»Bist du dir sicher?« Nyr sah elend aus.
Was war nur aus seinem Freund, dem kaltblütigen Richtschützen geworden? Der Umgang mit dem Kind hatte ihn völlig verändert.
»Was denkst du, Glamir?«, wandte sich Galar an den verkrüppelten Schmied. »Er ist dein Fürst. Lässt uns Eikin die Köpfe abschlagen oder will er uns nur erschrecken?«
Glamir fläzte sich im Lehnstuhl und stocherte nachdenklich mit seinem Daumennagel zwischen den Schneidezähnen. »Weiß nicht … Ihm bedeutet mein Turm einiges. Er weiß, dass er mich da braucht. Und dich auch. Gibt nicht so viele Irre, die zu den Smaragdspinnen hinabsteigen und lebend wieder hochkommen. Ich glaube eher nicht, dass er uns umbringen lässt. Sein Gerede von der Hinrichtung war nur heiße Luft. Wahrscheinlich holt er uns persönlich ab, spielt uns noch ein bisschen was vor und bringt uns dann mit einer Eskorte zu einem Aal, mit dem wir zurück zu meinem Turm sollen.« Er seufzte. »Was hätte ich darum gegeben, noch mal den Himmel zu sehen und einem richtig großen Drachen einen unserer Pfeile zu verpassen.«
Auch Galar dachte nicht gern an die endlosen Tauchgänge zurück. Die Smaragdspinnen hatten ihm nichts zuleide getan. Im Gegenteil, sie hatten ihn gerettet, als Glamir ihn hatte verrecken lassen wollen. Und dennoch wäre er froh, wenn er nie wieder in eines der Tauchfässer steigen müsste. Er hatte den Traum von der Drachenjagd noch nicht aufgegeben! Glamir hatte geahnt, dass Eikin sie hereinlegen könnte. Er wollte sie nicht in den Ehernen Hallen behalten. Und er würde ihnen nicht erlauben, auf die Jagd zu gehen, weil er ein verdammter Feigling war. Sie sollten zurück in diesen verfluchten Turm. Da waren sie ungefährlich für ihn. Aber sie waren auf diesen Verrat vorbereitet. Sie mussten nur hier rauskommen …
»Wir müssen herausfinden, wo sie Frar hingebracht haben«, murmelte Nyr vor sich hin.
Er war völlig besessen von dem Kind, dachte Galar verärgert. Es war Zeit, dass sie den Kleinen an irgendeinen Rockzipfel hängten. Es war nicht gut für Männer, wenn sie sich die ganze Zeit mit Kleinkindern abgaben. Und für den Kleinen war das ganz sicher auch nicht gut. Sie hatten ihn mit Drachenblut aufgepäppelt! Jede der Phiolen wäre ihr Gewicht in feinsten Edelsteinen wert gewesen. Er wollte gar nicht daran denken, was für ein Vermögen Frar in sich hineingenuckelt hatte. Wann würden sie solches Blut noch einmal bekommen. Er hätte es dringend für seine alchemistischen Versuche gebraucht. »Wahrscheinlich wird Amalaswintha sich um ihn kümmern.«
Nyr stöhnte auf. »Das ist nicht gut! Gar nicht gut! Sie wird keinen guten Einfluss auf ihn haben.«
»Ich finde, Frar ist bei ihr bestens aufgehoben!«, mischte sich Glamir ein und kratzte sich dabei im Schritt. »Also ich würde was darum geben, an ihren Brüsten nuckeln zu dürfen. Da kann man richtig eifersüchtig auf den Kleinen werden.«
Der hagere Geschützmeister war mit einem Satz auf den Beinen. »Du …«, stieß er um Atem ringend hervor und bekam einen hochroten Kopf. »Du …«
»Alles gut!« Galar schob sich zwischen Nyr und Glamir, der seelenruhig in seinem Lehnstuhl sitzen blieb.
»Dem stopf ich sein Lästermaul! Er und seine dreckigen Gedanken werden nicht die Ehre des Kleinen besudeln. Er …«
»Mit dreckigen Gedanken die Ehre des Kleinen besudeln«, äffte Glamir ihn nach. »Wie geht das denn? Macht der sich schmutzig, wenn ich über ihn rede? Kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Oder meinst du etwa, der pisst sich vor Freude ins Höschen, wenn er an die drallen Titten denkt?«
»Du!« Auch wenn Nyr auf den ersten Blick eher schwächlich wirkte, so klapperdürr wie er aussah, war er doch erstaunlich stark. Besonders wenn er wütend wurde. Galar hatte alle Mühe, ihn festzuhalten.
»Heh!« Endlich richtete Glamir sich auf und wirkte plötzlich ernst. »Wir können den Jungen nicht mit in den Krieg nehmen. Das ist dir ja wohl klar.«
Nyrs wütende Bemühungen, an Galar vorbeizugelangen, ebbten ab.
»Verdammt, er kommt aus der Tiefen Stadt. Eine Heimat, die er dank der Drachen nie wiedersehen wird. Amalaswintha ist das letzte Stück Heimat, das ihm noch geblieben ist. Wo willst du ihn denn sonst sehen? Bei irgendeiner Amme, die Eikin aussucht? Bei Amalaswintha wird er hören, wo er geboren wurde, wie es war, in der Tiefen Stadt zu leben. Er wird sich ihr verbunden fühlen, selbst wenn er seine Heimat nie gesehen hat. Und er wird die Drachen zu hassen lernen.«
Nyr tat einen langen Seufzer und trat einen Schritt zurück.
Galar war nicht ganz so überrascht wie Nyr. Er hatte den verstümmelten Schmied in den Monden im unterirdischen Turm gut kennengelernt. Er wusste, dass sich bei Glamir hinter sehr viel harter Schale ein überraschend feinsinniger Kern verbarg. Glamir spürte, was die Männer, mit denen er sich umgab, in ihrem Innersten bewegte, und er nutzte dieses Wissen für seine Zwecke. Er wollte die geflügelten Herrscher vom Himmel holen. Um dieses Ziel zu erreichen, würde er alles tun. Lügen und töten, seine Freunde verraten und mit Feinden paktieren. Er hatte sich ganz seinem Hass verschworen. Davon abgesehen war er ein ganz ordentlicher Zechkumpan und Gefährte, solange man nicht zwischen ihn und sein Ziel geriet. Glamir war der erste Zwerg unter allen, die ihm je begegnet waren, den Galar eine verwandte Seele genannt hätte.
»Ich habe mich gar nicht richtig von ihm verabschiedet«, sagte Nyr leise.
»Er wird sich an dich erinnern.«
Galar glaubte nicht, was Glamir gerade so freimütig behauptete. Er selbst erinnerte sich an kaum etwas, was mit seiner frühen Kindheit zu tun hatte. Aber er sah den Nutzen hinter Glamirs Behauptungen. Und so bekräftigte er dessen Worte.
»Das stimmt, Nyr! Er wird dich niemals vergessen. Und wer weiß, wenn wir ein wenig Glück haben, dann wirst du eines Tages wieder vor ihm stehen. Er wird ein junger Mann sein. Vielleicht auch ein Richtschütze …«
Die schwere Eichentür zu ihrem behaglich eingerichteten Kerker flog auf, und Eikins oberster Speichellecker trat ein: Bailin, der Hauptmann seiner Leibwache. Hinter ihm folgte ein Dutzend anderer Krieger. Ihre Mienen verhießen nichts Gutes. Bittere Entschlossenheit spiegelte sich in ihren Zügen.
Bailin gab seinen Männern einen Wink. »Los! Schnappt sie euch!«
Galar griff nach dem schweren Silbertablett, auf dem der Rehrücken serviert worden war. Es war die einzige Waffe im Raum! Das Fleisch war schon in Stücke geschnitten gewesen. Man hatte auch ein paar Holzschüsseln für das Essen gebracht, aber kein Messer, keine Gabel, nicht einmal einen Löffel. Mit einem Sprung nach vorne rammte Galar dem ersten der Leibwächter das Tablett in den Magen. Der Mistkerl sackte wie vom Blitz getroffen zusammen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Glamir, der fluchte und mit dem ihm verbliebenen Arm kräftig austeilte, schnell überwältigt wurde.
Wild das Tablett hin und her schwenkend, zog Galar sich in eine Ecke zurück, sodass er nicht im Rücken angegriffen werden konnte.
Bailin war zwischen seine Männer getreten und zog einen schweren Knüppel aus seinem Gürtel. »Fangt ihn lebend, aber gut aussehen muss er nicht mehr, dort, wo wir ihn hinbringen.« Mit diesen Worten ging er mit zwei weiteren mit Knüppeln bewaffneten Kriegern auf Galar zu.
»Kommt nur, ihr Schoßhündchen«, zischte der Zwerg und verbarg seine Verzweiflung. Eikin hatte also keine leeren Worte gemacht: Sie sollten nicht eingeschüchtert werden und dann zurück in den verfluchten Turm. Sie würden wirklich hingerichtet werden!
Ein Keulenhieb traf Nyr, der mit zwei Angreifern zu Boden gegangen war, seitlich am Kopf, als er gerade wieder aufstehen wollte.
Galar stieß einen wütenden Schrei aus, stürmte aus seiner Ecke heraus und erwischte einen der Angreifer mit dem Tablett am Kinn. Zähne splitterten unter dem schweren Silber, und Knochen knirschten bedenklich. Der Schmied duckte sich unter einem Knüppelhieb zur Seite und riss das Tablett wie einen Schild hoch, um einen weiteren Schlag abzuwehren. In diesem Moment sauste Bailins Knüppel nieder. Anders als bei einem richtigen Schild hatte das Tablett keine Lederschlaufen auf seiner Rückseite, durch die man den Arm schieben konnte. Galar war gezwungen, es an den Rändern festzuhalten. Und Bailins Knüppel schmetterte auf seine Rechte. Die Hand war sofort taub vor Schmerz.