»Wenn die Drachen einen Tritt in den Arsch bekommen, wäre das nicht das Schlechteste«, erklärte Glamir, während er mit seiner Krücke in einem Stapel Säcke herumstocherte, aus dem sich zwei Ratten davonmachten.
»Aber dabei wird es nicht bleiben«, erklärte ihr Begleiter voller Inbrunst. »Erst wollen sie nur Nangog, aber bald auch unsere Welt, unser Korn, unsere Viehherden und unsere Minen. Sie sind wie eine Horde plündernder Trolle, nur tausend Mal schlimmer, denn sie werden von ihren Dämonenfürsten persönlich angeführt.«
Nangog! Für Hornbori war dies der entfernteste Ort, den er sich vorstellen konnte. Eine Welt, über die er nur ein paar Geschichten, die wie Märchen klangen, gehört hatte. Und dort sollten sie kämpfen? Weil die Menschenkinder sonst nach Albenmark kamen? Das hörte sich unglaubwürdig an.
Aber er kannte sich mit Lügengeschichten aus. Dies hier war ein so schlecht gesponnenes Garn, dass es am Ende vielleicht doch die Wahrheit sein mochte. Lügen wären besser ausgedacht! »Und wir sollen zusammen mit Kobolden und Trollen kämpfen? Am Ende vielleicht auch noch mit den Drachenelfen, die unsere Vettern ermordet haben?«
»Die Himmelsschlangen haben entschieden, dass jeder Zwist und jede Fehde ruhen muss, bis dieser Krieg beendet ist«, verkündete der Blonde in feierlichem Tonfall. Bei ihm war die Geschichte, die die Drachen ausstreuten, ganz offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen. »Wir werden Seite an Seite marschieren. Es wird Friede unter den Völkern Albenmarks herrschen, bis wir Nangog befreit haben und die Menschen so gründlich besiegt sind, dass ihnen auf immer ihre Eroberungsgelüste vergehen.«
Glamir rülpste und ließ sich auf die Kohlensäcke fallen, und ausnahmsweise war auch Hornbori der Meinung, dass es zu diesem Thema nicht mehr zu sagen gab. Bald schon würden sie dem Bergfürsten gegenüberstehen, dann würden sie erfahren, worum es wirklich ging, und nicht die Geschichten zu hören bekommen, mit denen man einfachen Zwergen den Kopf verdrehte, damit sie willig zur Schlachtbank zogen.
Viel wichtiger als dieser Unsinn war es nun, einen Ort zu finden, an dem er sich waschen konnte. Zu stinken wie Glamir, Galar, Nyr und Frar mit seinen ewig vollgeschissenen Windeln war Hornbori zutiefst zuwider. Und es war etliche Monde her, dass er seinen Bart das letzte Mal mit einem guten Öl behandelt und zu Locken gedreht hatte. Er war es leid, wie ein Herumtreiber auszusehen. Er war Hornbori Drachentöter, eine Berühmtheit in allen Städten unter Tage, und er war es seinem Ruf schuldig, auch wie ein Held aufzutreten. Und Helden stanken nicht!
Der Besucher
Als Amalaswintha erwachte, brauchte sie einen Augenblick, um sich bewusst zu werden, wo sie war. Alles war gut! Endlich, nach so langer Zeit. Sie lag in einem weichen Bett, dessen Bezüge leicht nach Rosenöl dufteten. Eine Kerze brannte in einer Laterne aus buntem Glas und tauchte ihr Schlafgemach in angenehmes, gedämpftes Licht. Verwundert sah sie, dass sie immer noch ihr rotes Kleid trug, das sie die ganze Reise über nicht ein einziges Mal ausgezogen hatte. Ihm hafteten all die üblen Gerüche und die schlechten Erinnerungen an. Sie würde es verbrennen lassen! Nie wieder in ihrem Leben wollte sie es sehen.
Sie streckte die Arme nach hinten und dehnte die Beine. Endlich gab es genug Platz. Es würde lange dauern, bis sie die Entbehrungen der vergangenen Monde hinter sich lassen konnte. Sie musste herausfinden, womit sie den Alten in der Tiefe so sehr erzürnt hatte, dass er sie mit den anderen in Glamirs Turm verbannt hatte. So weit durfte es nie wieder kommen. Sie hatte sich als Erstes nach ihrer Ankunft davon überzeugt, dass jener ganz besondere Aal, den sie vor zwei Jahren hatte bauen lassen, noch immer für sie vor Anker lag. Ein Tauchboot, das einem den Weg fast überallhin öffnen konnte. Dieses Boot hätte sie vor der Verbannung bewahren können! Hätte sie es nur damals schon benutzt! Doch es war alles so schnell gegangen. Die Ereignisse hatten sie überrumpelt. Das würde ihr kein zweites Mal geschehen!
Amalaswintha genoss es, im Bett zu liegen, der tanzenden Flamme in der Laterne zuzusehen und ihren Gedanken nachzuhängen. Dann übermannte sie wieder der Gestank ihres Kleides. Mit spitzen Fingern öffnete sie die Verschnürung, streifte es über den Kopf und warf es von sich. Einen Augenblick später folgte das wunderbare zarte Untergewand aus bestem Leinen. Sie löste den Gürtel mit den Strumpfbandhaltern und rollte die Strümpfe aus Lammwolle ihre Beine hinab. Nackt erhob sie sich aus dem Bett und schnupperte an ihrem rechten Arm. Der Gestank war immer noch da! Er war tief in ihre Haut eingezogen. Sie ekelte sich vor sich selbst.
Energisch klatschte Amalaswintha in die Hände. Fast augenblicklich erschien Lamga in der Tür. Einen Moment schien sie etwas sagen zu wollen, doch dann senkte sie nur demütig das Haupt. Ihre Dienerin war früher schon belustigend prüde gewesen. Sie, ihre Herrin, nackt zu sehen machte sie verlegen, ja regelrecht sprachlos.
»Ist mein Bad bereitet?«
Lamga nickte scheu.
Der Befehl, Wasser für ein heißes Bad zu kochen, war das Letzte gewesen, was ihr über die Lippen gekommen war, bevor sie der Verlockung ihres duftenden, weichen Bettes erlegen war. Erholt und mit federndem Schritt verließ Amalaswintha ihr Schlafgemach. Sie brauchte gar nicht hinzusehen, um zu wissen, dass Lamga errötete, als ihre Herrin unbekleidet durch den kurzen Tunnel ging, der ihr Schlafgemach vom großen Bad trennte. Hier hätte sie einem der anderen Diener begegnen können. Undenkbar, wenn man so einfach gestrickt war wie Lamga. Sie schämte sich gerade für zwei, vermutete Amalaswintha.
Sie liebte dieses Bad. Es war fast so prächtig wie jenes in der Tiefen Stadt, das nun für immer verloren war. Ganz mit dunkelrotem Porphyr ausgekleidet und von zwei Laternen mit roten Scheiben nur spärlich beleuchtet, hatte es einen morbid sinnlichen Charme, der hervorragend zu ihrer augenblicklichen Stimmung passte. Dunstschwaden hingen über dem großen, im Boden eingelassenen Becken. Der glatt polierte Stein war mit Kondenswasser beschlagen. Der Boden unter ihren nackten Füßen war schlüpfrig. Angenehm feuchte Wärme umfing sie, in der Luft hing der Duft von Mandelöl. Sie würde alle Erinnerungen an das, was vergangen war, abwaschen. Sie würde … Amalaswintha verharrte mitten im Schritt. Da war jemand in ihrem Bad. Halb verborgen von den Dunstschleiern, die über das große Becken zogen, stand eine Gestalt mit langem, schwarzem Haar, die ihr den Rücken zuwandte.
»Wer bist du? Und was machst du hier?«
Die Gestalt drehte sich um. Es war Hornbori!
»Wie kommst du in mein Bad?«
Er lächelte verschwörerisch. »Deine Dienerschaft fand es gar nicht ungewöhnlich, als ich ihnen – zugegeben ziemlich entschieden – erklärt habe, dass du mich hier erwarten würdest. Empfängst du oft Männer im Bad?«
»Das geht dich nichts an! Verschwinde hier! Sofort, oder ich lasse dich aus meiner Höhle prügeln, nackt wie du bist.«
»Du hast mich doch eingeladen. Was soll dieser plötzliche Sinneswandel?«, erklärte er in gespielt beleidigtem Ton.
»Eingeladen?«
»Nun, wenn du vor allen erklärst, du hättest mit keinem von uns das Lager geteilt, aber wir eine Affäre hatten, kann das doch nur heißen, dass du dir die anderen vom Hals schaffen wolltest, um mit mir allein zu sein.«
Amalaswintha schüttelte den Kopf. Das war völlig widersinnig, eine fadenscheinige Ausrede. »Ich werde jetzt meinen Leibwächter rufen …«
»Halt!« Hornbori kam durch das Wasser auf sie zugewatet. Schlecht sah er nicht aus, das musste sie ihm zugestehen, aber er war die Sorte Mann, die sich gleich die ganze Frau nahmen, wenn sie auch nur den kleinen Finger bot. Sie sollte ihn dringend loswerden.
»Du möchtest doch nicht, dass dein wunderschöner Palast ein Fraß der Flammen wird. Nur wir beide können das verhindern.« Wasser troff von seinem langen, schwarzen Bart. Seine Haut war makellos. Weiß wie Marmor und ohne jede Narbe. Amalaswintha dachte mit Schrecken an die wenigen Nächte, die sie Glamir geschenkt hatte, um sein Vertrauen zu gewinnen. Keines seiner Glieder war nicht von wulstigen Narben verunstaltet gewesen. Seine ganze linke Körperhälfte war verstümmelt. Ein Arm, ein Bein und sogar ein Auge fehlten ihm, und was die Smaragdspinnen nicht abgeschnitten hatten, sah aus, als hätten sie es genüsslich mit Dutzenden Schnitten zerfleischt. Es war ein Wunder, dass Glamir an diesen Verletzungen nicht gestorben war. Und das war das einzig Wunderbare an ihm gewesen. Er soff, stank und hielt sich für den größten Liebhaber aller Grubenstädte, auch wenn sein Auftritt bestenfalls mittelmäßig zu nennen gewesen war. Hornbori war da ganz anders. Er gehörte zu den wenigen Zwergen, die Wert darauf legten, sich zu waschen. Allein das hob ihn schon von allen übrigen bärtigen Kreaturen aus Glamirs Turm ab und auch von der überwiegenden Mehrzahl der Höflinge Fürst Eikins. Und dann sah er wirklich verdammt gut aus, mit seinem langen Haar, den verträumten Augen und dem dichten, männlichen Bart. Obendrein war er ein guter Liebhaber – jene seltene Mischung aus Leidenschaft und Rücksichtnahme, die eine einzige Nacht lebenslanger Erinnerung wert machte. Bedauerlicherweise war sich Hornbori all dieser Vorzüge nur zu bewusst. Allein deshalb sollte sie ihn zurückweisen. Schon sein Auftritt hier war eine einzige Frechheit. In den Ehernen Hallen war er ein Nichts! Mittellos und ohne jeden Einfluss auf die bedeutenden Familien kam er hierher, weil sie ihm als Schlüssel zur Macht dienen sollte.