Als Amalaswintha schwieg, fragte er erneut, ernster diesmaclass="underline" »Willst du wirklich auch diesen Palast verlieren? Du weißt genau, was Glamir und Galar tun wollen.«
Natürlich wusste sie es. Obwohl die beiden Schmiede sich ansonsten stets verschwiegen gegeben hatten, plauderten Galar und Glamir im Bett gerne. Sie hatten sich mit den Speerspitzen gebrüstet, die ein für alle Mal die Herrschaft der Drachen beenden würden. Waffen, denen nichts zu widerstehen vermochte.
Hornbori schien ihr angesehen zu haben, dass er ihr damit kein Geheimnis verriet. »Wir müssen sie aufhalten! Wenn sie eine der Himmelsschlangen erlegen, dann werden die übrigen nicht lange brauchen, um herauszufinden, woher diese Speerspitze kam. Sie werden auch die Ehernen Hallen mit ihrem Feuer heimsuchen!«
Amalaswintha nickte. »So wird es sein. Aber ich frage mich, was geht in deinem Kopf vor, dass du glaubst, dieses Thema uneingeladen mit mir im Bad besprechen zu können?«
Er senkte zerknirscht den Kopf. »Womöglich hat dein Liebreiz meinen Verstand verwirrt …«
Verdammter Mistkerl, dachte sie und musste doch zugleich lächeln. Er wusste, wie man eine Frau herumbekam!
»Nehmen wir einmal an, ich gewährte dir die Gunst einer Nacht, was hättest du mir zu bieten?«
»All meine Leidenschaft!« Hoffnung glomm in seinem Blick, und strahlend weiße Zähne blitzten durch seinen nachtschwarzen Bart, als er lächelte.
»Du weißt, was ich meine«, entgegnete sie kühl, obwohl es ihr zunehmend schwerer fiel, sich zu verstellen. Sie hatte Lust, sich auf einen sauberen Mann einzulassen, der wusste, was er wollte. Nur für eine Nacht …
»Sie werden Eikin ihre Waffe vorführen und ihn um Unterstützung im Kampf gegen die Himmelsschlangen bitten. Allerdings befürchten sie, dass er ein Feigling ist und ablehnt, ja schlimmer noch, dass er ihnen ihre wundersamen Speerspitzen abnimmt, um sie für immer in seiner tiefsten Schatzkammer verschwinden zu lassen. Deshalb haben sie einen zweiten Satz Speerspitzen in unserem Aal verborgen. Sie haben ein wirklich gutes Versteck gefunden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie versuchen werden, sich unter die Krieger zu mischen, die gerade zusammengezogen werden, um im Heer der Himmelsschlangen zu dienen. So können sie den großen Drachen nahe genug kommen, um einen von ihnen zu töten.«
Amalaswintha nickte bedächtig. Das hörte sich ganz und gar nach Galar an. Er war ein verschlagener Mistkerl, der keinem traute und sich immer einen Rückzugsweg offenhielt. »Wo ist das Versteck?«
Hornbori schenkte ihr sein strahlendstes Lächeln. »Das ist meine Morgengabe für dich. Eikin wird es sicher sehr zu schätzen wissen, wenn du ihn über dieses Komplott unterrichtest.«
Amalaswintha stieg zu ihm ins Bad. »Wie ist es, seine Freunde zu verraten?«
»Ist das Überleben einer ganzen Stadt nicht jedes Opfer wert?«
Sie strich ihm über die breite Brust. Er war ein Mistkerl, aber er sah dabei verdammt gut aus.
»Ich weiß nun, was meine Morgengabe sein wird. Aber was sind deine Wünsche, Hornbori?«
Er küsste sie. »Einen könntest du sofort erfüllen. Und einen zweiten ein klein wenig später.«
Die Bürde der Macht
Eikin kniete neben dem Geschoss nieder, das inmitten der weiten Halle auf dem Boden lag. Deutlich spürte der Alte unter dem Berg die Gicht in seinen Knien.
Bewundernd strich er über das schillernde Metall. Vom hölzernen Schaft des Speers war nur ein zersplitterter Rest unmittelbar unter der Tülle geblieben, die das Speerblatt mit dem Holz verband. Im oberen Drittel der Tülle waren acht kleinere Klingen ausgefahren, die rechtwinklig abstanden.
»Ich habe lange mit Glamir an diesen Speerspitzen getüftelt«, sagte Galar selbstbewusst. »War ein elendes Stück Arbeit. Aber am Ende haben wir etwas ganz Besonderes erschaffen!«
Der Kerl war eine Schande für alle Zwerge, so verlottert, wie er aussah, dachte Eikin. Seine Hose war so verschossen und so oft geflickt, dass es unmöglich war, ihre ursprüngliche Farbe zu erraten. Darüber trug er nur eine offene Lederweste, die seinen drahtigen Körper präsentierte, als wäre es eine Freude, einen Zwerg zu sehen, der nicht gut genug im Futter stand, um einen festen Kugelbauch zu haben. Aber so abstoßend er auch war, er war ein Genie! Und wie der eine oder andere geniale Geist, dem Eikin in seinem langen Leben begegnet war, schien auch Galar keine Ahnung zu haben, was seine Erfindung heraufbeschwören würde, wenn sie zum Einsatz kam.
»Die kleinen Klingen fahren aus, sobald die Speerspitze auf ihr Ziel aufschlägt«, erklärte der Schmied nun voller Stolz.
»Dachte ich mir«, sagte Eikin heiser. »Ein Federmechanismus, nehme ich an.«
»Ganz genau!«
Mühsam richtete sich der Fürst auf. »Wer weiß davon?«
»So gut wie niemand. Wir müssen die Sache geheim halten. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn die Himmelsschlangen davon erfahren.«
Eikin nickte. »Braver Junge! Aber sag mir doch ganz genau, wer es weiß. Ich muss das einschätzen können. Uns darf bei dieser Sache kein Fehler unterlaufen, das verstehst du doch sicherlich.«
Galar zog misstrauisch die Brauen zusammen. »Wir machen keine Fehler …«
Der Fürst schlurfte in Richtung der Wand aus solidem, gewachsenem Fels, die der Speer so leicht durchschlagen hatte, als wäre sie ein Daunenkissen. »Die Namen, Junge!«, sagte er eine Spur schärfer.
»Einige der Männer aus Glamirs Turm. Außerdem Nyr, Hornbori und Amalaswintha. Die anderen, die mit uns im Aal gekommen sind, haben keine Ahnung, was für eine Fracht sie transportiert haben.«
Eikin nickte. Dasselbe hatte ihm auch Amalaswintha erzählt. Es war eine Schande, was er Galar antun musste. Der Schmied war ein Held. Aber dies war das falsche Zeitalter für Helden wie ihn. Der Alte aus der Tiefe erreichte die Felswand und betrachtete ungläubig das sternförmige Loch, das der Speer durch die mehr als achtzig Schritt dicke Wand gestanzt hatte. Unglaublich. Er malte sich aus, was so ein Speer anrichten mochte, wenn er eine der Himmelsschlangen traf, wie er ein Gehirn zerschnitt oder Eingeweide zerfetzte und die überheblichen Götterdrachen vom Himmel fielen. Wie gerne hätte er das gesehen!
Aber sobald der erste Drache fiel, würden die Überlebenden die Schützen finden. Und sie würden sehr schnell wissen, von wo sie gekommen waren. Sie würden es nicht dabei belassen, allein die Drachenmörder zu töten. Das hatten sie schon einmal gezeigt. »Du hast da ein wahres Wunderwerk erschaffen«, sagte Eikin voll ehrlicher Anerkennung.