»Eh, beweg endlich deinen fetten Arsch!«, grollte Galar unter ihm. »Oder du wirst meine Faust da spüren, wo ewige Finsternis herrscht. Mach voran! Wir anderen wollen auch endlich aus diesem schwimmenden Sarg heraus.«
»Beleidige mein Boot nicht«, erklang es dumpf vom Bug, wo der Steuermann zwischen seinen Hebeln lag.
Hornbori packte mit beiden Händen den eisernen Ring, der den Durchstieg bildete, und schob sich ganz nach oben. Jemand griff nach seinem Wams und half ihm heraus. Der Zwerg blinzelte noch immer gegen das ungewohnte Licht an. Leicht schwankend trat er auf eine Laufplanke, die vom rutschigen Rumpf des Aals über weitere Tauchboote hinweg auf einen Kai führte.
»Endlich frei!«, rief Galar hinter ihm in die weite Hafenhalle. Allmählich sah Hornbori deutlicher, und aus Schemen wurden Gestalten. Der Hafen war überfüllt von Arbeitern. An den Anlegestellen waren die Aale in mehreren Reihen hintereinander vertäut. Nie hatte er so viele der Tauchboote an einem Ort versammelt gesehen. Auf den Kais standen Krieger in langen Kettenhemden, die die Neuankömmlinge in Empfang nahmen. Obwohl noch nicht einmal die halbe Besatzung ihres Bootes durch das Luk geklettert war, legte schon der nächste Aal neben ihnen an und wurde mit Tauen festgezurrt. Ein breitschultriger Dockarbeiter, der lediglich mit einer zerfransten Hose aus grobem, braunem Tuch bekleidet war, sprang auf das neue Boot und schlug mit einem Hammer auf das Luk, zum Zeichen, dass die Besatzung aussteigen konnte.
Ein anderer tiefer, metallischer Ton wie der Schlag einer riesigen Glocke ließ Hornbori zusammenzucken. Er vertrat sich, rutschte von der Planke in den schmalen Spalt zwischen zwei vertäuten Aalen. Die Schiffe bewegten sich in der sanften Dünung des Hafenbeckens.
»Halt dich fest!«, rief Galar zu ihm herab und streckte ihm eine Hand entgegen.
Hornbori stieß einen Fluch aus – er steckte zwischen zwei Bootsrümpfen fest. Obwohl seine Füße kaum ins Wasser eingetaucht waren, war er tief genug gefallen, dass der Druck auf seinen Brustkorb stieg, als die Bootsrümpfe gegeneinanderdrängten. Er fühlte sich wie eine Maus in der Faust eines Minenarbeiters, die den Fehler gemacht hatte, sich dabei erwischen zu lassen, wie sie vom Hartkäse genascht hatte. Er würde zerquetscht werden. Er packte verzweifelt die Hand des Schmiedes.
Auf Galars Stirn trat eine breite Ader hervor, so sehr strengte er sich an. »Ausatmen, Schisser! Tu es, bevor dich die Boote ein letztes Mal ausatmen lassen.«
Hornbori versuchte es, doch da war schon längst keine Luft mehr in seiner Lunge. Einatmen, das war, was er jetzt sollte, aber er war so fest zwischen den Rümpfen der Aale eingeklemmt, dass keine Luft in seine Lunge wollte. Er japste vor Angst wie ein kleiner Hund. Gleich wäre es um ihn geschehen. Die weite Höhle verschwamm vor seinen Augen ….
Plötzlich ließ der Druck nach, als die Dünung die Reihe der vertäuten Aale auseinanderzog. Mit einem Ruck wurde Hornbori auf den kupferbeschlagenen Schiffsrumpf gezogen. Sein Brustkorb und Rücken schmerzten, und ihm standen Tränen in den Augen. Selbst jetzt konnte er nicht frei atmen.
»Mann, flenn nicht! Du hast noch Glück gehabt!«, erklärte der Dockarbeiter, der nun neben Galar stand. »Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht einer zwischen den Aalen zerquetscht wird. Einfach zu voll hier unten. Der Hafen wurde einfach nicht dafür gebaut, den Heerbann der Zwerge zu versammeln.«
»Der Heerbann wird versammelt?«, fragte Galar ungläubig. Auch Hornbori traute seinen Ohren nicht. Es gab einen Krieg? Hatten die Drachen etwa noch eine weitere Stadt angegriffen? Und was würde geschehen, wenn die Himmelsschlangen erfuhren, dass sich hier tausende Zwergenkrieger sammelten? Die Stadt würde brennen!
Beklommen blickte er zur hohen Höhlendecke, unter der Rauchschwaden zogen, und der Atem stockte ihm. An schweren, rostigen Eisenketten hingen dort weit über hundert Aale. Mit weißer Farbe waren Runenzeichen auf die algenbedeckten Rümpfe gemalt. Sie hoben die Tauchboote aus dem Wasser, um Platz für neue Aale im Hafenbecken zu schaffen. Wie Schinken in einer Räucherkammer hingen sie dort. Es waren fast nur größere Boote für fünfzehn bis dreißig Mann. In der Ferne sah er, wie ein Boot über eine Kettenwinde hochgezogen wurde. Wasser troff von dem verbeulten Rumpf. Es glitt entlang mächtiger eiserner Träger, die in der Höhlendecke befestigt waren, und schlug mit einem Ton wie der Gongschlag eines Riesen gegen einen anderen Rumpf.
»Eh, auf die Beine mit dir, Heulsuse!«, blaffte ihn der Dockarbeiter an. »Da hinten kommt schon wieder ein neues Boot. Hier ist nicht der Ort, um Maulaffen feilzuhalten.«
Galar half ihm auf und strafte ihn mit einem Blick voller Verachtung. Mit seinem zerzausten, nicht gerade üppig wuchernden Bart, dem ungepflegten Haupthaar und seinen dürren, aber drahtigen Armen machte er nicht gerade viel her. Vielleicht war er deshalb so ein gehässiger Sonderling, dachte Hornbori. Auch wenn Galar ein genialer Schmied und Alchemist war, gab es kaum jemanden, der ihn mochte, außer Nyr, dem Richtschützen vielleicht und dem Krüppel Glamir, dem Herrn jenes verfluchten Turms, in dem sie fast ein halbes Jahr gefangen gewesen waren.
»Beweg dich, Schisser!«, grölte nun auch Glamir, der, auf seine Krücke gestützt, ein Stück hinter ihnen stand. Er hatte die respektlose Art Galars übernommen. Nein, berichtigte sich Hornbori in Gedanken, auch Glamir war immer schon ein saufender, stinkender Bastard gewesen. Er hatte lediglich Galars Lieblingsschimpfwort für ihn übernommen.
Leicht humpelnd und weiterhin auf den Schmied gestützt, erreichten sie den gemauerten Kai. Hornbori hatte immer noch das Gefühl, dass der Boden unter seinen Füßen schwankte. Nach den endlosen Tagen im Aal hatte er Kurbelbeine, wie die Tauchfahrer es nannten. So wie alle Mitreisenden hatte er die ganze Zeit mit dem Rücken zur kalten Bootswand gesessen und in die Pedale getreten, um die Kurbelwelle zu bewegen, die sich längs durch den Aal zog. Es war ihre Muskelkraft, die die Wasserschraube bewegte und das Tauchboot vorantrieb. Eine elende, schweißtreibende Plackerei war es. Selbst die schöne Amalaswintha hatte in die Pedale treten müssen. Nur der kleine Frar war von der Mühsal verschont geblieben. Wie bei ihrer ersten Reise hatte er in einem Frachtnetz unter der Decke des engen Aals gehangen. Er war der Einzige von ihnen, der die Tage in dem stickigen Boot genossen hatte. Das sanfte Schaukeln und die leisen Flüche hatten ihm gefallen. Der Junge hatte die falschen Zwerge um sich! Wenn er groß war, würde er vermutlich genauso ein Drecksack wie Galar werden.
Jeder Atemzug versetzte Hornbori einen Stich. Vermutlich hatte er sich eine Rippe gebrochen. Mindestens eine!
Mürrische Krieger winkten sie vom Kai vorbei an turmhohen Stapeln von allerlei Kriegsgütern. Es mussten Hunderte Fässer voller Pilz und Salzfleisch sein, dazu Gebirge aus Säcken voller Mehl, Bohnen und Erbsen. Das Hämmern von Schmieden hallte durch die weiten Tunnel, die sich zum Hafen hin öffneten. Sie passierten eine Karawane abgemagerter, halb blinder Grubenponys, die weitere Lebensmittel heranschleppten.
Endlich wurde es Galar zu bunt, immer nur weitergewunken zu werden. Er packte einen der Krieger beim Kettenhemd und zog ihn zu sich herum. Trotz seiner hageren Gestalt hatte der Schmied Bärenkräfte. »Du bringst uns jetzt sofort zu Eikin. Wir müssen ihn so rasch wie möglich sehen, es geht um Leben und Tod!«
»Ich glaube nicht, dass der Alte in der Tiefe, Fürst Eikin, für einen stinkenden Grubenfeger wie dich zu sprechen ist. Heute nicht und auch an keinem anderen Tag in deinem Leben.«
In Galars Augen trat das Funkeln, das Hornbori seit seiner ersten Begegnung mit dem halbverrückten Schmied das Fürchten gelehrt hatte. »Du bringst mich zu Eikin, wenn dir daran gelegen ist, heute und an den restlichen Tagen deines kümmerlichen Lebens noch eine Speise zu dir zu nehmen, für die man Zähne im Maul haben sollte.«