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Zitiert nach: Eine antike Tontafel.
Verfasserin: Unbekannt, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Saal der Versunkenen Königreiche, Regal XXXVII, Brett IX, Truhe XV.
Anmerkung: Brief, auf eine halb gebrannte Tontafel geschrieben, gefunden in einer verkohlten Truhe im Palast von Akšu

Beraubt

Artax starrte auf die Keilschrifttafel im verlassenen Zimmer. Jedes Gefühl für Zeit war ihm verloren gegangen. Immer und immer wieder hatte er die Zeilen in ungelenker Keilschrift gelesen, die Shaya ihm als Abschiedsgeschenk hinterlassen hatte. Seine Tränen waren versiegt. Seine Augen brannten, die Kehle war trocken, und er hatte das Gefühl, dass in ihm ein Feuer wütete, das ihn vernichten würde. Er vermochte den Blick nicht abzuwenden. Jede Zeile hatte er Hunderte Male gelesen, und immer noch war jedes Wort ein Dolchstoß in sein Herz. Wie hatte sie gehen können?

Er konnte keinen ihrer Gründe anerkennen. Er war der Unsterbliche von Aram! Der Erste unter den sieben Herrschern der Welt! Es lag bei ihm, mit welcher Frau er sein Leben teilte, und es stand keinem Adeligen im Reich zu, sich darüber das Maul zu zerreißen!

Er las noch einmal die Worte und entdeckte fremde Gedanken hinter ihnen. War es Ashot gewesen, der auf Shaya eingewirkt hatte, sein Freund aus Kindertagen, oder aber Mataan, der zum Krüppel geworden war, als er ihm im Steinhorst das Leben gerettet hatte?

Die beiden sorgten sich immerzu um das Reich, darum, dass er alles richtig machte. Und beide hatten Shaya nicht gemocht!

Wie konnte er sie wiederfinden? Immer wieder hatte er sich das in den letzten Stunden gefragt. Und immer wieder gab es nur eine Antwort: Wenn sie nicht entdeckt werden wollte, dann würde ihm all seine Macht nicht helfen. Sie würde verschwunden bleiben.

Er schluckte. Ihr Geruch hing noch im Zimmer. Wenn er die Augen schloss, war es leicht, sich vorzustellen, dass sie hinter ihm auf dem Lager ruhte, auf dem sie so viele Nächte gemeinsam verbracht hatten. Es war ein Duft nach Pferden. Deren Geruch war tief in ihre Haut und ihr Haar eingezogen gewesen.

Auch war da noch der Duft von Milch und Honig in der Luft. Nachdem er sie einige Male wegen ihres Pferdegeruchs aufgezogen und sie meine wilde Stute genannt hatte, war sie dazu übergegangen, abends, wenn sie aus den Ställen zurückkehrte, ihren Körper mit einem Gemisch aus Milch und Honig einzureiben. Sie war zwar überzeugt gewesen, dass es den bronzefarbenen Ton ihrer Haut mit der Zeit aufhellen würde, was sie nicht wollte, aber es hatte wirklich den Stallgeruch vertrieben. Für eine Weile zumindest.

Artax starrte auf die weiß getünchten Wände. Wie leidenschaftlich sie ihn in der letzten Nacht geliebt hatte! Er war glücklich gewesen, überzeugt, dass ihre Liebe niemals an Feuer verlieren würde. Sie hatte ihn gar nicht oft genug küssen mögen. Zuletzt war er es gewesen, der eingeschlafen war. Mit ihr in den Armen. Als er beim ersten Morgenlicht erwachte, war sie es gewesen, die ihn gehalten hatte. Sie hatte aus ihren wunderschönen, dunkelbraunen Augen auf ihn hinabgeblickt. Ihm war gar nicht in den Sinn gekommen, dass sie ihn vielleicht die ganze Nacht hindurch so angesehen hatte. Dass sie Abschied genommen hatte. Sich sein Gesicht so tief in ihre Erinnerung geprägt hatte, dass sie es bis ans Ende ihrer Tage nicht vergessen würde.

Hatte es noch andere Zeichen gegeben, aus denen er ihre Absicht, ihn zu verlassen, hätte erkennen können, wäre er nur aufmerksamer gewesen? Der gestrige Abend war einfach vollkommen gewesen. Zu vollkommen? Hatte sie alles gegeben, um ihn noch einmal glücklich zu machen?

In den letzten Wochen hatten sie oft lebhaft darüber diskutiert, wie er seine Macht als Herrscher nutzen sollte. Manchmal auch gestritten. Sie nahm nie etwas als gegeben hin, hatte den Mut, alles zu hinterfragen und ihn oft einen Träumer gescholten. Sie war der Frau, die er sich einst als Bauer erträumt hatte, sehr nahe gekommen. Damals war er ohne Hoffnung gewesen, jemals auch nur genug Geld zusammenzubekommen, um sich eine Hochzeit leisten zu können. Er war nach Nangog gegangen, weil es hieß, man fände dort entweder schnellen Reichtum oder schnellen Tod. Auf gewisse Weise hatte er beides gefunden. Den Bauern Artax gab es nicht mehr. Das Schicksal hatte ihn zum Unsterblichen Aaron gemacht, und selbst seine Jugendfreunde von einst erkannten ihn nicht mehr, wenn sie vor ihm standen.

Shaya, die als Küchenmagd Kirum zu ihm zurückgekehrt war, kannte all seine Geheimnisse. Vor ihr hatte er sich nicht verstellen müssen, und er hatte sich ihr anvertrauen können wie keinem anderen Menschen. Was sollte er ohne sie tun?

Es klopfte an der Tür, drängend, so als wäre es nicht zum ersten Mal. Dann trat Ashot ein, ohne eine Antwort abzuwarten. »Herr, die neuen Truppen sind angetreten. Schon seit einer Stunde. Sie …«

Artax machte eine ärgerliche Geste. »Ich kann jetzt keine Rede halten.«

»Es sind zehntausend Mann, die auf dem Weiten Hof auf Euch warten, Herr. Sie gehen, um auf Nangog ihr Leben für unsere Sache zu wagen, und Ihr habt nicht die Zeit, ihnen mit ein paar Worten Mut zu machen?«

Wütend sah der Herrscher auf. »Und wer war hier, um Kirum mit seinen Reden allen Mut zu nehmen? Warst du es oder Mataan?« Er deutete auf die ungebrannte Tontafel auf dem Tisch. »Wenn ich das lese, dann höre ich im Hintergrund eure Stimmen.«

»Ihr habt recht. Ich und nur ich habe ihr zugeredet. Mataan ist nicht mehr Manns genug, um das Richtige zu tun, wenn er fürchtet, Euch zu verärgern. Die Schuld an dem, was geschehen ist, trifft mich allein. Was wollt Ihr nun tun? Mich in die Löwengrube werfen lassen?«

Kein schlechter Vorschlag, meldeten sich die Stimmen der vorherigen Herrscher in seinem Kopf. In den letzten Wochen hatten sie ihn nur noch selten behelligt. Vielleicht gewannen sie ja an Macht, wenn Unglück ihn plagte.

Wir haben einfach ein Herz für die Löwen. Auch sie plagt sicherlich Zweifel am Sinn ihres Daseins. Du fütterst sie ja schon lange nicht mehr mit zartem Jungfrauenfleisch, so wie ich es einst getan habe. Was waren das für herrliche Spektakel! Du aber gönnst ihnen ja nicht einmal einen zähen Verräter oder so einen sauertöpfischen Miesmacher wie diesen Möchtegernfeldherren Ashot.

»Schweig!« Kaum dass das Wort über seine Lippen war, wurde sich Artax bewusst, dass er laut gesprochen hatte, was nicht nötig war, um sich mit den Stimmen in seinem Kopf zu verständigen. Sie hörten auch seine Gedanken.

Ashot, sein Jugendfreund, sah ihn betroffen an.

»Du wirst nicht zu den Löwen gehen, ich habe dir ein schlimmeres Schicksal zugedacht. Du bleibst hier im Palast, und es wird deine Aufgabe sein, jene auszuwählen, die nach Nangog gehen. Sobald dort die ersten Schlachten geschlagen werden, wird die Begeisterung für den Krieg nachlassen. Bald werden die jungen Männer in Städten und Dörfern versteckt werden, wenn unsere Werber kommen. Du aber wirst dafür Sorge tragen, dass wir die Zahlen erfüllen, die von den Devanthar eingefordert wurden. Noch vier Mal zehntausend Mann in den nächsten zwölf Monden.«

»Herr, ich ziehe doch immer …«

Artax schnitt ihm mit einer harschen Geste das Wort ab. »Du bleibst hier! Ich führe unsere Krieger aufs Schlachtfeld. Noch länger in diesem Palast voller Erinnerungen zu verweilen ist mir unerträglich.«

Ashot sah ihn durchdringend an. Er gab sich keine Mühe, seine Enttäuschung zu verhehlen.

Einst hatte er Artax gefragt, ob er langsam Gefallen daran fand, Kriege zu führen. Vielleicht war das wahr … Wahr war aber auch, dass er die Hoffnung hegte, dass sich Shaya unter den zehntausend auf dem weiten Palasthof verbarg. Vielleicht als Krieger verkleidet, vielleicht als Marketenderin im Tross? Sie war eine Kämpferin! Ja, dort musste sie sein! Er würde sie suchen! Und er würde niemals aufhören damit, ganz gleich, wie viele gute Gründe es gab, sie zu vergessen und damit den inneren Frieden im Reich zu wahren.