Glamir verstummte, als sie hörten, wie Bailin seine Schritte beschleunigte, um zu ihnen aufzuschließen. Er würde ihnen nicht trauen und sie keinen Moment lang aus den Augen lassen, davon war Galar fest überzeugt. Bis zur ersten Schlacht. Dann würden sie sich seiner entledigen. Im Durcheinander eines Kampfes würde nicht auffallen, wenn er umkam. Was zählte ein Toter unter Hunderten?
Sie hatten das Ende des Tunnels erreicht und blickten in eine gewaltige unterirdische Halle hinab. Galar hatte in seinem Leben schon einiges zu sehen bekommen, doch das hier verschlug selbst ihm die Sprache. Aus bestimmt fünfzig Schritt Höhe blickte er in eine riesige Höhle, die so weit war, dass sich ihr Ende in der Ferne verlor. Unter ihnen waren Tausende Zwerge versammelt. Viel mehr, als der Anblick der Aale im Hafen hätte vermuten lassen. Sie mussten aus ganz Albenmark hierhergekommen sein.
Auf der rechten Seite, nicht weit von ihrem Standort entfernt, hatte sich ein Albenstern geöffnet, ein weiter Torbogen aus Licht, ausgefüllt von Finsternis. Die Zwerge marschierten in dieses Dunkel. Trupp um Trupp. Die Halle dröhnte vom Gleichschritt ihrer genagelten Stiefel. Sie waren nicht uniformiert, ja, soweit Galar erkennen konnte, trugen nicht einmal alle Waffen oder Rüstungen. Viele hatten lediglich ihr Werkzeug geschultert, Spitzhacken und Holzfälleräxte, Stemmeisen und schwere Hämmer. Nur die Feldzeichen ließen an ein Heer denken: große Standarten mit den Wappen der Zwergenbingen. Da war der Bärenschädel auf blauem Grund, das Feldzeichen von Ishaven, die halb geöffnete Bronzepforte vor schwarzem Hintergrund, das Zeichen von Kupferstedt; Pickel und Hammer, beides in hellem Gelb auf blutrotem Tuch, stand für Tiefgrund, ein weißer Amboss vor Schwarz war das Wappen der Zwerge von Hammertal in den Ioliden. So ging es endlos weiter. Alle Zwergensiedlungen hatten Männer geschickt.
»Los!«, drängte sie Bailin und deutete auf eine steile Treppe, die in die Höhlenwand geschlagen war. »Dort unten können wir für immer verschwinden.«
Bailin schritt mit Nyr voraus, und Galar folgte ihm, wobei sich Glamir auf seine Schulter stützte. Still musterte er die Massen, die sich in der Halle drängten. Ganz sicher hatte Bailin recht. Wenn sie sich in ihren schmutzigen Kapuzenmänteln in diese Schar einreihten, dann würden sie verschwinden. Sie wären nur noch vier Sandkörner in den Weiten der Wüste. Ohne Bedeutung. Nicht mehr zu unterscheiden. Ein winziger Teil eines großen Ganzen, das sie nicht zu überblicken vermochten.
Die Alben hatten ihre Kinder in den Krieg gerufen. Die Armeen begannen zu marschieren, und Galar hatte nicht die geringste Ahnung, wohin ihr Weg sie führen würde.
Die Verlorenen
»Die Große Mutter wird uns alle schützen!«, beendete Barnaba seine Predigt. Er hatte die Arme ausgebreitet, als wollte er sie alle an seine Brust drücken. Die Blicke der Männer hingen an ihm. Verzweiflung stand in ihre Augen geschrieben. Sie wollten ihm glauben, um jeden Preis! Doch der heulende Wind jenseits der dünnen Bordwand strafte seine Worte Lügen.
Sie waren noch siebenundzwanzig Wolkenschiffer, die verzagt auf den hölzernen Stufen kauerten, die sich wie die Terrassen eines Amphitheaters rings um den Altar erhoben, der halb unter den mächtigen Wurzelsträngen verborgen lag, die von der Decke hinabreichten. Hier war das Allerheiligste des Wolkenschiffes: die runde Kammer unterhalb des mächtigen Schiffsbaums, dem der Sturm längst die letzten Blätter geraubt hatte, um ihn dann mit einem Eispanzer zu umschließen. Sie alle hatten längst den Kampf gegen die Kälte aufgegeben. Keiner von ihnen wagte sich noch hinauf an Deck, seit vorgestern der Schiffskoch verschwunden war. Er war der Einzige gewesen, der ab und zu trotz der verzweifelten Lage gescherzt hatte. Keiner glaubte, dass Sangan gesprungen war, um den Wolkentod zu suchen. Er hatte das Leben viel zu sehr gemocht.
Barnaba straffte sich. Er sollte allen ein Vorbild sein. Kraft und Zuversicht musste er ausstrahlen. Er war sich sicher, dass die Geister, die auf dem eisigen Nordwind ritten, ihn nicht holen würden. Er stand unter dem Schutz Nangogs! Und selbst wenn diese Kreaturen mit ihrer Schöpferin gebrochen hatten, würden sie es nicht wagen, den Zorn der Göttin herauszufordern. Er hatte von Wind vor regenschwerem Horizont erfahren, dass sie den Sturmgeistern die Gabe entzogen hatte, in die Körper lebender Geschöpfe zu fahren, wie die Grünen Geister es vermochten. Vielleicht waren sie deshalb so zornig – nun, da nach einer Ewigkeit des Wartens endlich Menschen gekommen waren, deren Körper sich die Sturmgeister nehmen könnten, blieb ihnen dieser Traum verwehrt. Barnaba wusste nicht, was die Sturmgeister und Nangog entzweit hatte, aber deutlich spürte er deren Hass auf alles Lebende. Es war besser, wenn seine Männer hier drinnen blieben. Er würde sie noch eine Zeit lang brauchen. Wahrscheinlich würde kein Einziger von ihnen es zurück schaffen. Wenn das, was er in seinen Träumen sah, wahr wurde, dann würde er ihre Hilfe auch nicht mehr benötigen. Er allein würde die Schöpfung der Riesin verändern und vollenden, was sie nur erträumt hatte. Bald schon würden ihre Kreaturen die Vollkommensten auf allen drei Welten sein. Und ihm war es bestimmt, der Gabenbringer zu sein, sobald er das Traumeis gefunden hatte.
Er sah sich unter den Männern um, die ihm noch verblieben waren. Drei oder vier von ihnen waren etwas wert. Die Übrigen … Sie hatten sich selbst aufgegeben. Saßen dort auf den hölzernen Stufen, wippten vor und zurück, die Augen ins Leere gerichtet, und warteten auf den Tod, der draußen um das Schiff heulte.
Barnaba war sich bewusst, wie sehr auch er sich verändert hatte. Er empfand kaum Mitleid mit seinen Männern. Dieses Gefühl war ihm erfroren. Er kannte nur noch sein Ziel.
Seine Kameraden hatten sich in so viele Kleider gehüllt, dass sie sich kaum noch bewegen konnten. Sie stanken erbärmlich. Ihre Gesichter waren von struppigen Bärten zugewuchert, die Augen rot entzündet. Sah er auch so aus? Für einen Moment überkamen ihn Zweifel. Wenn sie jetzt umkehrten und Kurs auf Wanu hielten, würden die meisten der Männer überleben. Es lag in seiner Hand … Aber was würden sie verändern, wenn sie weiterlebten? Ihr Leben wäre ohne Bedeutung. Nur durch ihr Opfer konnte Großes erreicht werden! Barnaba tastete nach dem Dolch an seiner Seite. Wie stets, wenn er ihn berührte, spürte er ein Kribbeln in den Fingerspitzen. Die Waffe war dazu geschaffen worden, jeden Widerstand zu brechen. Ihr würden weder Zauber noch verwunschene Rüstungen widerstehen. Sie würde das Leben eines Unsterblichen beenden! Wieder sah er das selbstgefällige Antlitz Aarons vor sich, jenes Herrschers, der seine treuen Priester hatte morden lassen und dessen Mörder ihn aus den Armen Iškuskas gerissen hatten. Ihn würde dieser Dolch treffen. Es war Zeit, der Herrschaft der Unsterblichen ein Ende zu bereiten, und er würde als Erster stürzen.
Barnaba trat zu einer der flachen Feuerschalen, in denen die Männer Lumpen, Öl und zerschlagene Frachtkisten verbrannten. Bald würden sie damit beginnen, Planken aus dem Schiffsrumpf zu brechen.
Bereitwillig machten die Wolkenschiffer Platz, um ihn in ihrer Mitte willkommen zu heißen. Keiner der Männer ahnte, wie kaltblütig er mit ihrem Tod plante.