Inzwischen jubelten ihm alle zu. Volodi genoss es, ihre Begeisterung zu sehen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, ihr Anführer zu sein. Er weitete die Arme. Langsam ebbte das Rufen ab. »Die Zeit zu gehen ist gekommen. Schon bald wird der Große Bär uns ein Tor öffnen, das uns an den Ort führt, den uns die Götter bestimmt haben. Nehmt Abschied von allem, was ihr liebt, und dann kommt hierher zurück, wenn die Sonne im Zenit steht.« Mit diesen Worten stieg er vom Felsen herab.
Wieder jubelten ihm seine Krieger zu. Dutzende Männer streckten die Arme nach ihm aus, um ihn bei den Schultern zu berühren, als er sich mit Quetzalli vom weiten Ratsplatz zurückzog. Sie gingen ohne Leibwache, und es wurde ein schwerer Weg. Die meisten Krieger hatten längst ihren Abschied genommen. Ihre Heimat und ihre Familien lagen weit hinter ihnen.
Endlich gelangten sie bis ans vorderste Tor des Fürstensitzes. Hier erst traten Wachen den überschwänglichen Kriegern in den Weg.
Quetzalli zog ihn zu einem kleinen Gesindehaus nahe dem Tor. Ohne ihm zu sagen, was sie vorhatte, stieß sie die Tür auf. Drinnen brannte ein Feuer im Kamin, der Boden war mit Fellen ausgelegt, und auf einem schmalen Tisch standen ein Krug mit Wein, kalter Braten und Brot. Volodi sah sich verwundert um.
»Ich fand, dass wir von unserer letzten Stunde nicht zu viel Zeit mit Spaziergängen vergeuden sollten.« Sie legte das Kind in eine schmale Wiege nahe der Feuerstelle und lächelte. »Diese Geschichte von Kolja kannte ich noch gar nicht.«
Volodi grinste. »Na ja, in Wirklichkeit hat er auf seinen abgeschnittenen Arm gestarrt und geflucht. Ich fand, so hörte es sich besser an.«
Quetzalli trat ganz dicht an ihn heran, strich ihm zärtlich über die Wange und blickte zu ihm auf. »Du hast deine Sache gut gemacht. Ich hätte nicht gedacht, dass du so ein überzeugender Lügner bist.« In ihrer Stimme schwang noch immer der fremde Akzent ihrer Heimat. Sie sah ihn aus ihren wunderbaren, nachtschwarzen Augen an. »Bitte werde nie gut darin, mich zu belügen.«
Er küsste sie. »Ganz sicher nicht!«
»Ich weiß, dass du vor dem Kindergeschrei fortläufst. Davor, dass ich in der Nacht nicht mehr immer für dich da bin, wenn du mich begehrst, vor den dunklen Rändern unter den Augen und davor, dass Wanya mich bei jedem wachen Atemzug braucht. Du bist ein Unsterblicher und doch nicht anders als die meisten Männer. Sie laufen fort in dieser Zeit, und ich nehme dir das nicht übel. Aber bitte versprich mir, dass du gut auf dich aufpasst. Komm wieder zu mir zurück!«
»Ich werde …«
Quetzalli legte ihm sanft die Hand auf den Mund. »Ich hatte dich doch gebeten, mich nicht zu belügen.« Sie lächelte. »Sag lieber nichts. Ich weiß, du meinst es gut und willst mir Mut machen.« Sie streifte den weiten Mantel aus schillernd bunten Federn ab, den er so gerne an ihr sah. »Lass uns unsere letzte Stunde nicht mit Worten vertun.«
Volodi zog sie zu sich heran und küsste sie voller Leidenschaft, während ihre Hände nach seinem Schwertgurt tasteten. Er liebte sie, und er würde zu ihr zurückkehren; wohin immer die Götter ihn auch führen würden, er käme zu ihr zurück. Sie war sein Zuhause, mehr noch als der kleine Wanya mit seinem goldenen Haar und der zart braunen Haut.
Er war so oft in den Krieg gezogen und hatte immer überlebt. Auch wenn sie es nicht hören wollte, war er sich ganz sicher, dass er zurückkehren würde. Nichts könnte ihn davon abhalten!
Polternd fiel sein schwerer Schwertgurt auf den mit Fellen ausgelegten Boden. Ihre Hand fand zwischen seine Schenkel, und er vergaß alles um sich herum.
Zu viele Hände
Lyvianne hasste diesen verdammten Wald. Seit Tagen regnete es ohne Unterlass, und sie konnte sich nicht mit einem Zauber gegen die Nässe schützen. Dies hier war das Land des Großen Bären, des Devanthar, der über Drusna wachte, und sie spürte seine Nähe, auch wenn sie ihn bisher nie zu Gesicht bekommen hatte. Er beobachtete sie. Ihr war nicht klar, warum er sie noch nicht angegriffen hatte. Aber lange würde dieses Spiel nicht mehr dauern. Sie war auf langen, verschlungenen Wegen aus dem Verbotenen Tal hierhergekommen. Sie trug die Grünen Geister von dort in sich. Lyvianne spürte deren Unruhe. Sie wollten nur eins: zurück in ihre Welt nach Nangog. Doch sie würde dem Goldenen nicht mit leeren Händen unter die Augen treten, nicht ohne die zweite Hälfte von Nangogs Herz. Vielleicht würde sie hier endlich mehr erfahren!
Lyvianne stand unter einer großen Eiche, durch deren Blätterdach der Regen in großen Tropfen rann. Leichter Wind strich durch den Wald und erfüllte die Nacht mit dem Flüstern feuchten Laubs. Waffen und Helme, die im Geäst um den Heiligen Hain hingen, schlugen leise klirrend gegeneinander. Sie spürte die Magie dieses Ortes. Die Macht aus dem Labyrinth aus Stämmen und Hecken, das sich auf dem Hügel in der Mitte der Lichtung erhob. Die Kraft der Steine, die in unregelmäßigen Abständen um die Lichtung standen, und das Pulsieren der Albenpfade, die sich ganz in der Nähe zu einem großen Stern vereinigten.
Lyvianne hatte die Gestalt eines Kriegers aus Luwien beibehalten. Sie hatte nicht gewagt, die Erinnerungen eines Menschenkindes zu stehlen, um dann auch dessen Gestalt anzunehmen. Zu aufmerksam waren die Devanthar. Ein solcher Frevel wäre ihnen nicht entgangen. Auch hatte sie nicht gewagt, eine ihrer früheren Gestalten anzunehmen. Nicht weit von hier hatte sie einst den jungen Bozidar von einem stolzen Krieger zu einem Greis werden lassen, als sie in einer langen Liebesnacht die Essenz seines Lebens bis fast zur Neige getrunken hatte. Auch in seinen Erinnerungen war der Stein, den sie suchte, stets zur Hälfte von Efeu verdeckt.
Der Wolkenhimmel brach auf, und Mondlicht tauchte die Waldlichtung in einen unwirklichen Glanz. Jetzt sah sie den Stein! Unsicher blickte sie zum Heiligtum. Es gab dort, hinter den Stämmen und Hecken verborgen, einen Priester. Die Elfe lauschte in die Nacht. Eines nach dem anderen verbannte sie jene Geräusche aus ihrer Wahrnehmung, die sie von dem ablenkten, was sie wissen wollte. In der Stille, die langsam in ihr erwuchs, hörte sie jetzt die heimlicheren Geräusche des Waldes: den unruhigen Herzschlag eines Hasen, der nicht weit von ihr unter einem Busch kauerte und sie beobachtete, das Geräusch von Federn, die über dünne Ästchen und raue Eierschalen rieben, eine Amsel, die sich unruhig in ihrem Nest hoch über Lyvianne regte.
Auch diese Geräusche verbannte sie aus ihrem Bewusstsein. Und jetzt, endlich, vernahm sie das Geräusch gleichmäßigen Atmens. Das musste der Priester sein. Er schlief und … Da war noch jemand! Ein zweites Atmen, das sich fast vollkommen dem langsamen, ruhigen Rhythmus der Atemzüge des Priesters angepasst hatte. Ihr Verfolger war hier!
Lyviannes Konzentration war dahin. Die Geräusche des Waldes brandeten wieder auf sie ein. Das Atmen war verschwunden, vielfach überlagert durch die zahllosen anderen Klänge der Nacht. Es blieb ihr nicht mehr die Zeit, sich erneut so sehr zu vertiefen, dass sie nur noch das Atmen hörte und es ihr vielleicht gelang herauszuhorchen, wo genau ihr Verfolger stand. Sie musste sich nun beeilen! Der nahe Albenstern erlaubte ihr zu fliehen. Sie konnte …
Ein bitteres Lächeln spielte um ihre Lippen. Natürlich würde der Verfolger dort auf sie warten. Ganz gewiss war es der Große Bär, der Hüter dieser verfluchten Wälder. Aber sie würde jetzt nicht aufgeben, sie musste wissen, welches Geheimnis der Stein barg.
Ohne noch auf irgendwelche Deckung zu achten, ging sie quer über die Lichtung am Heiligtum vorbei. Sie trat vor den mächtigen stehenden Stein, an dem sie in jener Nacht gelehnt hatte, in der sie Bozidar hier aufgelauert hatte. Entschlossen zerrte sie an den Efeuranken. Eine mit groben Linien in den Stein geschnittene Frau kam zum Vorschein. Das Bild, das Lyvianne schon kannte. Die geflügelte Išta. Die Göttin stach mit einer langen Lanze hinab. Lyvianne zerrte weiter am Efeu, das sich immer zäher an den Felsen klammerte, so als wollte es dessen Geheimnis auf keinen Fall preisgeben. Langsam kam ein sich windender, schlangenhafter Drache zum Vorschein. Er hatte den Kopf in den Nacken gerissen, sein Maul war weit geöffnet. Es sah aus, als schrie er seinen Schmerz in den Himmel hinauf. Ištas Lanze traf ihn mitten in die Brust, dort, wo sein Herz sein musste.