Lyvianne hatte inzwischen das Efeu bis auf Höhe ihrer Knie fortgezerrt. Dem Schlangenleib streckten sich von unten zwei Hände entgegen. Wer war das? Anatu, die Devanthar, die dem Purpurnen in blinder Liebe verfallen war?
Die Elfe zog ihren Dolch und durchtrennte die zähen Stränge der Efeuranken dicht über dem Boden. Ungeduldig riss sie das Grün von dem stehenden Stein. Und endlich kam eine Frauengestalt zum Vorschein, die ihre Hände bittend über den Kopf erhoben hatte. Ihre Hochfrisur hatte sich aufgelöst. Einzelne Haarsträhnen hingen ihr über die Schultern herab. Sie trug ein langes, ärmelloses Kleid. Um ihre schmalen Hüften wand sich ein breiter Gürtel. Alles, was unterhalb der Hüften war, lag im dunklen Erdreich verborgen. Deutlich waren zwei Hände zu erkennen, die sie bei der Taille gepackt hatten.
Lyvianne rammte den Dolch in die Erde und hebelte dichtes Wurzelwerk zur Seite. Wie besessen arbeitete sie und ließ alle Vorsicht fahren. Wer war dort noch abgebildet? In allen Geschichten, die sie je über den Mord am Purpurnen gelesen hatte, hatte allein Išta gekämpft.
Die schwarze Erde blieb in den Linien haften, die in den Stein geschnitten waren. Lyvianne hielt den Atem an: Sie erkannte zwei Arme, die mit Schuppen bedeckt waren! Und nach Anatus linkem Knie griff eine weitere Hand, die Lyvianne unnatürlich groß erschien. Was zeigte dieses Bild nur als Ganzes? Und warum stand es hier, mitten in den Wäldern Drusnas, Hunderte Meilen von dem Ort entfernt, an dem Anatu und der Purpurne sich getroffen haben mussten.
Du irrst dich, erklang eine Stimme in ihrem Kopf. Es war hier in Drusna, wo Išta die beiden aufspürte. Meine Schwester erzählt gerne von dem Kampf. Sie behauptet, der Purpurne habe mit seinem mächtigen Leib den Wald von Horizont zu Horizont verwüstet. Glaubt man ihr, dann dauerte ihr Duell mit der Himmelsschlange viele Stunden, und ringsherum stand der verwüstete Wald in hellen Flammen, als sie ihm den Todesstoß versetzte.
Lyvianne richtete sich langsam auf und drehte sich, sodass sie mit dem Rücken zum Stein stand. Das Versteckspiel war also zu Ende. Vielleicht dreißig Schritt entfernt stand eine Gestalt halb im Schatten einer mächtigen Eiche. Die Erscheinung entsprach nicht im Mindesten ihrer Vorstellung vom Großen Bären. Der Kerl dort war gut gebaut. Ohne Scham stellte er seine Männlichkeit zur Schau. Er trug keinen Faden Stoff am Leib, soweit sie das erkennen konnte. Allerdings wirkten seine Beine unterhalb der Knie unnatürlich dünn und waren mit dichtem Fell bedeckt. Dicht oberhalb des Nabels lag der Körper im Schatten. Vom Kopf war nicht einmal eine Silhouette zu erahnen. Soweit Lyvianne erkennen konnte, trug der Fremde keine Waffe. Aber wenn es sich um einen Devanthar handelte – und was sonst sollte er sein, da er in ihre Gedanken dringen konnte –, dann würde er weder Speer noch Schwert oder Bogen benötigen, um mit ihr fertigzuwerden. Deutlich spürte sie die Macht, die von ihm ausging. Er war wie ein Gott!
Ich muss gestehen, dass du mich für meinen Bruder, den Großen Bären, hältst, beleidigt mich ein wenig. Ich bin wesentlich schöner anzuschauen als er. Kaum waren diese Worte in ihren Gedanken verklungen, trat die Gestalt ins helle Mondlicht. Der wuchtige Eberkopf auf seinen Schultern ließ ihn leicht gebückt gehen, und dennoch ragte er mehr als zwei Schritt auf. Seine Finger endeten in langen, schwarzen Krallen. Er war eine Schreckenskreatur. Einzig in seinen himmelblauen, durchdringenden Augen lag Schönheit.
Du hast mich beschämt, Lyvianne. Während seine Stimme noch immer in ihren Gedanken klang, kam er langsam auf sie zu. Er wirkte misstrauisch und angespannt; auch wenn er sich darum bemühte, einen leichten Plauderton zu pflegen, war unübersehbar, dass er jeden Augenblick mit einem Angriff von ihr rechnete. Wenn sie nur die kleinste Hoffnung haben wollte zu entkommen, dann musste sie ihn überraschen. Sie durfte nicht darüber nachdenken, was sie tun wollte. Wie es schien, las er jeden ihrer Gedanken.
Da hast du recht. Seine Lefzen zogen sich zurück. Mächtige Hauer ragten aus seinen Kiefern. Nein, du kannst mich nicht überraschen! Wie sollte dir das auch gelingen? Immerhin bist du ja davon überzeugt, so etwas wie einen Gott vor dir zu haben.
Er blieb stehen. Seine Krallenhände öffneten und schlossen sich mit leisem Klicken. Unwillkürlich stellte sich Lyvianne vor, wie sich diese Pranken in ihre Brust gruben.
Es liegt ganz bei dir, ob dies geschieht, Elfe. Du hast etwas, das mich interessiert. Setze es klug ein, und du bist nicht in Gefahr.
Lyvianne verstand nicht, wovon er sprach.
Ich habe dich im Verbotenen Tal beobachtet. Du warst auf der richtigen Fährte. Ein ganzes Zeitalter lang haben wir dort das Herz Nangogs verborgen. Hunderte von Jahren. Erst vor wenigen Wochen haben wir es fortgebracht. Jeder der freien Devanthar musste dort als Wächter dienen. Ausgenommen waren nur jene sieben, die über die großen Königreiche wachen. Ich war alles in allem viele Jahre dort. Ungezählte, langweilige Stunden. Und doch bin ich nie auf die Idee gekommen, mir die zerschlagenen Reliefs genauer anzusehen und mich zu fragen, ob hinter den Zerstörungen mehr als einfach nur die Raserei von Menschenkindern steckte, die von den Grünen Geistern besessen waren. Eigentlich hätte ich dich dort töten sollen … Aber ich wollte sehen, wohin du als Nächstes gehst. Also folgte ich dir stattdessen. Du warst sehr umsichtig, bist viele Irrwege im Goldenen Netz gegangen. Zweimal hätte ich dich fast verloren. Und nun stehen wir hier. Überrasche mich erneut, Lyvianne.
Die Elfe erinnerte sich an die Geschichten, die ihr Bidayn erzählt hatte. Ihre Schülerin war diesem Ungeheuer einmal auf Nangog begegnet, und Nandalee hatte es zurückgedrängt. Die Devanthar fürchteten die von den Himmelsschlangen geschmiedeten Klingen. Doch Lyvianne hatte ihr Schwert in Albenmark zurückgelassen. Sie besaß nur das vom Goldenen nach Menschenart geschmiedete Schwert, das zu ihrer Maskerade gehörte. Eine Waffe, die der Devanthar nicht zu fürchten brauchte.
Die Krallen des Ebermanns klickten bedrohlich. Er machte einen Schritt in ihre Richtung.
»Išta war nicht allein, als sie hierherkam. Nach dem Bild auf diesem Stein hatte sie mindestens zwei Begleiter.«
Der Ebermann kniff die Augen zusammen, dann stürmte er plötzlich auf sie zu.
Lyvianne wich zur Seite aus und zog im Reflex ihre nutzlose Waffe, doch der Devanthar griff sie nicht an. Er kniete neben der Stele nieder und tastete mit seinen Krallen über die Linien, die von ungelenker Hand in den Stein geschlagen worden waren, ganz so, als wollte er sich überzeugen, dass seine Augen ihm kein Trugbild vorgaukelten.
Lange blieb er so knien. Sein Atem ging schwer. Lyvianne hätte viel darum gegeben, seine Gedanken zu kennen. Sie trat ein Stück zurück und schob ihr Schwert in die Scheide.
Endlich erhob sich der Ebermann. Wortlos ging er in Richtung des Heiligtums inmitten der Lichtung und verschwand hinter den Hecken und Pfählen. Einen Augenblick später hörte Lyvianne ein erschrockenes Keuchen, dann wurde leise geredet.
Erstes Morgenlicht hüllte den Wald in zartes Silbergrau, als der Ebermann endlich zurückkehrte. Er wirkte tief in Gedanken. Wir müssen reisen. Die Drusnier haben die Stele von einem Raubzug mitgebracht. Wir müssen zum Berg Luma nach Luwien, dorthin, wo Anatu einst ihren Palast aus Mondenlicht errichtet hatte. Ich glaube, alles, was wir bislang über den Tod des Purpurnen und den Verrat Anatus zu wissen glaubten, ist eine Lüge.
Er verließ die Lichtung und folgte einem der Pfade, die zum nahegelegenen Albenstern führten.