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Ich hatte einmal einen Freund

Volodi marschierte gut gelaunt über das weite Feld, auf dem sich die bärtigen Bastarde versammelt hatten, die dem Heerbann gefolgt waren. Es waren stinkende, schlecht ausgerüstete, vernarbte Gestalten. Zweite oder dritte Söhne ohne Hoffnung auf ein Erbe, Wegelagerer, Rosstäuscher und Söldner, die bereits für alle erdenklichen Herren gekämpft hatten. Sie waren nicht einheitlich gekleidet, und sie standen nicht ordentlich ausgerichtet auf dem weiten Feld vor seinem Königssitz. Sie bildeten mehr oder weniger große Grüppchen um Feldzeichen, die sie nach eigenem Gutdünken gewählt hatten. Meist war es ein Tierschädel auf einem dicken Ast. Pferde, Bären und Wölfe hatten ihre Köpfe gegeben, um die Männer mit Standarten zu versorgen. Manchmal hing auch einfach nur ein mit Runen bemaltes Stück Leder von einer Querstange.

Sie waren allesamt Raufbolde mit schlechten Zähnen und einer hervorragenden Moral. Jeder von ihnen konnte in diesem Krieg nur gewinnen.

Volodi zwinkerte Quetzalli zu, die, in ein Wolfsfell gewickelt, seinen Sohn auf den Armen hielt. Sieben Tage war er alt und konnte schreien wie ein Feldherr inmitten des Schlachtgetümmels. Im Augenblick war er zum Glück still.

»Hast du dir eine Rede zurechtgelegt?«, fragte sie besorgt. Als Priesterin machte sie stets viel Aufhebens um schöne Worte. Ihm war es nicht gegeben, beeindruckende Reden zu schwingen. Das hatte er schon immer gewusst; aber seit er sie kannte, dachte er mehr darüber nach, was er bei Anlässen wie diesem sagen sollte. Und das bereitete ihm einiges Kopfzerbrechen. Er stünde lieber mitten im Schlachtgetümmel als auf diesem Felsen, auf den er gleich klettern würde, damit alle ihn sahen.

»Ich habe einen Plan«, murmelte er und konnte in Quetzallis Augen lesen, dass sie ihm kein Wort glaubte. Sie kannte ihn einfach zu gut.

Volodi streckte sich zu voller Höhe durch und stieg auf den Ratsfelsen. Kurz dachte er daran, dass er vor nicht einmal einem Jahr ein Verstoßener gewesen war, ein Geächteter, auf dessen Kopf ein beträchtlicher Preis ausgesetzt gewesen war. Wie sehr hatte sich seitdem alles verändert. Er war zum Unsterblichen aufgestiegen! Nie hätte er das auch nur zu träumen gewagt. Und die Männer dort unten respektierten ihn. Zumindest die meisten.

Als er oben stand, räusperte er sich. Suchte nach Worten. Einer Idee … Jetzt könnte er Kolja gut gebrauchen. Der verdammte Bastard hatte ihn zwar verraten, an die Zapote verkauft und ihn damit in den sicheren Tod geschickt. Und doch war es diese Tat, die ihn wieder an Quetzallis Seite und letztlich an genau diesen Ort gebracht hatte. So übel der Verrat gewesen war, am Ende war nur Gutes daraus erwachsen. Was wohl aus Kolja geworden war? Oft vermisste er ihn. Wenn er ihm noch einmal begegnete, dann würde er ihm erst einmal eine ordentliche Abreibung verpassen! Drecksack!

Wahrscheinlich würde Kolja ihm selbst mit nur einem Arm übel zusetzen. Und wenn sie sich dann beide die Nasen gebrochen hatten und aus aufgeplatzten Lippen bluteten, würden sie Frieden schließen und sich hemmungslos besaufen. Er schluckte. Solche melancholischen Anflüge sollte er vermeiden. Wahrscheinlich war Kolja längst tot. Das Letzte, was er von ihm gehört hatte, war, dass er bei dem Angriff auf den Tempel der Zapote dabei gewesen war. Er war einer der Anführer der Truppen gewesen, die gekommen waren, um ihn zu befreien. Ein Scherz der Götter!

Volodi räusperte sich erneut und blickte über die Männer, die auf dem weiten Feld versammelt standen. Einige begannen zu murren, weil er immer noch nichts gesagt hatte.

»Ich hatte einmal einen Freund, wie man ihn besser nicht finden kann. Einen Drusnier. Er war ein verdammter Hurenbock, ein Säufer, und wenn er einen schlechten Tag hatte, genügte es, ihn schief anzusehen, und er schlug einem die Zähne aus. Besonders gerne morgens nach einer durchzechten Nacht. Aber in der Schlacht verlor er nie den Mut. Und mochte der Gegner zehnfach überlegen sein, er trat ihm mit einem Lächeln entgegen. Und stand er an deiner Seite, dann war er ein besserer Schutz als der stärkste Schild. Er ließ sich eher in Streifen schneiden, als seinen Platz in der Schlachtreihe aufzugeben. Viele von euch wissen, ich war einst ein Pirat in der aegilischen See und Heerführer in Diensten Arams. Ich habe die Streitwagen des Unsterblichen Aaron tief nach Luwien geführt, um seinen Feinden die besten Schmiede zu stehlen. Ich stand auf der Ebene von Kush, als der Unsterbliche Muwatta Arams Bauernheer zerschmettern wollte … Es war eine Schlacht, in der niemand an einen Sieg Arams glaubte. Man hat mich immer in jene Kämpfe geschickt, die unmöglich zu gewinnen waren, denn ich war ja nur ein Söldner aus Drusna. Ein Mann, dessen Verlust zu verschmerzen war. Und immer war Kolja bei mir.«

Volodi schwieg kurz. Die Männer hörten zu, aber die ersten begannen unruhig zu werden. Sie hielten nichts von langen Reden, genau wie er. Er musste jetzt dringend die Kurve bekommen.

»Männer, wenn wir nach Nangog gehen, dann werden wir gegen Daimonen antreten. Sie sind so schnell mit der Klinge, dass ihr Schwert zu einem schillernden Licht verschwimmt. Sie haben euch die Kehle durchgeschnitten, bevor ihr auch nur das Schwert zur Abwehr heben könnt. Ich habe gegen sie gekämpft. Ich lebe noch. Das einzig Gute, was man über sie sagen kann, ist, dass sie wenige sind. Und sie haben hübsche Weiber, jedenfalls wenn man auf die Dünnen steht, an denen kaum was zum Anfassen dran ist.«

Ganz wie er erwartet hatte, gab es einige unflätige Bemerkungen über Weiber und vereinzeltes Gelächter.

»So ein Weib hat meinem Freund Kolja mit einem einzigen Schwertstreich den Arm abgetrennt.« Das Gelächter verstummte.

»Und wisst ihr, was er dann getan hat?«

»Verrecken!«, rief einer in den hinteren Reihen.

Volodi lachte. »Doch nicht Kolja! Selbst wenn man ihm den Kopf vor die Füße legt, sodass er seine dreckigen Zehen aus nächster Nähe betrachten kann, würde er noch nicht einsehen, dass es Zeit zu sterben ist. Er hat das Daimonenweib, das ihn für besiegt hielt und unvorsichtig wurde, niedergeschlagen. Dann hat er sich auf sie geworfen, sie fest zu Boden gedrückt und ihr seinen Stumpf ins Maul gerammt, sodass sie an seinem Blut ertrunken ist. So ein Mann war Kolja. Ein Mann aus Drusna! Ihr alle seid Drusnier, kraftvoll und entschlossen. Wollt ihr für mich kämpfen wie Kolja?«

»Ja!« Bei Weitem nicht alle hatten gerufen. Viele wirkten unentschlossen. Volodi fragte sich, ob er die falsche Geschichte gewählt hatte. Aber er wollte, dass sie wussten, was sie erwartete. Nur dann würden sie nicht davonlaufen, wenn sie den Schrecken Nangogs begegneten. Sie mussten vorbereitet sein.

»Ich will euch nicht mit schönen Lügen in den Krieg locken. Ihr alle wisst, wer ich bin. Ich bin kein Unsterblicher, der seit Jahrhunderten herrscht. Ich bin Volodi von Drei Eichen, einer wie ihr, den das Schicksal zum Unsterblichen machte. Ich weiß, was euch bewegt und was euch dort in Nangog erwartet. Es gibt auf unserer ganzen Welt keinen Krieger, der so gut mit dem Schwert umgehen könnte wie diese Daimonenkinder. Aber sie haben keine Ahnung, was es heißt, sich mit Drusniern einzulassen. Sie werden uns in Stücke schneiden und verbrennen müssen, bis wir aufhören zu kämpfen. Ist es nicht so?«

»Ja!«, erklang es aus Hunderten Kehlen.

»Sie werden den Namen Drusna erst mit Respekt und dann mit Furcht nennen! Ist es nicht so?«

»Ja!« Jetzt waren es fast alle, die riefen.

»Sie werden lernen müssen, dass, ganz gleich wie oft man einen Drusnier niederschlägt, er immer wieder aufsteht. Ist es nicht so?«

»Ja!« Etliche schlugen nun mit ihren Schwertern auf die Schilde und veranstalteten ein infernalisches Getöse.

»Und wenn wir mit ihnen fertig sind, dann werden die verfluchten Daimonenkinder froh sein, wenn wir ihren letzten Überlebenden gestatten, zurück in ihre Heimat zu kriechen. Nangog ist unsere Welt! Und jeder, der versucht, sie uns zu nehmen, wird es bereuen!«