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»Der Priester im Heiligen Hain konnte mir nicht viel über den Stein beim Heiligtum erzählen. Nur dass vor vielen hundert Jahren ein silberner Löwe aus dem Albenstern trat und den Hetmann von Drei Eichen aufforderte, eine Kriegerschar zusammenzurufen. Er versprach ihnen reiche Beute, wenn sie hierherkämen, um jene Frevlerinnen zu töten, die noch immer die Verräterin Anatu verehrten.«

Lyvianne hatte den silbernen Löwen vor Augen, der Bidayn angegriffen hatte, als sie beide versucht hatten, Nangog zu verlassen. Diese Kreaturen aus lebendem Metall waren machtvolle Geschöpfe. »Was ist die Aufgabe der Löwen?«

»Sie sind die Boten der Götter«, erklärte der Ebermann und legte den Schädel auf einer der Säulentrommeln ab. »Wir schicken sie, um Nachrichten zu überbringen oder um Tore in das Goldene Netz zu öffnen. Die Menschenkinder fürchten und verehren sie. Niemals würden sie es wagen, sich dem Wunsch eines silbernen Löwen zu widersetzen. Ich frage mich nur, wer den Löwen nach Drusna geschickt hat. Išta war es ganz sicher nicht. Sie hat die Priesterinnen hier mit Respekt behandelt. Widerwillig zwar, aber es hätte ein schlechtes Licht auf sie geworfen, wenn sie gegen die Priesterschaft vorgegangen wäre.«

»Warum?« Dieser Gedanke erschien Lyvianne zutiefst unlogisch. Išta hätte doch stets Missgunst und Intrigen der Priesterinnen fürchten müssen.

»Wir alle wussten, dass Išta sich übergangen fühlte, als wir sieben aus unseren Reihen wählten, die zu den Leitgöttern der sieben mächtigsten Königreiche der Menschenkinder werden sollten. Viele von uns wollten diese Aufgaben nicht. Uns allen war klar, wie viel wir von unserer Freiheit würden aufgeben müssen, wenn die Wahl auf uns fiel. Die Leitgötter würden wie Schäfer sein, die ihre Herde nicht aus dem Blick verlieren dürfen – Leitbilder und Hüter ihrer Völker zu aller Zeit. Anatu hat sich gegen diese Bürde gesträubt. Sie wollte keine Göttin der Menschenkinder sein. Und doch konnte sie die Wahl nicht ablehnen.«

»Aber warum habt ihr sie zur Göttin von Luwien gemacht, wenn sie es nicht wollte?« Lyvianne war erstaunt, wie überaus irrational die Devanthar vorgingen, versuchte diesen Gedanken aber sofort zu unterdrücken. Dabei ging ihr noch etwas auf. Je mehr der Ebermann ihr erzählte, desto geringer war ihre Aussicht, lebend davonzukommen! Sie war eine Drachenelfe, und er wusste das. Alles, was sie erfuhr, würde sie dem Goldenen berichten, der auch in ihren Gedanken lesen konnte. Nicht einmal wenn sie es wollte, könnte sie ihrem Meister etwas verheimlichen.

»Anatu war die Richtige, weil sie, solange ich sie kannte, die Welt zu einem schöneren Ort machen wollte; Išta hingegen ging es allein um Macht. Wäre Anatus Verrat nicht so offensichtlich gewesen, und hätte Išta uns nicht den Kopf des Purpurnen als Beweis gebracht, sie wäre niemals die Göttin der Luwier geworden. Selbst die Priesterinnen Anatus haben bezeugt, wie sie ihre Herrin gemeinsam mit der Himmelsschlange gesehen haben. Sie waren nicht Teil des Komplotts, und deshalb wurden sie nicht bestraft.«

Lyvianne blickte über die Ruinen. »Und doch wurden sie ermordet. Warum? Wer schickte den silbernen Löwen nach Drusna.«

»Unsere Völker streiten untereinander. Kriege und Überfälle sind an der Tagesordnung. Allerdings ist es schon ungewöhnlich, dass die Drusnier es wagten, einen Raubzug so tief nach Luwien zu unternehmen.« Er schüttelte verärgert sein mächtiges Haupt. »Vielleicht hat der Große Bär seinen Löwen geschickt, um den Hetmann von Drei Eichen mit leichter Beute zu belohnen? Den stehenden Stein haben sie mitgenommen, weil dem Hetmann das Bild darauf gefiel und weil sie über die Albenpfade gingen. Über Land hätten sie niemals den schweren Stein transportiert. Suchen wir nun nach Antworten!« Mit diesen Worten hob der Devanthar seine mächtigen Pranken zum Himmel empor und rief eine Folge seltsamer, gurgelnder Laute.

Lyvianne spürte, wie sich das magische Netz um sie herum veränderte. Es wurde kühler, bis ihr schließlich der Atem vor dem Mund stand. Der Zauber, den der Ebermann wob, war ihr fremd. Es war eine Art von Magie, die nicht in Einklang mit der Natur stand. Sie zehrte von der Welt, nahm der Nacht die Wärme, zerrte an den Kraftlinien, und Lyvianne spürte mit Schrecken, wie sogar ihre eigene Aura in den Zauber eingewoben wurde, um ihn zu unterstützen. Ein Schauder überlief sie. Sie war ein Teil dessen geworden, was nun geschah.

Immer noch schleuderte der Ebermann dem Himmel seinen Bannspruch entgegen. Die Stimme des Devanthar wurde nun mit jedem Wort dunkler. Ein seltsamer Hall haftete ihr nun an, so als riefe er in einen tiefen Brunnenschacht. Die Wolken zogen sich vor dem Mond zusammen und verschlangen sein Licht. Der Palast der Anatu verblasste. Als selbst die Sterne am Himmel verschwanden, legte sich vollkommene Finsternis auf den Hügel.

In diesem Moment absoluter Schwärze erglomm ein Licht hinter den leeren Augenhöhlen des Menschenschädels. Es war von dunklem Rot wie die ersterbende Glut eines Feuers.

»Wer bist du?«, fragte der Devanthar.

»Alavašhi, Dienerin der Anatu.« Die Stimme war nur ein Flüstern, das die Elfe umgab wie ein plötzlicher Windstoß, der einen nahenden Sturm ankündigte.

Lyvianne spürte, wie das magische Netz versuchte, den widernatürlichen Zauber zu brechen, doch der Devanthar entzog ihm nur noch mehr Macht.

»Wer hat dich getötet?«

»Männer, deren Haar vom Gold und Rot der Morgenröte war. Sie haben den Tempel geschändet. Und nicht nur ihn …«

»Ein silberner Löwe begleitete die Räuber. Hast du ihn erkannt, Alavašhi? Welchem Gott diente er?«

»Er war mir fremd.«

»Gab es irgendeine Besonderheit an ihm? Hatte er eine goldene Mähne?«

Eine Zeit lang herrschte Stille. »Nein«, flüsterte es schließlich aus dem Dunkel der Nacht.

Der Ebermann wirkte verärgert.

»Darf ich?«, fragte Lyvianne leise. Selbst ihre eigene Stimme klang nun dunkler und fremd in ihren Ohren.

Der Devanthar machte eine unwirsche Geste, die Lyvianne als Zustimmung auffasste.

»Die Räuber haben einen stehenden Stein gestohlen, der das Bild Ištas zeigt, wie sie den Purpurnen mit ihrer Lanze durchbohrt. Weiter unten auf dem Bild ist Anatu abgebildet. Sie wird festgehalten. Wer hat sie gehalten?«

»Langarm und der Federmann«, raunte es aus der Nacht.

»Wer ist das?« Die Frage brachte Lyvianne einen bösen Blick des Ebermanns ein.

»Der Feind!«

»Was zeigt das Bild auf der Stele?«, fuhr der Ebermann auf.

»Die Wahrheit hinter dem Spiegel.«

Der Devanthar fluchte. »Dasselbe verrückte Gerede wie bei Anatu!«

»Wer hat das Bild erschaffen?«, fragte Lyvianne.

»Katakata, die Steinmetzin.«

»Wer gab ihr den Auftrag dazu?«, mischte sich der Ebermann ungeduldig ein.

»Iyali, die Zunge der Göttin«, antwortete die Grabesstimme.

»Hat sie euch erklärt, was es bedeutet?«

»Es ist ein Bild, das immer wieder in den Gedanken der Göttin war.«

»So kommen wir nicht weiter«, fluchte der Ebermann. »Wo liegt das Grab der Iyali? Sag mir, wo sie ist!«

»Das wollten auch die Männer mit den Haaren aus Morgenlicht wissen. Sie waren sehr grausam, aber wir haben Iyali nicht verraten.«

»Du wirst mir …«

»Was, Ebermann? Was könntest du mir antun? Ich bin ermordet. Meine Blutlinie ist längst versiegt. Alles, was in meinem Leben von Bedeutung war, ist ausgelöscht. Wovor sollte ich mich noch fürchten? Ich bin nur noch eine Stimme.«

Der Ebermann schwieg. All seine Wut schien verflogen zu sein. Die Anspannung wich aus seinen Gliedern. Er hatte begriffen, dass Alavašhi die Wahrheit sagte.

Lyvianne war nicht bereit aufzugeben. Die Hohepriesterin hatte mit dem Steinbild ein Zeichen gesetzt. Vielleicht gab es noch andere Bilder. »Ich glaube, dass Anatu ein großes Unrecht widerfahren ist. Wir sind hier, um ihren Namen reinzuwaschen. Bitte hilf uns, Alavašhi.«

»Wer bist du? Ich kenne deine Stimme nicht. Bist du seine neue Geliebte? Seine Stimme hat sich nicht verändert in all den Jahrhunderten«, hallte es aus dem Dunkel.