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Eng und gewunden war der Weg, dem sie durch die Klamm folgte. Behutsam tastete sie sich durch das Dunkel, das vom blauen Licht nicht vertrieben wurde. Sie konnte die Felswände zu beiden Seiten berühren, ohne ihre Arme ganz ausstrecken zu müssen. Ihre Finger tasteten über kaltes, klebriges Gestein. Lyvianne hatte das absurde Gefühl, dass dieses Tal sie verschlucken wollte.

Seltsame Kalkwucherungen wuchsen auf dem Felsen. Sie erinnerten die Elfe an gefrorene Milchtropfen. Die Kälte dieses Ortes hatte sich tief in ihre Knochen gefressen. Sie zitterte, ohne es unterdrücken zu können. Nur ein Wort der Macht, und ein Kokon wohliger Wärme würde sie umfangen … Das Tal wollte sie dazu verführen, diesen tödlichen Fehler zu begehen. Sie biss die Zähne zusammen und schritt kräftiger aus.

Der Weg machte eine scharfe Kehre, und nun weitete sich die Klamm. Die Felswände, aus denen immer noch blaues Licht sickerte, wichen auf etwa dreißig Schritt zurück. Sie zwang sich weiterzugehen, und obwohl sie wusste, was kommen würde, erschreckte sie der Anblick der zerklüfteten Felswand am Ende des Tals: In einer Mischung aus Ekel und Neugier glitt ihr Blick über das riesige Hochrelief, das grob aus dem Stein geschlagen war und das auch der Unsterbliche Aaron einfach nur abstoßend gefunden hatte. Das Spiel aus Schatten und blauem Licht ließ die tief in den Fels gehauene hockende Gestalt fast lebendig erscheinen. Die Proportionen des Körpers wirkten falsch. Dies war weder ein Mensch noch ein Albenkind. Die Kreatur kauerte auf ihren Fersen, so zumindest war der erste Eindruck, auch wenn die Füße in tiefen Schatten verborgen blieben. Die Arme über der Brust gekreuzt, den unförmigen, viel zu großen Kopf vorgestreckt, schien sie Lyvianne aus ihren kugelrunden Augen direkt entgegenzublicken. Ein schmaler, verkniffener Mund und das kleine spitze Kinn wollten nicht recht zu den riesigen Augen und dem abstoßend nach hinten verlängerten Schädel der Kreatur passen. Steinerne Fesseln wanden sich um den ausgemergelten Körper, als käme es darauf an, die Gestalt daran zu hindern, sich aufzurichten, sich zu strecken und nach dem zu greifen, was ihr gehörte.

Lyvianne erinnerte sich daran, wie Nandalee die Augen der Göttin beschrieben hatte, nachdem sie vom Mittelpunkt der Hohlwelt zurückgekehrt war, die Devanthar und Alben der Riesin zum Kerker gemacht hatten.

Weit wie die Grasebenen des Bainne Tyr waren Nangogs Augen gewesen. Wie unermesslich groß musste erst die Göttin sein! Ihr Leib massiger als ein Gebirge. Ein Ausatmen von ihr ein Sturm. Selbst Alben und Devanthar hatten sie gefürchtet – und hatten die Riesin Nangog deshalb hintergangen, ihre Dienerin, die göttergleich geworden war. Sie hatten sie in einen magischen Schlaf versetzt und ihr das Herz aus glühendem Smaragd gestohlen. Das Herz war geteilt worden. Nandalee hatte die Hälfte, über die die Alben gewacht hatten, zurückgebracht, und Nangog war aus dem tiefen, todesähnlichen Schlaf in einen unruhigen Halbschlaf geglitten. Selbst träumend fühlte sie, was auf ihrer Welt vor sich ging. Fühlte, dass im Dienste der Devanthar die Menschenkinder gekommen waren, um sich die Welt untertan zu machen, die Nangog für ihre eigenen Kinder erschaffen hatte. Jene Geschöpfe, gefangen in Kristall, die Lyvianne in der großen Höhle, tief unter dem Weltenmund, gesehen hatte. Die Riesin hatte ihre Welt in aller Heimlichkeit erstehen lassen. Lyvianne hatte nie verstanden, wie man eine ganze Welt versteckte. Hatte ein Zauber sie vor der Aufmerksamkeit der Alben und Devanthar verborgen? Und was für ein Geschöpf war Nangog gewesen? War sie gut? Oder war sie eine jener Dienerinnen gewesen, die von einem stillen Hass auf ihre Herren durchdrungen war?

Die Elfe ließ ihren Blick erneut über das hässliche Hochrelief gleiten. Hatte Nangog so ausgesehen? Oder war es eine verzerrte Darstellung, mit der die Devanthar sie verspotteten? Ganz gleich wie Nangog war, wenn es gelang, sie ganz vom Zauberbann zu befreien, und sie, wie es der Goldene begehrte, die zweite Hälfte ihres Herzens fand und der Riesin zurückbrachte, dann wäre der Krieg zwischen den Alben und den Devanthar entschieden.

Der Goldene war überzeugt, dass die wiedererweckte Nangog die Devanthar und Menschenkinder aus ihrer Welt vertreiben und ihre Schöpfung vollenden würde. Auch wenn sie nie eine Verbündete der Alben werden würde, die Menschenkinder, die versucht hatten, sich ihre Welt zu unterwerfen, würde Nangog stets mehr hassen.

Lyvianne wandte den Blick ab und trat zu dem Absatz der Treppe, die hinauf zu der Öffnung unter dem Hochrelief reichte. Sie ignorierte den Krieger in weißen Gewändern, der aussah wie die Männer aus der Leibwache des Unsterblichen Aaron und der zusammengesackt auf der untersten Stufe kauerte. Er hatte sich in seinem Wahn sein Schwert durch die Kehle gestoßen. Lyvianne blickte auf die Waffe in ihrer Hand. War auch sie in Gefahr? Mochten die bösen Geister dieses Ortes sie dazu bringen, sich selbst zu richten?

Zweifel an sich zu hegen war der erste Schritt auf diesem Weg, entschied die Elfe und erklomm entschlossen die Treppe. Die Stufen waren ungewöhnlich hoch, so als wären sie für Geschöpfe gemacht, die viel größer als Menschen oder Elfen waren. Skulpturen von Wolkensammlern, jenen riesigen Kreaturen, die auf Nangog Schiffe durch den Himmel trugen, schmückten die Treppenabsätze.

Erst auf den letzten Stufen war der untere Teil der Statue Nangogs deutlich zu erkennen. Jener Bereich über dem dunkel klaffenden Loch in der Felswand, der bisher im Schatten verborgen geblieben war. Knochen ragten aus den Beinstümpfen der Riesin. Wer immer dieses Bildnis erschaffen hatte, hatte mit makaberer Hingabe jedes Detail der Verstümmelung festgehalten. Alben und Devanthar hatten der schlafenden Riesin die Füße abgeschnitten. Ein Akt der Grausamkeit ohne wirklichen Nutzen. Wenn Nangog eine eigene Welt erschaffen hatte, dann würde sie auch ihre Füße neu formen können. Wie hilflos mussten sich die Götter gegenüber der Riesin gefühlt haben, dass sie eine solche Barbarei begangen hatten, dachte Lyvianne beklommen.

Der Durchgang zur Höhle war halb durch eine massive Steinplatte versperrt, die sich aus der Decke herabgesenkt hatte und mehr als einen Fuß dick war. Lyvianne musste an ein Richtschwert denken, als sie vor sie trat. Sie würde sich darunter hindurchducken müssen, wenn sie in die Höhle wollte. Misstrauisch musterte sie die Rinnen, die zur Führung der Steinplatte seitlich in den Fels geschlagen waren. Sie hatte sich nicht verkeilt! Irgendwo gab es einen verborgenen Mechanismus, der dazu diente, sie zu heben oder zu senken. Er war angehalten worden … Die Elfe stellte sich vor, wie ein gehässiger Menschensohn sie beobachtete. Vielleicht ein Überlebender von der Mauer, dessen Verstand längst vom Wahn verschlungen worden war. Sobald sie unter der Platte hindurchschlüpfte, würde er einen Hebel umlegen und sie würde zerquetscht werden.

»Unsinn!«, sagte sie leise. Begann das Gift des Tals auch ihren Geist zu verwirren? Sie ging langsam in die Knie, würdigte die Steinplatte keines Blickes mehr und passierte tief gebeugt das Tor. Nichts geschah …

Auch hier, im Inneren des Berges, regierten dunkelblaues Licht und Finsternis. Es war noch kälter als draußen im Tal. Ein eisiger Lufthauch zog aus den Tiefen der Höhle hinauf, die sich vor ihr in dunkelblauer Finsternis verlor. Sie wusste aus Aarons Erinnerungen, dass die Höhle länger als das Tal war, das sie hinter der Klamm durchquert hatte. Primitive Holzgerüste waren entlang einiger Wände errichtet und um die massigen Säulen, die eine Decke trugen, die in der Höhe vor Lyviannes Blicken verborgen blieb.