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Gabott schlug die Augen auf. Sie waren von durchdringendem Grün, so als leuchtete eine helle Flamme hinter dunkelgrünem Glas. Der Blick war starr. Es schien Nabor, als sähe der kleine Affe geradewegs durch ihn hindurch auf die gegenüberliegende Wand. Es lag keine Freude in den Augen. Kein Wiedererkennen.

Nabor ließ das Messer sinken. »Gabott«, rief er. »Komm! Komm her zu mir!«

Der Affe hob seine linke Pfote dicht vor die Augen, öffnete und schloss sie, dann sah Gabott ihn endlich an. Seine Augen waren jetzt wieder ganz schwarz, so wie sie früher gewesen waren.

»Du warst nicht tot!« In einem fernen Winkel seines Verstandes wusste Nabor, dass er gegen die Vernunft anredete, aber er wollte seinen Gefährten zurück, ganz gleich auf welche Weise das geschah. »Komm her zu mir! Ich habe dich vermisst. Komm unter meine Decke. Dort hinten bei der Wand ist es doch schrecklich kalt.«

Der Affe blickte auf das Messer in Nabors Hand. Er wirkte zögerlich und viel verständiger als früher. Aber war das nicht natürlich?, fragte sich der Lotse. Gabott war bis ganz nah an die Grenze des Todes gegangen. Tagelang hatte er dort gelegen. Das musste ihn verändert haben!

»Komm!« Nabor beugte sich vor und schob das Messer in die Stiefelscheide zurück. Dann streckte er seine Hand vor.

Endlich sprang Gabott von dem Brett an der Kabinenwand. Er landete ein wenig ungeschickt. Sicher waren seine Glieder steif, weil er so lange geruht hatte. Draußen war es still geworden. Der Sturm hatte sich gelegt, bemerkte Nabor verwundert. Er spürte, wie ihr Wolkensegler nicht länger gegen ungünstige Winde ankämpfte, sondern nun endlich wieder mit guter Fahrt gen Norden trieb. Wenn das Wetter nicht erneut umschlug, dann würden sie noch einen Tag, höchstens aber zwei brauchen, um jenen weißen Fleck auf der Karte der Welt zu erreichen, den Barnaba als ihr Ziel benannt hatte. Den Ort, an dem sie das Traumeis finden würden.

Aber das scherte Nabor nicht sonderlich. Gabott war zurück, das war alles, was zählte. Neugierig strich das kleine Äffchen über den Boden und griente ihn dabei an, wie Nabor es gerne mochte. Es sah aus, als lächelte der kleine Affe.

»Komm zu mir. Was zögerst du?« Der Lotse beugte sich noch weiter vor. Er streckte Gabott die offene Hand entgegen. Endlich sprang der Affe auf die Handfläche und krallte sich mit seinen feingliedrigen Pfoten an seinen Fingern fest.

Nabor hob ihn über den Kreidekreis hinweg auf sein Bett. Gabott kroch sofort unter die Decken und schmiegte sich an ihn. Er war so kalt, der arme Kleine, dachte Nabor und war glücklich, dass sein Gefährte zurückgekehrt war.

Der Henker

Hornbori stellte ein dickes Holzscheit auf den Hackklotz und balancierte es aus, bis es von alleine stand. Dann hob er die Axt. Sie war ungewöhnlich schwer. Mit einem Schrei riss er sie hoch und ließ sie mit aller Kraft niedersausen. Er traf das Scheit sauber in der Mitte und spaltete es bis hinab auf den Hackklotz, ohne dass die Klinge der Axt tief im Holz des Klotzes versank.

Das Geräusch klatschender Hände ließ ihn herumfahren. Amalaswintha stand im Eingang der abgelegenen Kaverne, die Eikin ihm zugewiesen hatte, um sich vorzubereiten.

Immer noch klatschend, kam die Zwergin ihm entgegen. Sie trug ein aufreizend rotes Kleid, dessen Saum knapp eine Handbreit über ihren Knöcheln lag. Ein Skandal bei Hof und ein Magnet für Männerblicke.

»Du bist eine echte Gefahr für Holzköpfe, wie mir scheint«, sagte sie lächelnd und blieb dicht vor ihm stehen. Sie duftete nach Pfirsich. Hornbori musste an die vergangene Nacht denken. Daran, wie wenig damenhaft sie gewesen war. Eine Frau wie sie hatte er nie zuvor getroffen. Völlig schamlos und von einer Sinnlichkeit, die Männer alle Vernunft vergessen ließ. Er lehnte die Axt an den Hackklotz und bedauerte es im nächsten Augenblick. Plötzlich wusste er nicht, wo er seine Hände lassen sollte. Zuletzt entschied er sich, gravitätisch über seinen Bart zu streichen und ein paar Holzspäne aus dem Haar zu zupfen. »Wie kann ich dir helfen?« Seine Stimme klang ganz und gar nicht so volltönend und kraftvoll wie sonst. Sie machte ihn nervös.

»Stimmt es, was ich gehört habe?« Sie bedachte die Axt mit einem missbilligenden Blick.

Hornbori traute seinen Ohren nicht. Konnte sie es erfahren haben? Eikin hatte ihm versichert, dass die Hinrichtungen in aller Heimlichkeit stattfinden würden. Niemand sollte wissen, was aus den Helden der Tiefen Stadt geworden war.

»Es ist also wahr«, stellte sie ernüchtert fest. »Du willst deinen Freunden, die dir die Haut gerettet haben, den Kopf abschlagen. Kennst du keine Scham?«

»Ob ich Scham kenne? Das fragst ausgerechnet du mich? Gestern hast du noch mit mir im Bett gelegen, und heute schon hast du es mit dem lüsternen alten Eikin so enge, dass du weißt, was eigentlich ein Geheimnis sein sollte.«

»Nun, ich sehe da durchaus einen Unterschied zwischen dem Mann mit dem Beil und mir.«

»Und ich schätze, Eikin hat dich nicht gefragt, was dir lieber wäre: den Kopf auf den Block zu legen und zum Beil aufzublicken oder das Beil in der Hand zu halten und auf den Block hinabzublicken. Ganz ehrlich gesagt, musste ich nicht lange überlegen. Ich bin nicht stolz darauf, was ich tun werde, aber ich werde mir auch keine Moralpredigten von jemandem anhören, der nicht in meiner Lage ist. Ganz gleich, wie hinreißend du mich anlächelst … Seit wann hast du denn dein Herz für Galar und Glamir entdeckt? Gestern Nacht hast du mir noch gesagt, dass du froh wärst, die beiden nie mehr riechen zu müssen, und dass du lieber in den Abwässern einer Gerberei baden würdest, als mit ihnen noch einmal im selben Aal zu fahren.«

»Und dazu stehe ich nach wie vor, dennoch würde ich ihnen nicht den Kopf abhacken.«

»Glaubst du, es macht mir Spaß? Eikin hat mir keine Wahl gelassen.« Er sah Amalaswintha an, dass sie diese Worte nicht gelten ließ. Sie hatte es ja auch leicht. Bei dem alten Bock genügte ein Lächeln von ihr, um all ihre Probleme zurechtzurücken. Hornbori seufzte. Bei diesem Lächeln und dem, was es verhieß, war das ja auch kein Wunder. »Hast du denn einen Plan?«, fragte er ein wenig versöhnlicher. Er wollte in ihren Augen nicht wie ein erbärmlicher Wurm aussehen, aber nicht einmal für sie würde er sein Leben wegwerfen.

»Ich weiß, wo sie eingekerkert sind. Wir holen sie da raus und dann sehen wir weiter.«

»Das ist dein Plan?« Hornbori traute seinen Ohren nicht. »Hast du denn schon Wachen bestochen? Einen Fluchtweg vorbereitet?« Als Amalaswintha den Kopf schüttelte, seufzte er. »Du willst da einfach hineinmarschieren … Und dann? Glaubst du, ich mach die Wachen alle nieder?«

»Du bist Hornbori Drachentöter!«

Sie schien nicht den geringsten Zweifel zu hegen, dass er gegen ganze Heerscharen antreten könne. Es schmeichelte ihm und entsetzte ihn zugleich. »Wie sollen wir sie denn aus den Ehernen Hallen herausbekommen? Ich soll die drei retten, aber wie viele sollen dafür unter meiner Axt sterben? Treue Männer Eikins, die sich nichts zuschulden kommen ließen, außer den Befehlen ihres Fürsten zu gehorchen. Gegen sie anzutreten wäre zutiefst unmoralisch.«

»Du wirst also deine Gefährten köpfen, weil du keine Wachen Eikins niedermachen willst? Das ist nicht dein Ernst.«

Es war das erste Mal, dass Hornbori Amalaswintha fassungslos sah. Natürlich war das nicht der wahre Grund, aber er hatte einen Augenblick gebraucht, um sich eine bessere Ausrede auszudenken. Er hätte ihr auch sagen können, dass er ein opportunistischer Feigling war, der es leid war, von Galar als Schisser beschimpft zu werden, aber dann hätte er jegliche Hoffnung aufgeben können, noch einmal in ihrem Bett zu landen. Eine neue Ausrede musste her, rasch! »Dir ist schon klar, was die drei vorhaben. Sie wollen eine Himmelsschlange töten. Oder wenn möglich sogar mehrere.«

»Sie wollen die Tyrannei der Drachen brechen, genau!«, entgegnete Amalaswintha mit patriotischer Inbrunst.