»Lass diese Spiele, Lyvianne. Ja, es ist wahr, ich hatte eine stürmische Liebesaffäre mit Anatu. Ich war oft hier, und es war meine verletzte Eitelkeit, die mich davon abgehalten hat, dem, was hier geschehen ist, auf den Grund zu gehen … Wie hatte sie eine Echse mir vorziehen können? Ein Ungeheuer! Unseren Todfeind! Deshalb habe ich nicht versucht, etwas von dem, was hier geschehen ist, zu verhindern. Und sie hat nie aufgehört, auf mich zu hoffen, wie es scheint. Išta hat dafür gesorgt, dass sich Anatu nicht mehr mitteilen konnte. Und alle Beweise gegen sie waren übermächtig. Was zählte schon, dass es eigentlich gar nicht zu ihr passte, uns zu hintergehen, wenn Išta den Kopf der Himmelsschlange zum Gelben Turm bringen konnte, der Anatus Geliebter gewesen war? Und selbst die Priesterinnen dieses verfluchten Tempels hatten ihn gesehen. Er war hier und hat sich vor aller Augen mit Anatu getroffen. Sie wollten ihrer Herrin nicht schaden, aber sie vermochten ihre Erinnerungen und Gedanken noch viel weniger zu verbergen als du, Lyvianne. Die Beweise gegen Anatu waren vernichtend. Ich, wir alle wollten ihr nicht helfen. Wir wollten sie nicht heilen und ihre Lügen hören. Wir wollten sie leiden sehen für ihren Verrat. Nicht einmal ich habe dagegen gestimmt, sie in den Schädel ihres Geliebten einzusperren, im Gelben Turm, dort, wo wir sie alle immer wieder sehen mussten, auf dass niemand von uns den Preis für Verrat vergisst … Ich wusste um die Gabe Iyalis, der Zunge der Göttin. Aber warum hätte ich zu ihr gehen sollen? Ich habe an Anatus Schuld geglaubt, habe das Flehen in Anatus Augen ignoriert, wann immer ich an ihrem Gefängnis vorüberging, ihrem Gestammel nicht gelauscht. Oh, verletzte Eitelkeit ist meine große Schwäche. Išta hat das wohl klar erkannt.
Aber sie scheint Sorge gehabt zu haben, dass ich irgendwann wieder klar denken würde. Also musste Iyali verschwinden. Wie genau sie das gemacht hat, weiß ich nicht. Ganz sicher war es nicht ihr silberner Löwe, der die Drusnier hierhergebracht hat. Vielleicht hat sie dem Großen Bären von den Schätzen des Tempels erzählt und darauf spekuliert, dass er einen seiner Hetleute mit diesem lukrativen Raubzug belohnen würde? Vielleicht haben Langarm oder der Federmann ihr den Silberlöwen geliehen? Wie genau sie die Drusnier hierhergebracht hat, ist letztlich unerheblich – ich bin mir sicher, Išta ist die Kraft, die hinter all dem steht, was hier geschehen ist.« Endlich machte er eine Pause. Versonnen sah er den Gang mit den bunt bemalten Wänden entlang, auf den sich drei Türen öffneten. Aus der Tür zu ihrer Linken hatten Rauchzungen über den steinernen Rahmen hinauf zur Decke geleckt.
»Du glaubst, Išta war hier, nachdem die Drusnier abgezogen sind? Dann hat sie die Reste der Bilder von den zerbrochenen Steinen bei den Stelen gelöscht und hat jeden Hinweis darauf verschwinden lassen, was Anatu nicht mehr sagen, aber vielleicht noch denken und auf diese Weise ihrer Zunge, der Hohepriesterin Iyali, mitteilen konnte. Wenn das so ist, wirst du nichts mehr finden.«
Der Ebermann lachte kalt. »So wie meine Schwester mich und meine Schwächen kennt, kenne ich auch sie. Ihr Makel ist Überheblichkeit. Sie war sich sicher, dass die geraubte Stele in den endlosen Wäldern Drusnas niemals gefunden würde. Dir aber ist sie aufgefallen. Und du hast dir die zerstörten Bilder im Tempel im Verbotenen Tal angesehen. Ein Ort, an dem ich Tausende Stunden verbracht habe, ohne hinter dem Zerstörungswerk je etwas anderes zu sehen als das blinde Wüten naiver Menschenkinder. Du bist meine Hoffnung, Lyvianne. Du siehst die Welt mit anderen Augen als ich und denkst anders als wir Devanthar. Du vermagst Dinge zu entdecken, an denen ich achtlos vorübergehe. Und ganz gleich, wie klug und vorausschauend Išta auch sein mag, daran, dass ich mich mit einem Albenkind verbünden könnte, um ihre Intrigen aufzudecken, wird sie nicht gedacht haben.«
Seine Erwartungen lasteten wie ein Berg auf Lyvianne. Auch fragte sie sich, was er tun würde, wenn sie ihn enttäuschte. Das Herz voller Zweifel, trat sie instinktiv durch die Tür zu ihrer Linken, in jene Kammer, in der das Feuer gewütet hatte. Hier gab es nur noch Ruß und geschwärzte Tonscherben, die fast den ganzen Boden bedeckten.
Die Elfe kniete nieder und nahm einige der Scherben auf. Es waren einst Tontafeln gewesen. Die größten Fragmente, die sie finden konnte, waren kleiner als ihr Daumennagel. Sollte Iyali hier eine letzte Botschaft hinterlassen haben, wäre zwar noch alles hier, und doch wäre es unmöglich, irgendeinen der Texte wiedererstehen zu lassen, die hier gelagert hatten. Es mussten Millionen von Scherben sein, die den Boden der weiten Kammer bedeckten.
Aufmerksam musterte Lyvianne die dunklen Wände. Wahrscheinlich hatten hölzerne Regale entlang der Mauern gestanden, die den Flammen zum Opfer gefallen waren.
»Hier werden wir nichts finden«, sagte sie und versuchte, energisch und nicht niedergeschlagen zu klingen, als sie sich erhob und den Raum wieder verließ.
Der Ebermann folgte ihr, als sie die Kammer am Ende des Ganges betrat. Es war ein weiter Raum mit überraschend hoher Decke. Früher einmal schien es hier Vorhänge gegeben zu haben, von denen nur noch Fetzen geblieben waren. In der Mitte des Raums erhob sich ein gemauertes Podest, auf dem Reste von dicken Teppichen lagen. War dies Anatus verborgenes Liebeslager gewesen? Der Devanthar war in der Tür stehen geblieben. Ihm schien es unangenehm zu sein, den Raum zu betreten. Hatte er seine Eifersucht immer noch nicht überwunden, oder gab es noch einen anderen Grund, dass er diese Kammer mied?
Auch hier sah Lyvianne sich aufmerksam um. Sie zog Teppichfetzen zur Seite und untersuchte die Wände, auf denen Bilder Blütenhaine voller Singvögel zeigten. Die Elfe öffnete ihr Verborgenes Auge und betrachtete eingehend die Linien des magischen Netzes, die den Raum durchzogen. Es waren nicht viele, und sie vibrierten in sanftem Gold. Hier herrschten Ruhe und Harmonie. Kein verborgener Zauber wirkte nach, und auch das Drama, das sich hier einst abgespielt hatte, als Anatu dem Purpurnen in Liebe verfiel, hatte keine Spuren in der magischen Matrix hinterlassen. Zudem wies nichts darauf hin, dass die Zunge der Göttin hier Zuflucht gesucht hatte. Selbst Ištas allumfassende Zerstörungswut hatte diesen Raum verschont, es war allein die Zeit, die hier ihr Werk getan hatte.
»Nichts«, sagte Lyvianne nüchtern, als sie das Zimmer verließ. Sie sah dem Ebermann die Enttäuschung an. Was die dritte Kammer anging, schien er keine Hoffnungen mehr zu haben.
Die Elfe trat an ihm vorbei. Sie kam ihm so nah, dass sie seinen Schweiß roch. Ein animalischer Duft, der tief in ihr etwas berührte. Er war nicht unangenehm. Warum hatte der Devanthar sich entschieden, wie ein Ungeheuer auszusehen? Wenn der Mann mit den blauen Augen aus der Jagdszene am Eingang ihn in seiner früheren Erscheinung zeigte, dann war er einst wirklich attraktiv gewesen.
Lyvianne bemerkte, wie er sie ansah, und errötete. Sie hatte völlig verdrängt, dass er jeden ihrer Gedanken lesen konnte, wenn er es wollte. Zudem stand sie in Gestalt eines Mannes vor ihm! Eilig trat sie durch die Tür in die letzte Kammer.
Der Raum war, anders als der vorherige, klein und enthielt nur ein Badebecken, das von einer dicken Schicht Staub überzogen war, sowie etliche gläserne Flaschen, die neben dem Becken aufgereiht standen. Lyviannes Blick schweifte über die Wände, in der verzweifelten Hoffnung, einen versteckten Hinweis zu finden. Hier war der Putz rissig. Die Kammer war durch das Beben, das den Hügel erschüttert hatte, mehr in Mitleidenschaft gezogen worden als die anderen beiden Räume. Die blau gefärbten Wände zeigten Fische, Oktopusse und Delphine.
Lyvianne beugte sich über das Becken und strich durch den Staub. Darunter kam dickes, dunkelgrünes Glas zum Vorschein. Ganz in der Ecke lag etwas.