»Ihr habt das falsche Bild gewählt, Unsterblicher«, sagte der Hauptmann verbittert. »Eine Ebene voller Sand, das hört sich so sauber an. Ihr aber habt entschieden, die Daimonen und die Ungeheuer Nangogs im Blut Eurer Untertanen zu ertränken. Wie schafft Ihr es, tagsüber solche Pläne zu schmieden und Euch nachts mit einem Küchenmädchen zu vergnügen? Was für ein Mann seid Ihr geworden? Wann ist Euch Eure Seele verloren gegangen?« Kaum waren die Worte über seine Lippen, bereute Ashot sie schon. Nicht ihren Inhalt, es war die Wahrheit, was er sagte, doch fürchtete er sich vor dem Preis, den er dafür zahlen müsste.
Der Unsterbliche blieb erstaunlich ruhig. Er sah ihn durchdringend an. Nicht einmal Tadel lag in seinem Blick. »Hast du einen Traum, mein Freund?«
Ashot war völlig überrumpelt. »Ich verstehe nicht …«
»Hast du etwas, das du in deinem Leben unbedingt erreichen möchtest? Etwas, dem dein letzter Gedanke gilt, bevor du einschläfst, und gleich der erste, wenn du wieder erwachst? Etwas, das dich brennen lässt, dein Leben reicher macht und ihm ein Ziel gibt?«
Der Hauptmann zögerte, obwohl er auch sofort hätte antworten können. Es war sein Dienst für den Unsterblichen, der sein Leben erfüllte. Er träumte nicht von einer Frau, von Macht oder Reichtum. Manchmal, wenn er nachts zur Ruhe kam und all seine Pflichten weit hinter ihm lagen, empfand er eine schmerzliche Leere in seinem Leben. »Ich träume nicht«, entgegnete er gereizt, denn er ahnte, dass Aaron um diese Antwort gewusst hatte. »Ich stehe mit beiden Beinen im Leben.«
Der Herrscher lächelte. »Ja, das ist ein Teil des Problems. Du stehst. Es gibt keine Bewegung in deinem Leben. Du hast dich mit der Welt abgefunden, wie sie ist. Ich aber möchte sie verändern. Ich möchte sie verbessern. Ich möchte sie zu einem Ort machen, an dem die Schwachen nicht unterdrückt werden. An dem ein Bauer vor dem Gesetz nicht anders behandelt wird als ein Satrap. Einem Ort, an dem es keinen Hass und keine Ausbeutung mehr gibt. Es liegt in unserer Hand, die Welt zu formen, in der wir leben. Wahrscheinlich war es ein Fehler, nach Nangog zu gehen und sich nicht mit der einen Welt zu bescheiden, die uns von Anbeginn der Zeiten an von unseren Göttern geschenkt worden war … Ich kann dies nicht mehr rückgängig machen, ohne großes Leid über mein Volk zu bringen. Also gehe ich voran. Wir müssen Nangog sicher machen und dafür sorgen, dass nie wieder eine Flammensäule vom Himmel hinabsticht, um binnen eines Herzschlages eine ganze Stadt und ihre Bewohner zu Asche werden zu lassen. Und wenn dies vollbracht ist, dann werden Friede und Gerechtigkeit walten. Ich werde all meine Kraft geben, um dieses Ziel zu erreichen.« Der Herrscher nahm die Wachstafel, die Ashot auf den Tisch zurückgelegt hatte, auf. »Bring dies zu den Schreibern. Jeder Satrap, jede freie Stadt und jeder größere Tempel soll eine Abschrift davon erhalten und dieses neue Gesetz umsetzen.«
Der Hauptmann nahm die Tafel. Er wusste, dass weitere Einwände kein Gehör mehr finden würden. Niedergeschlagen zog er sich zurück, während Aaron durch die Flügeltür trat, die auf die weite Terrasse führte, und den grauen Himmel betrachtete. Er wirkte unendlich einsam. Sein Traum schien vor allem eins zu sein: ein Albtraum.
Kirum
Ashot eilte den langen Flur hinunter, der von den Privatgemächern des Unsterblichen zum Löwenhof führte. Ein Fresko, das eine Flusslandschaft zeigte, säumte die Wände. Es zeigte den Unsterblichen auf der Pirsch im hohen Schilf, das mit Lilien durchsetzt war. Man sah ihn Löwen nachstellen und Enten jagen oder aber am Fluss weilen, wo seine Haremsdamen in durchscheinenden Gewändern mit Leiern und dickbauchigen Flöten für ihn spielten, während eine nackte, rothaarige Schönheit tanzte. Ashot fragte sich, wie lange diese Tage wohl schon vergangen waren? Nie hatte er erlebt, wie der Unsterbliche Aaron sich dem Müßiggang hingab. Dieses Küchenmädchen aus Nari war die einzige Schwäche, die der Herrscher sich erlaubte.
Schwere Schritte, begleitet von einem Klacken, ließen den Hauptmann aufblicken. Mataan war vom Hof aus in den Flur getreten. Der Hofmeister war nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein dürrer, großgewachsener Mann, der sich schwer auf seinen Krückstock stützte. Seine Muskeln waren dahingeschmolzen. Es war ihm kaum noch anzusehen, dass er einst ein Krieger gewesen war. Dabei war nicht einmal ein Jahr vergangen, seit er sich im Steinhorst, der letzten Fluchtburg Eleasars, des verräterischen Satrapen von Nari, schützend vor den Unsterblichen geworfen hatte und schwer verwundet worden war.
»Wie geht es ihm?«, fragte Mataan, als sie einander gegenüberstanden.
Statt zu antworten, hielt Ashot ihm den Entwurf für das neue Gesetz hin. Der Hofmeister überflog die Zeilen und nickte.
»Du stimmst dem zu, Mataan?«
»Hat der Unsterbliche eine Wahl? Dieser Krieg wurde uns von den Drachen aufgezwungen. In diesem Gesetz finde ich seinen edlen Geist, der selbst in diesen dunklen Zeiten hell wie ein Leuchtfeuer erstrahlt.«
Ashot traute seinen Ohren nicht. »Du weißt, was uns erwartet. Wir führen die Jugend unseres Reiches zur Schlachtbank. Ich weiß nicht, was du an diesem Gesetz Wunderbares entdecken kannst.«
»Es gibt keine Ausnahmen. Es ist einfach und klar. Jeder muss gehen, ob er nun der Sohn eines Satrapen oder eines Bettlers ist. Und alle beginnen sie mit dem gleichen Rang. Allein Mut und Können entscheiden über den Aufstieg. Ich sehe all seine alten Ideen in diesen Zeilen. Er wird unser Reich verändern.« Mataans Augen glänzten nun fast so wie die des Unsterblichen, als er eben von seinen Plänen gesprochen hatte. »In dieser Stunde beginnt die Geburt eines neuen Reiches. Und wie bei jeder Geburt muss auch hier Blut fließen.«
»Vor gar nicht allzu langer Zeit warst du es, der ihn vor diesen Ideen gewarnt hat«, entgegnete Ashot gereizt. »Du hast vorausgesehen, dass sich die Satrapen gegen ihn erheben werden. Und genau so ist es gekommen. Und wer hat den Preis gezahlt?« Er maß den ausgezehrten Krieger, von dem kaum mehr als Haut und Knochen geblieben waren, mit kaltem Blick. »Was lässt ausgerechnet dich in deinem Urteil wanken?«
»Ich habe gesehen, wie die Götter ihn als ersten Menschen in den Gelben Turm gerufen haben, um zu hören, was er zu sagen hat. Ich war Zeuge, wie er es schaffte, alle Unsterblichen an einem Ort zu versammeln, damit sie über eine neue Ordnung der Welt beraten. Und ich war Zeuge, wie er vorhergesehen hat, dass die Drachen versuchen würden, alle zu vernichten. Er ist kein Mann wie du und ich. Wir dürfen ihn nicht nach unserem Maß beurteilen. Er hat Visionen …«
»Die habe ich auch! Erinnerst du dich noch an die Schrecken der Hochebene von Kush? Diese Schlacht war wie das harmlose Gerangel von Kindern im Vergleich zu dem, was uns erwartet. Die Drachen werden ihre Daimonenkinder schicken, und allein die Götter wissen, was noch. Wie sollen wir in so einem Krieg siegen?«
»Glaube ist der erste Schritt«, entgegnete Mataan voller unerschütterlichem Vertrauen. »Und ich glaube an den Unsterblichen. Er hat mit Bauernkriegern das stärkste Heer Daias besiegt. Dieser Mann ist auch Daimonen und Drachen gewachsen. Wer, wenn nicht er? Ich werde treu an seiner Seite stehen, wenn dieser Kampf beginnt.«
»Und ich werde bleiben, damit es in diesen Mauern wenigstens einen gibt, der ihm offen die Meinung ins Gesicht sagt.« In Wahrheit war sich Ashot nur zu bewusst, dass es für ihn keinen anderen Ort mehr gab. Er hatte zu viel gesehen, um noch einmal in sein Dorf Belbek zurückkehren zu können und darauf zu hoffen, dort seinen Frieden zu finden. Die Welt war grausamer, als er es sich je hätte ausmalen können. Es war besser, dort zu sein, wo über den Lauf der Dinge entschieden wurde. Nur dort konnte er etwas bewirken. In Belbek wäre er nicht mehr als ein Schaf, das darauf wartete, dass man es zur Schlachtbank holte.