Lyvianne blinzelte. Sie schüttelte den Kopf, als würde dies helfen, die Bilder in ihren Gedanken zu vertreiben. Tatsächlich zogen sich die Grünen Geister aus ihrem Bewusstsein zurück. Sie spürte ihre Anwesenheit, doch sie teilten sich ihr nicht mehr mit, respektierten, dass Lyvianne nun wieder ganz Herrin ihrer Sinne und Gedanken sein wollte.
Die Elfe kniete nieder und betrachtete die Gesteinssplitter am Fuß der Säule. Die meisten waren kaum so groß wie ein Fingernagel, und da das Relief schon im Original nicht sonderlich gut gearbeitet war, war aus diesen Fragmenten so gut wie nichts zu erkennen. Ein längliches Stück zeigte einen Dolch oder eine Speerspitze. Oder sollte es ein Fangzahn sein? Auf einem anderen Fragment, halb so groß wie ihre Hand, war ein unregelmäßiges Schuppenmuster in den Stein geschnitten. Das konnte ein Fisch oder ein schlecht dargestellter Schuppenpanzer sein. Vielleicht sogar ein Drache. Von den Wochen, die sie in den Tempelarchiven der Goldenen Stadt verbracht hatte, kannte Lyvianne die Geschichte von Išta der Drachentöterin. Einst hatte ihre Schwester Anatu Freundschaft mit einer Himmelsschlange geschlossen. Vielleicht waren Anatu und der Purpurne sogar ein Liebespaar gewesen – obwohl Lyvianne sich nicht vorstellen konnte, dass einer der Drachenfürsten sich in eine Devanthar verliebte. Als Išta davon erfuhr, erschlug sie in ihrem Zorn den Purpurnen und nahm Anatu gefangen, um ihre Schwester für immer im Gelben Turm einkerkern zu lassen.
Hatte das Bild auf der Säule gezeigt, wie Išta den Purpurnen mit einer Lanze durchbohrte? Der erhobene Arm mit dem abwärtsstoßenden Speer passte zu dieser Erzählung. Aber warum hätte die Devanthar dieses Bildnis zerstören sollen? Die Geschichte war weithin bekannt. Was war hier abgebildet gewesen, das ihre Brüder und Schwestern nicht hatten sehen dürfen?
Die Grünen Geister hatten ihr nicht helfen können, diese Frage zu beantworten. Ein Steinbild konnte zwar eine schwache Aura haben und war auch mit dem magischen Netz verbunden, aber beides war zu abstrakt, um auf die Darstellung zu schließen.
Lyvianne sah erneut zum Bild der Devanthar hinauf. Diese Pose der Išta mit dem erhobenen Speer kam ihr bekannt vor. Sie hatte sie in einem Tempel in Nangog gesehen. Aber auch schon an einem anderen Ort. Nur wo?
Nachdenklich stand sie auf und verließ erst die Höhle und dann das Verbotene Tal, das nach Jahrhunderten, nun da sie die Grünen Geister in sich trug, endlich ein friedlicher Ort werden würde. Viel zu lange war sie an diesem düsteren Ort gewesen.
Als sie die Mauer erreichte, streckte erstes Morgenlicht seine silbernen Finger über die Bergrücken. War da etwas zwischen den Kiefern gewesen? Misstrauisch musterte sie den Wald auf der Bergflanke über ihr. Das Licht ließ die Bäume lange Schatten werfen. Sie sah eine Elster zwischen den roten Stämmen dahingleiten und atmete auf. Nur ein Vogel.
Sie eilte zu ihrem Streitwagen und saß, ohne noch einmal zurückzublicken, auf. Nach Albenmark konnte sie nicht zurück – sie würde dem Goldenen nicht als Versagerin unter die Augen treten! Wenn sie ihm schon nicht das Herz Nangogs bringen konnte, dann wollte sie wenigstens das Geheimnis aufdecken, das Išta um einen solch hohen Preis bewahrt hatte. Als sie in raschem Tempo davonfuhr, erinnerte sie sich wieder, wo sie die siegreiche Išta schon einmal gesehen hatte. In den Wäldern Drusnas auf einem efeuumrankten Stein nahe einem Heiligen Hain. Der Efeu hatte die untere Hälfte des Steins verborgen. Vielleicht fand sich dort, was hier zerstört worden war. Doch warum gab es einen Stein, der Išta zeigte, in Drusna bei einem Heiligtum des Großen Bären, der der Devanthar des Waldlands war?
Der letzte Krieg
Ashots Blick schweifte zu der mächtigen, von rot gestrichenen Zedernbalken getragenen Decke der weiten Kammer, in die Aaron ihn bestellt hatte, und weiter zu den Dutzenden Tischen, auf denen sich Tontafeln und Karten türmten. Jeden Tag verbrachte der Unsterbliche etliche Stunden hier und kümmerte sich um Dinge, die eigentlich sein Hofmeister Mataan hätte erledigen sollen. Doch Aaron wollte alles wissen, was in seinem Reich vor sich ging. Er interessierte sich für Steuergelder, für die Verzögerung des Dammbaus am Amur, weit im Osten des Reiches, für die Klagen der Freudenmädchen aus Urat, denen der Zutritt zu den Karawansereien verboten worden war, für den Stand der Ernte und Geschichten über einen mordenden Keiler in den Bergen nahe Kalydon an der Küste zur aiolischen See. Obwohl er mehr Zeit mit all diesen Texten verbrachte, als für einen Menschen gut sein konnte – selbst wenn er unsterblich war –, hatte sich seine körperliche und seelische Verfassung in den letzten Monden verbessert.
Es war etwas eingetreten, womit niemand im Palast mehr gerechnet hatte, seit der Unsterbliche seinen Harem aufgelöst hatte und keusch wie ein Priester geworden war. Aaron schien sein Herz verloren zu haben. An ein Küchenmädchen! Kirum hieß sie, und obwohl sich Aaron bemühte, diskret zu sein, war ihr Name in aller Munde, und täglich wuchs der Tratsch. Erst am Morgen noch hatte der Hofmeister Mataan ihn auf den neuesten Stand gebracht, was die Gerüchte anging.
Sie beide sorgten sich um Aaron, auch wenn der Umgang mit dem Mädchen ihrem Herrscher ganz offensichtlich wohltat. Kirum hatte keine Vergangenheit; sie war aus dem Nichts erschienen, um in der Palastküche niederste Dienste zu verrichten. Aaron wäre ihr niemals begegnet, hätte man sie nicht vor ihn geführt, um ein Urteil zu fällen, nachdem sie seinem Leibkoch Mahut den Arm ausgekugelt, auf dem Kopf des königlichen Vorkosters eine Amphore zertrümmert und noch vier weitere Küchengehilfen niedergeschlagen hatte. Ashot war schleierhaft, was Aaron an dieser Furie fand. Sie selbst hatte behauptet, aus Nari zu stammen. Mataan hatte dort diskret Erkundigungen anstellen lassen. Niemand kannte eine Kirum in Nari.
Sie hatte sich also mit Lügen das Vertrauen des Unsterblichen erschlichen. Wahrscheinlich hatten seine Feinde dieses Mädchen geschickt, denn zu viele trachteten dem Herrscher nach dem Leben. Und auch wenn Aaron nichts davon wissen wollte, war sie im günstigsten Fall ein Spitzel, vielleicht aber auch eine Meuchlerin. Er und Mataan würden arrangieren, dass sie einfach verschwand.
Aaron, der über einen kaum handgroßen Holzrahmen gebeugt saß, in den weiches Bienenwachs gestrichen worden war, und bisher leise vor sich hin gemurmelt hatte, stieß plötzlich einen Fluch aus, zerdrückte den Text auf der Tafel mit dem Daumen und begann erneut, mit dem Elfenbeingriffel Schriftzeichen in das Wachs zu ritzen.
Ashot beobachtete Aaron aufmerksam. In so aufgewühlter Stimmung hatte er den Unsterblichen seit Wochen nicht mehr erlebt.
»Das sind sie«, rief Aaron. »Endlich habe ich sie gefunden: Die richtigen Worte!« Er stand auf und trat zu Ashot. »Und du wirst der Erste sein, der sie liest, denn du bist unter allen hier bei Hof der Einzige, der es wagt, mir seine ehrliche Meinung ins Gesicht zu sagen.«
Ashot musterte die Wachstafel, die ihm Aaron hinhielt. Die Schrift war undeutlich, in großer Eile niedergelegt. Doch die Worte waren wohl gesetzt. Es verschlug Ashot den Atem, als er las, was offensichtlich der Entwurf für ein neues Gesetz sein sollte.
»Das könnt Ihr nicht tun, Erhabener«, stammelte er fassungslos und überflog die schiefen Zeilen ein zweites Mal. »Ihr wollt jeden jungen Mann, der sein siebzehntes Jahr vollendet hat, auf zwei Jahre zu den Waffen rufen?«
Aaron nickte ernst. »Und jeden kräftigen Mann, der dieses Alter überschritten hat und bereit ist, für ein Goldstück Werbegeld zu den Löwenstandarten zu eilen.«