Noch haben wir keine einzige Schlacht geschlagen, und du sprichst, als wären wir besiegt. Der Goldene richtete sich zwischen den Bäumen auf, und sein Schwanz peitschte ärgerlich durch das dichte Unterholz. Auch wir können tausende Krieger aufbieten. Bald werden die ersten von ihnen bereit sein, nach Nangog zu marschieren.
Sieht das hier aus wie ein Treffen von Siegern?, entgegnete Nachtatem süffisant. Wir versammeln uns jedes Mal an einem anderen Ort. Sitzen, wie heute, im Schlamm der Mangroven am Waldmeer oder wie vor elf Tagen in einem sturmgepeitschten Tal am Fuß des Albenhaupts. Und wir müssen uns eingestehen, dass die Devanthar schneller und entschiedener auf das Erwachen Nangogs reagiert haben, als wir erwartet hätten. Sieht einer von euch einen Triumph in greifbarer Nähe? Bitte sagt es mir, Brüder. Ich gestehe freimütig, ich bin verzagt.
Ich denke, allein Köpfe zu zählen ist nicht genug. Ein Troll wiegt viele Menschenkrieger auf. Ein guter Plan kann tausende fehlende Krieger ersetzen. Es war deutlich zu spüren, wie sehr der Goldene erzürnt war und wie sehr er sich beherrschen musste, um einen höflichen Ton zu pflegen. Suchen wir ein Schlachtfeld, auf dem wir nicht verlieren können.
Und warum sollten sich die Devanthar darauf einlassen, an einem solchen Ort gegen uns zu kämpfen?, fragte der Rote nach. Statt endlos zu taktieren, lasst uns selber in die Schlacht ziehen. Gehen wir unseren Kriegern voran! Ich brenne darauf, einen Devanthar zu zerfleischen. Ich will spüren, wie er unter meinen Krallen sein Leben aushaucht. Es ist an der Zeit, dass wir endlich Rache für den Mord am Purpurnen nehmen. Fangen wir Išta, die sich so gerne damit brüstet, ihn getötet zu haben. Ich will ihr die Flügel auszupfen, so wie ein böses Kind einer Fliege die Flügel ausreißt.
Der Dunkle verdrehte die Augen. Er spürte, wie selbst der Goldene ob so viel Unvernunft verzagte. Der Rote war der Leidenschaftlichste unter ihnen. Einer, den man besser stets im Auge behielt. Er liebte es, sich unter die Albenkinder zu mischen und ihre Frauen zu verführen. Ihm war jede Unvernunft zuzutrauen.
Wäre es nicht klüger, darüber nachzudenken, wie wir Nangog stärken?, warf der Smaragdene ein, wie stets auf Ausgleich zwischen ihnen bemüht. Es ist ihre Welt. Soll sie die Hauptlast der Kämpfe tragen.
Wir müssten die zweite Hälfte ihres Herzens finden …
Misstrauisch sah Nachtatem zum Goldenen, der diese Worte in ihre Gedanken gepflanzt hatte. Sein Bruder liebte es, sich selbst in dieser stürmischen Nacht in funkelnder Pracht zu zeigen. Das wenige Licht der Sterne und des Mondes, der nur ein bleicher Fleck hinter den Wolken war, schien allein ihn liebkosen zu wollen. Seine Schuppen schillerten, und in seinen Augen glomm das Licht inniger Begeisterung.
Dazu müssten wir wissen, wo Nangogs Herz zu finden ist, wandte der Dunkle ein. Und selbst wenn wir dies herausfänden, werden die Devanthar es gut bewachen. Auch ihnen wird bewusst sein, dass das Herz der Riesin über Sieg und Niederlage auf Nangog entscheidet. Wäre es klug, wenn wir uns ihnen auf Daia, ihrer Welt, zu einem Kampf stellen, zu Bedingungen, die sie uns diktieren? Leichter können wir es ihnen nicht machen. Sie werden wissen, dass wir darüber nachsinnen, und auf uns vorbereitet sein.
Schlagen euch allen Hasenherzen in der Brust? Jedes einzelne Wort des Nachtblauen war wie ein Dolchstich in ihre Gedanken. Wütend peitschte sein Schwanz über das Wasser und fällte einen jungen Baum. Wir sind wie Götter! Unsere Welt erzittert unter unserem Blick! Wir gebieten über Stürme. Unser Feuer vermag den härtesten Fels zu schmelzen. Nichts kann unseren Krallen widerstehen. Gehen wir hin in ihre Welt, zerfetzen wir die Devanthar und holen Nangogs Herz. Warum schicken wir unsere Kinder in einen Kampf, den wir austragen sollten? Seid ihr alle so feige, dass ihr nicht mehr mit eurem Blut für das einstehen mögt, was ihr begehrt? Ich erkenne in euch nicht mehr meine Brüder!
Es war immer dasselbe mit dem verdammten Heißsporn, dachte der Dunkle verärgert. Unüberlegt vorzupreschen war seine einzige Strategie.
Richtig so!, stimmte nun auch noch der Flammende zu. Reißen wir ihnen die Herzen heraus!
Eine meiner Drachenelfen ist auf der Suche nach der zweiten Hälfte des Herzens der Riesin, erklärte der Goldene überraschend. Warten wir, bis sie zurückkehrt.
Du schickst eine Drachenelfe nach Daia, obwohl wir übereingekommen waren, dort keinen unserer Auserwählten mehr dem Risiko der Entdeckung auszusetzen, empörte sich der Smaragdene. Was tust du sonst noch, ohne uns zu fragen?
Sie ist eine enge Vertraute, und sie hat noch niemals versagt.
Die Arroganz des Goldenen war unerträglich. Nachtatem verspürte Lust, seinem Bruder an die Kehle zu gehen. Was bildete er sich ein, die Entscheidungen ihres Rates einfach zu ignorieren!
Du verhöhnst uns durch deine Taten, grollte nun auch der Rote.
Wen hast du geschickt?, forderte der Nachtblaue zu wissen.
Lyvianne. Ihr alle kennt sie. Sie war eine Meisterin der Weißen Halle. Sie hat geholfen, Nangog zu erwecken, und sie kennt das Versteck des verlorenen Herzens. Mit etwas Glück wird sie es uns bringen, und wir beenden den Krieg um Nangog.
Du hättest es uns sagen müssen!, beharrte der Rote.
Warum?, entgegnete der Goldene mit aufreizender Ruhe. Mehr als eine Drachenelfe zu schicken wäre unklug gewesen. Was also hätte es geändert? Unser Bruder Nachtatem regiert den Rat nicht. Er sieht zu, wie wir uns streiten, dabei wäre es seine Pflicht als Erstgeschlüpfter, uns alle zu einem Ziel zu führen. Statt zu handeln, reden wir nur noch. Nangog entgleitet uns. Mit jeder Stunde wächst die Macht der Devanthar. Und was tut unser Bruder? Er sinnt über die bevorstehende Niederkunft der Verräterin Nandalee nach, die sich seines Schutzes erfreut.
Alle blickten zu ihm.
Er hat tiefer in meine Gedanken gesehen, als es die Höflichkeit gebietet. Und ja, es ist wahr, was er sagt. Ich beschütze Nandalee und bin in Sorge um sie.
Er ist mehr am Wohl einer Elfe interessiert als am Schicksal unserer Welt. Er hat es nicht länger verdient, der Erste unter uns zu sein! Er begeht Verrat an uns. Schenken wir ihm nicht länger unsere Treue, forderte der Goldene.
Der Dunkle spürte, wie sich die Emotionen seiner Nestbrüder überschlugen. Sie alle waren in Gedanken miteinander verbunden, und jedes Gefühl war gänzlich unverfälscht. Hass beim Flammenden, Enttäuschung beim Smaragdenen, ungläubiges Staunen beim Nachtblauen, das langsam in Zorn umschlug.
Was macht dich zu einem Anführer?, entgegnete er schließlich ruhig. Dass du gegen unser Gesetz verstößt und dich in Gedanken schleichst, die dir nicht offenbar sein sollten? Bei wie vielen anderen unserer Brüder hast du das auch schon getan? Du nennst mich einen Verräter an unserer Sache und begehst zugleich einen Verrat an einem unserer ältesten Gesetze.
Nachtatem spürte, wie die Stimmung unter seinen Brüdern kippte. Er wusste nur zu gut, dass ein jeder von ihnen seine kleinen Geheimnisse hatte, Gedanken, die er mit niemandem teilen wollte.
Du hast eine deiner Drachenelfen in den sicheren Tod geschickt. Glaubst du, ich wüsste nicht, dass Bidayn dein neuer Liebling ist? Hat nicht ein jeder von uns schon das Problem der Rivalität unter seinen Schützlingen gehabt? Und lösen wir es nicht alle auf die gleiche Weise? Hat ein Drachenelf die Zeit des größten Ruhms überschritten, dann schicken wir ihn auf eine Mission, die ihm den Tod bringen kann … Warum sollte Lyvianne finden können, was die Devanthar ein ganzes Zeitalter lang vor uns und unseren Spitzeln der Blauen Halle verbergen konnten? Ausgerechnet nun, da die Devanthar so wachsam sind wie nie zuvor. Halte uns nicht mit törichten Hoffnungen hin, Bruder. Du willst ein Anführer sein? Dann komme zu unserem nächsten Treffen mit einem Plan, wie wir den Heerscharen der Menschenkinder auf Nangog eine empfindliche Niederlage beibringen können. Es sind Taten, die einen Anführer ausmachen, Bruder, und nicht Worte.