Выбрать главу

Lyvianne keuchte auf. Ihre Niederlage war endgültig. Die Mission gescheitert. Sie sank neben dem Holzgerüst in die Knie. Es war Pech. Sie war zu spät gekommen. Die Grünen Geister hatten kein Zeitgefühl. Wie lange es her war, dass das Herz geholt worden war, blieb ungewiss. Aber Lyvianne war sich sicher, dass es höchstens ein paar Wochen waren. Nangogs Herz hatte hier Jahrhunderte geruht! Und sie kam um ein paar Wochen, ja vielleicht sogar nur wenige Tage zu spät. Aber all das würde den Goldenen nicht interessieren. Wenn sie ihm sagte, es sei Pech gewesen, würde er es als Ausrede auffassen.

Sie schloss die Augen und sammelte sich. Sie hatte noch nie im Leben einfach aufgegeben. Nicht auf den Missionen, auf die der Goldene sie geschickt hatte, und nicht in ihrem Begehren, das vollkommene Kind zu gebären. So oft war sie dabei enttäuscht worden. Und doch hatte sie es immer wieder aufs Neue versucht. Ein Kind zu empfangen, das die Welt verändern würde. Das erste in einer neuen Rasse von Elfen. Ein Kind, vollkommen in all seinen Anlagen.

Lyvianne ballte die Fäuste und öffnete entschlossen ihre Augen. Sie würde nicht einfach aufgeben. Vielleicht gab es eine Spur, irgendeinen Fingerzeig, der ihr verriet, wohin die Devanthar diesen kostbarsten aller Schätze gebracht hatten. Sie stand auf und sah sich in der jetzt, da die Geister verschwunden waren, in blaues Zwielicht getauchten Kammer um. Die Wände waren mit Bildern bedeckt. Sie zeigten die Devanthar. Einige erkannte Lyvianne: den Löwenhäuptigen, die geflügelte Išta und den großen Bären, den die Bewohner Drusnas verehrten. Andere waren ihr fremd. Ein Flammenmann und eine Gestalt, die nur Licht zu sein schien. Die Reliefs zeigten, wie die Devanthar das Herz Nangogs hierhergebracht hatten. Sie zu betrachten half nicht. Voller Bitternis verließ die Elfe die Schatzkammer und trat in die weite Höhle zurück. Auch hier musste sie dicht vor die behauenen Felswände treten, aus denen das unheimliche, blaue Licht sickerte, um etwas erkennen zu können.

Die Wandbilder hier waren niemals fertiggestellt worden. War es wegen der Grünen Geister? Was war hier geschehen?

Als hätten die Geister in ihr verstanden, erschien ein Bild aus Licht vor ihrem Inneren Auge. Zeigte es erneut die Herzkammer, die sie eben verlassen hatte? Dort war etwas mit einer machtvollen Aura, die sanft pulsierte. Dann erschien eine Gestalt. Ein Devanthar … Die Gestalt war von wogendem, rotem Licht umgeben. Zorn und Angst beherrschten sie. Und sie wirkte seltsam. Hatte sie Flügel? Lyvianne stockte der Atem, als sie sah, wie die Geflügelte ein Stück aus dem Kristallherz brach und davonschlich. War das etwa der Grund, warum es kein Herz mehr gab? Hatten die Devanthar es in kleine Stücke zerbrochen?

Die Geister in Lyvianne bäumten sich auf. Plötzlich waren um sie herum schwache Auren. Menschen? Sie schienen zu kämpfen. Manche verblassten einfach.

Lyvianne begriff, dass es Bilder der Vergangenheit waren, die die Geister heraufbeschworen. Es war so, als wäre sie mitten in das, was einst geschehen war, hineinversetzt. Die Elfe stieg über ein niedergestürztes Gerüst hinweg. Geröll, altes Holz und dürre Knochen knirschten unter ihren Schritten. Die Geister führten sie zu einer der großen Säulen in der Mitte der Höhle. Auch sie war mit in den Stein geschnittenen Bildern bedeckt. Die Reliefs in dieser Höhle waren einst bunt bemalt gewesen. Sie sah ein Bild mit Vogelmännern, die im Geäst eines gewaltigen Baums kauerten. Ein anderes Bild zeigte eine große Flotte, um die herum sich allerlei Meeresgetier in den Wellen tummelte. Fast alle Bilder waren beschädigt. Nach dem, was sie im Tal gesehen hatte, konnte Lyvianne sich gut vorstellen, wie die Handwerker im Wahn die Arbeit von Jahren mit Hammerschlägen zerstört hatten.

Die Geister in ihr hoben ihre Hand und deuteten auf ein Bild, etwa einen Schritt über ihr. Es zeigte Išta mit einem erhobenen Speer, als wollte sie die Waffe jeden Augenblick auf einen Gegner hinabstoßen. Mit grimmigem Gesicht sah die Devanthar nach unten. Doch was sie einmal bekämpft hatte, war vernichtet. Hier war das Zerstörungswerk der Menschen besonders gründlich gewesen. Es war nichts mehr vom Bild geblieben.

Die Grünen Geister überließen ihr wieder die Kontrolle über ihren Körper. Jetzt versuchten sie, ihr in den Bildern aus Auren und Licht, so wie sie die Welt sahen, aufzuzeigen, was geschehen war. Išta war hierhergekommen. Es sah aus, als hätten die Arbeiter geruht, als die Devanthar die große Halle betreten hatte. Linien aus glühend rotem Licht verzweigten sich aus ihren Fingern. Išta beugte sich vor, berührte einen Schlafenden, und ein engmaschiges Netz aus roten Kraftlinien schloss sich um dessen Kopf. Die Devanthar hatte die Steinmetze mit ihrem Zauber umwoben. Einen nach dem anderen. So machtvoll waren die Bilder in Lyviannes Geist, dass sie erneut die Toten als Lichtgestalten in der Halle sah. Sie beobachtete, wie sich der erste Bildhauer von seinem Lager erhob, wie er einen spitzen Hammer nahm und ihn tief im Schädel seines schlafenden Nachbarn versenkte, um dann mit dem Werkzeug zur nächsten Wand zu gehen und auf die Reliefs einzuschlagen. Derweil huschte Išta von Schläfer zu Schläfer und belegte die Unglückseligen mit ihrem verderbten Zauber.

Der Lärm des Hammers, der voller Zorn auf die Reliefs schlug, weckte die Schläfer auf. All dies sah Lyvianne, ohne dass sie einen einzigen Ton vernahm. Es war ein stummes Trauerspiel … Die Aura der meisten Männer glänzte golden, während sie geschlafen hatten. Sie waren einfache, ehrliche Handwerker, voller Stolz darauf, in Diensten ihrer Götter zu wirken. Als sie erwachten und das Zerstörungswerk sahen, waren sie zunächst fassungslos.

Lyvianne sah, wie sie ihrem Kameraden zuriefen. Sie sah, wie sie ihm entgegenliefen, versuchten, ihn aufzuhalten. Bald zeigte sich das helle Rot rechtschaffenen Zorns in ihren Auren, und als der erste unter einem Hammerhieb fiel, veränderte es sich zum dunklen Rot des blinden Hasses. Ein wütender Kampf entbrannte in der Halle. Männer, die Freunde gewesen waren, als sie sich zur Ruhe gelegt hatten, Kameraden für viele Monde, gingen sich nun gegenseitig an die Gurgel.

Išta indessen machte sich an dem Relief zu schaffen, vor dem Lyvianne stand. Sie musste Menschengestalt angenommen haben, denn keiner der streitenden Steinmetze beachtete sie. Mit gezielten Hieben vernichtete sie den unteren Teil des Steinbildes und kniete dann nieder, um noch weiter auf die Splitter am Boden einzuschlagen. Sie ließ sich Zeit mit ihrem Vernichtungswerk. Der Kampf in der Halle hatte seinen Höhepunkt bereits überschritten, als sie sich erhob. Die Mehrzahl der Menschenkinder lag niedergestreckt. Lyvianne sah ihre Auren verblassen, als das Leben von ihnen wich. Išta aber ging zur Herzkammer und verführte die Grünen Geister, sich an den Menschenkindern zu laben. Sie zeigte ihnen, wie sie von der Kraft des Lebens nehmen konnten, sich von Hass oder Angst nähren konnten. Lyvianne spürte, was die Grünen Geister gefühlt hatten … Ihren Rausch, dem Zorn, der sie so lange beherrscht hatte, endlich freie Bahn zu lassen. Stets körperlos waren Empfindungen wie ihr Hass für sie etwas Abstraktes gewesen; ein Wort, dem der Inhalt fehlte. Doch Išta lehrte sie, an den Gefühlen der Menschenkinder teilzuhaben. Der Devanthar war es gleich, wie die Menschen, die sie hätte schützen sollen, litten. Die Geister aber gerieten in Ekstase und tranken die Auren der Unglücklichen, die noch am Leben waren, ließen jene Kraft, die sie mit dem magischen Netz verband, verlöschen und lernten, wie sie den Verstand der einfachen Männer verwirren konnten, sodass sie die schrecklichsten Bluttaten begingen. Einige der Geister hatten anfangs Abneigung gegenüber ihren Taten empfunden. Doch was sie den Menschenkindern nahmen, war für sie wie ein schleichendes Gift. Wer einmal von tiefen Gefühlen gekostet hatte, der mochte nicht mehr darauf verzichten.

Nun wusste Lyvianne alles: Es war Išta, die den Schrecken dieses Tales erschaffen hatte. Sie hatte sowohl die Menschen als auch die Seelen der ungeborenen Kinder Nangogs dazu missbraucht, ihre eigene Spur zu verwischen. Išta selbst hatte sich zurückgezogen, bevor das Morden in der großen Halle geendet hatte. Die Devanthar hatten die Grünen Geister fortan nicht aufgehalten oder gar gestraft, doch von da an stets einen der Ihren als Wächter über das kristallene Herz abgestellt. Kein Devanthar schritt ein, wenn Menschen in das Tal kamen und ihr Unglück fanden. Sie schützten die Menschenkinder nicht, sondern ließen sie zu ihrer Kurzweil leiden.