Lyvianne zögerte. Der Devanthar hatte von »wir« gesprochen. Erfolglos nach Albenmark heimzukehren war keine Alternative. Ging sie mit dem Devanthar, würde der Weg sie entweder in den Tod oder zu neuem Ruhm führen.
Sie straffte sich. Sie war eine Drachenelfe, sie hatte nicht wirklich eine Wahl.
Der Palast aus Mondenlicht
»Worauf warten wir?« Lange hatte Lyvianne gezögert zu fragen. Doch nun kauerten sie schon über eine Stunde hinter der rußgeschwärzten Lehmmauer. Der Ebermann hatte sie durch das Goldene Netz an einen einsamen Ort am Rande einer weiten, von verkrüppelten Büschen und windzerzausten Disteln bewachsenen Ebene geführt. Sie verbargen sich inmitten der Ruinen eines armseligen Bauerndorfes.
»Wir warten auf den Mond.«
Klang seine Stimme belegt, oder bildete sie sich das ein? Seit ihrer ersten Begegnung kam der Elfe ihr Zusammensein unwirklich vor. Er war ein Devanthar, der Todfeind. Statt sie hierherzubringen, hätte er sie augenblicklich töten sollen. Was hielt ihn davon ab? War es nur eine Laune, sie zu verschonen? Jetzt, in diesem Augenblick, schien er jedenfalls nicht an ihren Tod zu denken. Auch wenn er neben ihr kauerte, war er zugleich weit fort.
»Sie hat diesen Ort geliebt«, sagte der Ebermann unvermittelt.
Lyvianne schwieg und hoffte, er würde vielleicht noch mehr sagen. Wie man diesen Ort lieben konnte, war ihr ein Rätsel. Vor ihnen erhob sich ein einsamer Hügel, aus dessen sandigem Grund sich einzelne schroffe Felsen und ein Labyrinth aus Ruinen schoben. Ringsherum breitete sich eine Steppenlandschaft aus. Trockene Bachbetten durchzogen das Land als tiefe, gewundene Furchen.
Auf dem Weg hierher waren Lyvianne zwei verlassene Dörfer aufgefallen. Sie hatte Fuchsspuren im Sand gesehen und die Hufabdrücke wilder Ziegen. Es schien kaum Wasser zu geben, und ganz offensichtlich wurde diese Gegend von Menschenkindern gemieden.
»Ihr Zauber ist immer noch nicht ganz vergangen.«
Sprach er von Anatu?
»Einen Augenblick noch.« Der Ebermann deutete zum wolkenverhangenen Nachthimmel. »Jetzt gleich wirst du es sehen!«
Der Mond brach zwischen den Wolken hervor, und plötzlich veränderte sich der ganze Hügel. Strahlen aus silbernem Licht stiegen zwischen den Felstrümmern empor, tasteten hoch in den Himmel hinauf oder zauberten verwunschene Lichtbögen in die Nacht. Durchscheinende Mauern entstanden, Kuppeln und Giebel aus flüchtigem Silber. Doch klafften auch Lücken in den Wänden. Manche Strahlen stachen wie Speere weit über das flache Land. Andere bebten wie Mauern unter dem Ansturm eines mächtigen Rammbocks.
»Er ist nur noch ein Schatten dessen, was er einmal war. Anatus Palast aus Mondenlicht, errichtet auf dem Hügel Luma. Eine Legende unter den Menschenkindern. Ein Hort der Schönheit und des Wissens. Dahin …«
Wolken schoben sich vor den Mond, und das Lichtspiel auf dem Hügel verblasste so plötzlich, wie es gekommen war.
»Früher einmal bin ich gerne hierhergekommen und war ein willkommener Gast. Ich habe nie verstanden, warum sie sich auf den Purpurnen eingelassen hat. Eine Bestie. Den Feind. Ausgerechnet sie, die nur danach trachtete, Schönheit in die Welt zu bringen.«
Hatte der Ebermann Anatu geliebt? Lyvianne wagte es nicht, ihn zu fragen. Und wie konnte er von Ungeheuern sprechen, diese ungeschlachte Gestalt mit Klauenhänden und dem Kopf eines Ebers! »Warum hast du sie nicht gefragt? Fragst sie jetzt? Sie ist doch eure Gefangene im Gelben Turm.«
Der Devanthar sah mit seinen himmelblauen Augen auf sie herab. »Sie wurde im Kampf schwer verwundet. Išta hat ihr einen Speer durch den Kiefer hinauf ins Hirn gestoßen. Ihre halbe Zunge wurde abgetrennt, und sie hat den Verstand verloren. Sie vermag nur noch zu lallen, spricht unzusammenhängend. Der Wahnsinn führt ihre Zunge. Immer wieder redet sie vom lebenden Spiegel. Wenn ich sie richtig verstehe …« Er seufzte. »Sie vermag nicht mehr zu erklären, was sie damit meint. Vielleicht glaubt sie auch, sie hat es getan. Ihr Verstand ist wie ihr Palast aus Mondenlicht, nur noch eine Ruine.«
»Und du bist nie hierher zurückgekehrt?«
Sein schweres Haupt sank ihm auf die Brust. »Manchmal in Vollmondnächten stehe ich hier. Ich warte darauf, dass ihr Palast wiederersteht, und träume von dem, was für immer verloren ist.«
»Ihr seid die Götter dieser Welt. Hättet ihr Anatu nicht heilen können?«
Er schüttelte den Kopf. »Natürlich hätten wir das gekonnt. Aber meine Brüder und Schwestern haben entschieden, dass es Teil ihrer Strafe sein soll, nicht geheilt zu werden. Ihre Wunden brechen immer wieder auf. Sie kann nicht gesunden und auch nicht sterben. Sie hat uns alle verraten, sich mit dem Feind gepaart. Mit einem Drachen!« Die letzten Worte schrie er in die Nacht hinaus.
Lyvianne wich ein Stück vor ihm zurück. Sein Zorn war wie ein sengendes Feuer, das nach ihrem Verstand griff. Jetzt war sie sich sicher, dass er Anatu einst geliebt hatte. Und er vermochte ihr nicht zu vergeben, dass sie einen anderen erwählt hatte.
»Warum bist du nie mehr auf den Hügel gestiegen.«
»Zu viele Erinnerungen«, entgegnete er düster. »Aber in dieser Nacht will ich mich ihnen stellen. Einst gab es dort oben einen Tempel. Die Zunge der Göttin war die Hohepriesterin. Eine Menschentochter, durch die meine Schwester sprach, mit der sie all ihre Gedanken und Gefühle teilte. Die Seele der Hohepriesterin war mit der ihren verbunden. Diese Priesterin kannte sie besser als wir, ihre Geschwister. Wir werden sie suchen und Antworten von ihr einfordern.«
»Wie kannst du hoffen, sie noch lebend anzutreffen? Sie ist nur eine Menschentochter. Sie muss längst tot sein.«
Er fuhr herum und funkelte sie wütend aus seinen kalten Augen an. »Hast du vergessen, wer ich bin? Ein Gott der Menschenkinder! Ich bekomme meine Antworten von ihnen, auch über den Tod hinaus. Sie gehören uns Devanthar. Für immer!« Mit diesen Worten stieg er über die niedrige Mauer hinweg und ging dem Berg entgegen.
Lyvianne folgte ihm mit klammem Gefühl. Wenn er so über die Menschenkinder dachte, was hielt er dann von ihr? Sah er in ihr auch nur ein nach seinem Belieben verfügbares Hilfsmittel? Etwa so, wie sie die Kobolde ihrer Heimat sah? Sie würde keinen Gedanken daran verschwenden, einen oder auch ein Dutzend von Kobolden zu opfern, wenn sie damit erreichte, was sie anstrebte. Sie sollte auf der Hut sein. Entkommen konnte sie dem Devanthar nicht, auch wenn er jetzt mit den Gedanken woanders war.
Zwischen Disteln und gestürzten Säulen stiegen sie den Hang hinauf. Was immer hier einst außer dem Palast aus Mondenlicht gestanden hatte, war gründlicher zerstört, als es Menschenzorn allein vermocht hätte. Ein Erdbeben schien den Hügel erschüttert zu haben. Oder vielleicht auch die Wut der Devanthar über die Verräterin Anatu.
Etwa in der Mitte des Hügels stießen sie auf eine massive Mauer aus mächtigen Quadern. Säulenfragmente lagen wie große, steinerne Fässer entlang der Mauer. Von Sand und Zeit fast abgeschliffene Bilder schmückten die behauenen Steine.
Von einem Moment auf den nächsten erhob sich dicht vor der Mauer ein Wall aus durchscheinendem Licht. Erschrocken zuckte Lyvianne zurück und strauchelte, als sich ihr Waffenrock in einem Distelgestrüpp verfing. Der Mond war wieder hinter den Wolken hervorgetreten.
Die Elfe schalt sich stumm für ihre Schreckhaftigkeit. Sie war in Gedanken ganz bei den Bildern gewesen, hatte für den Augenblick den verwunschenen Palast vergessen.
Der Ebermann drehte sich um und sah spöttisch zu ihr herab. Das Fell an seinen Beinen hing voller Kletten. Plötzlich wurden seine Augen schmal. Er hob die Rechte und beugte sich vor. Seine Krallenhand schnellte ihr entgegen. Lyvianne rollte sich zur Seite und zog ihr Schwert. Auch wenn es dieses gedankenlesende Ungeheuer nicht überraschen würde, würde sie sich nicht kampflos geschlagen geben.
»Ruhig!« Seine dunkle Stimme drang der Elfe bis ins Mark. Er hob etwas auf, das direkt vor ihren Füßen zwischen Steinen und verdorrtem Gras gelegen hatte. Ein Schädel!