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»Ihr …« Ashot legte die Schreibtafel auf den Tisch. »Das Reich braucht diese Männer. Sie werden Schreiber, Bauern, Bäcker, Tempeldiener, Händler …«

»Sie alle werden zunächst einmal Krieger sein«, entgegnete der Unsterbliche fest. »Und nicht nur hier wird es so sein. In allen sieben Königreichen wird dieses Gesetz Geltung haben. So wurde es beschlossen; es war der Wunsch der Götter. Und es muss sein! Die Jugend unserer Welt wird sich erheben. Seit’ an Seit’ werden sie in den letzten Krieg ziehen, um uns danach immerwährenden Frieden zu schenken. Wenn wir bereit sind, dieses letzte Opfer zu bringen, dann wird ein goldenes Zeitalter anbrechen.«

Aarons Augen glänzten, als brennte ein Fieber in ihnen. Seine Stimme überschlug sich, während er sprach. Er war durchdrungen von dieser Idee, die ihm die Götter eingeflüstert hatten. Ashot fragte sich, ob es bei den anderen Unsterblichen genauso war. Aaron hatte eine unselige Tendenz dazu, sich abseitigen Ideen hinzugeben, um die Welt zu verbessern. Unwillkürlich musste Ashot an seinen Freund Artax denken. Er war genauso gewesen. Die beiden hätten sich sicherlich gut verstanden. Doch Artax war vor Jahren auf Nangog verschollen.

Ashot hatte seine neue Macht genutzt, um Erkundigungen über seinen Jugendfreund einzuholen. Artax hatte seine Felder auf Nangog verlassen und war in den Wäldern verschwunden. Wahrscheinlich hatten ihn die Grünen Geister geholt, wie schon so viele andere auch.

»Du bist skeptisch?«, fragte Aaron. Er klang, als würde er mit einem störrischen Kind reden.

»Wie könnte ich nicht skeptisch sein, wenn ich sehe, dass die Kräfte einer ganzen Welt auf ein Ziel ausgerichtet werden: den Krieg. Nichts wird mehr so sein, wie wir es kannten. Und das Volk wird dich dafür nicht lieben. Die Mütter werden ihre Söhne vor deinen Werbern verstecken. Sie werden deinen Namen auf bleierne Fluchtafeln schreiben und zu den Göttern beten, um alles Unglück dieser Welt auf dein Haupt herabzurufen.«

»Ich weiß«, entgegnete der Unsterbliche bedrückt und strich sich mit fahriger Geste über seinen langen, sorgsam in Locken gelegten Bart. »Es ist der Preis der Freiheit.«

»Warum?«, sagte Ashot aufgebracht. »Was ist es wert, die Jugend unserer Welt zu opfern?«

»Eine Welt ohne Kriege. Es ist unser Geschenk an die Jugend der Zukunft.« Aaron stieß einen tiefen Seufzer aus. »Glaubst du, ich führe gerne Kriege? Meinst du, es fällt mir leicht, dieses Gesetz zu erlassen?« Er deutete auf die Wachstafel auf dem Tisch, an dem er gearbeitet hatte. »Ich weiß, was dies in der Zukunft bringen wird. Das Leben Tausender wird zerstört sein. Ich hatte so sehr gehofft, dass ein Treffen der Unsterblichen alle künftigen Kriege auf unserer Welt verhindern könnte. Ich wollte eine Welt, in der die Mächtigen ihre Zwistigkeiten in einem Streitgespräch lösen. Oder im schlimmsten Falle in einem Duell. Doch der Angriff auf Selinunt hat alles verändert. Nichts wird mehr sein wie zuvor. Dir ist klar, dass die Drachen versucht haben, unsere Götter zu töten? Und alle Unsterblichen und ihre wichtigsten Hofräte gleich mit ihnen? Unsere ganze Welt wäre in ein Zeitalter der Finsternis gestürzt, wären wir, so wie geplant, zum großen Fest in der Stadt gewesen. Die Drachen hätten alle Menschenvölker zu ihren Sklaven gemacht. Und sie werden es wieder versuchen.«

Nein, Ashot hatte das schreckliche Himmelsfeuer über Selinunt nicht vergessen. Wer direkt in den gleißenden Flammenstrahl geblickt hatte, war erblindet. Binnen eines Herzschlages war eine ganze Stadt vernichtet worden. Niemand, der dort gewesen war, würde diese Bilder jemals aus seiner Erinnerung tilgen können. In allen sieben Königreichen wurde diese Geschichte seit Wochen weitergetragen. Sie würde auch die entferntesten Winkel Daias erreichen.

»Was vermögen wir Menschen gegen Götterdrachen auszurichten?«, fragte er leise. »Willst du unsere Krieger gegen Flammenwälle marschieren lassen?«

»Unsere Götter werden an unserer Seite sein, Ashot. In dieser Stunde steht Langarm an seiner Schmiede. Seit dem Untergang von Selinunt hat er kaum geschlafen. Er wird uns neue Waffen schenken. Waffen, die den Drachen und ihren Daimonenkindern den Tod bringen werden. Wir werden nicht tatenlos warten, bis es ein zweites Selinunt gibt.«

Ashot konnte die fiebrige Begeisterung des Herrschers nicht verstehen. Aber er war ja auch nur ein Bauer, den eine Laune des Schicksals zum Hauptmann der Leibwache des Unsterblichen gemacht hatte. »Wir werden in die Welt der Daimonenkinder ziehen?«, fragte er mit heiserer Stimme, und während er sprach, überkam ihn ein Gefühl, als strömte Eiswasser in seine Gedärme.

»Das ist nicht der Plan.« Selbst Aaron schien über den Gedanken erschrocken, in die Heimat der Daimonen ziehen zu müssen. »Wir kämpfen auf Nangog. Zunächst müssen wir jene Albtraumgestalten besiegen, die sich in den Wäldern und auf den Totenäckern erhoben haben. Diese Bestien, halb Mensch, halb Tier, die Angst und Schrecken verbreiten.« Er ballte die Fäuste. »Glaube mir, ich fürchte diesen Krieg und den Preis, den wir werden zahlen müssen, Ashot. Wir hätten niemals nach Nangog gehen dürfen. Es war ein Fehler, den unsere Vorväter gemacht haben. Nun brauchen wir das Korn und das Fleisch dieser Welt. Unsere Entscheidung ist, ob wir darum kämpfen und unsere jungen Männer opfern oder ob wir aufgeben und ein Jahrzehnt der Hungerwinter erdulden wollen, in denen wir mit ansehen, wie die Alten, die Kranken und die kleinen Kinder dahinsiechen und die anderen, bis zum Skelett abgemagert, nichts tun können, als ihnen beim Sterben zuzusehen. Du kommst aus einem armen Dorf, Ashot. Du weißt, was Hunger bedeutet. Du hast ihn schon gesehen. Hast gesehen, wie verbitterte Männer kleine Bündel im ersten Morgengrauen zum Totenacker getragen haben, um ihre Letztgeborenen zu begraben … Ich kann mein Volk nicht auf diesen Weg führen, Ashot. Nicht solange meine Kraft reicht, ein Schwert zu halten und mich diesem Schicksal entgegenzustemmen.«

»Ihr erinnert euch an den Überfall auf die Tempelstadt der Zapote, Herr?«

Der Unsterbliche runzelte die Stirn. »Natürlich.«

»An die toten Krieger der Zapote, die wir gefunden haben? Jene unheimlichen Tiermänner? Die Krieger, die auf der Hochebene von Kush Muwattas Streitwagen aufgehalten haben, obwohl die Männer des Unsterblichen ihnen um mehr als das Zwanzigfache an Zahl überlegen waren. Die Jaguarmänner der Zapote sind die besten Krieger dieser Welt. Und die Daimonenkinder haben sie getötet.« Ashot schnippte mit den Fingern. »Einfach so. Sagt mir, Herr, wie soll ich meine Männer gegen unbesiegbare Daimonen in den Kampf führen? Was kann sie aufhalten?«

Für einen Moment lang wirkte Aaron erneut verärgert. Er presste die Lippen zusammen und bedachte ihn mit einem schneidenden Blick. Doch dann seufzte er plötzlich. »Es sind diese Fragen, die dich als Ratgeber so wertvoll machen. Fragen, die andere nicht zu stellen wagen. Und ich will dir ehrlich antworten. Wir glauben, dass die Daimonenkinder nach Nangog kommen werden, um den Grünen Geistern und den Ungeheuern, die sich erhoben haben, beizustehen. Sie werden versuchen, uns von dieser Welt zu vertreiben. Aber die Devanthar sagen, die Daimonen seien in allem, was sie tun, sehr langsam und bedacht. Wir müssen die Zeit nutzen und schnell die Ungeheuer vertreiben, die uns dort heimsuchen. Wir müssen stark werden. Wir müssen unsere Krieger ausbilden, und wenn die Daimonen kommen, dann wird Nangog für sie wie eine Ebene voller Treibsand sein. Sie werden in dieser Welt versinken, und unsere Krieger sind die Sandkörner. Jedes einzelne Sandkorn für sich ist bedeutungslos. Ihre Macht liegt in ihrer Zahl, und es ist unser Plan, der uns aus einfachem Sand zu Treibsand werden lässt.«

Ashot schüttelte den Kopf. »Das sind nur Worte. Ich verstehe den Plan immer noch nicht. Was genau lässt uns von einfachen Sandkörnern zu tödlichem Treibsand werden?«

»Unsere Bereitschaft, zehn Leben für einen toten Daimonen zu geben. Zwanzig, wenn es sein muss … Es wird unsere Zahl sein, die uns am Ende unbesiegbar macht.« Aaron war blass geworden, und doch spiegelte sich in seinen Zügen eine Entschlossenheit, die in Ashot jede Hoffnung sterben ließ, dass der Herrscher diesen mörderischen Plan wieder aufgeben würde.