Ja, komm mit einem Schlachtplan!, stimmte der Flammende sofort zu.
Der Dunkle spürte nun verstärkt den Unmut seiner Brüder gegen den Goldenen.
Treffen wir uns in zehn Tagen!, schnitten die Gedanken des Goldenen durch das Gewirr von Stimmen. Dann werde ich euch darlegen, wie wir die Heerscharen der Devanthar zerschlagen!
Er wirkte erschütternd selbstsicher. Wenn es ihm wirklich gelang, einen großen Sieg zu erringen, dann würde er als Nächstes die Führerschaft in ihrem Rat an sich reißen. Der Dunkle versuchte, tiefer in die Gedanken seines Bruders vorzudringen, als es statthaft war. Doch der Goldene schien darauf vorbereitet gewesen zu sein und schirmte sich mit einer Flut von Erinnerungen an längst vergangene Tage ab. Wenn er siegt, ist es mein Untergang, dachte der Dunkle, und versuche ich, seinen Sieg durch Intrigen zu verhindern, verrate ich Albenmark. Ich kann lediglich hoffen, dass seine selbstgefällige Art ihn zu Fall bringen wird.
Doch das waren die Sorgen von morgen! Nun sollte er zurück zu Nandalee. Er hatte sie nicht mehr gesehen, seit er ihr Kind geraubt hatte. Er wusste, dass er ihr nicht unter die Augen treten sollte. Sie würde ihm niemals vergeben, was er ihr angetan hatte, nicht einmal dann, wenn sie vielleicht eines Tages begreifen würde, dass er dadurch ihr Leben gerettet hatte.
Beenden wir unser Treffen, Brüder!, forderte der Frühlingsbringer und streckte seine lindgrünen Schwingen. Wir sehen uns in zehn Tagen beim Turm der mondbleichen Blüten in der Lotussee, und ich harre voll freudiger Erwartung des ausgefeilten Plans, mit dem uns der Goldene überraschen wird.
Seine letzten Worte troffen vor Ironie, doch der Dunkle war sich keineswegs sicher, dass sein ewiger Rivale scheitern würde. Vielleicht hatte er ein solches Ende ihrer Versammlung bewusst herbeigeführt, um sie beim nächsten Mal mit einem Schlachtplan zu überraschen, an dem er schon lange gefeilt hatte.
Sie alle waren aus unterschiedlichen Richtungen hierhergekommen und nicht zur gleichen Zeit eingetroffen. Jetzt aber, da jeder es eilig hatte, die Mangroven zu verlassen, zerschmetterten ihre Schwingen dichtes Astwerk und entwurzelten ihre Schwanzhiebe Bäume, die seit einem Jahrhundert und länger der Kraft der Gezeiten und wütenden Stürmen getrotzt hatten.
Der Dunkle spürte, wie der Flammende, der Goldene und der Nachtblaue das wirbelnde Chaos genossen, das sie entfesselten. Dem Smaragdgrünen war es egal, er wollte nur schnell fort, um an einem Ort allein seinen Gedanken nachzuhängen. Der Frühlingsbringer hingegen faltete seine Flügel wieder ein, entschlossen abzuwarten, bis der Sturm sich gelegt hatte. Der Rote aber begrüßte den Aufruhr mit einem wilden Schrei der Ekstase und schwang sich als Erster in die Lüfte; das Astwerk, das auf ihn niederprasselte, ignorierend, flog er nach Westen davon, den schweren Regenwolken folgend.
Ein großer Ast traf den Dunklen dicht unter seinem linken Auge. Er schüttelte den Kopf, empfand dumpfen Schmerz, und zugleich berauschte auch ihn der Sturm ihrer Schwingen. Sie könnten eine ganze Flotte vernichten, indem sie einfach dicht über sie hinwegflogen, sodass die Masten brachen und die Rümpfe von den aufgewühlten Fluten in die Tiefe gerissen wurden. Mit kräftigen Flügelschlägen stieg er senkrecht in den Himmel. Nasses Laub peitschte über seine Schuppen, doch er spürte es kaum. Auf dem Sturm zu reiten ließ sein Herz schneller schlagen und vertrieb die dumpfen Zweifel aus seinen Gedanken. Er stieg höher und höher, durchbrach den feuchten Schleier der Regenwolken, bis über ihm nur noch der Mond und die Sterne am Himmel standen.
Viele Meilen entfernt sah er seine Brüder davonfliegen. Ihre geschuppten Leiber funkelten im Sternenlicht, wo der Wolkendunst in der Kälte der Höhe zu feinem Eis geworden war. Regenbogenschlangen nannten viele Albenkinder sie ehrfurchtsvoll, und einst, bevor der Himmlische und der Purpurne den mordlüsternen Devanthar zum Opfer gefallen waren, hatten sie gemeinsam alle Farben des Regenbogens in sich vereint. Nur er mit seinen schwarzen Schuppen war immer anders gewesen. Er sollte sich mehr um seine Brüder als um Nandalee sorgen. Sie mussten die Devanthar aufhalten!
Auch er würde sich Gedanken über die kommende Schlacht machen, entschied er. Sie brauchten einen Sieg, damit die Kinder Albenmarks nicht den Glauben an die Macht der Regenbogenschlangen verloren. Der Dunkle war sich sicher, dass es ein langer Krieg werden würde. Auch die Devanthar wussten, dass ein Krieg der Götter entfesselt worden war. Es würde keine Verhandlungen geben und keinen Waffenstillstand. Der Krieg würde erst enden, wenn entweder die Devanthar oder sie, die Himmelsschlangen, vernichtet waren.
Sein Blick glitt hinab zu den Mangroven, durch den Wolkenschleier hindurch, wo gerade der Frühlingsbringer als Letzter in den Himmel stieg. Ihr Aufbruch hatte ein Waldgebiet von mehr als einer Meile Durchmesser verwüstet. Kein Baum war stehen geblieben. Kein Sturm hätte schlimmere Verwüstungen anrichten können. Ihre vereinte Kraft übertraf jede Naturgewalt, dachte er melancholisch. Wäre es nur nicht so schwer, sie alle auf ein Ziel einzuschwören und mit vereinter Macht kämpfen zu lassen!
Im Kreidekreis
Nabor lag in seinem Bett und lauschte auf die Geräusche des Wolkenschiffes, wie er es in Hunderten Nächten getan hatte. Normalerweise vergaß er dabei alle Sorgen, und schnell fand ihn der Schlummer, doch seit sie Wanu verlassen hatten, hatte er nicht eine einzige Nacht gut geschlafen. Sein Bett stand nun in der Mitte der kleinen Kabine, die ihm als Lotsen zustand. Er hatte es mit Winkeln am hölzernen Boden befestigt, denn immer wieder griffen wilde Sturmböen nach dem Schiff. Es war kein ruhiger Flug über den Wolken wie in gemäßigteren Regionen. Allerdings stand wenigstens der Wind günstig für sie und trieb sie beständig nach Nord-nordost ihrem Ziel entgegen. Fast, als wollten die Sturmgeister, dass Barnaba sein Traumeis fand.
Die Hälfte ihrer Mannschaft war in Wanu desertiert. Es waren kaum genug Männer geblieben, um die nötigsten Arbeiten auf dem Schiff zu gewährleisten. Selbst Nabor war heute in die Wanten gestiegen, um Eis aus der Takelage zu klopfen. Eine Arbeit, die kein Ende nahm, denn die Taue kleideten sich schneller erneut in ihr frostiges Gewand, als sie das Eis losklopfen konnten. Nabor hatte Barnaba überzeugen können, diese nicht enden wollende Arbeit wiederaufzunehmen! Die Entscheidung des Priesters war allzu leichtfertig gewesen. Sie durften diesen Kampf nicht aufgeben. Gefrorene Seile waren spröde und würden unter Druck brechen. Eine tödliche Gefahr für ein Schiff, das mit Seilen an einen Wolkensammler gebunden war, um durch den Himmel zu gleiten.
Der alte Lotse streckte seine Hand aus dem niedrigen Bett. Es war eisig in der Kammer. Er hatte drei Wolldecken um sich geschlungen und wurde dennoch nicht richtig warm. Seine klammen Finger tasteten über die ausgetretenen Holzbohlen des Bodens, suchten nach jener Stelle, an der ein dünner Wurzeltrieb des Schiffsbaums eine Verbindung zu Wind vor regenschwerem Horizont schuf. Es ging dem Wolkensammler seit Tagen schlecht. Etliche seiner Tentakel waren abgefroren. Diese Reise war für ihn noch mörderischer als für die Menschen, die er trug.
Endlich hatte Nabor den Wurzelstrang gefunden und strich sanft darüber. Als der Wolkensammler nicht reagierte, klopfte er mit den Fingern darauf, als wollte er ihn aufwecken, so wie man jemanden weckt, der neben einem eingeschlafen ist. Wieder nichts. Trotz der Kälte wurde Nabor plötzlich heiß. Es war das erste Mal, dass der Lotse Wind vor regenschwerem Horizont nicht spüren konnte. Dies war nicht der Schlaf für eine Nacht, dachte Nabor in plötzlich aufflammender Panik. Dies war der Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr gab. Wind vor regenschwerem Horizont lag im Sterben! Sie müssten sofort umkehren, wenn sie ihn retten wollten.