Ein zweiter Schlag fegte das Tablett zur Seite, das Galar mit nur einer Hand nicht mehr sicher halten konnte. Ein Tritt traf ihn zwischen die Schenkel. Ein Hieb in die Nieren ließ ihn aufkeuchen.
Galar brach in die Knie. Seine Arme wurden nach hinten gerissen und ihm auf den Rücken gebunden. Dann wurde ihm ein Sack über den Kopf gestülpt, der roch, als wäre ein alter Schinken darin gelagert worden.
»Bringt sie zu ihrem Bestimmungsort!«, war die befehlsgewohnte Stimme Bailins zu hören.
Galar hatte schon oft dem Tod ins Antlitz gesehen, doch das war stets auf der Jagd oder im Kampf gewesen. Sein oder Nichtsein hatten in seiner Hand gelegen, doch hier gab es keinen Kampf mehr.
Er wurde von starken Händen bei den Armen gepackt, hochgerissen und vorwärtsgeschoben.
Irgendwo hinter ihm fluchte Glamir. Seine Stimme klang durch den Sack halb erstickt. Ein klatschendes Geräusch erklang, ein gurgelnder Schrei, dann war es still.
Der Mund des Schmieds war staubtrocken. Sein Magen zog sich zusammen. Jetzt tat es ihm leid, so viel gegessen zu haben. Ihm war übel. Der unangenehm salzig-süßliche Schinkengeruch, der tief in den Stoff eingezogen war, steigerte den Brechreiz noch. So wollte er nicht abtreten, mit Erbrochenem im Bart und mit feuchten Augen. Er war kein Schisser wie Hornbori … Wo der Mistkerl jetzt wohl steckte? Er hatte es wieder einmal geschafft, sich aus allem herauszuwinden, wie es schien. Sollte den Dreckskerl der Steinschlag beim Scheißen treffen!
Sie wurden aus der Kammer in einen Tunnel geschafft, in dem ihre Schritte widerhallten. Galars Rücken schmerzte. Der Nierenhieb hatte gut gesessen. Wahrscheinlich würde er Blut pissen. Als er die gefesselten Hände zu Fäusten ballte, fühlte sich seine Rechte an, als wären die Mittelhandknochen gebrochen.
»Hauptmann Bailin, von der Leibwache des …«, ertönte Bailins Stimme.
»Schon gut, ich weiß noch, wer du bist. Ich habe dir ja gerade erst aufgesperrt!« Die zweite Stimme klang rau und müde. »Gut, dass die drei Schweine noch heute Abend erledigt werden. Ein Mordkomplott gegen Eikin schmieden!« Es klang, als hätte der Sprecher ausgespuckt. »Das hat man davon, wenn man Fremde gnädig in seinen Höhlen aufnimmt. Ich hoffe, der Henker ist ein Stümper und braucht ein paar Schläge, um die Köpfe rollen zu lassen. Ihr könnt die Gefangenen nun abführen.«
Galar war versucht, dem Unbekannten zu sagen, wie es wirklich gewesen war. Aber ihm war klar, dass ihm niemand glauben würde. Also schwieg er, als er erneut unsanft nach vorne gestoßen wurde.
Es war ein langer Weg, den sie zurücklegten. Sie schienen nur kleinere Stollen zu benutzen, die abseits der großen Tunnel lagen. Die vertrauten Geräusche der Zwergenstadt, das Hämmern von Stahl auf Stein, Flüche, das Klappern der Hufe von Grubenponys klangen von fern, und der allgegenwärtige Geruch nach Rauch und Kohlsuppe hing nur dünn in der abgestandenen Luft. Nur zweimal begegneten sie anderen Zwergen auf ihrem Weg, und Galar hörte Bailin jedes Mal etwas von verdammten Fremden murmeln, die sich an eine der Töchter des Obersteigers herangemacht und dafür eine ordentliche Abreibung eingehandelt hatten. Es kamen nie Fragen.
Galar hatte die Aale im Hafen ja gesehen. Die ganze Stadt war voller fremder Zwerge, und ganz sicher waren Schlägereien an der Tagesordnung. Auch an den Säcken über ihren Köpfen schien sich niemand zu stören. In den meisten Zwergenstädten machte man ein Geheimnis aus dem komplexen Netz von Seiten- und Fluchttunneln. Da war es nicht verwunderlich, wenn man dafür sorgte, dass sich ungebetene Gäste nicht gründlich umsehen konnten. Und so konnte nicht doch noch jemand die Helden der Tiefen Stadt kurz vor deren spurlosem Verschwinden erkennen.
Endlich hielten sie an. In der Ferne war das dumpfe Murmeln einer größeren Menschenmenge zu hören. Überlagert von Rauch hing der Geruch ungewaschener Leiber in der Luft. Galar wurde der Sack vom Kopf gezogen. Blinzelnd hob er den Kopf. Vielleicht dreißig Schritt entfernt, am Ende des Tunnels, war fahles, gelbes Licht zu sehen.
Vier Sandkörner
Galar war überrascht, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen. »Wollt ihr hier euer Bluthandwerk verrichten?«, fragte er Bailin herablassend.
»Das liegt an euch.« Der Hauptmann wirkte angespannt. »Werdet ihr drei mir schwören, dass ihr nichts tun werdet, was die Ehernen Hallen in Gefahr bringt?«
Gab es etwa doch noch Hoffnung? Hatten ihre Henker ihr Gewissen entdeckt? Galar blickte zu Glamir. Als sein Gefährte leicht nickte, entgegnete er frech: »Natürlich tun wir nichts, was deiner Stadt schaden könnte. Wer hat jemals etwas anderes behauptet?«
»Ihr seid Drachentöter. Und wir alle wissen, was deiner Heimatstadt widerfahren ist, Galar. Ich wünsche nicht, dass die Ehernen Hallen das Schicksal der Tiefen Stadt teilen.«
»Dann wird man wohl die verfluchten Himmelsschlangen töten müssen«, zischte Glamir. »Denn sonst ist keine Zwergenbinge vor der Willkür der Tyrannen sicher.«
Galar fluchte still in sich hinein. Das war ganz bestimmt nicht die Antwort, die der Hauptmann hören wollte. Laut bemerkte er lakonisch: »Wir haben gar nicht mehr die Möglichkeit, einen der großen Drachen zu töten. Wir hatten sie, doch Eikin hat dafür gesorgt, dass die Bestien nicht mehr länger in Gefahr sind.«
Das war eine glatte Lüge. Glamir hatte vorgeschlagen, vier Speerspitzen und etliche Spitzen für Armbrustbolzen im Futter ihrer Stiefel einzunähen. Außerdem gab es noch die Speerspitzen, die sie in dem Aal versteckt hatten, der nun irgendwo unter der Decke des Hafens hing. Das wäre genug, um der ganzen Brut der Himmelsschlangen den Garaus zu machen, wenn sie nur nahe genug an sie herankämen.
»Ihr seid Drachentöter.«
Klang da ein Hauch von Respekt in der Stimme des Speichelleckers? Galar sah Bailin scharf an. Der Hauptmann sah aus wie einer, auf den man sich verlassen konnte. Er hatte ein hartes, aber ehrliches Gesicht. Obwohl seine fahle Haut verriet, dass er lange nicht mehr aus den Tunneln herausgekommen war, hatte er etwas von einem Veteranen an sich. Eine selbstsichere Art aufzutreten.
»So wie ich euch einschätze«, fuhr Bailin fort, »werdet ihr niemals aufgeben. Und du würdest selbst mit einem Messer in der Hand auf einen Drachen losgehen, wenn es nur das kleinste Fünkchen Hoffnung gäbe zu siegen. Das stimmt doch, oder?«
Galar sagte nichts. Jedes Wort mochte nun über Leben oder Tod entscheiden.
»Eikin ist jedenfalls dieser Meinung. Er wird sich jetzt schon wundern, wo ihr bleibt. Er ist kein schlechter Fürst, aber er ist davon überzeugt, dass ihr der Untergang der Ehernen Hallen sein werdet, wenn ihr lebt. Nicht weit von hier ist schon ein Platz für euch vorbereitet. Ein aufgegebener Schacht, der wieder mit taubem Gestein verfüllt wird, sobald ihr tot seid. Niemand würde eure Leichen dort je finden.«
Wieder spürte Galar, wie sich sein Magen zusammenzog. »Und wieso bringst du uns dann nicht zu diesem Ort?«
»Ihr seid Helden, verdammt!«, brach es aus dem Hauptmann heraus. »Unser Volk braucht Männer wie euch. Es ist nicht richtig, euch heimlich meucheln zu lassen. Ich habe Eikin siebzehn Jahre treu gedient, die letzten fünf davon als Hauptmann seiner Leibwache. Er ist ein Mann von Ehre. Ich hatte immer Respekt vor ihm. Und ich erkenne auch klar die Gefahr, die ihr für unsere Stadt darstellt. Aber was er mit euch vorhat, ist nicht zu rechtfertigen. Ihr hattet ja nicht einmal Gelegenheit zu reden.«
Etwas tat sich am Ende des Tunnels, dort, wo das gelbe Licht herkam. Das Murmeln veränderte sich, und plötzlich überlief ein Prickeln Galars Haut, sodass sich die feinen Härchen auf seinen Armen aufrichteten.
»Was erwartest du von uns?«, fragte er.
»Ihr werdet nie wieder in die Ehernen Hallen zurückkehren und zu niemandem darüber sprechen, dass ihr jemals hier gewesen seid. Und ihr werdet drei Jahre lang keinem Drachen nachstellen und euch völlig unauffällig verhalten. Das sollte genügen, um eure Spur zu verwischen. Was ihr danach tut, ist mir egal. Mir ist klar, dass ihr niemals ganz aufgeben werdet. Helden sind so.«