Er spürte, dass sie nun dicht hinter ihm stand. Lautlos war sie durch die weite Kammer geschritten, in der er arbeitete und schlief. Sie würde ihn nicht stören, bis er sich zu ihr umwandte. Sie wusste, wie ernst er seine Arbeit nahm. Und sie wusste auch, dass sie nicht lange würde warten müssen, bis er alles fahren ließ, um einige wenige gestohlene Stunden mit ihr zu genießen.
Artax schob die Tafel, die er gelesen hatte, zur Seite. Der Erdrutsch, der eine Handelsstraße unpassierbar gemacht hatte, konnte warten, genau wie all die anderen kleinen und großen Sorgen des Reiches. Erleichtert wandte er sich um. Da stand sie, in all ihrer Schönheit, mit schmutzigen, nackten Füßen und ein wenig Stroh in ihrem langen Haar.
An das veränderte Gesicht Shayas hatte er sich immer noch nicht gewöhnt. Ein Daimon hatte ihr zur Flucht aus dem Bergkloster verholfen, in dem sie auf ihren Tod gewartet hatte. Und dieser Daimon war an ihrer Stelle gestorben. Diese Geschichte verstörte Artax immer noch. Sie stellte sein Weltbild auf den Kopf. Ein Todfeind der Menschen hatte den Tod gewählt, um ein Unrecht zu verhindern. Wäre er nicht gewesen, Shaya würde jetzt nicht vor ihm stehen.
»So nachdenklich?« Ein Hauch von Schalk lag in ihrer Stimme. Sie mochte es nicht, wenn er nicht ganz und gar bei ihr war.
»Ich habe stumm den Göttern gedankt, dass sie dich wieder zu mir geführt haben.«
»Das waren nicht die Götter«, entgegnete sie entschieden. »Eher das Gegenteil.«
»Aber ich werde keine Dankgebete zu Daimonen flüstern.«
»Vielleicht wäre die Welt ein besserer Ort, wenn wir das könnten?«
Artax hob abwehrend die Hände. »Für heute Abend bin ich ganz und gar zufrieden, wenn dank dir dieses Gemach ein besserer Ort wird.« Er verschlang sie mit Blicken. Ihren schlanken, kräftigen Leib. Sie trug nur eine rote Tunika, die ihr bis knapp zur Mitte des Oberschenkels reichte. Das war das Resultat ihrer letzten kleinen Auseinandersetzung. Zuvor hatte sie noch eine weite Reithose getragen, so wie sie unter den Ischkuzaia weit verbreitet war. Ihm hatte das Sorgen bereitet. Sie war Ischkuzaia! Und wer das erriet, der mochte auch auf den Gedanken kommen, wer sich in Wahrheit hinter der Küchenmagd verbarg, die sich das Bett eines Unsterblichen erobert hatte.
Ihm war bewusst, wie viel über sie beide getratscht wurde und wie viele es gab, die sie gerne wieder auseinanderbringen würden, dieses seltsame Küchenmädchen, das sich so gut auf Pferde verstand, und den mächtigsten Mann der Welt.
»Was für ein Gebet werde ich denn zu hören bekommen?«, setzte sie mit einem schelmischen Lächeln nach.
Artax nahm ihre Hand und küsste sie mit übertriebener Verbeugung. »Darf ich, statt zu beten, das hohe Lied auf Eure Schönheit anstimmen, Dame meines Herzens?«
Sie lachte, ihr helles, unbändiges Lachen, dem unmöglich zu widerstehen war. »Was für ein geschwollener Unsinn!« Mit diesen Worten zog sie ihn zu sich heran und küsste ihn leidenschaftlich.
Er schloss die Augen und gab sich ganz dem Hochgefühl hin. Willig ließ er sich von ihr zu dem großen Bett ziehen. Ihre Hand löste seinen Wickelrock und suchte keck, was im Verborgenen wuchs.
»Ich habe dich vermisst«, hauchte sie.
»Und ich dachte, du liebst nur Pferde.«
»Tagsüber.« Sie lächelte hinreißend. »Nachts stehe ich auf den dummen Lastgaul, der den Ärger eines ganzen Reiches auf seinen Schultern tragen will.« Sie ließ sich nach hinten fallen und zog ihn mit sich aufs Bett.
Sich fallen lassen, das konnte er nur an ihrer Seite. Er drückte sie fest an sich. Sie war sein lebendig gewordener Traum. Als junger Mann hatte er sich eine Frau in Gedanken erschaffen und ihr einen Namen gegeben: Almitra. Nie hätte er sich träumen lassen, wie viel schöner die Wirklichkeit sein konnte.
Shaya streifte die Tunika ab und küsste ihn erneut. Noch leidenschaftlicher als sonst, als wollte sie ihn mit Haut und Haar verschlingen. Plötzlich ernst, drückte sie ihn in die Kissen, setzte sich auf ihn und sah ihn lange an. Ganz so, als wollte sie sich sein Gesicht für alle Zeiten einprägen. Sonst war sie nicht so. Ein Kummer schien ihr auf der Seele zu liegen.
»Hattest du einen schlechten Tag in den Ställen?«
Sie schnaubte. »Kann man einen guten Tag haben, wenn Hamura in der Nähe ist?«
Artax stöhnte. Das war nicht das erste Mal, dass sie sich über den Stallmeister beschwerte. Hamura war ein stolzer Mann, und er hatte es nicht verwunden, dass plötzlich ein Küchenmädchen über das königliche Gestüt herrschte, ganz gleich, wie gut sie auch mit Pferden umzugehen vermochte. »Was hat er diesmal getan?«
»Er schlägt die Pferde«, brach es aus ihr heraus. »Ich hab die Striemen gesehen … Er ist ein Dreckskerl. Ein …« Plötzlich setzte sie wieder dieses Lächeln auf, dem er einfach nicht widerstehen konnte. »Ich werde ihn auspeitschen lassen. Dann weiß er, wie es für die Pferde ist, die Peitsche zu bekommen.«
»Spricht da die wilde Reiterprinzessin? Hier musst du dich ein wenig mäßigen …«
»Mäßigen?« Sie schlug ihm empört auf die Brust. »Shaya hätte Hamura von den Hengsten vierteilen lassen, die er geprügelt hat. Ich mäßige mich doch schon …« Wieder blitzte der Schalk in ihren Augen. »Und jetzt bin ich in der Stimmung für einen wilden Ritt.«
Er errötete, und sie lachte. Sie hatte schon immer Spaß daran gehabt, ihn verlegen zu sehen. Sie nahm nie ein Blatt vor den Mund, sagte immer ganz direkt, was sie dachte. Vielleicht war es die Eigenschaft, die er am meisten an ihr liebte. Intrigen und Lügen bestimmten jeden seiner Tage als Herrscher. Bei ihr gab es nur Wahrheit. Und sie tat, was sie angedroht hatte. Sie liebte ihn mit einer Leidenschaft wie lange nicht mehr.
Als sie einander atemlos in den Armen lagen, begann sie zu weinen.
Er strich ihr durch das Haar. »Was ist los?«
»Ich bin glücklich«, stieß sie stockend hervor.
»Aber man weint doch nicht, weil man glücklich ist«, sagte er amüsiert.
»Ich schon!«, kam es trotzig zurück. »Für mein Unglück habe ich schon lange keine Tränen mehr. Die letzten habe ich mir für meine glücklichen Stunden aufgehoben.«
Er setzte an, etwas zu sagen. Doch dann schwieg er, zog sie einfach nur eng an sich und hielt sie fest mit den Armen umschlungen. Manchmal war zu schweigen besser, als zu reden. Ihr Atem wurde ruhiger. Sie wollte, dass er dachte, dass sie eingeschlafen war, aber er spürte, dass sie keinen Schlaf finden würde.
Anders als er. Der lange Tag mit den Sorgen des Reiches hatte ihm alle Kraft aus den Gliedern gesogen. Er hielt sie fest, lauschte müde auf ihren Atem, genoss es, die Wärme ihres Leibes mit seinem ganzen Körper zu spüren. Sie bei sich zu haben war ein gelebter Traum, war sein letzter bewusster Gedanke. Er würde sie nie wieder loslassen. »Ich liebe dich«, flüsterte er noch, dann versank er in tiefen, traumlosen Schlaf.
Abschied