»Und danach? Ich weiß, es wird ihnen gelingen, mindestens einen großen Drachen zu töten, und ich freue mich über jeden Tyrannen, der vom Himmel stürzt. Aber was geschieht danach? Glaubst du, die Regenbogenschlangen werden nicht herausfinden, wer einen ihrer Nestbrüder getötet hat? Sie sind wie Götter! Nichts kann vor ihnen verborgen bleiben. Der Drache, für den die Tiefe Stadt sterben musste, war nicht einmal eine Himmelsschlange. Was werden sie tun, wenn einer der alten Drachen stirbt? Ich sage es dir: Sie werden unser ganzes Volk vernichten! Sie werden nicht eher ruhen, bis der letzte Zwerg niedergemetzelt ist. Und sie werden siegen. Sie sind Drachen, die liebsten Kinder der Alben. Kein Stollen ist so tief, dass wir vor ihrer Rache sicher wären.«
»Eikin hat ihnen ihre Speere abgenommen«, entgegnete Amalaswintha. »Sie werden gar nichts gegen die Drachen ausrichten können. Es geht nur darum, ihr Leben zu retten.«
»Nein, darum geht es nicht! Wenn Galar und Glamir überleben, dann werden sie keine Ruhe geben, bis sie den nächsten Drachen getötet haben. Glaubst du, es fällt mir leicht, diese Axt auf den Nacken meiner Freunde sausen zu lassen? Glaubst du, ich sehnte mich nicht auch nach einer unblutigen Lösung? Aber du weißt selbst ganz genau, wie verbohrt Galar ist. Er wird nicht aufgeben!«
»Du machst nicht den Eindruck, als wärst du besonders aufgewühlt.«
Hornbori stieß einen wohl einstudierten verzweifelten Seufzer aus, der bislang noch stets Eindruck gemacht hatte. »Wir Männer werden dazu erzogen, keine Gefühle zu zeigen. Was muss ich tun, um dir zu beweisen, dass diese Entscheidung auch mir das Herz zerreißt? Denkst du, ich mache das gerne? Oder aus blindem Egoismus, um meinen eigenen Kopf zu retten?«
Sie sagte nichts, und das sagte mehr als alle Worte.
»Du hältst mich also für ein Kameradenschwein. Na schön …« Er griff nach der Börse an seinem Gürtel, öffnete sie, tastete mit den Fingerkuppen über die Münzen und holte zwei hervor, als er sicher war, dass die richtige dabei war. Diese ließ er geschickt unter dem breiten Lederband an seinem Handgelenk verschwinden, während er Amalaswintha die zweite reichte. »Du weißt, was das ist.«
Sie schluckte. Dann nickte sie. »Eine Münze aus unserer Heimat«, sagte sie mit belegter Stimme.
»Eine Goldkrone aus der Tiefen Stadt. Ich trage sie bei mir als Erinnerung … Sie ist mein Talisman. Sie lässt mich nicht vergessen, was die Drachen getan haben, aber sie erinnert mich auch an meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass dies nie einer anderen Zwergenstadt widerfahren wird, ganz gleich welchen Preis ich dafür bezahlen muss.« Er senkte niedergeschlagen den Blick. »Aber ich könnte nicht mit deiner Verachtung leben. Eher verstoße ich gegen meine Überzeugung, als dass ich zulasse, dass ich in deinen Augen ein Feigling bin.« Er nahm die Münze aus ihrer offenen Hand und ließ sie geschickt über seine Fingerkuppen tanzen, sodass abwechselnd beide Seiten zu sehen waren: das Antlitz des Alten in der Tiefe aus ihrer Heimatstadt und die goldene Krone, die diesen Münzen ihren Namen eingebracht hatte. »Lassen wir das Schicksal entscheiden, Amalaswintha.« Er warf die Münze hoch, fing sie wieder auf und ließ sie in seiner Faust verschwinden, während er die linke Hand mit großer Geste auf seine Brust legte, dort, wo sein Herz schlug, um ihre Aufmerksamkeit abzulenken.
»Möge mir mein Herz in der Brust verrotten, wenn ich mich aus Feigheit gegen meine Kameraden wende. Soll das Schicksal entscheiden. Du wirfst diese Münze!« Während er ihr fest in die Augen sah, tauschte er mit geschickten Fingern die Krone gegen die Münze unter dem Lederband. »Liegt die Krone zuoberst, dann folge ich dir, wo immer du mich hinführst, und ich schere mich einen Dreck darum, was daraus erwachsen wird, wenn wir Galar, Nyr und Glamir befreien. Liegt aber der Kopf oben, dann will das Schicksal, dass noch heute die Köpfe meiner Freunde fallen, auch wenn es mir das Herz bricht.« Mit diesen Worten reichte er ihr die Goldmünze.
Amalaswintha betrachtete einen Augenblick lang versonnen den Kopf ihres toten Fürsten, der zu ihr hochzublicken schien. Dann warf sie die Goldkrone hoch, fing sie wieder auf und streckte Galar die flache Hand entgegen. Der Kopf lag obenauf. Amalaswintha verzog die Lippen. Dann gab sie ihm schweigend die Münze zurück.
»Es ist mein Schicksal«, sagte Hornbori heuchlerisch bedrückt. »Ich hätte die Münze werfen sollen. Erst das zweite Ergebnis zählt …«
»Wir hatten eine Absprache«, flüsterte Amalaswintha. »Du musst nicht …«
Er sah die Hoffnung in ihren Augen, die ihre Worte Lügen strafte. »Doch, ich muss und ich will. Sie sind auch meine Freunde.« Er deutete auf die Axt. »Ich bete, dass das Schicksal mir eine Ausrede gibt, dies nicht zu tun.« Bevor sie darauf etwas sagen konnte, warf er die Münze. Als er sie fing, hielt er sie einen Moment lang in der Faust und murmelte ein kurzes Gebet zu den Alben. Dann erst öffnete er die Hand. Wieder zeigte die Münze den Kopf ihres toten Fürsten. Hornbori seufzte. »Dann soll es so sein.«
»Ich werde dennoch versuchen, sie zu befreien«, beharrte Amalaswintha.
»Ich wünsche dir Glück.«
Sie nickte, wandte sich ab und ging zu dem Durchgang, der die abgelegene Kammer mit dem Tunnelsystem im Berg verband. Als sie sich dort ein letztes Mal umsah, hob Hornbori nur die Hand zum Gruß. Ihm war klar, dass sie gehofft hatte, er würde doch noch mit ihr kommen. Ihre Schritte waren schwer, als sie endgültig ging. Eine Zeit lang würde sie verbittert sein, aber am Ende würde sie ihn wieder in ihr Bett holen, da war er sich ganz sicher. Sie würde nicht vergessen, dass er dem Schicksal zweimal Gelegenheit gegeben hatte, alles zu wenden. Das würde sie ihm immer hoch anrechnen.
Er hob die Münze in seiner Hand an die Lippen und küsste sie. Sie hatte ihm schon so manches Mal gute Dienste erwiesen. Wie gut, dass er mit dem Prägemeister der Tiefen Stadt so vertraut gewesen war. Der alte Säufer hatte gegen ein Fass besten Branntweins diese besondere Münze geschlagen, die auf beiden Seiten das Antlitz des Fürsten zeigte. Nur dumme Männer überließen ihre Zukunft allein dem Schicksal!
Er hob die Sanduhr auf, die unweit des Hackklotzes auf dem Boden stand. Sie war während des Gesprächs mit Amalaswintha abgelaufen. Wie viel Zeit mochte ungemessen verflossen sein? Ein Viertel von einer Stunde? Vielleicht etwas weniger?
Hornbori drehte das Stundenglas und sah dem feinen Sandstrahl zu, der durch die Enge rann. Galar blieben weniger als drei Stunden bis zu ihrer letzten Begegnung. Es wäre besser, darauf gut vorbereitet zu sein. Hornbori schob die Münzen zurück in den Beutel an seinem Gürtel, nahm die Axt, stellte ein neues Scheit auf den Klotz und ließ das Henkersbeil niedersausen.
Nur heiße Luft
Galar tupfte mit einem Brotkanten die letzten Soßenreste von dem großen Silbertablett, auf dem eben noch der Rehrücken gelegen hatte. Die Mahlzeit, die Eikin hatte servieren lassen, war wirklich köstlich gewesen! Auch Glamir hatte tüchtig zugelangt und ließ sich gerade mit einem zufriedenen Rülpser in seinen hohen Lehnstuhl fallen. Nur Nyr hatte keinen Happen herunterbekommen.
»Es wäre eine Schande, so ein Essen verkommen zu lassen«, erklärte Glamir und betrachtete einen Soßenfleck in seinem Bart.
»Was wird nur aus Frar werden?« Nyr rang verzweifelt die Hände. »Der Kleine braucht mich doch. Er hat doch keine Mutter! Niemanden, der sich um ihn …«
»Jetzt mach dir mal nicht ins Hemd! Glaubst du wirklich, Eikin lässt uns köpfen? Im Leben nicht! Der Titel des Alten in der Tiefe ist eine Würde auf Zeit. Er wird zum Fürsten gewählt. Glaubst du, er wird seinen Thron noch einmal besteigen, wenn er die Drachentöter hinrichten lässt? Er ist sauer auf uns und will uns weichkochen. Uns einen gehörigen Schrecken einjagen. Und dann wird er mit uns verhandeln und erzählen, was er eigentlich will.« Galar schob sich genüsslich das Brot in den Mund. Es war so voller Saft gesogen, dass er ihm aus den Mundwinkeln rann. Genießerisch schloss er die Augen. Es war sehr lange her, dass er so ein gutes Mahl zu sich genommen hatte.