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»Wie lange geht die Reise noch?«, fragte Kolja. Der einarmige Krieger war einer der wenigen, die sich nicht aufgegeben hatten. Wahrscheinlich würde er selbst ein Schwert an der Kehle nicht als aussichtslose Lage anerkennen.

Barnaba streckte seine mit Stoffstreifen umwickelten Hände den Flammen entgegen. »Drei oder vier Tage. Das hängt vom Wind ab. Wir haben es fast geschafft. Es wird einen Ankerplatz direkt am Abgrund geben. Wir werden nicht lange brauchen, um das Traumeis zu ernten. In einer Woche sind wir auf der Rückreise. Wir schaffen das! Die große Göttin schützt uns!«

Der letzte Satz brachte ihm einen skeptischen Blick von Kolja ein. Der Krieger hatte wohl schon zu viele Phrasen in seinem Leben gehört, um schönen Worten noch irgendeinen Wert beizumessen. Auch die anderen Männer am Feuer bemerkten die plötzliche Spannung.

Barnaba setzte sein gewinnendstes Priesterlächeln auf. »Man muss der Göttin vertrauen. Das ist die Münze, mit der wir uns ihren Schutz erkaufen. Wer nur mit halbem Herzen glaubt, der wird nie die Gunst ihrer Gnade erfahren.« Abir Ataš, sein Mentor, hatte ihn einst diese Argumentation gelehrt. Mit ihr war man als Priester immer fein heraus, weil man die Schuld für ausbleibende Wunder von den Göttern zu den Menschen verlagerte. Und diese waren stets nur zu bereit, an ihre eigene Fehlbarkeit zu glauben.

Die Männer blickten betreten auf den abgenutzten, zerschrammten Holzboden. Jeder von ihnen dachte nun an seine geheimen Sünden. Daran, dass vielleicht er schuld daran war, dass das Unglück sie heimsuchte. Nur Kolja nicht. Der Blick seiner klaren hellblauen Augen hielt Barnaba gefangen. Der Krieger wusste ganz genau, was er gerade getan hatte. Kolja sprach nicht viel über seine Vergangenheit, aber Barnaba war sich sicher, dass der so schrecklich vernarbte Kämpfer einst jemand Bedeutenderes gewesen war als nur ein Schwert zum Mieten.

Nun war es Barnaba, der den Blick senkte. Er sollte ein Thema finden, das seine verzagten Männer lächeln ließ, und sei es auf Kosten eines anderen. Über Kolja einen Scherz zu machen wäre leicht gewesen, doch der Priester wusste nur zu gut, dass er es sich mit dem Krieger nicht verderben durfte. Aus den Augenwinkeln sah er Hartapu, den Frachtmeister des Schiffes, einen jungen Mann, dem kaum der erste Flaum auf den Wangen spross. Er führte die Listen über die Vorräte an Bord. Er war ein Buchhalter von ganzem Herzen. Selbst jetzt schrieb er mit einem Griffel und schwarzer Galltinte auf ein Stück Leder und hatte alles um sich herum vergessen.

»Was schreibst du dort, Hartapu? Ein paar romantische Zeilen für deine Liebste?«

Der Junge blickte erschrocken auf, und das Blut schoss ihm in die Wangen. Es war allzu offensichtlich, dass er noch nie bei einer Frau gelegen hatte.

Einige der Männer schmunzelten. Der Zweck heiligt die Mittel, dachte Barnaba und setzte nach. »Magst du uns nicht einige der Zeilen vorlesen. Das Feuer wärmt unsere Hände und Nasen, aber ein Liebesgedicht würde uns die Herzen wärmen.« Barnaba hatte so laut gesprochen, dass jeder im Allerheiligsten ihn hatte hören können. Alle sahen sie nun zu dem Schreiber, der sich unter den Blicken wand und noch ein wenig röter im Gesicht wurde.

»Ich … ich habe keine Freundin …«, stammelte er. »Und ich kann nicht dichten …«

»Und was schreibst du da?«, fragte nun Kolja.

Barnaba war sich sicher, dass der Krieger wusste, was für ein Spiel er mit dem Jungen trieb. Und Kolja hatte sich entschieden mitzumachen. Denn auch ihm war klar, was ein Lachen in einer Gruppe Verzweifelter wert war.

»Es sind nur Notizen …« Hartapu verschloss das Tintenfass, das neben ihm stand.

»Vielleicht liegt es daran, dass du Tinte mehr magst als Titten, dass du keine Freundin hast«, setzte Kolja gnadenlos nach.

Jetzt erklangen erste verhaltene Lacher.

»Kann … kann schon sein …« Der Junge schob den Griffel in einen flachen Holzkasten an seinem Gürtel, der mit Perlmuttintarsien geschmückt war.

»Man könnte dich also einen Griffelwichser nennen«, verkündete der Krieger und stand nun auf. Neben ihm wirkte Hartapu wie ein Kind.

Der Spottname Griffelwichser sorgte für allgemeine Erheiterung, doch Barnaba bekam ein klammes Gefühl. Kolja würde zu weit gehen, da war er sich fast sicher. Er sollte einschreiten, das alles beenden, aber sie brauchten die Lacher. Hartapu war wie ein unschuldiges Lamm, das auf den Opferstein gelegt wurde, um von den Göttern ein gutes Jahr zu erbitten. Manchmal waren solche Opfer nötig.

»Was schreibst du denn da Schönes, Griffelwichser?« Kolja beugte sich über den Jungen und griff nach dem Leder. »Oh, so ordentlich! Eine wunderbare Schrift hat der Kleine. Was haben wir denn da? Siebenter Tag: Barnaba versucht, uns Mut zu machen, aber die Angst ist mit den Händen zu greifen. Die Geister streifen um das Schiff. Unser Wolkensammler stirbt, und wir alle wissen, dass wir ihm bald folgen werden.«

Schlagartig verstummte das Gelächter.

»Warum schreibst du so etwas?« Koljas Stimme schnitt wie ein Messer in die Stille.

»Lass ihn!«, rief Barnaba. Es war genug. Es war besser, wenn Hartapu darauf nicht antwortete. Er ahnte, warum der Junge es niedergeschrieben hatte. Es war besser, wenn das nicht ausgesprochen wurde.

»Warum?« Kolja griff Hartapu ins dichte, schwarze Haar und zog den Jungen hoch. »Was soll dieses Geschreibsel, Griffelwichser? Wem nutzt das?«

»Denen, die uns finden werden!« Hartapu schrie die Antwort heraus. Er hechelte vor Schmerz. »Wir werden niemandem mehr berichten können, was geschehen ist, und sie werden uns suchen. Barnaba ist ein heiliger Mann. Andere werden kommen, um herauszufinden, wo wir geblieben sind. Vielleicht werden sie Barnaba finden? Vielleicht wird die Große Mutter ihn auch zu sich nehmen. Sie müssen vor den Geistern gewarnt werden!«

Kolja brach in schallendes Gelächter aus. »Wie einfältig du doch bist!« Er stieß Hartapu zu Boden und ließ das Leder fallen, das er mit seinem verstümmelten Arm gegen seine Brust gedrückt hatte. »Wer bis hierher kommt, der ist den Sturmgeistern längst begegnet. Sie werden dein Geschreibsel nicht brauchen.«

»Wir sind verflucht!«, schrie der Junge plötzlich auf. »Verflucht wegen Männern wie dir, die durch Ströme von Blut gewatet sind. Es ist das Blut, das dir anhaftet, das die Geister riechen. Du bist es, der uns alle umbringt!«

Kolja wirbelte seinen verstümmelten Arm herum, und eine Klinge fuhr aus der Lederprothese, die ihm den Unterarm ersetzte. »Noch ein Wort, und es kommen zu dem Strom von Blut noch ein paar Tropfen dazu, Griffelwichser.«

»Genug!« Barnaba drängte sich zwischen die beiden.

»Freche Kinder brauchen eine kleine Abreibung, damit sie sich merken, wo die Grenze ist.« Kolja hob seinen Klingenarm. »Eine kleine Narbe im Gesicht würde dich viel männlicher aussehen lassen und zugleich für immer daran erinnern, sich nicht mit den Falschen anzulegen.«

»Es reicht!«, zischte Barnaba und schob den massigen Krieger ein Stück zurück.

Kolja lächelte, und sein von Narben entstelltes Gesicht verzog sich zu einer Maske des Schreckens. »Eine kleine Narbe ist doch nichts Schlimmes, oder?« Er hatte Lust, sich zu schlagen, das war nicht zu übersehen.

»Dann wirst du es mit mir versuchen«, sagte Barnaba ruhig, aber bestimmt.

Der Krieger runzelte die Stirn. Die Narbenwülste, die er anstelle von Augenbrauen hatte, rückten enger zusammen. Er sah zum Fürchten aus.

In diesem Augenblick flog die Tür zum Allerheiligsten auf. Eisiger Wind fegte in die runde Kammer, ließ die mächtigen Wurzelstränge erzittern und die Flammen in den Feuerschalen tanzen, sodass wilde Schatten über die Wände huschten.

Dicht beim Eingang hatten sie zwei große Kupferschalen aufgestellt, aus denen hohe Flammen schlugen. Wer immer in das Heiligtum wollte, musste über sie hinwegsteigen.

Die Gestalt am Eingang warf sich mit dem Rücken gegen die schwere Tür und drückte sie zu. Es war Nabor. Eis hing ihm in Bart und Haaren. Sein schwerer Umhang war mit glitzerndem Raureif überzogen. Das Gesicht von Kälte gerötet, sah er mit schreckensweiten Augen zu ihnen herab. Sein kleiner Affe hockte ihm auf der Schulter. Er hielt sich an einer Strähne von Nabors Haupthaar fest. Die großen Ohrringe, die er sonst trug, hatte der Lotse wegen des Frostes abgelegt.