Stall nichts verloren. Es war eine letzte Ausflucht. Ihr Weg führte durch das Tor. Sie sollte sich nicht länger davor drücken. Sie könnte nicht zurück, ohne es versucht zu haben. Der Goldene würde in ihren Gedanken lesen, wie feige sie gewesen war, und das würde sie nicht ertragen!

»Bitte …« Die Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Sie wurde überlagert von den wütenden Fressgeräuschen des Hundes. Lyvianne blickte zum gegenüberliegenden Verschlag. Dort, ganz in der Ecke, noch hinter einem weiteren toten Pferd, saß eine in sich zusammengesunkene Gestalt.

Lyvianne stieg über das Pferd hinweg und ging vor dem Mann in die Hocke. Sein bärtiges Gesicht war ausgezehrt. Sein Mund stand offen. Sie beobachtete, wie allein zu atmen ein Kampf für ihn war, den er kaum noch zu gewinnen vermochte. Seine Brust hob und senkte sich nicht. Tief aus seiner Kehle erklang das Röcheln, das sie eben schon gehört hatte. Er trug eine helle Tunika, die schmutzig, aber nicht blutdurchtränkt war. Zwei Flecke auf seiner Brust fielen ihr auf. Sie hatten die Größe eines Hammerkopfs. Seine Rippen mussten zerschmettert sein. Vielleicht hatte sich ein Knochensplitter in seine Lunge gebohrt … Es war ein Wunder, dass er noch lebte.

»Was ist hier geschehen?«

»Kalt …«

Lyvianne nahm eine seiner Hände. Sie war eisig. Wahrscheinlich hatte er innere Blutungen. »Was ist hier geschehen?«, wiederholte sie noch einmal, langsam und eindringlich. Ihre Augen hielten seinen Blick gefangen. Seine Lider waren halb geschlossen. Sie flatterten. Ein Wort der Macht, dachte sie verzweifelt, und sie könnte ihm die Kraft geben, noch ein paar Worte zu reden. Doch dieses eine Wort würde sie töten. Die Devanthar würden auf sie aufmerksam.

Ihm fielen die Augen zu.

Nie hatte Lyvianne sich so machtlos gefühlt. Er entglitt ihr. Wütend schlug sie ihm auf die Brust. Ein pfeifender Laut entfuhr seiner Kehle, und er riss die Augen weit auf. Sie sah den Schmerz in ihnen brennen.

»Was ist geschehen?« Wer immer diese Mauer errichtet hatte, musste überzeugt gewesen sein, dass sie für das Grauen, das dieses Tal verbarg, unüberwindbar gewesen war. So wie die Bauwerke aussahen, hatte dies wohl auch für zwei oder drei Jahre gestimmt. Denn älter waren die Mauern nicht. Lyvianne musste wissen, was hier geschehen war. Sie musste vorbereitet sein! Musste erfahren, was sich in dem Tal verändert hatte, seit Aaron hier gewesen war.

In den Augen des Sterbenden lag kein Hass. Nur Agonie. Er wollte den Tod umarmen. Wollte seinen Schmerzen entfliehen und dem, das unauslöschlichen Schrecken in sein Antlitz gebrannt hatte.

»Rede! Tu es für Aram. Schütze das Reich!«

Ihre Worte schienen zu ihm durchgedrungen zu sein. Etwas in seinem Blick änderte sich. Er starrte sie an. »Sie … wa-ren …« Jede Silbe war ein Kampf. Seine Lippen zitterten. Immer verzweifelter kämpfte er um Luft. Seine Lunge musste verletzt sein, lief langsam voll Blut, das ihn erstickte.

»Sie waren hier!«, stieß er hervor, bäumte sich auf und sah sie plötzlich an, als erkennte er die Elfe, die sich hinter der Maske eines Menschen verbarg. Sie sah, wie er einatmete, immer verzweifelter keuchend Luft in sich hinabpumpte. Doch seine Lunge vermochte keine Atemluft mehr aufzunehmen. Er sank zurück gegen die Wand. Lyvianne versetzte ihm noch einen Schlag auf die Brust, doch es half nicht. Sie erreichte damit nur, dass sich sein Mund mit Blut füllte, das dunkel von seinen Lippen troff.

Sie waren hier. Das war unübersehbar, dachte sie voller Zorn. Sie hatten den Wahnsinn über die Mauer getragen. Lyvianne erhob sich und verließ den Stall. Nachdenklich blickte sie über die nächtliche Ebene. Hatten die Geister das Tal verlassen?

Mit festem Schritt ging sie durch das Tor in der hohen Mauer.

Das verbotene Tal

Die Sterne schienen tiefer in den Himmel gekrochen zu sein, als sie jenseits des Tors aufblickte. Ihr Licht war schwächer, unsteter, als wäre hier etwas, das sich von ihnen ernährte. Lyvianne spürte die Felshänge, die den engen Talgrund flankierten, mehr, als dass sie sie sah. Ohne länger zu zögern, schritt sie voran in die Dunkelheit. Ihre Sinne waren so gespannt, dass sie das Gefühl hatte, innerlich zu vibrieren. Sie roch den Duft von trockenen Kiefernnadeln, Harz und Staub. Spürte jeden winzigen Stein durch die Sohlen ihrer Sandalen und empfand den Hauch des Nachtwinds wie eine liebkosende Hand auf ihrer Haut. Sie schmeckte den Staub, der in diesem ausgedorrten Land allgegenwärtig war, auf ihren Lippen. Hier im Tal hatte er einen metallischen Beigeschmack. So als läge Kupfer in der Luft.

Jedes Geräusch erschien ihr unnatürlich laut. Der Wind in den Kiefernnadeln und den Felsen sang ihr ein düsteres Willkommen. Lyvianne versuchte, ihre Beklommenheit wegzulächeln. Vergebens. Mit jedem Schritt wuchs das Gefühl in ihr, dass hier etwas war, das sie erwartete, das um sie wusste, auch wenn es ihr noch verborgen blieb.

Allein ihre Augen halfen ihr nicht. Sie waren geblendet von Finsternis. Inzwischen waren die Sterne am Himmel verschwunden. Lyvianne wusste, dass sich das Tal bald zu einer schmalen Klamm verengte. Die Erinnerungen Aarons an diesen Ort formten klare Bilder in ihrem Bewusstsein. Aber war sie tatsächlich schon so tief ins Verbotene Tal vorgedrungen?

Sie fühlte sich beobachtet. Ausgespäht von etwas, dem die Dunkelheit nicht den Gesichtssinn zu nehmen vermochte. Etwas, das mehr Gefühl als Körper war. Etwas, das dieses Tal ausgebrütet hatte und dessen Hass alles durchdrang.

Es war hier merklich kühler. Die brütende Sommerhitze der weiten Ebene war auf die Temperatur eines frostigen Frühlingsmorgens abgekühlt. Wo waren sie, die Geister? Lyvianne spürte sie durch ihren Atemhauch gehen, wenn sie in ihrer klobigen Rüstung voranschritt. Sie wusste, dass sie hier waren. Dieser Ort war nicht für jene geschaffen, denen noch warmes Blut in den Adern rann.

Etwas knackte unter ihrem rechten Fuß. Es fühlte sich an wie ein Ast, der unter ihrer Sohle zerbrach. Aber sie wusste es besser: Überall lagen Knochen. Die Gebeine jener Unvorsichtigen, die dieses Tal betreten hatten, bevor der Unsterbliche Aaron die Mauer hatte errichten lassen. Lyvianne hatte nicht all seine Erinnerungen an diesen Ort erhaschen können, doch Bilder von Männern, die ihre Freunde getötet hatten, gingen ihr durch den Kopf. Von Pferden, die mit ihren Zügeln an Bäume gebunden verdurstet waren, weil ihre Reiter sich gegenseitig die Kehlen durchgeschnitten hatten. Das, was bei der Mauer geschehen war, hatte sich schon Dutzende Male ereignet.

Wer hierherkam, war am sichersten allein. Nur dann musste man keine Klinge im Rücken fürchten. Etwas in diesem Tal verwirrte die Sinne und weckte die dunkelsten Seiten in einem jeden. Lyvianne war versucht, die Geister zu rufen, doch ihr Stolz siegte. Sie sollten zu ihr kommen! Sie würde sich nicht unterwerfen und wimmern. Knochen und Geröll auf dem Boden ließen sie fast straucheln. Sie streckte die Linke aus und ertastete eine Felswand. Der Weg führte direkt an ihr entlang. Ein Helm kollerte mit leisem Klirren unter ihren Füßen fort. Plötzlich war da Licht – fremdartig, nicht aus einer einzelnen Quelle wie einer Fackel oder Laterne. Es schien direkt aus der Felswand zu kommen und war von einem dunklen Blau, das die Finsternis ringsherum eher betonte, als dass es sie vertrieb. Zähflüssig, langsam sickerte es die Felswand hinab. Kroch über die Knochen am Boden und die grün angelaufenen Waffen, die ihre Besitzer nicht vor dem Schrecken dieses Tals hatten beschützen können.