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Bailin sah ihn lange durchdringend an. Er war ein stolzer Kerl, und wenn er zu viel trank, neigte er dazu, wegen Kleinigkeiten in Schlägereien zu geraten. Doch solange er nüchtern war, hatte er sich stets als Mann mit kühlem Kopf und reichlich Sachverstand erwiesen. So aufgewühlt wie jetzt hatte Eikin ihn noch nie gesehen.

»Deine Wünsche sind mir Befehl«, sagte der Hauptmann schließlich mit gepresst klingender Stimme. Dann wandte er sich ab und ließ Galar und Glamir, die inzwischen von den Wachen geknebelt worden waren, abführen.

Eikin ließ sich auf den hohen Thronsitz sinken. Ihm war bewusst, dass Bailin seine Entscheidung ungerecht fand. Die meisten Zwerge würden so denken. Doch alle, die um die Drachentöterspeere wussten, waren eine Bedrohung für die Ehernen Hallen. Die einzig weise Entscheidung war, diese Gefahr für immer zu bannen. Nun musste er sich nur noch um Hornbori kümmern.

Drachenrat

Die Wucht, mit der der Sturzregen auf die mächtigen Baumkronen peitschte, ließ allmählich nach. Doch noch floss der Regen in Strömen über die nachtschwarzen Schuppen des Dunklen. Der große Drache lag lang hingestreckt im warmen Wasser der Mangroven und lauschte den Gedanken seiner Nestbrüder. Sie stritten über den Krieg auf Nangog, der sich nicht so entwickelte, wie sie erhofft hatten.

Ihm fiel es schwer, den anderen Drachen zu folgen. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu Nandalee. Er sollte im Jadegarten sein! Ihre Schwangerschaft nahm einen ungewöhnlichen Verlauf – die Kinder reiften zu schnell in ihrem Leib. Jede Stunde mochte sie niederkommen. Er wollte im Jadegarten sein, wenn es geschah, falls eines der Kinder so war wie der Sohn, den er ihr bereits genommen hatte. Voller Schrecken dachte er an diese Kreatur. Ein Zwitterwesen zwischen Elf und Drache. Mit seinen Krallen hatte es Nandalee und auch die beiden anderen Kinder in ihrem Leib verletzt. Es steckte voller Boshaftigkeit, und doch hatte er es nicht töten können. Die Kreatur hatte fahle, gelblich weiße Schuppen, doch ihre Augen waren vom selben klaren Himmelblau wie seine eigenen. Als er diese Augen erblickt hatte, war er verloren gewesen; sein Vorsatz, das Ungeheuer zu töten, war dahin.

Inzwischen war die Kreatur so groß wie ein Wolf. Vorgestern hatte sie das erste Mal getötet. Den kleinen Affen, den seine Gazala großgezogen hatten. Drei Jahre hatten die Orakel ihn umsorgt. Die Chimäre hatte ihn zerfleischt. Trotz des Geschreis der Orakel war Nachtatem stolz auf ihn gewesen. Jeder Drache war ein Räuber, es lag in ihrem Blut, zu jagen und zu töten. War diese Kreatur, die einmal aufrecht gehen würde wie ein Elf, sein Sohn?

Der Goldene sah ihn eigenartig an. Hatte sein Bruder in seinen Gedanken gelesen? Er war der Letzte, der von den Kindern erfahren sollte. Womöglich war auch er der Vater eines der Kinder, die in Nandalee heranwuchsen. Er würde verlangen, sie zu sehen, sobald er davon wusste, und sollte er glauben, eines von ihnen gezeugt zu haben, dann würde er dessen Herausgabe fordern. Sie waren besonders, die Kinder, die in Nandalee wuchsen! Durchdrungen von einer Macht, wie sie Nachtatem noch nie zuvor bei Elfen gespürt hatte. Sie durften nicht in die Hände des Goldenen fallen. Durften nicht nach seinen Vorstellungen erzogen werden. Er würde Ungeheuer in Elfengestalt aus ihnen machen!

Nachtatem blickte zu den weiten Baumwipfeln empor, die sich unter wütenden Böen duckten. Er hörte das Splittern dünner Äste. Es waren bewegte Zeiten für die drei Welten angebrochen. Die Schwachen würden brechen wie jene Äste, die der Sturmwind aus den Baumwipfeln pflückte.

Zwischen den wogenden Wolken lugte nun der Mond hervor. Silbernes Licht enthüllte die mächtigen geschuppten Leiber, die zwischen den Bäumen im brackigen Wasser lagen. Nur wenn kein anderes Albenkind in der Nähe war, zeigten sie sich einander in ihrer ganzen Pracht. Sie waren so alt wie die Welt, und seit dem Tag, an dem sie geschlüpft waren, wuchsen sie. Langsam wie alte Bäume. Und doch hatten sie eine Größe erreicht, die selbst Elfenfürsten und Minotauren vor Furcht sprachlos werden ließ, wenn sie ihre wahre Gestalt enthüllten. Ein jeder von ihnen war so massig wie ein Hügel. Von der Schnauze bis zur Schwanzspitze maßen sie mehr als hundertfünfzig Schritt. Ihre Fangzähne waren länger als ein Troll. Sie könnten ein Mammut am Stück verschlingen, ohne es zerreißen zu müssen. Nichts auf dieser Welt konnte sich mit ihnen vergleichen. Alle übrigen Drachen sahen neben ihnen aus wie Gewürm.

Nur die Alben wussten um die wahre Größe ihrer erstgeborenen Kinder. Und so würde es bleiben, bis die letzte Schlacht anstand. Bis alle Masken fallen würden und sie sich in all ihrer Macht zeigen konnten. Bis dahin zwangen sie ihre Leiber durch Zauberkraft dazu, nur ein Zerrbild der Wirklichkeit zu sein. So, wie ein jeder von ihnen gelegentlich die Gestalt von Elfen und anderen Albenkindern annahm, so hatten sie sich Gestalten erschaffen, die den niederen Albenkindern zwar immer noch Furcht einjagten, sie aber nicht in sprachlosem Entsetzen verharren ließ. Doch jede Verwandlung, die ihre Größe reduzierte, bereitete Schmerzen. Nicht nachdem sie abgeschlossen war, nur während der Transformation. Deshalb nahmen sie nur noch selten ihre ursprüngliche Gestalt an.

Der Sturm der Elemente hatte sie alle zum Schweigen gebracht. Für den Augenblick tauschten sie ihre Gedanken nicht, sondern achteten ihr Begehren, in sich zu gehen. Die Sieben fürchteten die Launen der Natur nicht, im Gegenteil, sie genossen sie. Im Sturm, wenn gezackte Blitze den Himmel zerteilten und schwerer Regen auf ihre mächtigen Leiber prasselte, fühlten sie sich besonders lebendig. Sie waren selbst wie der Sturm, jeder einzelne eine Naturgewalt, und wenn sie zusammenhielten und nach einem Willen handelten, dann kamen ihnen allenfalls die Alben an Macht gleich.

Und dennoch entwickelten sich die Ereignisse auf Nangog ungünstig. Sie hätten nicht so jämmerlich versagen dürfen, als sie Selinunt angriffen. Keiner wusste das besser als der Dunkle. Weil er nicht eins mit seinen Brüdern gewesen war, war der Angriff, der die Devanthar hätte vernichten können, fehlgeschlagen. Das Einzige, was sie erreicht hatten, war, dass ihre Feinde nun so entschlossen wie nie zuvor agierten. Die sieben Unsterblichen hatten tausende Krieger nach Nangog verlegt und bauten ihre Macht immer weiter aus. Etliche der Ungeheuer, zu denen die Grünen Geister geworden waren, nachdem Nangog aus ihrem Äonen währenden Schlaf erwacht war, hatten die Menschenkinder erlegt. Bei der Jagd setzten sie konsequent ihre zahlenmäßige Übermacht ein und ignorierten ihre eigenen schrecklichen Verluste, bis Nangogs grausame Kinder – oft von Hunderten Pfeilen durchbohrt – in den Staub sanken.

Wir werden Nangog verlieren, wenn wir nicht bald eingreifen, beendeten die Gedanken des Frühlingsbringers ihr Schweigen. Der Letztgeschlüpfte wurde selten so deutlich. Er war der Zurückhaltendste unter ihnen, ruhig und pragmatisch, fast schon zauderhaft.

Nicht einmal die Wolkensammler sind alle auf unserer Seite, drängte nun auch der Flammende wieder in ihre Gedanken. Er vermochte kaum ruhig zu liegen. Das dunkle Wasser der Mangroven war rings um ihn herum zu schlammigem Braun zerwühlt. Ich begreife das nicht! Wir wollen ihnen die Freiheit bringen, und sie schütteln die Menschenkinder nicht ab, die riesige Schiffe an ihre Leiber gefesselt haben. Es sieht ganz so aus, als würden sie es genießen, versklavt zu sein. Wir sollten ein paar von ihnen brennend vom Himmel stürzen lassen, um ein Zeichen zu setzen.

Damit werden wir nur erreichen, dass sich auch die Zauderer gegen uns stellen, entgegnete Nachtatem. Wir sind ohne einen ausgefeilten Plan in diesen Krieg gestürzt. Wir waren so dumm zu hoffen, Nangog würde es alleine richten, und nun droht es schlimmer als zuvor zu werden. Die Devanthar greifen entschiedener denn je nach der Welt der Riesin, und nach dem Brand von Selinunt werden sie gegen uns ziehen, sobald Nangog ihren Widerstand aufgibt.