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Nabor erhob sich von seinem Lager, doch dann ließ er sich wieder zurücksinken. Barnaba würde nicht auf ihn hören, sondern sich erneut auf den Willen der Großen Göttin berufen. Würde behaupten, dass sie wusste, was hier geschah, und ihre schützende Hand über sie hielt. Wenn sie nur fest genug auf sie vertrauten … Noch einmal strich Nabor über den feinen Wurzelstrang. Nichts … Er hoffte, es war, weil Wind vor regenschwerem Horizont sich gegen jede Empfindung abzuschotten versuchte, um so dem Schmerz zu widerstehen. Aber wie sollte diese Reise enden, wenn selbst der Lotse des Schiffes keinen Weg mehr zu seinem Wolkensammler fand?

War da etwas gegen die Bordwand geschlagen? Nabor hielt den Atem an. Oder waren es Schritte auf dem Oberdeck gewesen? Keiner der Männer wagte sich im Dunklen mehr heraus, nicht einmal Barnaba, der in den letzten Tagen immer wieder geradezu selbstmörderischen Mut gezeigt hatte, indem er die Sturmgeister herausforderte. Nun blieb auch er nachts in dem Heiligtum unterhalb des Schiffsbaums, dort wo die Wurzeln durch das Oberdeck hinabreichten, um sich dann in das ganze Schiff zu verzweigen. Die gesamte Mannschaft schlief dort. Im Heiligtum fühlten sie sich sicherer. Nabor zog es vor, in seiner eigenen Kabine zu bleiben. Er konnte es nicht ertragen, längere Zeit in der Gesellschaft vieler Menschen zu verbringen. Dafür hatte er zu viele Stunden in der Einsamkeit der Lotsenkanzeln unter den Rümpfen von Wolkenschiffen verbracht.

Das Geräusch war verstummt. Hatte Barnaba vielleicht doch eine einsame Runde über das Oberdeck gemacht?

Jetzt kratzte eindeutig etwas über die Bordwand, gleich außerhalb seiner Kabine. Nabor setzte sich mit klappernden Zähnen auf, die Decken eng um den Leib geschlungen. Zugluft drang in seine Kammer. Der eisige Atem des Winters griff nach ihm. Es gab hier keinen Spalt im Holz, seine Kammer war vollkommen abgedichtet! Er hatte sorgsam darauf geachtet, schließlich war er nicht mehr der Jüngste, und Zugluft vertrug er nicht.

Der Lotse biss die Zähne zusammen, damit sie nicht länger klapperten. Neben seinem Bett stand eine Öllampe, die er die ganze Nacht brennen ließ. Eigentlich war es auf Wolkenschiffen verboten, mit einer offenen Flamme in der Kammer einzuschlafen, zu groß war die Gefahr eines Brandes. Aber Nabor brauchte das Licht. Seit die Sturmgeister um das Schiff strichen, wenn es dunkel war, fand er keinen Schlaf mehr. Also stahl er Lampenöl, das eigentlich für die Positionslichter des Wolkenschiffes vorgesehen war. Hier, so weit im Norden, würden sie keinem anderen Schiff im Himmel begegnen.

Ein erneuter Windzug streifte sein Gesicht. Er fluchte. Die kleine Flamme der Öllampe tanzte. Es war möglich, dass sich die Planken der Schiffswand in der Kälte so weit verzogen hatten, dass ein schmaler Spalt entstanden war. Er musste ihn finden, es würde ihm sonst keine Ruhe lassen. Noch deutlicher hörte Nabor jetzt das Heulen des Windes. Seine Hände begannen zu zittern. Das war nicht nur der Wind …

Zweifelnd blickte er auf den weiten Kreidekreis, den er um sein Bett gezogen hatte, bevor er sich zur Ruhe gelegt hatte. Die Spalten zwischen den Planken waren die kritischen Stellen. Er hatte die Kreide tief in die engen Ritzen gerieben, damit es keine Lücke gab, und sei sie noch so klein. Barnaba hatte die Kreide für ihn gesegnet und keine Fragen gestellt, wozu er sie brauchte. Rings um den Kreis waren alle Schutzzeichen auf den Boden gemalt, an die Nabor sich hatte erinnern können. Als ein Windstoß die Flamme seiner Öllampe fast waagerecht zur Seite drückte, keuchte der Lotse auf. Die Sturmgeister wollten ihn aus seinem Kreis locken!

Leise murmelte er ein Gebet an die Große Göttin. Sollte er der Kälte und dem Kratzen entfliehen und zu den anderen gehen? Er dachte an den Mief im Heiligtum, den auch die Sandelholz-Räucherstäbchen unter dem Wurzelaltar nicht vertreiben konnten. An das Schnarchen und vor allem an die Schreie der Männer, die mitten in der Nacht aus ihren Albträumen hochschreckten. Alle auf diesem Schiff hatten Angst. Alle außer Barnaba. Was war er nur für ein Mann? Wo kam er her? Was hatte er erlebt?

Nabor hatte seit Wanu das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben. Vor Jahren, im Gefolge des Unsterblichen Aaron. Aber das konnte nicht sein. Der Hohepriester der Großen Göttin bei einem der Unsterblichen. Er lächelte über diesen Unsinn. Das war undenkbar! Ganz sicher spielte ihm seine Erinnerung da einen Streich.

Barnaba war ein Anführer und kein Gefolgsmann. Er hatte Charisma. Er schaffte es, Menschen dazu zu bewegen, alles für seinen Traum zu wagen. Der Priester hatte ihnen in Wanu freigestellt zurückzubleiben. Er hatte nur Freiwillige an Bord haben wollen. Alle, die jetzt noch auf dem Schiff waren, glaubten an ihn. Glaubten, dass das Traumeis die Welt verändern könnte, auch wenn sie nicht wussten, was genau geschehen würde. Nicht einmal Barnaba konnte ihnen das sagen. Und dennoch folgten sie ihm, als wären sein Mut und seine Zuversicht zwei ansteckende Krankheiten, die alle hier an Bord im Blut trugen. In den Träumen aber übermannte sie die Angst.

Unwillkürlich sah Nabor zu dem kleinen Bord an der Wand. Dorthin, wo Gabott lag. Er hatte es nicht über sich gebracht, dem kleinen Affen ein Wolkenbegräbnis zu geben.

Wolkenbegräbnis, das war ein großes Wort für eine Sache, die Nabor zum ersten Mal in seinem Leben infrage gestellt hatte. Denn im Grunde warfen sie die Toten einfach nur über Bord, so wie sie es auch mit Müll taten. Daran war nichts großartig, außer dem Wort, das sie dafür ausgesucht hatten. Er wollte nicht, dass Gabott so endete. Eigentlich hatte er den kleinen Affen in Wanu begraben wollen, aber sie waren so schnell wieder aufgebrochen, dass dafür keine Zeit geblieben war. So hatte er ihn hierbehalten, in seiner eisigen Kabine. Solange sie weiter nach Norden flogen, würde Gabott nicht verwesen. Vielleicht würde er an ihrem Reiseziel einen guten Platz finden, an dem er ihn zur letzten Ruhe betten konnte. Seinen treuen Gefährten, der so viele einsame Stunden mit ihm in der gläsernen Lotsenkanzel geteilt hatte. Bewegte sich etwa das glatte Fell des Affen im Luftzug? Ja, die feinen Härchen tanzten auf und nieder. Also musste sich der Spalt in der Bordwand direkt hinter ihm befinden.

Wie Gabott dort lag, die Pfoten gekrümmt, als wollte er etwas Unsichtbares festhalten … Die Lebenskraft, die die verfluchten Sturmgeister ihm gestohlen hatten!

Nabor senkte seinen Blick. Es half nicht, den Toten nachzutrauern. Er musste schlafen, morgen brauchte er Kraft. Er war der Lotse. Selbst wenn ihr Wolkenschiff steuerungslos flog, war es seine Pflicht, Notizen zu machen und immer wieder zu versuchen, zu Wind vor regenschwerem Horizont durchzudringen. Er durfte nicht aufgeben!

Sein Blick blieb an dem Messer haften, dessen Griff aus dem Schaft seines linken Stiefels neben dem Bett ragte. Er könnte mit der schmalen Klinge ein Stück Stoff in den Spalt rammen. Dann würde es aufhören zu ziehen und er könnte endlich schlafen.

Der Wind draußen heulte jäh auf, als wären die Sturmgeister empört über seinen Gedanken. Nabor lächelte. Er beugte sich vor und zog das Messer. Mit einem Seufzer setzte er sich wieder auf. Sein Rücken schmerzte, die Kälte war ihm schon in die Knochen gezogen. Er schlug das Zeichen des schützenden Horns und verharrte mitten in der Bewegung.

Flatterten Gabotts Augenlider? Das konnte nicht sein! Das … Ein Arm des Affen zuckte. Seine linke Pfote schloss sich.

»Mutter der Welt, beschütze mich«, murmelte Nabor leise. »Halte sie fern von mir, deine Geister. Verschone mich mit deinem Zorn, denn ich habe mich nicht an deiner Welt und deiner Schöpfung versündigt.« Es waren Worte, die er von Barnaba gelernt hatte. Ein neues Gebet, das der Priester ersonnen hatte.