Galar musste schmunzeln. Dann erinnerte ihn ein Stich im Rücken an den mörderischen Schlag in die Nieren, den er abbekommen hatte. »Du hast mein Wort, dass wir verschwinden und es drei Jahre lang ruhig angehen lassen«, sagte er rasch.
»Eh, werde ich auch noch gefragt?«, murrte Glamir.
»Ich gehe davon aus, dass es noch einen Platz in dem aufgegebenen Stollen für dich gibt, wenn du dich nicht auf Bailins Bedingungen einlässt.«
Der Hauptmann nickte grimmig.
»Ich trau dem Kerl nicht«, entgegnete Glamir gereizt und sah zu Nyr. Doch der sagte gar nichts, sondern starrte einfach nur vor sich hin. Wahrscheinlich dachte er an Frar, den er wohl niemals wiedersehen würde, wenn er sich auf die Bedingungen des Hauptmanns einließ.
Wirklich vertrauen konnte Galar ihm auch nicht. Diese ganze Sache stank zum Himmel. Bailin wirkte wie ein Mann von Ehre. Würde er sich wirklich zu einem Verrat an seinem Fürsten hinreißen lassen? »Warum hast du uns dermaßen verprügeln lassen, wenn du uns retten wolltest. Hätten wir gewusst, was du willst, wären wir ohne Widerstand mitgekommen.«
»Und genau das wäre Regin aufgefallen. Er und einige Männer aus seiner Sippe haben euer Gefängnis bewacht. Ich kenne kaum einen Zwerg, der so misstrauisch ist wie dieser alte Bastard. Er ist ein Saufkumpan von Eikin und einer der wenigen, die wussten, dass ihr hingerichtet werden solltet. Hätte er keinen Kampfeslärm aus eurem Gefängnis gehört und wärt ihr nicht an ihm vorbeigehumpelt und hättet zusammengeschlagen ausgesehen, hätte er augenblicklich Verrat gewittert.«
Galar rieb sich den schmerzenden Rücken. Für seinen Geschmack war diese Schlägerei deutlich zu echt gewesen. Doch ihm war auch klar, dass sie keine andere Wahl hatten, als sich auf das Spiel des Hauptmanns einzulassen.
»Wie willst du uns denn aus den Ehernen Hallen herausbekommen? Eikin wird bald merken, dass du ihn hintergangen hast, und den ganzen Berg auf den Kopf stellen lassen.«
Bailin deutete auf das Ende des Tunnels. »Dort unten liegt der Große Torsaal. Die Freiwilligen haben sich dort versammelt. Noch in dieser Nacht werden sie durch den dortigen Albenstern zu jenem Ort abrücken, an dem die Himmelsschlangen ihr Heer versammeln, das auf Nangog kämpfen soll. Ihr geht mit ihnen. Da die Drachen niemandem verraten haben, wohin sie uns über den Albenpfad holen, wird Eikin euch nicht mehr folgen können, sobald sich das Tor schließt.« Der Hauptmann winkte einem seiner Männer, der einen vollen Sack trug. »Die Kleider.«
»Was wird das?«, wollte Galar wissen.
»Ihr verkleidet euch als Holzfäller aus den Schattenbergen. In den langen Kapuzenumhängen seid ihr unauffällig. Haltet die Köpfe zu Boden gerichtet, damit euch niemand erkennt.«
Glamir lachte auf. »Und das soll unauffällig sein! Männer, die in den Krieg ziehen, stecken voller Feuer. Sie starren nicht zu Boden.«
»Nicht bei diesem Krieg«, entgegnete Bailin düster und drückte Galar einen der schwarzen, abgetragenen Umhänge in die Hand. »Es heißt, die Drachen rufen Kämpfer aus allen Völkern zu den Waffen. Sogar Trolle und Kobolde. Wir müssen mit diesem Gelichter gemeinsam kämpfen. Das kann nicht gut gehen. Alle wissen das. Kaum jemand hat sich freiwillig für diesen Feldzug gemeldet, aber wir müssen die Zahl an Männern stellen, die uns die Drachen vorgegeben haben. Es waren die Ältesten der Sippen, die bestimmt haben, wer gehen muss. Es sind – bis auf wenige Ausnahmen – die, auf die man verzichten kann. Glaub mir, Galar, dort unten brennt nur in wenigen Augen Feuer. Die meisten starren auf den Boden.« Mit diesen Worten nahm auch Bailin einen Umhang und warf ihn sich um die Schultern.
»Was wird das?« Ungläubig sah Galar, wie der Hauptmann die Kapuze über den Kopf zog und die angelaufene Messingbrosche unter dem Kinn schloss.
»Wonach sieht es aus?«, entgegnete Bailin gleichmütig. »Dachtest du etwa, ich lasse euch alleine ziehen? Ich werde mitkommen und darauf achten, dass ihr Wort haltet. Drei Jahre lang werden keine Mordpläne gegen Drachen geschmiedet. Bis dahin werden wir so oft verlegt worden sein, dass keiner mehr die Spur zu den Ehernen Hallen zurückverfolgen kann. Wahrscheinlicher noch sind wir alle tot.«
»Warum machst du das?«, fragte Nyr. Es war das erste Mal seit ihrer Entführung, dass der hagere Geschützmeister sprach.
»Weil es das Richtige ist. Euch zu töten wäre falsch. Euch einfach laufen zu lassen und die Sicherheit meiner Heimat zu gefährden wäre genauso falsch. Also komme ich mit euch und sorge dafür, dass ihr Wort haltet.«
»Er lässt eine Kleinigkeit aus, unser selbstloser Held.« Glamir zog seine Kapuze tief in die Stirn, sodass sein Gesicht jetzt ganz im Schatten verborgen lag. »Er hat gar keine andere Wahl, als hier schnellstens zu verschwinden. Da er unsere Flucht ermöglicht hat, wird er seinen Kopf an unserer Stelle auf den Richtblock legen, wenn Eikin ihn zu fassen bekommt. So viel zu unbeflecktem Heldentum.«
»Und deine Männer?«, fragte Galar. »Was wird aus ihnen?«
»Sie haben sich entschieden, dass die Aussichten, einen Krieg der Götter zu überleben, weitaus geringer sind, als vor Eikins Zorn davonzulaufen. Sie werden noch in dieser Nacht die Ehernen Hallen verlassen. Amalaswintha hat ihnen ein Angebot gemacht, das man nicht ablehnen kann.«
»Sie steckt dahinter?«, entfuhr es Galar. Er traute seinen Ohren nicht. »Sie hat euch dafür bezahlt, uns zu retten?«
Bailins Brauen zogen sich ruckartig zusammen. Wütend funkelte er den Schmied an. »So ist das nicht. Wir hatten ohnehin entschieden, euch zu holen. Allerdings werden meine Männer dank ihres Edelmuts nicht mit bitterster Armut bezahlen. Zugleich verhilft sie ihnen zu einem guten Fluchtweg. Es gibt einen zweiten, kleineren Hafen, der nicht von fremden Aalen angelaufen wird. Dort hat sie einen ganz besonderen Aal. Er ist schwarz gestrichen wie die meisten Tauchboote, doch unter der Farbe ist jedes Metallteil aus purem Gold.«
Galar schluckte. Er versuchte sich vorzustellen, was für ein Schatz das war. Ein Aal aus Gold. Bei den Alben! Das würde genügen, um eine neue Zwergenstadt zu gründen. Sie könnten alles kaufen. Werkzeuge, Grubenponys … Einfach alles! Wehmütig dachte er an seine verlorene Schmiede, die zugleich sein alchemistisches Labor gewesen war. Vielleicht, wenn sie alle Himmelsschlangen töten konnten, würde er eines Tages dorthin zurückkehren. Vielleicht gab es mehr Zwerge wie ihn, die glaubten, dass man auch einer toten Stadt noch einmal Leben einhauchen könnte. Und dass die Geister all jener, die dort gestorben waren, Frieden darin finden würden, wenn ihre Stadt zu neuem Leben erblühte.
»Gehen wir!«, sagte Bailin entschieden. Der Hauptmann verabschiedete sich knapp von seinen Männern, dann marschierten sie zu viert dem gelben Licht am Ende des Tunnels entgegen. Bailin bildete den Abschluss ihrer kleinen Schar und behielt sie genau im Blick.
Glamir drängte sich an Galars Seite und tat so, als brauchte er jemanden, der ihn stützte. Galar wusste, dass der einbeinige Schmied mit seiner Krücke bestens zurechtkam. Er ahnte, was sein Gefährte wollte.
»Den müssen wir ganz schnell loswerden«, zischte Glamir. »Der ist ja unerträglich. Mit einem Helden im Schlepp findet man nur eins, den Heldentod!«
Glamir hatte sicherlich recht, aber Galar war Bailin nicht unsympathisch. Er war ein erfrischender Kontrast zu Hornbori, dem größten Schisser, den Albenmark je hervorgebracht hatte. Auf Bailin könnte man zählen, wenn es zum Kampf kam.
»Ich weiß, was dir durch den Kopf geht«, raunte Glamir, als er beharrlich schwieg. »Vergiss es! Ich glaube, dieser Götterkrieg wird schnell vorüber sein. Ich kann nicht sagen, ob im Guten oder im Schlechten, aber er wird ganz gewiss wie kein Krieg zuvor. Und wir werden den Himmelsschlangen nahe kommen. Das ist die eine Gelegenheit in hundert Jahren! Die dürfen wir uns von den Sorgen unseres Helden nicht vermiesen lassen. Du weißt genau, dass wir mit den neuen Speeren zum ersten Mal keine Sorgen mehr haben müssen, ob unsere Waffen mächtig genug sind, einen der Götterdrachen zu töten. Wir müssen nur noch nahe genug an sie rankommen! Und wenn die Albenkinder sehen, dass die großen Drachen sterblich sind, dann werden sie sich alle gegen die Tyrannen erheben. Das ist die Aufgabe, die uns das Schicksal bestimmt hat! Und wenn dafür noch eine Zwergenstadt draufgeht, dann ist das eben so. Die Ehernen Hallen sind meine Heimat. Denk nicht, sie wären mir egal, aber wir müssen den Mut haben, das Ganze zu sehen. Wenn wir Albenmark von den Himmelsschlangen befreien, dann ist eine verlorene Stadt letztlich kein zu hoher Preis für eine Welt, die zum ersten Mal frei sein wird.«