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»Er ist wieder da!«, keuchte der alte Wolkenschiffer. »Ich habe ihn gesehen!«

Barnaba hatte das Gefühl, als wiche auch die letzte Wärme aus der Kammer, die zu ihrer Zuflucht geworden war. Ein eisiger Schauer kroch seinen Rücken hinab, und er musste sich beherrschen, seine Arme nicht eng um seinen Oberkörper zu schlingen. »Von wem sprichst du?«

»Sangan! Der Schiffskoch …«

»Du hast ihn endlich gefunden«, brach es aus Barnaba heraus. »Wo war er? Warum hat er sich versteckt? Und warum lässt du ihn nicht herein?«

»Er hat mich gefunden«, stieß Nabor hervor. »Er stand plötzlich hinter mir, als ich vorne am Bug war, um zu sehen, welchen Kurs wir halten. Bei dem Wind habe ich seine Schritte nicht gehört.«

»Es ist doch gut, dass er wieder da ist. Geh von der Tür weg. Sangan wird uns sicher sagen, was geschehen ist.«

Der Lotse schüttelte so heftig den Kopf, dass der Affe von der Schulter den Arm hinabkletterte. »Es ist nicht Sangan, der wieder da ist. Ihr habt nicht seine Augen gesehen. Seine Augen …« Ein Pochen an der Tür ließ den Lotsen verstummen.

Barnaba konnte trotz des Abstands deutlich sehen, wie die Tür in ihren Angeln erbebte. Jedes Klopfen war wie ein Donnerschlag.

»Den kauf ich mir!« Mit diesen Worten stürmte Kolja die Treppen zur Tür hinauf und sprang über die Feuerschalen. Nabor versuchte ihn aufzuhalten, doch der alte Lotse hatte dem zornigen Drusnier nichts entgegenzusetzen. Kolja fegte ihn einfach zur Seite.

Das Klopfen hatte aufgehört, als könnte, wer immer dort hinter der Tür stand, durch die dicken Holzbohlen sehen.

»Lass es!«, rief Barnaba, doch Koljas Hand griff schon nach der Tür.

Der Besucher

Kolja war in der Stimmung, jemanden abzustechen. Er hasste es, hier untätig unter all den Feiglingen zu sitzen. Hasste es, von einem Feind belagert zu werden, dem er nicht mit der Klinge in der Hand entgegentreten konnte. Das würde sich jetzt ändern. Was immer da klopfte, musste ja wohl aus Fleisch und Blut sein. Und es würde verdammt noch mal seinen gesammelten Ärger abbekommen!

Entschlossen riss der Drusnier die schwere Holztür auf.

Keinen Schritt von ihm entfernt stand Sangan, von wirbelndem Schnee umgeben, auf dem Oberdeck. Bis auf einen Lendenschurz war der Schiffskoch nackt. Gefrorener Atem lag auf seinem Bart. Obwohl nicht mehr ganz jung, hatte der Koch, abgesehen von einem leichten Ansatz zum Bauch, einen muskulösen Körper. Er war viele Jahre auf den Wolkenschiffen Nangogs gereist, und wie alle Wolkenschiffer hatte er eine bronzefarbene, von Sonne und Wind gegerbte Haut gehabt. Jetzt aber zeigte seine Haut einen gräulichen Ton. Er stand merkwürdig steif. Und seine Augen! Kolja hatte so etwas noch nie gesehen, und ihr Blick ließ ihn, der nichts und niemanden je im Zweikampf gefürchtet hatte, der selbst den Daimonen Albenmarks entgegengetreten war, unwillkürlich zurückweichen.

Diese Augen sahen aus wie das Eis auf einem Dorfweiher am Ende des Winters. Zerschrammt, von trübem Weiß mit einer Ahnung dunklen Wassers darunter. Doch sie waren nicht nur gefroren. Sie hatten sich grundsätzlich verändert. Hinter ihnen lauerte eine Dunkelheit, eine Seele so abgründig, wie selbst die Seele des schlimmsten Unholdes unter Menschen niemals sein würde.

Was da vor ihm stand, sah zwar noch aus wie Sangan, doch sonst hatte es mit dem stets zu Scherzen aufgelegten Koch nichts mehr gemeinsam.

Kolja hatte das Gefühl, dass diese Kreatur es genoss, wie er sie anstarrte. Sie weidete sich an der Furcht der Wolkenschiffer unten im Allerheiligsten, von denen fast alle einen guten Blick auf die offene Tür hatten. Nicht einmal Barnaba, dem es sonst wahrlich nicht leicht die Sprache verschlug, sagte ein Wort.

»Ihr seid verloren«, sagte die Kreatur mit dunkler Stimme, die, obwohl jedes Wort deutlich zu verstehen war, so klang, als würde sie aus weiter Ferne kommen. Sangans Lippen bewegten sich, doch nicht in der rechten Art zu den Worten, die über sie kamen. Das war nur eine Kleinigkeit, und doch erschreckte sie Kolja fast so sehr wie die Augen aus altem Eis.

»Kommt heraus, und wir schenken euch einen schnellen Tod.«

Schwätzer waren immer leichte Beute, dachte Kolja. Sollte der Bastard zwölf Zoll besten Stahl fressen! Er machte einen Schritt nach vorn und stieß der Kreatur die Klinge bis zum Heft in den Bauch. Kolja fluchte – es fühlte sich falsch an. Er hatte schon Dutzende Männer niedergestochen. Hier war es, als stoße er seine Waffe in Eis, nicht in lebendes Fleisch! Er drehte die Klinge und zog sie zurück. Kein Blut trat aus der Wunde.

Der Fremde sah ihn mit seinen eisigen Augen an. »Dich hätte ich wählen sollen«, sagte die ferne Stimme. Diesmal bewegten sich die Lippen gar nicht, während er sprach. Dafür hob er den Arm, fast wie zu einem höhnischen Gruß.

»Du willst sein wie ich? Dabei kann ich dir helfen!«, zischte Kolja und ließ die Klinge auf den Arm niedersausen. Sie durchschnitt knirschend das gefrorene Fleisch und trennte dem Fremden den rechten Unterarm ab.

Einen Augenblick lang war nur das Heulen des Sturms zu hören. Der Fremde gab keinen Schmerzenslaut von sich. Auch schien er nicht erzürnt zu sein. Er sah Kolja lediglich fest in die Augen. Dann bückte er sich, ohne den Blick abzuwenden, und hob den abgetrennten Unterarm auf. Schweigend presste er ihn auf die Wunde.

Kolja hatte das Gefühl, dass es noch ein wenig kälter wurde. Wie dicke weiße Adern krochen Linien aus Frost über den nackten Arm. Dann plötzlich ließ der Fremde los. Der Unterarm war wieder fest mit dem Stumpf verwachsen. Spielerisch bewegte die Gestalt die Finger. »Du glaubst, ich sei wie du? Das glaube ich nicht.«

Der Drusnier wich zurück, bis er die Hitze der Feuerschalen in seinem Rücken spürte. Mit einem Satz sprang er durch die Flammen und drehte sich sofort wieder um, ängstlich darauf bedacht, den Fremden nicht zu lange aus den Augen zu lassen, doch dieser hatte sich nicht vom Fleck gerührt.

»Glaubt ihr, ihr könnt uns entkommen?« Seine Grabesstimme klang nicht einmal spöttisch. »Wie lange werden eure Holzvorräte und euer Öl noch reichen? Einen Tag noch? Eine Woche oder einen Mond? Wir warten, bis euer letztes Feuer niedergebrannt ist. Wir warten schon sehr lange. Wir haben Geduld gelernt. Ein Mond ist für uns kaum mehr als ein Augenblick. Wir werden euch beim Sterben zusehen. Und wenn ihr tot seid, dann nehmen wie eure Körper. Darin unterscheiden wir uns von unseren Brüdern. Wir wollen nicht die Lebenden. Wir erheben die Toten. Und weil es so ist, wird uns keiner von euch entkommen.«

Der gelebte Traum

Leise schloss sich die Tür in seinem Rücken. Mit dem Geräusch fiel alle Anspannung, aller Ärger von ihm ab. Sein Rücken schmerzte noch von der Mühsal des Tages. So viele Stunden hatte er wieder einmal über die Tische mit den Tontafeln gebeugt gestanden. Hatte versucht, über alle Entscheidungen in seinem riesigen Reich informiert zu bleiben. Es war eine Arbeit, die nie ein Ende nahm, die bei ihm immer den Beigeschmack hinterließ, dass er etwas Bedeutsames übersehen haben konnte. Die Tontafeln lasteten schwer wie ein Berg auf ihm. Bis sich abends leise die Tür hinter seinem Rücken schloss.

Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer eingetreten war. Nur sie wagte es, dieses Gemach zu betreten, ohne anzuklopfen. Er roch ihren Duft. Es war der Geruch der Pferde in den königlichen Ställen. Dort verbrachte sie ihre Tage. Niemand vermochte so gut mit den Tieren umzugehen wie die Tochter der weiten Steppen des Ostens. Pferde waren ihr Leben gewesen, genauso wie Raub und Krieg. Sie war eine Wildkatze. Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie sie aufgeflogen war, als sie sich in seinen Palast eingeschlichen hatte. Sie hatte eine Schlägerei in der Küche angezettelt und dabei Furcht und Schrecken verbreitet. Sich als demütige Magd auszugeben hatte ihr nicht gelingen können. Sie konnte vieles, doch sich auf Dauer zu verstellen gehörte nicht zu ihren Gaben.