»Kein schlechter Grund zu bleiben.« Mataan sah ihn forschend an. »Da du die mahnende Stimme der Vernunft bist, hast du ihn gewiss auch auf Kirum angesprochen.«
»Weil ich die Stimme der Vernunft bin, habe ich dieses Thema nicht wirklich vertieft. Es war der falsche Augenblick, ihm klar zu sagen, was wir über sie denken und was er tun sollte!«
Mataan lächelte süffisant. »Und mir wirfst du vor, ich sei wankelmütig?«
»An wen wird er zuerst denken, wenn sie aus dem Palast verschwindet und einer von uns ihm einen langen Vortrag gehalten hat, wie schädlich die Liebelei mit einer Küchenmagd für den Frieden im Reich ist?«
»Und du glaubst, wenn wir schweigen, wird er nicht auf uns kommen?«
»Er ist ein guter Mensch.«
Mataans Blick wurde hart. »Eine Schwäche, die wir um seinetwillen nicht teilen dürfen. Er sollte die Tochter eines Unsterblichen zum Weib nehmen. Oder wenigstens eine Satrapentochter, aber kein Küchenmädchen, über deren Herkunft sich schon der ganze Palast das Maul zerreißt. Heute habe ich gehört, sie sei eine Kriegerprinzessin vom Seidenfluss und eine Hure aus der Goldenen Stadt, und Mahut, der Leibkoch des Unsterblichen, dem sie den Arm auskugelte, schwört, sie sei eine Kräuterkundige.«
Ashot dachte an die wilde Schlägerei, in die Kirum in der Palastküche geraten war. »Sie hat in der Tat ein Kriegerherz …«
»Und in der Küche hatte sie nicht einmal eine Waffe zur Hand.« Mataan schüttelte sorgenvoll den Kopf. »Ausgerechnet dieses Weib holt sich der Unsterbliche in sein Bett. Ich begreife ihn nicht! Ich bin inzwischen ganz sicher, dass sie als Kriegerin ausgebildet wurde oder, schlimmer noch, als Meuchlerin. In der Palastküche war sie nur, um die Aufmerksamkeit des Unsterblichen zu erregen. Was sie nun aber in seinem Bett will, wissen allein die Götter.«
»Und du bist dir ganz sicher, dass ihre Geschichten gelogen sind?« Ashot fühlte sich mit jedem Augenblick unwohler. Der Unsterbliche war fast sein Freund, soweit ein Mensch, der den Göttern näherstand als seinesgleichen, überhaupt ein Freund genannt werden konnte. Und nun stand er hier und überlegte gemeinsam mit Mataan, wie sie den einzigen Funken Freude in seinem Leben auslöschen konnten. Es war niederträchtig. Niemals hätte er sich träumen lassen, dass das Richtige zu tun so dunkle Taten erfordern konnte.
»Natürlich lügt sie!« Mataan klang fast beleidigt. »Der Hofmeister Datames war wie eine Spinne, die inmitten eines unsichtbaren Netzes gesessen hat, das sich über das ganze Reich erstreckte. Immer noch melden sich fast täglich Spitzel bei mir, die nun in meine Dienste treten möchten und in der Vergangenheit meinem Vorgänger zugearbeitet haben. Allein in Nari habe ich einen Priester aus dem Hauptarchiv des Tempels, einen Hauptmann aus der Leibwache des Satrapen und einen reichen Handelsherren, die ihrerseits ihre eigenen Verbindungen nutzen, um für mich an Informationen zu gelangen. Es gab in dieser Stadt niemals eine Kirum. Sie steht nicht auf der Liste der Geburten, niemand ihres Namens hat je Abgaben an den Tempel entrichtet oder wäre den Stadtwachen aufgefallen. Glaube mir, sie lügt. Und wer sich mit Lügen das Vertrauen des Unsterblichen erschleicht, der hat keine Gnade verdient. So war es schon immer hier im Palast.«
Ashot sah Mataan mit großen Augen an. Diese Seite kannte er noch nicht an dem Fischerfürsten. »Wie meinst du das?«
»Vor Aarons Himmelssturz war dieser Palast ein ganz anderer Ort. Hier regierten Angst und Grausamkeit.« Der Hofmeister senkte die Stimme. »Einst war der Unsterbliche ein zügelloser …« Einen Augenblick rang Mataan um Worte. »… ein zügelloser Mann«, sagte er schließlich matt, und es war unüberhörbar, dass er seinen Gefühlen keinen freien Lauf gelassen hatte. »Die Löwengrube und das große Becken mit den Krokodilen … Dort hat er Haremsdamen hinrichten lassen, die seine Gnade verwirkt hatten oder deren einziger Fehler es gewesen war, mit der Zeit zu altern und sein Auge nicht mehr zu erfreuen. Damals galt, dass eine Dame, die einmal das Bett mit dem Unsterblichen geteilt hatte, niemals wieder bei einem einfachen Mann liegen sollte. Wohin also mit den Frauen? All das änderte sich nach dem Himmelssturz. Und Datames ließ nach und nach alle Diener vom Hof entfernen, die einst dem anderen, zügellosen Aaron allzu willfährig gehorcht hatten. Heute wirst du hier kaum noch jemanden finden, der dir über diese Zeit aus eigener Erfahrung berichten könnte.«
Ashot kannte Gerüchte über die alte Zeit, aber er hatte sie immer als Lügengeschichten abgetan. Sie passten so gar nicht zu dem Aaron, den er kannte. »Woher weißt du das alles?«
»Ich bin Satrap, ich war auf einigen der Feste …« Ein Wangenmuskel zuckte in dem ausgezehrten Gesicht des Hofmeisters. »Ich war beschämt, der Diener eines solchen Herrschers zu sein. Niemals hätte ich erwartet, dass er sich so sehr ändern könnte. Er kam zu mir. Und dann hat er in einem Fischerboot gemeinsam mit mir und seinem Kriegsmeister Juba eine ganze Piratenflotte herausgefordert. Ich erkannte den Mann, den ich hier im Palast gesehen hatte, nicht mehr wieder. Alles war anders geworden. Nicht nur ich habe so empfunden … Es gibt ein Geheimnis um den Himmelssturz, und es ist nicht gut, daran zu rühren. Aaron hat nach diesem Sturz seinen Harem aufgelöst. Die Frauen, die ihn wirklich gut kannten, wurden vom Hof entfernt.«
Ashot war fassungslos. Was wollte Mataan da andeuten? Allein schon so zu denken war blanke Ketzerei. »Hast du Beweise für das, was du andeutest?«
»Nur den Beweis, dass alle Beweise verschwunden sind. Die Frauen, die bezeugen könnten, dass sich vielleicht der Körper des Unsterblichen verändert hat, wurden in die entferntesten Ecken des Reiches verheiratet. Und eine, Aya war ihr Name, beging Selbstmord, indem sie in die Löwengrube sprang. Welche Frau tut so etwas? Frauen vergiften sich oder schneiden sich die Pulsadern auf. Sie suchen einen Tod, der ihren Körper nicht verstümmelt. In die Löwengrube springen …« Mataan schüttelte den Kopf. »Daran glaube ich nicht. Bei diesem Selbstmord wurde nachgeholfen.«
»Du meinst, Aaron hat …«
»Nein«, entgegnete Mataan entschieden. »Er würde das niemals tun. Es war ein anderer, der zu allem bereit war, um den Unsterblichen zu schützen, denn der neue Aaron, Herrscher von Aram, ist in jeder Hinsicht ein vorbildlicher Mann, dem meine ganze Hingabe gilt. Er opfert sich auf, um das Reich zu schützen und zu neuer Blüte zu führen. Und nicht weniger sollten wir auch tun. Ich werde mich um Kirum kümmern.«
»Was wirst du tun?«
»Eine endgültige Lösung finden.« Er seufzte, doch sein Blick blieb hart. »Willst du wirklich mehr wissen?«
Ashot schwieg.
»Weißt du, mein Freund«, fuhr Mataan fort, als das Schweigen zwischen ihnen zu bedrückend wurde. »Wir beide, wir sind die Schatten des Unsterblichen. Es liegt an uns, zu tun, was im Dunkel bleiben soll, damit nichts das strahlende Licht trübt, das unseren Herrscher umgibt.«
Kurbelbeine, Aale und eine Überraschung
Etwas Metallisches schlug auf das obere Luk des Aals. Wie ein Glockenschlag hallte es durch den engen Bootskörper, und im blassen Bernsteinlicht des Barinsteins blickten alle zu ihm hinauf. Ihr kleines Boot lag still. Endlich, dachte Hornbori erleichtert. Er stand auf der eisernen Leiter unter dem Luk und griff nach dem Hebel, der den mit feinem Rost überzogenen Ausstieg verschlossen hielt. Die Luft in dem Tauchboot war so von den Ausdünstungen der Körper gesättigt, dass er bei jedem Atemzug das Gefühl hatte, etwas Pelziges lege sich auf seine Zunge.
Energisch drehte er den Verschluss auf und stieß gegen das Luk. Seinem ersten Schlag widersetzte es sich. Es war angerostet. Dann half jemand von außen. Hornbori schob sich bis zur Hüfte durch den engen Ausstieg. Es war, wie neu geboren zu werden. Obwohl kein Tageslicht um ihn herum herrschte, war es deutlich heller als im Boot, und er musste die Augen zukneifen. Tief atmete er ein. Die Luft war mit Rauch gesättigt. Es roch nach frisch geschlagenem Holz, erhitztem Metall, dem Dung von Grubenpferden, Schmierfett und Kohlsuppe. Ein zweites Mal atmete Hornbori tief ein, bewusster nun, genießender. Es war der Geruch einer Zwergenstadt! Nichts war so gut. Es fühlte sich nach Heimat an, auch wenn sie in den Ehernen Hallen und nicht in der Tiefen Stadt waren.