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»Eine Freundin«, beeilte sich der Ebermann zu sagen, und bei dem Gedanken daran, was das bedeutete, lief Lyvianne ein Schauder über den Rücken. Er strahlte Macht aus. Aber dieser Kopf. Und die Krallenhände. Sich vorzustellen, wie sie nach ihr griffen …

»Du bleibst nie lange allein.« Die Stimme der Priesterin klang enttäuscht. »Sie hat so lange auf dich gewartet. Auf dich gehofft. Iyali hat uns davon erzählt.«

»Ich war bei ihr. Sie hat den Verstand verloren. Sie redet wirr. Es ist kein Wort zu verstehen.«

»Iyali ist in Anatus Gedanken gewesen. Sie war die Zunge der Göttin. Sie teilte jedes ihrer Geheimnisse. Du hättest nur kommen müssen und hättest alles erfahren! Sie hat so sehr auf dich gewartet. Wo warst du?«

Lyvianne konnte sehen, wie sehr dem Ebermann die drängenden Fragen zu schaffen machten. Er senkte das Haupt. Seine Nüstern blähten sich. Sein Atem ging schwer. »Es war eine dunkle Zeit. Wir alle haben uns bespitzelt. Alle hatten Sorgen, dass es noch weitere Verräter gäbe. Wenn Anatu, die in allem stets vorbildlich gewesen war, sich mit den Himmelsschlangen eingelassen hatte, wem konnte man dann noch trauen?«

»Als Iyali verstanden hat, dass du nicht mehr kommen würdest, hat sie Katakata befohlen, die Stele zu fertigen, die Langarm und den Federmann zeigte. Es sollten weitere Bilder folgen. Katakata hat sieben Monde an dem Steinbild gearbeitet.«

»Wie sollten die anderen Bilder aussehen?«, drängte der Devanthar.

»Ich weiß es nicht. Iyali war die Zunge der Göttin! Sie ist nicht zu uns einfachen Priesterinnen gekommen, um ihre Geheimnisse mit uns zu teilen. Sie wollte sie in Katakatas Bildern verstecken, damit du sie finden kannst. Anatu hat wohl niemals die Hoffnung verloren, dass du eines Tages in ihren Palast zurückkehren würdest. Aber statt dir kamen die Männer mit dem Haar in den Farben des Morgenlichts. Und alles verging.«

»Was wurde aus Iyali?«, drängte der Ebermann.

Die Stimme schwieg. Nur das Flüstern des Windes in den Ruinen war noch zu hören. Dann brach der Zauberbann des Devanthars, und das Mondlicht kehrte zurück. Aufs Neue erstand der verwunschene Palast der Anatu.

»Sie ist fort«, sagte der Ebermann leise und kniete nieder. »Sie ist lieber gestorben, als den Drusniern dies letzte Geheimnis zu verraten. Warum sollte sie es mir sagen, nachdem ich sie so enttäuscht habe.« Mit diesen Worten versenkte er seine Krallenhände im steinigen Boden und grub ein Loch. Als es etwa einen Fuß tief war, erhob er sich und nahm behutsam den Schädel von der Säulentrommel. »Entschuldige, dass ich deinen Schlaf gestört habe, Alavašhi«, sagte er mit erstaunlich sanfter Stimme. »Mögest du von nun an in Frieden ruhen. Und wisse, ich werde das Unrecht, das Anatu widerfahren ist, ans Licht bringen. Und wenn es das Letzte ist, was ich tun werde.«

Lyvianne sah ihn überrascht an. Eine solche Geste der Großmut hätte sie nie von einem Devanthar erwartet. Waren sie doch anders, als man ihr erzählt hatte?

Vorsichtig bettete der Ebermann den Schädel in die kleine Grube. Dann füllte er das Loch mit Sand und Geröll. Zuletzt brach er eine lila Distelblüte ab und legte sie auf das Grab. Grimmig richtete er sich auf. »Wir werden hinter dem Stein suchen. Das war der sicherste Ort hier im Tempel. Dort sollten wir die Gebeine Iyalis finden, denn die Tür zu diesen Kammern konnte nur von außen geöffnet werden. Wenn die Priesterinnen starben, ohne ihr Versteck verraten zu haben, muss sie dort verdurstet sein.«

Das Wasser des Schweigens

Der Devanthar führte Lyvianne durch das Ruinenfeld und die durchscheinenden Mauern des Palastes aus Mondenlicht weiter den Hügel hinauf. Immer öfter sah sie bleiche Knochen zwischen den Disteln liegen. Die Tempelanlage musste riesig gewesen sein. Sie stiegen über Treppen mit zersplitterten Stufen, gingen vorbei an halb verschütteten Türöffnungen, die einst ins Innere des Hügels geführt haben mussten.

An einigen der Mauern hatten sich Reste von Malereien erhalten. Sie zeigten weite Blumenwiesen voller Vögel und kleinem Getier. Auf anderen Bildern sah Lyvianne Frauen in weißen Gewändern bei der Kornernte. Priesterinnen?

Schließlich erreichten sie einen Hof, der auf drei Seiten von breiten Treppen gleich angelegter Terrassen umgeben war. Hier wogte ein wahres Meer von Disteln, die einen schweren Blütenduft verströmten. Vereinzelt erhoben sich Blumen zwischen dem Unkraut sowie halb im Distelgestrüpp verborgene Baumstümpfe.

»Dies war einst Anatus Garten«, erklärte der Ebermann, und in seiner Stimme lag die Melancholie der Erinnerung an längst vergangene, glückliche Tage. »Er war weit über die Grenzen Luwiens hinaus bekannt. Hier wuchsen Blumen und Bäume aus allen Teilen der Welt. Die Luft war erfüllt von munterem Vogelgezwitscher und dem Wohlgeruch exotischer Blüten. Anatu hat hier viele Stunden verbracht.«

Auf dem Hof erhoben sich drei Stelen. Die Steine waren doppelt so groß wie Lyvianne. Neugierig umrundete die Elfe sie und strich leicht über die glatt polierten Oberflächen der Stelen. Sie schien nie ein Bild geschmückt zu haben. Am Ende der kurzen Stelenreihe gab es noch einen Sockel, um den zerbrochenes Gestein lag.

»Die Stelen sind neu«, bemerkte der Ebermann und hob einen der zerschlagenen Steine auf. »Früher war hier ein Sonnensegel aufgespannt, und ein Brunnenbecken kühlte die Luft an heißen Tagen.«

Lyvianne trat zu ihm und betrachtete das Stück in seiner Krallenhand. »Es ist dasselbe Gestein, aus dem die Stele im Heiligen Hain in Drusna gefertigt ist.« Sie sah sich um und drehte mit dem Fuß einen der größeren Felsbrocken um. Hier war der Umriss eines Oberarmes zu erkennen. Jemand hatte so lange auf das Relief eingedroschen, bis nur noch die Außenlinien des Bildes übrig geblieben waren.

Langarm und der Gefiederte, dachte Lyvianne. Nichts von dem, was hiergeblieben war, bewies, dass sie einst auf der Stele abgebildet gewesen waren. Warum tauchten sie in der Legende von Ištas Kampf gegen den Purpurnen nicht auf? Hatte die Devanthar ihren Ruhm nicht teilen wollen, oder gab es ein anderes, dunkleres Geheimnis?

Der Ebermann legte den Stein zurück und ging zu einer Treppe, die zwischen den Terrassen an der Nordseite des Hofes hinaufführte. Lyvianne folgte ihm bis zur dritten Ebene, wo er kurz stehen blieb, sich nach Westen wandte und schließlich zwischen den trockenen Disteln hindurch bis zu der Wand schritt, die die Terrasse abschloss. Hier erhob sich ein Dornengestrüpp, das sich fest ans Mauerwerk gekrallt hatte.

Der Ebermann fegte die Ranken mit ärgerlichen Prankenhieben zur Seite, hielt abrupt inne und fluchte. Ein Loch war in das Mauerwerk vor ihnen gebrochen.

»Sie haben auch die Kammern hinter dem Stein gefunden«, sagte der Devanthar resignierend. Er sprach ein Wort der Macht, und silbernes Licht leuchtete im Dunkel jenseits der Dornenranken auf.

Der Durchgang war fast hüfthoch mit Gesteinsbrocken und Flugsand gefüllt. Es fiel dem Devanthar schwer, sich hindurchzuzwängen. Auch Lyvianne musste kriechen, um in die versteckten Kammern zu gelangen. Wie es schien, hatten sich drei Devanthar verbündet, um den Untergang Anatus herbeizuführen. Auch das Versteck von Anatus Hohepriesterin war ihnen nicht verborgen geblieben. Wie konnte der Ebermann hoffen, hier noch eine Spur zu finden? Sie würden nichts zurückgelassen haben.

Neugierig sah die Elfe sich um. Auch die Wände der geheimen Kammern waren bemalt. Sie zeigten eine Löwenjagd in hohem Schilfgras. Anatu trug einen Bogen und Köcher. An ihrer Seite schritt ein Krieger mit einem Eberzahnhelm. Selbst im Silberlicht, das die Farben in den falschen Tönen erstrahlen ließ, war deutlich zu erkennen, dass der Krieger himmelblaue Augen hatte.

»Etwas gefunden?« Der Devanthar musterte sie skeptisch.

»Du kennst meine Gedanken.«

»Und du versuchst, was von Bedeutung ist, hinter einer Flut von Belanglosigkeiten zu verstecken. Hoffst du, dass mich die Banalitäten so sehr ermüden, dass ich aufgebe, bis auf den Grund zu sehen?«

Lyvianne schluckte. Dann dachte sie fest an das Kinderlied, das sie ihren Kleinen so oft vorgesungen hatte.