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»Wir werden die Speerschleuder noch verbessern. Wir brauchen guten Federstahl und eine große Schmiede und …«

Der alte Herrscher schüttelte den Kopf. »Das wird Aufsehen erregen. So geht das nicht.« Er wandte sich vom Fels ab und ging zum Tunnel, der zum Thronsaal führte.

»Wir brauchen eine starke Speerschleuder, Fürst. Es ist allein die Kraft der Waffe, die entscheidet, wie weit das Geschoss fliegt. Nichts vermag den Speer aufzuhalten. Er durchdringt Fleisch, Stahl und Stein, so als wäre es nur Luft. Hätten wir eine Speerschleuder, die ihn eine Meile weit verschießt, würde er alles auf diesem Weg durchbohren. Vielleicht sogar zwei Himmelsschlangen.«

Eikin lachte gekünstelt. »Eine Speerschleuder, die eine Meile weit schießt … So etwas gibt es nicht!«

Galar war nicht aus der Fassung zu bringen. Im Gegenteil, Widerstand stachelte ihn offensichtlich an. »So eine Waffe gibt es noch nicht, mein Fürst. Aber wir könnten sie bauen! Gib uns die Mittel zu forschen und zu bauen, und ich verspreche dir, es wird kein Jahr vergehen, bis in deinem Thronsaal eine Speerschleuder steht, wie sie Albenmark noch nicht gesehen hat. Ich habe schon eine Idee …«

»Ideen«, winkte Eikin ungehalten ab. »Jeden Tag steht vor mir ein Schmied voller Ideen, der das Gold der Ehernen Hallen möchte.«

»Das verstehe ich, aber mein Fürst, was ist unwahrscheinlicher? Ein Speer, der Stein und Stahl durchschlägt, als wäre es Pergament, oder eine Speerschleuder, die doppelt so weit schießt wie alle, die bislang gebaut wurden?«

Der Fürst grummelte etwas und ging weiter den Tunnel entlang. Bei jedem Schritt spürte er einen Stich im rechten Knie. Heute war einer der schlimmeren Tage mit der Gicht. Schon als er aufgestanden war, hatten all seine Fingergelenke geschmerzt, und er hatte sich kaum aufzusetzen vermocht. Und dann noch diese Sache … Er mochte Galar. Es waren Männer wie dieser Schmied, die die Zwergenstädte im Schoß der Erde groß und mächtig gemacht hatten. Männer voller kühner Visionen, die Träume zu leben wagten. Er war nie so kühn gewesen, dachte Eikin bitter. Hatte stets mit beiden Beinen auf dem Boden gestanden und nur gewagt, was erprobt war. Und so würde er es auch jetzt halten.

Die Ehernen Hallen waren zwar dreimal so groß wie die Tiefe Stadt, die von den Himmelsschlangen in nur einer Stunde vernichtet wurde, dennoch hegte er nicht den geringsten Zweifel, dass auch seine Stadt fallen würde. Er war es seinem Volk schuldig, kein Träumer zu sein!

Schweigend legten sie das letzte Stück des Weges zurück, bis der Tunnel in den weiten Thronsaal mündete. Auf Anraten Amalaswinthas hatte Eikin dafür gesorgt, dass es keine Zeugen gab. Nur Glamir erwartete sie in der prächtigen, weiten Halle mit den Wänden aus meergrüner Jade, auf denen Bilder und Runen aus reinem Gold von den großen Stunden der Helden der Ehernen Halle kündeten.

Eikin fühlte sich angesichts all des Ruhms beschämt bei dem, was er nun zu tun hatte. Plötzlich fühlte er sich unendlich müde, und zum ersten Mal wünschte er sich, die Last des Fürstentums auf andere, jüngere Schultern zu bürden.

»Und?«, fragte Glamir aufgeregt.

»Wirklich eindrucksvoll. So etwas habe ich noch nie gesehen, und ich würde es nicht glauben, würdet ihr mir nur davon erzählt haben. Dieses Metall ist dazu geschaffen, die Ordnung unserer Welt zu stürzen.«

Glamir schlug begeistert mit der flachen Hand auf die Speerschleuder, an der er lehnte. »Hab ich es nicht gesagt? Wir treten den Drachen in den Arsch, sodass sie es nie wieder vergessen werden! Jetzt brauchen wir nur noch stärkere Speerschleudern, damit wir nicht zu nah an die Mistviecher heranmüssen.«

»Tja …«, grummelte Eikin vor sich hin und ging in Richtung seines Thrones, der am Ende des weiten Saals auf einem Podest stand, zu dem er sieben Stufen erklimmen musste. Er war die Pracht und Verantwortung so müde, dachte er.

Oben angekommen, griff er nach dem Schlägel des Gongs. Galar, der ihm gefolgt war und unablässig weiter auf ihn eingeredet hatte, verstummte abrupt, als der erste dunkle Ton erklang. Ein einfühlender Umgang war wirklich nicht die Sache des Schmieds. Eikin war sich bewusst, wie wankelmütig er in dieser Angelegenheit war. Sein Herz und sein Verstand strebten in entgegengesetzte Richtungen. Ein Mann, der sich darauf verstanden hätte, die richtigen Worte zu finden, hätte ihn durchaus umstimmen können. Galar war das ganz gewiss nicht.

Der Fürst schlug erneut den Gong, und nur wenige Herzschläge später stürmten seine Leibwachen durch die kleine Pforte, die hinter dem hohen Thronsitz verborgen lag.

Galar starrte ihn fassungslos an. »Was …«

Der Schmied war so überrumpelt, dass er den Kriegern kaum Widerstand leistete.

»Verrat!«, schrie Glamir und griff eines der mörderischen Geschosse, die neben der Speerschleuder an der Wand lehnten. »Verflucht sollst du sein, Eikin. Du und all die verdammten Bastarde, die deinen Lenden entsprungen sind.« Mit diesen Worten legte Glamir den Speer auf die Führungsschiene des Geschützes und mühte sich, die schwere Waffe herumzuschwingen, sodass sie auf den Thron zeigte.

Eikin blieb, ohne sich zu rühren, vor seinem Thron stehen. Wenn es so enden sollte, dann sei es so, dachte er schwermütig, während seine Krieger durch den weiten Saal stürmten. Nur das Trampeln der eisenbeschlagenen Stiefel und das Klicken des Räderwerks, mit dem der stählerne Bogen der Speerschleuder gespannt wurde, waren zu hören.

Für einen Krüppel bewegte sich Glamir bemerkenswert geschickt. Nichts ließ ihn seine Ruhe verlieren. Als die Wachen ihn überwältigten, war die Speerschleuder fast schussbereit.

»Wer sind die beiden?«, fragte Bailin, der Hauptmann seiner Leibwache, der die Stufen zum Thron erklommen hatte. Dabei behielt er die Gefangenen unten im Saal argwöhnisch im Blick.

Sonst war Bailin eher still. Nie hatte er Eikin mit irgendwelchen Fragen behelligt, doch eine Speerschleuder im Thronsaal stehen zu sehen war selbst für ihn zu viel. Eikin hatte diesen Ort für die Vorführung gewählt, weil Galar zwei Hallen gefordert hatte, die durch eine etwa hundert Schritt dicke Felswand getrennt waren. Der Thronsaal und der angrenzende Saal für die Ratssitzungen waren dem am nächsten gekommen. Eikin wünschte sich jetzt, er hätte sich erst gar nicht darauf eingelassen.

Laut und in verärgertem Ton erklärte er: »Das sind zwei verrückte Schmiede. Ich hätte mich nicht auf sie einlassen sollen. Sie wollten mir eine neue Waffe vorführen und mich erpressen. Du selbst hast gesehen, wie sie die Speerschleuder auf mich ausgerichtet haben. Die Welt muss von diesen beiden Unruhestiftern befreit werden. Bringe sie in eine angenehme, aber ausbruchssichere Höhle und sorge dafür, dass sie eine ordentliche Henkersmahlzeit bekommen.«

»Henkersmahlzeit?« Bailin sah ihn ungläubig an. Die letzte Hinrichtung war viele Jahre her, und damals war es anders als jetzt um ein zutiefst verabscheuungswürdiges Verbrechen gegangen: Ein Kaufherr hatte Goldmünzen mit einem Bleikern gießen lassen und sie mit der Prägung der Ehernen Stadt versehen.

»Sie werden noch heute Abend geköpft!«

»Aber Todesurteile werden vom Rat …«

»Wie du gesehen hast, haben die beiden mein Leben bedroht, Bailin. In solchen Fällen steht es mir zu, ohne Rücksprache mit dem Rat ein Urteil zu fällen. Also sorge dafür, dass die beiden Irren ihre letzten Stunden so angenehm wie möglich verbringen. Außerdem wirst du einen Zwerg namens Nyr aufspüren und ebenfalls verhaften. Er steckt mit den beiden unter einer Decke und wird ihr Schicksal teilen. Ich erwarte, dass die Hinrichtungen ohne großes Aufsehen vollzogen werden. Wir bereiten uns auf einen Krieg vor. Weitere Unruhe und Gerüchte über einen Mordanschlag auf mich können wir da nicht gebrauchen. Du wolltest doch gerne einen Tunnel in den östlichen Hallen anlegen, um dort in schöner Lage einen Stammsitz für deine Familie in den Fels zu treiben. Wenn du dieses Ärgernis zu meiner Zufriedenheit löst, werde ich den Obersteiger anweisen, dir diesen Wunsch zu erfüllen.«