Выбрать главу

Raureif kroch über die Klinge ihres Schwertes. Die Kälte stach wie Nadeln tief in ihre Glieder, und ihr Atem stand ihr als weißer Nebel vor dem Mund. Knisternd schlug sich der Frost in ihrem Haar nieder. Lyvianne wusste, bei dieser Temperatur stehen zu bleiben wäre ihr Tod. Doch sie musste nicht suchen, musste sich nicht umsehen, sie wusste, wo sie finden würde, worauf sie aus war. Und so durchmaß sie mit langen Schritten die Höhle, bis sie zu dem Durchgang am Ende der Halle kam, der sie zur Felsenkammer mit Nangogs halbem Herzen führen würde. Auch hier hatte sich eine steinerne Tür halb hinabgesenkt. Diesmal duckte sich Lyvianne ohne zu zögern unter ihr hindurch.

Augenblicklich blendete sie gleißend grünes Licht. Da waren sie, die Grünen Geister, die sich so tief in Aarons Erinnerungen eingebrannt hatten. Würmer aus Licht, die nach einer lautlosen Melodie tanzten. Und mitten unter ihnen, im Herzen der Felskammer, erhob sich ein mit Perlmuttintarsien verziertes Gestell aus dunklem Holz. Lyvianne blinzelte. Erst glaubte sie, das grelle Licht täusche sie. Dort musste es sein, das Herz, das sie so deutlich in Aarons Erinnerungen gesehen hatte. Ein großer Kristall, durchdrungen von Adern aus reinstem Silber, umtanzt von Grünen Geistern, die ihm huldigten. Aber da war nichts! Ungläubig trat sie näher, tastete sie über das Gestell und blinzelte erneut gegen das Licht an. Aber nichts half. Dort gab es keinen Kristall mehr!

Die Gewissheit traf sie wie ein Fausthieb in den Magen. Sie musste sich am Holzgestell festhalten, denn sie hatte das Gefühl, ihre Beine würden unter ihr nachgeben. All ihre Hoffnungen waren dahin. Sie würde die Gunst des Goldenen nicht mehr zurückgewinnen. Alles war vergebens gewesen!

Sie strich über die Vertiefung im Holzgestell, in der der Kristall geruht hatte. Wie sollte sie zum Goldenen heimkehren, zurück nach Albenmark? Nie zuvor hatte sie auf einer Mission versagt. Bidayn würde davon erfahren … Und Nandalee. Würden die jüngeren Drachenelfen nun in der Sonne der Gunst der Himmelsschlangen stehen?

Wütend schlug sie mit der Faust auf das Holz. Sie würde nicht aufgeben! Wo steckte das Herz? Es musste doch möglich sein herauszufinden, wohin die Devanthar es gebracht hatten! Vielleicht hatten sie Spuren hinterlassen?

Lyvianne blickte auf und erstarrte. Sie war von den Schlangen aus grünem Licht umringt. Sie ahnte, sie waren der Quell des Bösen, das diesen Ort heimsuchte. Entschlossen griff die Elfe nach ihrem Schwert. Aaron hatte eine dieser Kreaturen in sein Schwert gebannt. Sie würde sich ihren Weg hinauskämpfen oder untergehen.

Kaum, dass ihre Hand den lederumwickelten Schwertgriff berührte, dachte sie an den Krieger am Eingang der Höhle, der sich mit seiner eigenen Waffe gerichtet hatte. Sie musste sich gegen den Wahn wappnen, der die stärkste Waffe war. Das Grauen, das jeden Verstand vernichtete. Sie wollte ein Wort der Macht rufen, um sich zu schützen, auch wenn die Devanthar so von ihrer Anwesenheit erfuhren. Doch bevor ein Laut über ihre Lippen kam, geschah das Unfassbare: Die Grünen Geister verneigten sich vor ihr. Jene Kreaturen, die die Dunkelheit in dieses Tal gebracht hatten, huldigten ihr.

»Ihr wisst, dass ich euch nichts Übles will«, sagte Lyvianne leise, und doch hallten ihre Worte wie Donner in der Felskammer wider.

Es kam Bewegung in die Schlangen. Eine nach der anderen glitten sie zu Boden, um sich dann langsam wieder in die Luft zu erheben. Die Geister umflossen sie. Lyvianne stand nun inmitten eines Strudels aus grünem Licht. Die tödliche Kälte war gewichen – was hatten die Geister mit ihr vor?

»Ihr spürt, dass ich ihrem Herzen nahe war, nicht wahr?« Lyvianne legte ihr verwunschenes Schwert auf den Boden. Sie wusste, dass Nandalee einen dieser Geister unbeschadet in sich aufgenommen hatte. Und sie wusste um die Sehnsucht der verlorenen Seelen, endlich einen Körper zu erlangen. Endlich Fleisch zu sein und nicht nur Geist. Zu fühlen, ein Leben zu haben.

»Meine Götter haben euch einst Unrecht zugefügt. Sie haben Nangog verraten. Doch kein Unrecht kann bis ans Ende aller Zeit bestehen. Wir werden Nangog helfen. Sie soll ihre Welt zurückerhalten. Nun kämpfen wir gemeinsam. Gemeinsam werden wir die Menschen und Devanthar besiegen und das alte Gleichgewicht, das nie hätte gestört werden dürfen, wiederherstellen.« Die Elfe kniete nieder. Sie war sich bewusst, dass die Geister Zeugen all dessen gewesen waren, was sich hier im Tal ereignet hatte. Doch würden sie ihr Wissen nicht mit ihr teilen können. Sie hatten keine Stimme, keine Macht. Es gab nur einen Weg. Sie legte den Kopf in den Nacken und öffnete weit den Mund. »Ihr seid willkommen.« Wieder hallte ihre Stimme wie fernes Donnergrollen von den Wänden der Kammer.

Lyvianne stellte sich vor, dass sie ein gewaltiger Rosenbusch mit Hunderten roten Blüten sei. Dann formte sie in Gedanken jede Blüte zu einer Knospe zurück, jeden Trieb zurück zu dem Stamm, dem er entsprossen war. Der Rosenbusch schrumpfte, bis er nur noch ein Keimling war, und auch dieser zog sich zurück in die Hagebutte, aus der er entsprossen war. So wie den Busch führte sie all ihre Sinne in ihr Innerstes zurück. Sie verschloss ihr Selbst, die Essenz ihrer Seele vor den Mächten, die nun in sie strömten: vor der Begierde, endlich Fleisch geworden zu sein, vor dem Rausch, Sinne zu besitzen. Sie überließ den Grünen Geistern ihren Leib. Duldete, dass er sich auf fremden Befehl erhob und ihre eigenen Hände neugierig tastend über ihren Leib fuhren.

Lyvianne verlor jedes Zeitgefühl, während die Geister all ihre Glieder streckten, mit ihrem Fleisch tanzten, an ihrem Schwert ihre Hand aufschnitten und das warme Blut kosteten. Schließlich verspürte sie brennenden Durst, und sie duldete, dass das Hagebuttenkorn, auf das sie ihr Selbst reduziert hatte, wieder keimte. Die Grünen Geister leisteten keinen Widerstand. Sie akzeptierten, dass sie in diesem Leib nur Gäste waren, und ließen sie gewähren, als Lyvianne den Rosenbusch zu voller Blüte wachsen ließ und nach und nach wieder von ihren Gliedern und ihren Sinnen Besitz ergriff.

So wie die Grünen Geister ihre geheimsten Erinnerungen gesehen hatten, so kannte auch sie nun das Schicksal der Geister. Sie waren Nangog zu nahe gewesen, als ihr das Herz entrissen worden war. Es war nicht ihr Wille gewesen hierherzukommen. Sie hatten lange gebraucht, um zu verstehen, was geschehen war. Und mit dem Verstehen war ihre Wut gewachsen. Die Wut auf die Devanthar, die Nangog das angetan hatten und für die Grünen Geister unangreifbar waren. So hatten sie ihren Zorn an den Menschenkindern gestillt, denen ihre Götter keinen Schutz gewährten. Die Devanthar hatten gewollt, dass dieses Tal ein verfluchter und gemiedener Ort wurde. Den Grünen Geistern war durchaus bewusst, dass sie benutzt wurden, um dies zu erreichen. Und dennoch legten sie ihrer Wut keine Zügel an. Sie waren um ihre Geburt und um ihre Welt betrogen worden.

Beinahe überwältigt vom Hass der Geister, öffnete Lyvianne ihr Bewusstsein ganz und gar. Sie musste die starken Gefühle über sich hinwegbranden lassen, um zu erkunden, was dahinterlag. Sie wollte herausfinden, wer das Herz der Göttin geholt hatte und wohin es gebracht worden war.

Die Geister waren immer hier gewesen. Ein Bannspruch verhinderte, dass sie das Tal verließen. Sie mussten wissen, wer gekommen war. Langsam tastete sie sich durch das dornige Dickicht dunkler Gefühle und wurde überrascht. Nur ein einziger Sinn der Geister war ausgebildet und erlaubte ihnen, die Welt um sich herum wahrzunehmen: Sie besaßen das Verborgene Auge! Was sie sahen, war die magische Welt. Die Aura der Lebewesen und das große magische Netzwerk, das alles durchdrang und miteinander verband.

Die Elfe tauchte ein in ihre Erinnerungen: Große, menschenähnliche Gestalten, umflossen von kraftvollen, goldenen Auren waren gekommen und hatten das kristallene Herz Nangogs geholt. Waren es die Devanthar gewesen? Wahrscheinlich! Aber auch die Himmelsschlangen würden, wenn sie Elfengestalt annahmen und man sie durch das Verborgene Auge betrachtete, so aussehen. Die Grünen Geister wussten nicht, wohin das Herz ihrer Göttin gebracht worden war.